Bayerische Arbeitswelten: Leistung soll menschlich sein
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Dr. Benno Kuppler

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Bayerische Arbeitswelten
Entdeckungen in Oberbayern - eine rotarische Reise des RC Alzenau
Predigt: Leistung soll menschlich sein

bulletLesungen: Gal 1, 11-17, Mk 2, 18-20

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wenn der RC Alzenau zu einer Wochenendreise in Bayerische Arbeitswelten einlädt, ist es sicherlich keine Unterstellung anzunehmen, dass da "Leistungsträger" unserer Gesellschaft unterwegs sind. Steigerung der Effizienz in der Arbeit, Leistung und Selbstausbeutung sind vielen keine Fremdworte. Ich weiß dies aus meiner eigenen Erfahrung. Aber es gibt auch unausgesprochen die berechtigte Sorge, dass in meinem Betrieb Personal eingespart werden soll - und davon kann der Einzelne als Mitarbeiter oder Vorgesetzter betroffen sein, weil so die Fixkosten gesenkt werden können. Zugleich wächst der Durch auf den Einzelnen immer mehr Leistung zu bringen.

Kirchliche Einrichtungen unterscheiden sich in nichts von "der Welt draußen". Nur darin, dass dann irgendwo erwartet wird, dass die MitarbeiterInnen auch noch zum Gottesdienst kommen und "fromm" zu sein haben. Und manche und mancher haben da ein ungutes Gefühl. Ich meine zu Recht!

Insgeheim fühlen wir uns aber doch oft unsicher: wird wenigstens Gott uns gnädig sein, müssen wir nicht doch etwas leisten, dass er uns seine Liebe schenkt? Müssen wir nicht sogar Großes leisten? Im Beruf In der Familie? In der Gesellschaft? Im Rotary Club?

Leistung soll menschlich sein! Das ist mein Credo seit meiner Zeit als Lehrling in einem Industriebetrieb. Leistung soll menschlich sein!

Lassen sie mich ihnen dazu eine Geschichte erzählen. Als ich als junger Jesuit in München studierte, stand lange der "Tod des Handlungsreisenden" von Arthur Miller auf dem Spielplan. Ich habe das Theaterstück gesehen und kann es nicht wieder vergessen. Miller erzählt die Geschichte eines alternden Handlungsreisenden, eines Vertreters, der früher einmal ein erfolgreicher Mann gewesen war. Aber er hatte nicht Schritt halten können mit den raschen Veränderungen in seiner Branche und in seinem Kundenkreis. Der geschäftliche Erfolg blieb aus. Es folgen zermürbende Jahre, in denen ihm die Dinge des Lebens immer mehr entgleiten. Nach außen kann er noch die Fassade des Erfolges wahren - zumindest am Anfang noch.

Wer etwas leistet, der ist etwas! Man muss es im Leben zu etwas bringen! Dieses Gesetz des Handelns hatte im Leben des Handlungsreisenden gegolten. So hatte er auch seine beiden Söhne erzogen. Aus ihnen sollte etwas werden. Sie sollten Erfolg haben, mehr als er selbst. Das hatte er ihnen von klein auf eingeimpft. Sie sollten das verwirklichen, was ihm an Erfolg versagt geblieben war. Wenigsten in ihnen sollten seine eigenen Träume Wirklichkeit werden. Beide Söhne aber konnten die Hoffnungen des Vaters nicht erfüllen. Beide Söhne brachten es zu nichts.

Der Handlungsreisende selbst, der sein ganzes Leben auf Leistung und Erfolg gebaut hatte, musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass er immer weniger zu leisten in der Lage war. Schließlich wurde er von seiner Firma auf die Straße gesetzt. Weil er keinen Nutzen mehr brachte, wurde er zum alten Eisen geworfen, sparte die Firma durch seine Entlassung Kosten ein.

Ein Freund bot ihm eine Arbeitsstelle an. Er lehnte ab. Er konnte nicht zugeben, dass er gescheitert war, dass er Hilfe brauchte. Nur ja nicht den Misserfolg zugeben. Nach außen wenigsten die Fassade bewahren.

