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P. Benno Kuppler SJ - ein Porträt vorträge & workshops themen als pdf Meine Mailadresse benno.kuppler[at]jesuiten.org ersetzen Sie [at] mit dem Mailzeichen |
"open cube": ein Gleichnis für den Menschen und unsere Gesellschaft 1. "Die Würfel sind gefallen."Sie sind in die "Alte Kirche Mochenwangen" gekommen. Sie haben sich für die Vernissage entschieden. Sie haben einen Schnitt gemacht: mögliche Alternativen sind keine mehr. Sie haben sich für eine konkrete Gestalt Ihres Abends entschieden. "Ton" erfüllt die "Alte Kirche Mochenwangen".
Das "Wesen des Tons ist unendlich". So lese ich bei Dorothee Zeller. Das Wort "rauminstallation" klingt technisch, geplant, konstruiert. Ist das "freie Kunst", "ars libera", Kreativität? Ist Kunst eigentlich nicht etwas leichtes, lockeres? Weil Sie und ich vielleicht beim Stichwort "Künstler" unreflektiert den "Bohemien", den Lebenskünstler, mitdenken, fällt es uns manchmal schwer, den Künstler, die Künstlerin als planend überlegt schaffenden Menschen zu denken. Doch Stichworte wie Konstruktivismus, Minimalismus, Conceptual Art hat im Hinterkopf zu halten, wer sich der Arbeit von Dorothee Zeller nähert. Die "rauminstallation" von Dorothee Zeller ist ein Artefact. Sie ist "ars", also Kunst, und "fact", Geschaffenes [facere; lateinisch machen, schaffen, tun]. Dorothee Zeller ist geprägt von der Mathematik, von Zahlen und Körpern, vieles kreist um die "Vier". Die Rauminstallation von Dorothee Zeller gliedert sich für mich in vier Teile:
Und wenn Ihnen meine Anmerkungen zu knapp sind, fragen Sie Dorothee Zeller nach Einzelheiten. Die "rauminstallation open cube" ist konstruktive-konzeptuelle Kunst. Sie erlaubt dem Betrachter Ausblicke, Durchblicke und Einblicke, mehr noch: er darf eintreten in diese vielfältige Einheit. Nehmen Sie die Chance wahr, in das Zwölfeck der "open cubes" einzutreten. Als Betrachter sind Sie eingeladen, sich zu "investieren", sich "anzukleiden" mit dieser ungewohnten Offenheit und Vielfalt. Ein ästhetischer Raum eröffnet sich Ihnen in der Alten Kirche Mochenwangen mit dieser Rauminstallation. Sie erleben eine ungewohnte Denkweise, die Gestalt angenommen hat in den Werken von Dorothee Zeller: Platons Kosmologie, der Logos, der Geist, im Sinnlichen wurzelnd, weitet unsere Wahrnehmung auf die "Ordnung des Schönen" hin. 3. "open cube"Vielleicht hat Sie der Anglizismus "open cube" neugierig gemacht, heute Abend zur Vernissage zu kommen, oder der Begriff "open cube" hat Sie sogar geärgert und Sie sind dennoch gekommen. Ich möchte Sie einladen, um die Begriffe "offener Würfel", "offener Kubus", "open cube" mit mir gedanklich zu kreisen. Annäherungsversuche an die Arbeit von Dorothee Zeller. cube - cubus - Kubus - Würfel ... Wer hat den cube wohl zum ersten Mal aus einer kleinen gerollten Lehmkugel zum Kubus gepresst und seine Seiten markiert? Mehr als 100 000 Jahre Geschichte menschlichen Denkens: Der Mensch hatte einen Körper geschaffen, wofür er in der Natur kein Vorbild fand. Der Würfel ist einer der fünf platonischen Körper: Tetraeder: vier Flächen; Hexaeder: sechs Flächen; Oktaeder: acht Flächen; Dodekaeder: zwölf Flächen und Ikosaeder: zwanzig Flächen. Der cube als "Platonischer Körper" bildet eine eigene, von den andern Körpern gesonderte Gruppe, er ist rundum von gleichen Flächen begrenzt. Sein nächster Verwandter ist die Kugel. Platon, der Namensgeber dieser Körper, lebte von 427 v. Chr. bis 347 v. Chr. in Griechenland. In seiner Schrift "Timaios" befasst sich Platon mit der Geometrie, unserem Würfel und anderen Körpern. Aber er erschließt uns in dieser Schrift auch eine völlig andere Welt: Da wird von