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Kunst als Pro-Vokation. Ethik und Ästhetik in
einem katholischen Sozialverband
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Zunächst aber muss ich über Philippus Aureolus Theophrastus Bombast von Hohenheim sprechen, weil der im Kloster Sponheim bei Abt Johannes Trithemius Chemie lernte und das Kloster Sponheim ist ganz nahe bei meinem Geburtsort Bad Kreuznach. Da lebte auch Hildegard von Bingen als Schülerin der Jutta von Sponheim auf dem Disibodenberg. Aber warum erzähle ich Ihnen das alles? | |
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Ach ja, ich vergaß zu erwähnen, dass dieser „Theophrast Bombast“ gegen Ende 1493 in Einsiedeln geboren wurde, wo es auch ein Kloster gab. Aber das wissen Sie je selbst. Und dieser „Theophrast Bombast“ unterschrieb seine Briefe meist mit dem Zusatz "genannt Paracelsus". |
So sind wir wieder bei unserem Künstler und seiner Wertschätzung für Paracelsus, den Mystiker, Chemiker, Alchemisten und Arzt. „Sein medizinisches System gründete auf Alchemie, Astrologie, Mystik und Erfahrung.“ Das lese ich in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, der freien Enzyklopädie.
"Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch" steht im Mittelpunkt der Grafiken, Plastiken und Installationen, die Jörg Kausch uns zumutet, mit denen er uns Mut machen will, uns pro-voziert, uns heraus ruft aus unserem Alltag, zu einem
Ich freue mich, dass Sie den Mut hatten, in unser Haus zu kommen. Denn „Der Wächter“ vor dem Eingang zum KKV-Hansa-Haus thront schon majestätisch und Aufmerksamkeit heischend da, kontrollierend und fast abweisend. „Der Wächter“ ist zugleich jene Gestalt in Märchen und Mythen, die schützt, bewahrt, sorgt: fast ein „Glaubenswächter“ unserer Tage.
Denn Sie sind als ganze Menschen eingeladen, sich die Werke anzuschauen, sie zu betrachten, sie auf sich wirken zu lassen, sich ihnen auszusetzen. Stühle gibt es auch im Garten genügend.
Sieben Installationen, dieser einen großen Gesamtinstallation, warten draußen auf Sie. Die Zahl „Sieben“ ist in allen Kulturen und Religionen eine wichtige Zahl in der Mystik der Zahlen. Das wäre aber noch einmal ein eigenes Thema. Nur einige Stich-Worte: „Als Summe von 3 + 4 Zahl der Fülle und Vollendung; die Zahl der Vereinigung des Geistigen und der Materie und die Zahl der Heilung; die Zahl der früher bekannten Planeten in unserem Sonnensystem plus Sonne und Mond, die Zahl der Schöpfungstage, die Zahl der Körperöffnungen, die Zahl der Tugenden.“ [Quelle]
Gehen, schreiten Sie Ihren Weg und lassen Sie sich überraschen von den Begegnungen, die Sie mit sich selbst machen werden.
Mich sprechen diese archaischen Formen, das rohe, teils raue Holz mit Resten von Rinde an, es ist sinnlich die einzelnen Stelen anzurühren, sich berühren zu lassen von Urbildern, die in jedem von uns schlummern, und denen Raum und Zeit zu schenken eine Beglückung darstellen.
Steigen Sie an jener Stelle in die Installation ein, wo Ihr inneres Auge Sie hinführt. Es kann Ihr Weg der Menschwerdung und Ihr eigener Weg der Heilung und der Heiligung werden.
Einige Themen, die ich für mich in der Begegnung mit den Arbeiten von Jörg Kausch entdeckt habe, will ich mit Ihnen teilen, Ihnen mit-teilen.