Der Handlungsreisende erfuhr sich völlig in die Enge getrieben. Schließlich sah er keinen Ausweg mehr als den, sich selbst das Leben zu nehmen. Ein Mensch, der ausschließlich unter dem objektiven Gesetz von Leistung und Erfolg lebte - und daran zerbrach. Ein Opfer seines Traumes vom Erfolg.

Dieser Mann vernahm einen Befehl, durch seine eigene Leistung Erfolg haben zu müssen. Er hörte nichts als diesen Befehl. So sagte Arthur Miller selbst zu seinem Stück.

Nur ein Theaterstück!?

Man muss etwas leisten! - So hatte auch Paulus einmal gedacht. Er bezeichnet sich im Brief an die Galater, den wir eben gehört haben, als einen "leidenschaftlichen Verfechter der Überlieferung meiner Väter". Das Gesetz des Bundes mit Jahwe wollte er vollkommen erfüllen. Und das jüdische Gesetz war im Laufe der Jahrhunderte umfangreich geworden und mit vielen detaillierten Vorschriften. Alle Vorschriften waren peinlich genau zu beachten. Fast so etwas wie Controlling im Unternehmen. Wenn das keine Leistung war, kein Zwang zum Erfolg vor Gott und den Menschen!

Paulus muss diesen inneren Druck, die Gebote zu erfüllen, gespürt haben, er muss den Zwang zur Erfüllung des Gesetzes erfahren haben. Denn er spricht davon, mehr als seine Altersgenossen für die Überlieferungen eingetreten zu sein. Die Verfolgung der jungen Christengemeinde ist da ein beredtes Zeugnis.

Und dann diese neue Erfahrung: durch Seine Gnade berufen! Ausgesondert vom Mutterleibe an durch Gott! Beschenkt mit der Offenbarung Jesu Christi!

Da kann er nur ausrufen: "Ich will es euch klar sagen, Brüder und Schwestern: das Evangelium, das ich euch verkündet habe, ist keine menschliche Erfindung!"

"Gnade", Erfahrung der Gnade: das ist das Stichwort, das Evangelium, die Botschaft des Paulus bestimmt! Nicht mehr eine objektive menschliche Leistung, sondern das Geschenk Gottes, die Gnade, macht den Menschen gerecht. Das Leben erfährt seinen Wert nicht in der Erfüllung objektiver Leistungsnormen, sondern in der Zuwendung Gottes in Jesus Christus zu uns Menschen. Diese befreiende, von den Zwängen nach Erfolg freimachende Botschaft muss Paulus verkünden.

bulletDas Gesetz der Leistung bestimmt den Handlungsreisenden.
bulletDas Gesetz der Leistung bestimmte den Paulus.
bulletWas bestimmt uns?

Mit großer Selbstzufriedenheit nannten wir uns noch vor wenigen Jahren eine "Leistungsgesellschaft". Das hatte damals einen guten Klang: wir hatten etwas geleistet. Das sollte uns einer erst einmal nachmachen. Aus den Trümmern des Krieges war eine Wohlstandsgesellschaft gewachsen, durch unsere Leistung.

Doch heute: das Wort "Leistung" ist in Misskredit geraten. Das Wort "Leistung" hat einen schalen Beigeschmack bekommen. Denn die Leistung hat sich verselbständigt, ist zu einer objektiven Norm geworden. An was ist die Leistung gebunden, was bestimmt das Maß der Leistung? Die Anzahl der Aktenvermerke im Büro? Die Anzahl der produzierten Fotokopien? Die getätigten vergeblichen Telefonate? Die Zahl der Kundenkontakte? Der Umsatz der Abteilung? Der Überschuss, wenn es denn je einen solchen geben sollte? Sie wissen um die Kennzahlen in Ihren Arbeitsfeldern!

Wenn der Mensch etwas leistet, müsste der Mensch auch das Maß der Leistung abgeben. Das erscheint als verrückter Gedanke, als Utopie, manchem sogar als subversiv.

Neue Technologien, Computer, Automation und die Notwendigkeit zur Rationalisierung sind der heutige Maßstab für Leistung geworden. Der einzelne Mensch in Fabrik und Büro hat sich dem Takt der Technik anzupassen: Maschinen zur Produktion und Schreibautomaten bestimmen das Arbeitstempo, die Leistung des Menschen. Der Mensch kontrolliert die raschen Prozesse der Maschine. Aber, der Mensch ist in Gefahr, zum Lückenbüßer zu werden: Was Maschinen heute noch nicht allein schaffen, das muss ersatzweise der Mensch leisten. Und der Mensch ist es, der die Fehler macht, nicht der Computer! Ob das der Menschenwürde entspricht, wird oft nicht offen gefragt.

