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"Bildung gegen Arbeitslosigkeit" Ökumenischen Bußruf
vor der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg
am 5. November 1998

Sacheinführung von
P. Dr.sc.soc. Benno Kuppler SJ,
Hochschulpfarrer, khg Nürnberg
"Eine qualifizierte akademische Ausbildung an
unseren Fachhochschulen und Universitäten schützt vor Arbeitslosigkeit." Diese Ansicht war und ist weit verbreitet. Die monatlichen
Arbeitslosenzahlen der Bundesanstalt für Arbeit [BA], wie diese in den
Medien veröffentlicht werden, weisen die verschiedenen akademischen Berufe
nicht besonders aus. Die Zahlen der Akademikerarbeitslosigkeit scheinen nicht
dramatisch genug, keiner Nachricht wert.
In zahlreichen Einzelstudien bieten aber die Bundesanstalt für Arbeit
und ihre wissenschaftlichen Institute und Veröffentlichungen spannende Daten
über die Situation von akademischen Berufen aus der Arbeitsmarktforschung. Einige Fakten seien benannt.
So wird manches an unserem Bildungswesen frag-würdig.
 | Diese Frag-würdigkeiten müssen ethisch-religiös bedacht werden! |
 | Diese Frag-würdigkeiten müssen gesellschaftlich-politisch bedacht
werden! |
 | Diesen Frag-würdigkeiten müssen sich viele stellen: |
 | Die Parteien und die Regierungen in Bund und Ländern, |
 | die Professoren an Fachhochschulen und Universitäten, |
 | die Arbeitgeber und Gewerkschaften, |
 | die Studierenden, |
 | ... und wir als Kirchen! Auch wir als Kirche an der Hochschule! |
Denn die Kirchen haben die ethisch-religiösen Kriterien, um die
soziale Situation im Licht des Evangeliums zu deuten.
Und zugleich sind unsere Kirchen direkte Arbeitgeberinnen für viele
künftige AkademikerInnen:
 | in der Seelsorge, |
 | in eigenen Schulen, Bildungshäusern, |
 | in eigenen Hochschulen, |
 | in der eigenen Verwaltung und |
 | in ihren sozial-caritativen Einrichtungen. |

Fakt ist:
Die Zahl der AkademikerInnen ist zwischen den Jahren 1961 und 1988 von
770.000 auf 3.100.000 angestiegen. Die "Akademisierung" unter den
Berufstätigen hat von 3 % auf 11 % zugenommen. Wir können aber nicht von einer
"Akademikerschwemme" sprechen. Bildung ist der wichtigste Rohstoff
unseres Landes.
Frag-würdig ist:
 | Wer entscheidet über die Bildungsangebote? |
 | Wer entscheidet über die Zugangsberechtigungen? |
 | Wer entscheidet über das inhaltliche Angebot an Bildung? |
 | Die Wirtschaft? Der Arbeitsmarkt? Die Politik? Die Gesellschaft? Die
Familien? |
 | Neigungen und Fähigkeiten der Studierenden? |

Fakt ist:
Viele AbsolventInnen von Fachhochschulen und Universitäten suchen auf dem
Arbeitsmarkt eine Beschäftigung. Nicht jede und jeder finden die gewünschte
Erwerbsarbeit oder überhaupt eine Erwerbsarbeit.
Deshalb müssen wir folgende Erwerbszustände unterscheiden:
 | Ausbildungsadäquate Erwerbstätigkeit |
 | Rund ein halbes Jahr nach Studienabschluss waren zwei Drittel in einem
Bereich beschäftigt,
den sie studiert hatten. Das gilt auch für Frauen in "klassisch
männlichen" Studienfachrichtungen! Quote: 57 % |
 | Nicht ausbildungsadäquate Erwerbstätigkeit |
 | Es besteht ein überdurchschnittliches Risiko für Frauen und
Absolventen aus dem Bereich Sprach- und Kulturwissenschaften sowie
nicht-technischer FH-Studiengänge nur eine inadäquate,
unterwertige Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Quote: 10,3 % |
 | Arbeitslosigkeit |
 | Knapp ein Drittel war ein halbes Jahr nach Studienabschluss ohne
Beschäftigung,
aber nur eine kleine Zahl offiziell arbeitslos gemeldet. Quote 6,6 % |
 | Erweiterte Stille Reserve |
 | Die erweiterte Stille Reserve wird nicht in der Arbeitslosenstatistik erfasst.
Vom restlichen Drittel der AbsolventInnen wartete die relative Mehrheit
noch auf ein passendes Jobangebot. Frauen und Männer mit akademischen
Abschlüssen,
die keiner bezahlten Beschäftigung nachgehen
und nicht beim Arbeitsamt als arbeitslos gemeldet sind,
kommen in der Arbeitslosenstatistik nicht vor.
Beide Gruppen übersteigen deutlich die Zahl der "offiziell"
arbeitslos gemeldeten Akademiker. Quote 26,1 % |
Frag-würdig ist:
 | Zwischen der Zahl der offiziell arbeitslos gemeldeten
AkademikerInnen und
den erwerbslosen klafft eine große Lücke! |
 | Können wir uns diese Verschwendung des Rohstoffes Bildung leisten? |
 | Oder stellen die Fachhochschulen und Universitäten "alte
Produkte" her,
für die es keinen Markt mehr gibt? |
 | Wie steht es um die Anstellungsmonopole von Staat und Kirchen für
bestimmte AkademikerInnen? |