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Von oben und von unten, zwei Gestalten, zwei Köpfe, und unten der Mensch, wachsend aus der Spirale seines Lebens, seines Alltags, seiner Gedanken: Einladung zum Gespräch. |
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Jörg Kausch nennt es auch das „Seelentor“, das den Weg öffnet zu meiner „anima“ und meinem „animus“. Was mir fehlt, was ich suche, was rätselhaft und dadurch faszinierend für mich ist, das ist immer ein Anderer, eine Andere, ein zuerst Fremder, das Gegenstück oder die fehlende Ergänzung meiner Selbst. Manchmal kann es mich erschrecken, weil ich mich im tiefsten meiner Seele angerührt fühle vom Eros. |
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Diese Installation aus drei Stücken beschreibt einen „Erlösungsweg“, nein, „den“ Erlösungsweg. Nach dem Tod, der Trauer und dem offenen, leeren Grab, das den Himmel durchscheinen lässt, stehe ich vor dem Engel: Hab keine Angst. Fürchte dich nicht. Er ist auferstanden. In diesen Tagen habe ich das gespürt, am Grab meiner Mutter, beim Requiem für Johannes Paul II. Wo der Tod seinen Stachel verliert, kann das Herz sich öffnen. |
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Da blieb das Gestern, da bleibt das Heute, da wird das Morgen: Zweifel bleiben. Eine einzige Stele, der Herzenstod, im Schatten der Bäume, dunkel und verdunkelt, der Herzenstod, der zeigt mir, dass zu meiner Existenz auch das Verschlossensein zählt, dass ich zumache, mich verschließe, mein Herz verschließe. Nicht immer, aber ich kenne diese Symbolik, diese Schwermut. Carl Gustav Jung spricht von der Botschaft der Archetypen und die ist gefühlsbetont. |
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Ein starkes Symbol, diese „eherne Schlange“, die Moses in der Wüste aufrichtet: das Zeichen des Heils für den von der „Schlange im Baum der Erkenntnis“ bedrohten Menschen, für mich heute. Und wenn ich mich abwende von der Schlange im Baum, begegne ich in der „ehernen Schlange“ meinem Spiegelbild. Ich darf mich annehmen, wie ich bin, ich bin im Symbol der ehernen Schlange schon angenommen, immer und endgültig: und doch eröffnet sich mir der neue Horizont der Erlösung schon jetzt. |
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Dieser „Seelenweg“ evoziert und provoziert in seinen einzelnen zehn Tafeln Stationen meinen Lebensweg, von der Zeugung durch meine Eltern, über meine Mann- und Mensch-Werdung bis hin zu seinem Ziel: der „Communio“ unter dem Stern. |
Und dieser Stern hat unterschiedliche Namen: Abendstern und Morgenstern. Steht die Venus in westlicher Richtung, bezeichnet der Volksmund sie als Morgenstern. Sie ist am Morgenhimmel ‑ kurz vor Sonnenaufgang zu sehen. Umgekehrt bedeutet östliche Richtung, dass uns der Planet als Abendstern erscheint.
„In der Römischen Mythologie ist Merkur Gott des Handels, der Reisenden und der Diebe und damit das römische Gegenstück zum griechischen Gott Hermes, dem Götterboten. Der Planet erhielt wahrscheinlich seinen Namen, weil er sich so schnell über den Himmel bewegt. Die Griechen gaben ihm zwei Namen: Apollo wegen seiner Erscheinung als Morgenstern und Hermes als Abendstern.“
„So wie der "freie Stern", nach dem der "Freitag" benannt ist, die Venus: der hat manchen Namen. Wenn er der Sonne voraufgeht und eher aufgeht als die Sonne, so heißt er ein "Morgenstern"; wenn er aber hinter der Sonne hergeht, so dass die Sonne eher untergeht, so heißt er ein "Abendstern"; manchmal läuft er oberhalb der Sonne, manchmal unterhalb. Vor allen Sternen ist er der Sonne beständig gleich nahe; er kommt ihr niemals ferner noch näher und zeigt damit an, dass ein Mensch, der hierzu kommen will, Gott allezeit nahe und gegenwärtig sein soll, so dass ihn nichts von Gott entfernen kann, weder Glück noch Unglück noch irgendeine Kreatur.“ [Quelle]
Das Buch der Offenbarung zeigt, dass der "Morgenstern" ein Symbol für Jesus Christus ist. Wie der Morgenstern als der letzte sichtbare Stern morgens ankündigt, dass jetzt der Tag ganz nahe ist und ganz sicher bald die Sonne aufgeht, so kündigt das Erscheinen Jesu auf dieser Erde an, dass jetzt Gottes Tag nicht mehr fern ist. „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Eine Minnelied der Christenheit [Gotteslob, Katholisches Gesangbuch 554; Evangelisches Gesangbuch 70].