Weltuntergängen berichtet, da wird der Untergang von Atlantis erzählt, da werden wir aufgefordert, die Planetenbahnen zu beobachten. Vom Würfel über den Weltuntergang zu den Planeten: ein gewagter Weg!? "Mich fasziniert, wie aus einer einfachen geschlossenen Form durch Teilung, Drehung und Reihung komplizierte offene Systeme entstehen und weiterentwickelt werden können. Systeme, die nicht nur Raum einnehmen, sondern die unsere Raumwahrnehmung in Frage stellen: was ist innen, was außen, was ist Raum und wie erleben wir/ ich ihn? Darüber hinaus ist dieses keramische Wegstück mein derzeitiges Stück Keramikweg." schreibt Dorothee Zeller. Ihr strenges Kompositionsthema hat Dorothee Zeller mit chirurgischer Präzision ins Werk gesetzt und diese mit dem puristischen Charakter der "Farbe" Weiß unterstrichen: open cube. "Cubus autem est corpus ex lateribus aequali latitudine planitiarum perquadratus." Marcus Vitruvius Pollio, De architectura libri decem, Liber X Praefatio. Vitruv lebte als Architekt und Schriftsteller in Rom. Es ist das einzig bekannte antike Werk über Technik, Architektur und Raumgestaltung. Seiner Ansicht nach sollte sich die Baukunst am menschlichen Körper orientieren. Leonardo da Vinci setzte das Anliegen des "homo bene figuratus" in die Skizze "Die menschlichen Proportionen nach Vitruv" um, die vielen von uns aus der Werbung bekannt ist. Auch Albrecht Dürer hat das Thema wieder aufgegriffen. Ein zeitgenössischer Architekt, Lambert Rosenbusch, hat das System von Proportionen und Schnitten im Raum in die Worte gefasst: "Proportion des Raumes, die ich in einer bewussten Parallelität zur ‚sectio aurea‘, dem Goldenen Schnitt, ‚cubi ratio‘ nenne. In philosophischer Hinsicht bleibt ein Gedanke nachzutragen, nämlich die Beurteilung der besonderen Proportionen wie der ‚sectio aurea‘ und der ‚cubi ratio‘ aus ästhetischer Sicht. Das Quadrat bzw. der Würfel gelten in allen Kulturkreisen als auffallend schöne Figuren, und werden in diesem Sinne als Urbilder verstanden." [Lambert Rosenbusch] "... Vollkommenheit wird letztendlich nicht dann erlangt, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn nichts mehr weggenommen werden kann." Antoine de Saint-Exupéry
4. Meine Deutung der "rauminstallation open cube":
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Das Hexaeder, das Sechsflach, als Symbol für die Gaia, unsere Erde. | |
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Das Ikosaeder, das Zwanzigflach, als Symbol für das Wasser | |
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Der Tetraeder, das Vierflach, als Symbol für das Feuer. | |
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Das Oktaeder, das Achtflach, als Symbol für die Luft. | |
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Das Dodekaeder, das Zwölfflach, als Symbol für den Geist, das All. |
Und weil die geometrischen Figuren auch Symbole sind, kann Platon in seinem "Timaios" über "Weltuntergänge" im alten Ägypten sprechen "...Eines Tages, als er sie zu einem Bericht über die Urzeiten veranlassen wollte, . ..habe er den Mythos von der großen Flut erzählt und wie Deukalion und Pyrrha davongekommen seien und welche Geschlechter von ihnen abstammten..." Da habe ein ganz alter Priester ausgerufen: "... schon manches mal und auf viele Arten ist die Menschheit vernichtet worden und wird auch wieder vernichtet werden, am gründlichsten durch Feuer und durch Wasser..." Hören Sie da auch die jüdisch-christliche Geschichte der Sintflut heraus?! Doch die Bedrohung ist nicht das Erste.
Wasser ist das Element des Anfangs, die Quelle des Lebens. Es entspricht der weichen, weiblich-mütterlichen Sphäre und symbolisiert die Welt der Gefühle.