Fakt ist:
Es werden immer mehr Frauen akademisch ausgebildet. Im Jahre 1997 lag der
Anteil von Frauen an den AbsolventInnen bei 41,3 %. Aber die Akademikerinnen
werden sehr oft unter ihrer Ausbildungsqualifikation beschäftigt. Nach der
Stellung der Frauen im Beruf ...
 | gibt es bei Frauen in allen Altersgruppen Niveauunterschiede zu
Positionen,
die Männer mit vergleichbarer Ausbildung einnehmen. |
 | sind Akademikerinnen überdurchschnittlich oft in niedrigeren Positionen
beschäftigt,
also als Sachbearbeiterinnen oder einfache Angestellte. [43 % Frauen;
Männer 20 %] |
 | baut sich der Anteil der Frauen in den unteren Positionen mit
zunehmendem Alter
nicht so deutlich ab wie bei Männern und nimmt im höheren Alter sogar
wieder zu. |
 | verbleibt die Mehrzahl der Akademikerinnen nur in der Position einer
qualifizierten Fachkraft.
[54 % Frauen; Männer 47 %] |
 | ist der Aufstieg von Akademikerinnen in leitende Funktionen oder in
Selbständigkeit auch mit zunehmendem Alter seltener als bei Männern. [12
% Frauen, Männer 32 %] |
Frag-würdig ist:
 | Können wir es uns leisten, die Bildungsinvestitionen in Frauen als
Fehlinvestitionen abzuschreiben? |
 | Wie gewichten wir die sozialen Arbeiten, die in der Familie von
Frauen und Männern erbracht werden, für unsere Gesellschaft? |
 | Vergessen wir die gleiche Würde von Frau und Mann, unabhängig von
Ausbildung und akademischen Titeln? |
 | Die Würde des Menschen ist unantastbar. So lesen wir im
Grundgesetz. |
 | Der Mensch ist geschaffen nach Gottes Bild und Gleichnis. So lesen
wir in der Bibel. |

Aus meiner Bibliographie zum gleichen Thema:
 | Leistung soll menschlich sein, in: Schmitz, Ph.
[Hg.], Soziale Predigten zu Gegenwartsfragen, Innsbruck; Wien: Tyrolia, 1982, S.
38-41 |
 | Das Recht auf Arbeit, in: Klein, W./Krämer, W
[Hg.], Sinn und Zukunft der Arbeit. Konsequenzen aus Laborem Exercens, Mainz:
Grünewald, 1982, S. 118-130 |
 | Arbeitslos - was nun? Erfahrungen mit Arbeitslosen, in:
Personal. Mensch und Arbeit 35 [1983] 259-263 |
 | Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland - Situation und
Zukunftsperspektiven, in: Kerber, W. [Hg.], Arbeit
und Beschäftigung. Referate einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frankfurter
Sozialwissenschaftler und -praktiker vom 5.-8. September 1983 in Frankfurt, St.
Georgen, Bonn: aksb, 1984, S. 15-41 |
 | "Solidarität ist unsere Stärke". Gedanken zum 1. Mai 1991, in:
L'OSSERVATORE ROMANO, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 21. Jg., NE
17, 26. April 1991, S. 1 |
 | Umbau mit oder ohne Konzept. Ein Beitrag der kirchlichen Soziallehre zum
Sozialstaat. in: Der Umbau des Sozialstaats.
Blickpunkte. Schriftenreihe des Cartellverbandes der katholischen deutschen
Studentenverbindungen [CV], Nummer 1/1996, [München 1996] S.17 - 41. |

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