Bei Aristoteles lesen wir: „«Weder der Abendstern noch der Morgenstern sind so wundervoll wie die Gerechtigkeit.» Er hatte dieses kleine Loblied auf die Gerechtigkeit angestimmt, in das jeder rechtschaffene Mensch gern einstimmen wird. Ein gerechter Mensch gilt uns als der Höchstfall von Menschsein: ein wahrhaft menschlicher Mensch.
Aristoteles öffnet mir das Tor, das Ethische mit dem Ästhetischen zu verschränken, was der Philosoph Jean‑Luc Nancy auch als Verschränkung der Philosophie mit dem Denken der Gemeinschaft begreift. Der Franzose lädt ein, über das Verhältnis von Kunst, Denken und Gemeinschaft, des Sinns im Gemeinsamen nachzudenken.
Gründung des "Kath. Kaufmannskasino zu einer standesbewussten Berufsgenossenschaft in edlem Wollen, edlem Streben, das nach Hohem, Schönem zielt", so formulierten es unsere Vorväter.
Jörg Kausch hat seinen Werken das Wort von Paracelsus "Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch", einem Mystiker des Mittelalters vorangestellt. Seine Werke stehen für mich in der Tradition der „Biblia pauperum“ , der "Bilderbibeln". Ohne Worte sprechen sie den Menschen in seinem Innersten an, rühren seine Seele an - vielleicht wühlen sie diese sogar auf, treiben ihn zum Tun: Schönes und schönes tun ‑ Ethik und Ästhetik als Lebenswerte.
Platon formulierte in seiner „Paideia“, die sich mit Be‑ und Er‑Ziehung beschäftigt, es gehe beim Sein um
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das kognitiv Eine:
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das ethisch Eine:
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das ästhetisch Eine:
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Ästhetik als Wahrnehmung des Schönen hat nicht nur etwas mit der äußeren Form oder mit Mode zu tun. Das Wahrnehmen des Schönen gründet in dem Wahrnehmen des inneren Wesens der Dinge. Hilde Domin formuliert dies in ihrem Gedicht „Die Heiligen“ so: "Wir essen Brot. Aber wir leben vom Glanz".
Andreas Luckner, von der Universität Stuttgart, fragt seine Studenten: Was haben Kunst und Literatur, Gegenstände philosophischer Ästhetik, mit Normen unserer Lebenspraxis, dem Gegenstand der Ethik also, zu tun? Ist ästhetische Urteilsfähigkeit vielleicht sogar eine notwendige Voraussetzung für ein gutes und gelingendes Leben, das auch moralischen Ansprüchen zu genügen hat? [Quelle]
Leitende Fragen der Ethik sind: Was heißt es, sich im Leben und Handeln zu orientieren? Welchen Normen und Normarten unterstellen wir uns dabei? Was sind moralische Konflikte und ethische Probleme? Können solche Konflikte und Probleme 'gelöst' werden? Was hat das alles mit mir zu tun?
„Unvorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der man die Kunst für das Höchste im Leben gehalten hat, höher als alle Geschäfte, höher als alle Wissenschaft! Groß und bedeutend und unübersehbar platziert im Zentrum der menschlichen Existenz.“ So schreibt Iris Radisch in „Die Zeit“. [Quelle]
Es geht um Friedrich Schiller und seine „Briefe Über die ästhetische Erziehung“. „Wie nah ist uns Schillers verzweifeltes Gejaule über die unrühmlichen seelischen Folgen der technischen Revolution. Von der »Zerrüttung« des inneren Menschen, seinem »kalten Herzen«, seinem »Geschäftsgeist«, der »Zerstückelung« des menschlichen Wesens geht seine klagende Rede.“
Mit theoretischem Anspruch formuliert, ist meine Einführung in die Ausstellung mit Werken von Jörg Kausch „narrative Theologie mit einer energetisch‑ethischen Funktion“. Diese Theologie sucht eine Bewegung in Gang zu bringen, zu ermahnen, aufzumuntern, zu trösten, für zusprechen, zu berufen, eine Entscheidung herauszufordern, neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen, zu verwandeln, zu bezeugen und zu bekennen. Vgl. Siegfried Wiedenhofer, Hermeneutik II, 1981
Deshalb lade ich Sie im Sinne einer narrativen Theologie zum Besuch dieser Ausstellung ein, einer spirituellen Wanderung, einem meditativen Gehen:
Schauen Sie hin!
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Sie werden innerlich berührt! |
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Sie werden neue Tiefen der Wirklichkeit entdecken und dabei auch die transzendierende Wirklichkeit tangieren! |
Vergessen Sie die verharmlosende "Dekorationskunst"!
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Sie werden mit anderen Sehgewohnheiten die Wahrheit von Bildern und Zeichen neu entdecken zu können. |
Und Ihnen, lieber Jörg Kausch, danke ich für Ihre archaischen Zu-Mutungen mit einem Zitat von Sr. Nike Vennekens aus der „Dimension des Religiösen in der Kunst der Gegenwart“:
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„Künstler leben zwischen Himmel und Erde. Sie sind nicht ganz von drüben und nicht ganz von hier. Sie müssen ihr Fach erlernen, meistern, beherrschen. Aber was mit ihnen passiert, das haben sie ‑ meistens ‑ nicht im Griff: wie Stromleitungen sind sie, wie Stromkabel, suchend, kämpfend mit sich und ihrer, unserer Zeit. In ihren Werken, in ihren Bildern spiegelt sich auch wider, was uns bewegt, und sie vermitteln jenen Hauch der Ewigkeit, nach dem wir alle suchen, auch wenn wir unsere Sehnsucht tief begraben haben: unendlich geliebt zu werden und unendlich zu lieben. Künstler vermitteln uns Kenntnis von uns selber, wie es um uns steht.“ [Quelle] |
Vergelt‘s Gott an Christl Güntner, die den An-Stoß zu dieser Ausstellung gab und den langen Atmen hatte, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Vergelt‘s Gott an Thomas Riegel, der einen wichtigen Beitrag zum Thema „Kunst und Handwerk“ leistete und die Ausstellung aufbaute.
Danke an Christoph Hintenender und seine spanische Gitarre, die zusammen mit Musik von Paganini. Bach, Villa-Lobos und Lauro die Eröffnung kongenial bereichert hat.
Und Ihnen und Euch, verehrte Freunde und Freundinnen des KKV Hansa, Ihnen meinen Verbandgeschwistern rufe ich mit Ariane Grigoteit von der Kunstsammlung der Deutschen Bank zu:
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"Kunst ist weder Imageprodukt noch Feigenblatt, sie ist vor allem eine geistige Dividende, ein Angebot, sich auf andere Weise mit zeitgenössischen Themen auseinanderzusetzen." |
1880, also vor 125 Jahren wurde das "Katholische Kaufmannskasino“ als eine standesbewusste Berufsgenossenschaft „in edlem Wollen, edlem Streben, das nach Hohem, Schönem zielt" gegründet.
2005: München. Die Ausstellung ist eröffnet: Schönes und schönes tun!
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