Ethische Entscheidungsfindung: Eine Einführung
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Dr. Benno Kuppler

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Ethische Entscheidungsfindung.
Eine Einführung in die Grundlagen der Ethik.
in: Hirschberg, Bund Neudeutschland [ISSN 1432-8305] Ausgabe Nr. 7/8 - Juli-August 2002, S. 360-363
[Bundestag des ND-KMF in Winterberg, 1. bis 6. April 2002: Christen zwischen Geld & Gott, Wirtschaft & Ethik]

P. Dr. Benno Kuppler SJ, werte-wirtschaft-weiterbildung, München

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Ein konkretes Beispiel aus unserem Arbeitskreis am Anfang

Was macht eine Ärztin, deren Einkommen durch eine Gebührenordnung geregelt wird, wenn die Kosten der Praxis steigen? Darf sie Mitarbeiterinnen, die schon lange in der Praxis mitarbeiten, entlassen und junge, preiswerte Mitarbeiterinnen anstellen, um Personalkosten zu senken? Wie steht es um die Loyalität des Arbeitgebers gegenüber seinen Mitarbeitern? Darf ich tun, was ich kann? Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen? Verzichte ich auf mehr verfügbares Einkommen, weil ich meine Mitarbeiter angemessen entlohne und meine Einnahmen nicht erhöhen kann? "Was soll ich tun?"

"Was soll ich tun?"

Diese Frage kann man umgangssprachlich stellen, wenn man nicht weiß, womit man sich die Zeit vertreiben könnte. Als ethische Frage entzündet sich die Frage "Was soll ich tun?" normalerweise daran, dass man zwischen mehreren Verhaltensalternativen zu wählen hat: "Wie soll ich mich konkret entscheiden?" Man kann diese Frage unterschiedlich beantworten:

bullet"Halte die Gebote!" Befolge die [Moral-] Vorschriften der Gesellschaft, der Tradition! Übernimm bewährte Regeln!
bullet"Du musst dich selbst entscheiden!" Suche selbst die Antwort! Triff deine ganz persönliche Entscheidung! Blinder Gehorsam ist keine dem Menschen würdige sittliche Haltung.
bullet"Berate mit anderen, was zu tun ist!" Ethische Probleme stellen sich vor allem dann, wenn andere mit-betroffen sind; deshalb muss gemeinsam mit anderen diskutiert und entschieden werden.

Menschen suchen nach Orientierung. Sie tun das für sich selbst, legen sich selbst gegen über Rechenschaft ab über ihr Leben und ihre Lebensführung. Sie tun dies aber auch anderen gegenüber. Menschen reden miteinander darüber, was ihr Leben trägt und auf welches Ziel hin sie leben. All dies ist Gegenstand ethischen Nachdenkens. Wer "überlegt" handeln und nicht "planlos-beliebige" Entscheidungen treffen will, braucht dafür Maßstäbe, Kriterien und Ziele. Diese werden in einer "ethischen Besinnung" bewusst thematisiert.

Notwendigkeit ethischer Besinnung

Gerade weil der Mensch abwägen, wählen und urteilen kann, weil er nicht triebgebunden, nicht festgelegt ist, sondern "weltoffen" und "frei", ist er zu eigenen Entscheidungen genötigt. Der Mensch findet sich immer wieder in Situationen vor, in denen die Interessen und Wünsche der Beteiligten sich nicht decken. Konflikt-Situationen nötigen dazu, darüber nachzudenken, welche Interessen Vorrang haben sollen, welche [ge]wichtiger, welche "wertvoller" sind. Er findet sich immer schon in einer Kultur vor, in der ihm [normative] "Regelungen" menschlichen Lebens und Sich-Verhaltens vermittelt werden ["Sozialisationsprozess"]; eine Geschichte von Wertdiskussionen und Wertsetzungen [Werturteilen].

Ethischer Pluralismus?

Ethische Diskussion führen wir heute mit Diskussionspartner, die unterschiedliche Positionen vertreten, die unterschiedlich argumentieren, die ihr Leben recht verschieden gestalten. Wie können Menschen mit widersprüchlichen ethischen Positionen und Anschauungen sinnvoll miteinander umgehen, sich verständigen? Ethik hat also auch die Aufgabe, angesichts des vorfindlichen Pluralismus bei ethischen Fragen und Antworten, die Möglichkeiten einer ethischen Diskussionsgemeinschaft aufzuzeigen.