Der Mensch ist nicht berechenbar. Seine Fehler bei der Produktion bedeuten ein Versagen, das viel kostet und moralisch negativ gewertet wird. Die Fehler der Maschine sind erklärbar und werden repariert. Eine Sekretärin sagte mir einmal: "Da sei's zum Teil besser, man wäre eine Maschine. Wenn die Maschine einen Fehler macht, glauben die Chefs einem erst, wenn der Techniker das überprüft hat. Niemand glaubt einer Sekretärin etwas."

Ist das nicht diese objektivierte Leistung, die unser Leben bestimmt? Stehen nicht viele von uns auch im Inneren unter dem Befehl, durch ihre Leistung Erfolg haben zu müssen? Droht nicht vielen Menschen sonst der Rausschmiss aus dem Betrieb, auch einem kirchlichen?

Das Gesetz der Leistung bestimmt den Handlungsreisenden, machte ihn unfähig, die Hilfe des Freundes anzunehmen, und trieb ihn in den Selbstmord.

Das Gesetz der Leistung bestimmte den Paulus. Aber er nahm den Ruf Christi, des Freundes, vor Damaskus an. So wurde er innerlich frei vom Zwang, alle Gesetze des jüdischen Glaubens peinsam zu erfüllen.

bulletDas Gesetz der Leistung bestimmt auch uns heute. Wie entscheiden wir uns?

Solidarität und Menschenwürde könnten Wege sein, den gnadenlosen Zwängen unserer Leistungsgesellschaft Einhalt zu gebieten. Wir sind von der befreienden Botschaft Christi her aufgefordert, neu über die Rolle des Menschen in einer durch Technik stark geprägten Gesellschaft nachzudenken.

Viele Menschen können sich der Erfüllung von Leistungsnormen nicht entziehen. Sie sind angewiesen auf den Lohn von oft menschenunwürdiger Arbeit, um das Lebensnotwendige zu kaufen.

Und aussteigen aus den Zwängen dieser Leistungsgesellschaft können auch nur wenige: einige, weil sie genügend auf der hohen Kante haben, um davon zu leben, andere, weil sie jedem Konsumdenken abgeschworen haben.

bulletWas bleibt uns, die wir noch nicht ausgestiegen sind, denn noch an Entscheidung?

Der Handlungsreisende konnte die Hilfe des Freundes nicht annehmen. Wir können in diesem Freund Christus erkennen, der uns durch seine befreiende Botschaft herausführen will aus den Zwängen. Paulus hat diese befreiende Botschaft Christi annehmen können.

Besinnen auch wir uns, dass uns diese befreiende Botschaft Christi zugesprochen wird. Diese befreiende Botschaft ist nicht beschränkt auf den Raum der Kirche. Sie will die Welt umgestalten, will Menschen befreien von vielfältigen Zwängen und Abhängigkeiten, auch dem Zwang zur Leistung und Selbstausbeutung.

Die Befreiung, die uns in Christus zugesprochen wird, setzt dann in uns schöpferische Kräfte frei. Menschen können gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten und werden empfindsam für die Stärken und Schwächen ihrer Mitmenschen. Menschen treten nicht mehr in vernichtende Konkurrenz zueinander, sondern bauen miteinander am Reich Gottes, das heute schon unter uns anfanghaft Gestalt gewinnt.

Das sagt uns das Evangelium, die befreiende Botschaft Jesu Christi: Jesus, der Bräutigam, hat uns zum Feiern eingeladen. Bei der Feier der Eucharistie schenkt Er sich uns als Brot des Lebens gratis, aber hoffentlich nicht umsonst. Er will selbst als die Kraft geben, das Werk schöpferisch weiterzuführen, das Er begonnen hat.

Ich denke, das ist ein lohnendes Ziel, für das wir gemeinsam bei dieser Reise in Bayerische Arbeitswelten bitten sollen: das sein Reich komme.

Amen.

Bayerische Arbeitswelten: Arbeit - Segen und Fluch

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