Das Feuer gilt als Symbol für die reine männliche Energie. Feuer lässt sich nicht einfangen. Es strebt in ungestümer Eigendynamik nach oben, doch es braucht die Erde als Nahrung und die Luft für den Sauerstoff. Feuer symbolisiert Veränderung und Bewegung, heiße Liebe und Begeisterung, aber auch Hass, Fanatismus und unsere düstersten Schattenseiten.
Gaia, die Erde gilt als unsere Mutter. Sie ernährt uns, trägt uns und wir stammen von dir. Die Erde birgt unendliche Schätze in sich, aus ihr entsteht immer wieder neues Leben. Die Erde symbolisiert Treue, Beständigkeit und Ruhe.
Klappen wir den Würfel, das Symbol der Erde, auf, so entsteht sein Netz, ein Kreuz, welches aus Quadraten bestehend wieder in einen Würfel gewandelt werden kann. Das Kreuz symbolisiert das Gebundensein im Stoff, das Annehmen der Beschwernis, der Last und Aufgabe des irdischen Lebens. Die Vier symbolisiert die Verwirklichung unserer selbst im Stoff durch den Umgang mit den Elementen.
Das auf das Kreuz geheftete Schild mit der Aufschrift INRI, den Anfangsbuchstaben der hebräischen Namen für die vier Elemente, ist eine weitere symbolische Darstellung:
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Jabascha - Erde | |
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Nour - Feuer | |
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Ruach - Luft und | |
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Jam - Wasser. |
"Vier" und Kreuz sind also Symbole des unerlösten Menschseins. Als Christ kannte ich nur die Deutung von INRI: Iesus Nazarenus Rex Iudaiorum.
Jene Symbolik, die um die "Vier" kreist, kann der Betrachter entdecken in dieser Rauminstallation: Die "Vier" als Erdsymbol manifestiert unsere konkrete Wirklichkeit. Das "Feuerdreieck" und das "Wasserdreieck" ergänzen die Elemente. Und der offene Raum der Alten Kirche Mochenwangen, mit ihrer sakralen Vergangenheit und den Spuren ihrer vielfältigen Nutzung, bietet die Luft zum Atmen. Das Kreuz symbolisiert das Gebundensein im Stoff, das Annehmen der Beschwernis, der Last und Aufgabe des irdischen Lebens.
Jetzt sind Sie, die Besucher dran, jetzt ist es an Ihnen, sich die Ausstellung vertraut zu machen.
Meine Deutung der "rauminstallation open cube" erhebt keinen Anspruch auf "Unfehlbarkeit". Ich verstehe meinen Beitrag als Einladung an Sie, Ihrem Wahrnehmen, Ihren Gefühlen und Ihrem Erleben zu trauen und es in Beziehung zu setzen zu Ihrem Leben und Lebensraum.
Gehen Sie umher. Schauen Sie hin. Er-fahren Sie sich selbst in diesem Raum. Als Betrachterin und Betrachter machen Sie Ihre Beobachtungen und ein Experiment mit sich. Befragen Sie diese Ihre Erfahrungen, nach [Hinter-]Gründen suchen und das Erlebte in "Ihre" Zusammenhänge stellen. Raum und Zeit durchschreitend, entwickelt sich der Prozeß Ihrer Theorie, Ihrer An-Schauung der Rauminstallation "open cube": "theorein", eine Sache wachsam und aufmerksam anschauen, nannten das die Griechen. Ihre Welt-An-Schauung ist gefragt.
Meine Welt-An-Schauung, die Brille, durch die ich diese "rauminstallation open cube" sehe, oder genauer, die neue Brille, die ich dank der Werke von Dorothee Zeller trage, ist diese:
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Der cube in seiner Einheit in Vielfalt kann in der Begegnung
dieser Rauminstallation zum Symbol für den Menschen werden: | |
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Der cube in seiner Einheit in Vielfalt kann in der Begegnung
dieser Rauminstallation zum Symbol für unsere Gesellschaft werden: |
"Die Würfel sind gefallen," sagte ich am Beginn. Nein, die Würfel fallen nicht, sondern Sie und ich können und dürfen sie gestalterisch im Raum setzen, ermutigt durch die Rauminstallation von Dorothee Zeller.
"Ton" erfüllt die "Alte Kirche Mochenwangen" sagte ich am Beginn. Am Beginn des Lebens steht der Satz: Gott formte den Menschen aus Ton und hauchte ihm die ruach, den Odem des Lebens, ein. [Buch Genesis]
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