Einige Begriffsklärungen

Moral: Grundbestand sittlicher Verhaltensweisen, die bestimmten Wertvorstellungen bzw. Normen verpflichtet sind [moralische Verhaltensweisen]. Als einen "moralischen Menschen" bezeichnet man einen Menschen, der den allgemein anerkannten Wertvorstellungen gemäß lebt. Die "Moral einer Gesellschaft" meint die gesellschaftlich übliche Praxis im Bereich des Sittlichen, ihr durch Wertvorstellungen bestimmtes Verhalten, ihre Sittlichkeit.

Moral, als inhaltlicher Grundbestand an Wertvorstellungen, und Moralität sind zu unterscheiden. Moralität meint die Grundlagen, Bedingungen und Prinzipien von Moral, also eben das, was der inhaltlich bestimmten Moral zugrunde lieg. Die Moralität einer Handlung besteht darin, dass sie einer [irgendwie] bestimmten Moral folgt.

Ethos ist in etwa gleichbedeutend mit "Moral", allerdings meist mit einem höheren Grad von "Bewusstsein", als bewusst vertretene Moral.

Ethik umfasst die Theorie der menschlichen Lebensführung, die Theorie des sittlichen Verhaltens und auch die Theorie menschlicher Lebensformen. Ethik ist die systematische Darstellung des Ethos, der Moral. Sie ist die Reflexion sittlichen, moralischen Verhaltens und die denkerische, "wissenschaftliche" Analyse, Darstellung und auch Begründung der Moral. Sie betreibt auch Untersuchungen zur Moralität der Menschen und spezieller Berufsgruppen. Acht unterschiedliche Ansätze ethischer Argumentation werden in der Theorie unterschieden.

1a] deontologische Ethik

bulletIst "das Gute" etwas immer schon Feststehendes, etwas von menschlicher Erkenntnis und Einsicht unabhängig Vorgegebenes, so dass es "nur" darauf ankommt, das sittlich Gebotene zu erkennen? Deontologische Ethik fordert: Tue das Gute [Verpflichtende] um seiner selbst willen, weil es als "das Gute" eben auch "das Gebotene" ist.

1b] teleologische Ethik

bulletSind die Normen für menschliches Handeln abzuleiten von Zwecken und Zielen, die durchaus diskutierbar, eventuell sogar unterschiedlich festsetzbar sind? Teleologische Ethik fordert: Handle so, dass das festgelegte [sittliche] Ziel erreicht wird!

2a] heteronome Ethik

bulletIst "das Gute" etwas dem Menschen Vorgegebenes, das ihm gleichsam "von außen" befohlen wird und weder von seiner Zustimmung noch gar von eigener Selbstbestimmung abhängig ist?

2b] autonome Ethik

bulletIst eine "menschliche Moral" grundsätzlich eine solche, die der Mensch sich selbst gibt, weil er selbst sein eigener Gesetzgeber ist und eine menschliche Entscheidung immer eine freie, selbst-bestimmte Entscheidung ist?

3a] Normenethik

bulletKönnen konkrete Handlungsanweisungen von grundsätzlich immer gültigen Normen abgeleitet werden? Erlauben vorgegebene Normen dann auch grundsätzlich immer gültige Beurteilungen von Sachverhalten?

3b] Situationsethik

bulletIst jede konkrete Situation von jeder anderen so verschieden, dass erst die Einsicht in die Situation auch Einsicht in das jeweils situationsspezifisch sittlich Gebotene gewährt?

4a] Gesinnungsethik

bulletIst für die sittliche Qualität eines Verhaltens entscheidend, was man gewollt hat, welche Gesinnung hinter dem Handeln steckt, unabhängig davon, ob das "gut Gemeinte" sich dann auch faktisch - im nachhinein - als etwas Gutes herausstellt?

4b] Verantwortungsethik

bulletDarf ein Handeln nur dann als "sittlich gut" qualifiziert werden, wenn es zum Erfolg führt und wenn die tatsächlichen Konsequenzen verantwortet und für gut befunden werden können?

Prozesse ethischer Urteilsfindung

Darin kann und muss argumentiert werden, d.h. sich bis zu einem gewissen Grad aus eigener "Betroffenheit" lösen und die eigenen Überlegungen in "distanzierter" Weise auch in einen öffentlichen Prozess der Urteilsbildung einbringen. Fünf Schritte ethischer Urteilsfindung sind zu unterschieden.

1.] Feststellung des Problems

Zunächst einmal klären, worin in dem zur Diskussion stehenden Problem-Fall die "ethische Aufgabe", die "ethische Herausforderung" besteht. Nicht jedes Problem ist ein ethisches Problem. Bei diesem ersten Schritt "Problemfeststellung" spielt das ethische Problembewusstsein, die "sittliche Sensibilität" eine wichtige Rolle.

2.] Analyse der Situation bzw. des Sachverhalts

Ethische Probleme sind eingebettet in eine ganz bestimmte Situation, in ein Netz von Abhängigkeiten und Einflüssen. Oftmals ist es aber gar nicht möglich, alle Informationen einzuholen, die für die Beurteilung eines Problemfalles notwendig wären. Die Analyse eines komplexen Sachverhalts ist zunächst aber ein intellektuelles, kein ethisches Problem.

3.] Erörterung der Verhaltensalternativen

Handlungsanweisungen können nicht einfach von ethischen Normen abgeleitet werden. Es gilt, verschiedene vorgegebene Lösungsmöglichkeiten "aufspüren", tatsächliche [realisierbare] Verhaltensmöglichkeiten "aufspüren", jeweilige Motive klären, jeweilige Ziele und Mittel zur Diskussion stellen und die voraussichtlichen Folgen der Verhaltensmöglichkeiten klären.

4.] Prüfung der Normen

Welche der Verhaltensalternativen entspricht am ehesten denjenigen Normen, mit denen wir uns "identifizieren" und die wir als uns verpflichtend anerkennen. Wichtig ist, zu beachten: Von den Normen können keine konkreten Handlungsanweisungen abgeleitet werden. Normen haben vielmehr die Funktion, die tatsächlich gegebenen bzw. möglichen Verhaltensalternativen zu beurteilen und eine begründete Entscheidung für eine dieser Alternativen zu ermöglichen.

Normen begegnen uns in verschiedenen Abstraktionsgraden: Als "Grundnorm" [Beispiel: "Liebe deinen Nächsten!"]. Als ethische Leitlinie auf der Ebene "mittlerer Konkretion" [Beispiel: "Beachte, dass Chancengleichheit gewahrt bleibt!"]. Als problemspezifische Forderung [Beispiel: "Alle sollen die Möglichkeit haben, einen Arbeitsplatz zu bekommen."].

5.] Urteilsentscheid

Im Urteilsentscheid müssen alle vorangegangenen Schritte zu einem Urteil führen, sich zu einer sittlichen Entscheidung zusammenfügen. Dabei wirken viele Faktoren zusammen: Sachinformationen, Willenskraft, Entschlussfreudigkeit, Bereitschaft und Fähigkeit, sich festzulegen. Der eigentliche Entscheidungsprozess kann im einzelnen nicht mehr exakt analysiert werden. Dem entspricht es, dass sittliche Entscheidungen letztlich als persönliche Entscheidungen, als "Gewissensentscheidungen" respektiert und geschützt werden [müssen]. Es gibt hier einen Bereich, der dem Zugriff der anderen, auch der kirchlichen Obrigkeit, entzogen ist. In der sittlichen Entscheidung als einem persönlichen Entschluss verwirklicht sich der Mensch als freier Mensch. "Ich entscheide mich, das oder jenes zu tun, mich so oder so zu verhalten."

6.] Überprüfung der Angemessenheit des Urteils

Wenn man sich für eine bestimmte Verhaltensweise entschieden hat, wird man diese Entscheidung auch weiterhin durchdenken; man wird prüfen, ob sie sich [auch nachträglich] als eine sittlich vertretbare Entscheidung herausstellt. In vielen Fällen wird es so sein, dass diese Überprüfung erst dann möglich ist, wenn man die möglicherweise nicht vorhersehbaren Folgen des Verhaltens tatsächlich zur Kenntnis nehmen und fragen kann, ob sie auch im nachhinein ethisch zu verantworten sind.

Was bleibt?

Der Arbeitskreis sammelte Stich-Worte. Reiz-Worte standen im Raum. Schlag-Worte wurden gewechselt, ohne zu verletzen. Und es war unüberhörbar: "zwischen" Markt und Moral lebt der konkrete Mensch, der sich fragt: "Was soll ich tun?"

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