Freizeit als neuer Reichtum
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Dr. Benno Kuppler

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Freizeit als neuer Reichtum

Dr.sc.soc. Benno Kuppler SJ

"Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich versteht." Hannah Arendt brachte diese Aussage im Jahre 1958 zu Papier. Aber am Ende des zweiten Jahrtausends sind "die" Deutschen "Weltmeister" in Urlaubsreisen, und ein deutscher Bundeskanzler meinte, vor dem "Freizeitpark Deutschland" warnen zu müssen.

Freizeit als neue Sinnfrage

"Freizeit" scheint zum Gegenbegriff von "Arbeit" geworden zu sein. Freizeit drückt eine Sehnsucht aus, die den Alltag der Arbeit vergessen macht. Freizeit verweist auf Freiheit, auf Unabhängigkeit, auf Selbstbestimmung hin. Die Arbeit dient dem Lebensunterhalt, die Freizeit wird Lebensinhalt. Als Teil der Sinnfrage des eigenen Lebens verunsichert Freizeit zugleich, weil sie mir als meine ureigene und private Aufgabe zur Gestaltung übertragen bleibt.

Arbeit wird nur noch als bezahlte Beschäftigung verstanden. Sie ist nur noch als in Geld gewertete Leistung gesellschaftlich anerkannt. Das "wirkliche" Leben spielt sich nicht mehr am Arbeitsplatz ab, sondern in einer sich entwickelnden Freizeitkultur unserer "Erlebnisgesellschaft" [G. Schulze]. Für die Gestaltung meiner freien Zeit als Muße bin ich selbst verantwortlich. Deshalb beginnt für den einzelnen der "Freizeit-Stress" [H. W. Opaschowski], weil dieser Spiel-Raum "erfolgreich" gestaltet werden muss.

Der persönlichen Vorbereitung der Freizeit kommt hohe Bedeutung zu. Welche Art von Freizeit ist für mich, für uns die richtige? Will ich meinen gewöhnlichen Lebensraum intensiver kennen lernen, gleichsam als Feriengast bei mir daheim? Brauche ich einen Aktiv-Urlaub als Ausgleich für meinen Körper? Ist eine Kulturreise sinnvoll, um neue Eindrücke zu sammeln? Allgemeiner gefragt: Was tut mir, was tut uns jetzt gut als Freizeit? Nicht jede Freizeit-Mode gibt die angemessene Antwort auf meine Bedürfnisse und entspricht meinem Lebensentwurf.

Vita activa und Vita contemplativa

Das Christentum hat in der Tradition des jüdischen Glaubens immer zwischen vita activa und vita contemplativa unterschieden. So wie das Arbeiten Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes ist, laden der jüdische Sabbat und der christliche Sonntag zur Teilhabe am Ausruhen Gottes, an seiner Muße ein. "Ora et Labora", die Mönchsregel des heiligen Benedikt, wurde bestimmend für die abendländische Kultur.

Die Arbeit in der Landwirtschaft ordnete sich dem Jahreskreis der Natur unter, und das Läuten der Glocken teilte die Zeiten des Tages ein. Beim "Angelus-Läuten" am Mittag war es an der Zeit, Mahl zu halten. Und wenn die Vesperglocken läuteten, kehrte man vom Feld nach Hause zurück. Es begann die Zeit der Muße. Die bäuerlichen und handwerklichen Produktionsverhältnisse waren mit kirchlichen Traditionen von Kult, Feier und Muße leichter zu versöhnen.

Arbeit als Entfremdung

Im 17. Jahrhundert wird aus dem animal rationale, dem vernunftbegabten Wesen Mensch das animal laborans, der arbeitende Mensch. Der Zusammenhang von Arbeit und Muße beginnt sich aufzulösen. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts treibt diese Entwicklung weiter voran. Die Arbeit wird als "Entfremdung" erfahren und gedeutet, nicht nur von Karl Marx, sondern auch von christlichen Denkern wie Franz von Baader. Die industriellen Produktionsverhältnisse folgen nicht mehr den Traditionen des Abendlandes. Die Maschinen kennen keinen Abend und keinen Morgen. Sie lohnen sich nur, wenn sie lange laufen, weil ihre Anschaffung teuer ist. Die Maschine nimmt den Menschen in ihren Dienst.

Die Entwicklung des tertiären Sektors, der Dienstleistungen, bedeutet für viele eine Alternative zur kirchlichen Tradition von Kult, Feier und Muße. Freizeit wird kommerzialisiert. Immer mehr Menschen müssen auf den Sonntag als Ruhetag verzichten, damit andere Menschen ihrem Freizeitvergnügen nachgehen können.

Arbeit versus Freizeit

Arbeit und Muße sind komplementäre Begriffe, nicht ein Gegensatzpaar. Als Gegensatz bedeuten Arbeit und Freizeit: der Mensch arbeitet, um sich dann mit dem verdienten Geld in der Freizeit verwirklichen zu wollen. Wer einmal intensiver mit Arbeitslosen zusammengearbeitet hat, wird gespürt haben, dass von diesen Menschen unbefristete "Freizeit" als Sinnleere, oft sogar als Lebenskrise erfahren wird.

In der "freien Zeit" als Nichtarbeitszeit bin ich nicht frei, das zu tun, was ich will. Viele Aufgaben müssen neben der Arbeitszeit erledigt werden: Hausarbeiten, Kindererziehung, Behördengänge, ehrenamtliches Engagement in Politik und Gesellschaft, Weiterbildung. Die Würde des Menschen verlangt dagegen die Chance der Selbstverwirklichung in Arbeit und Freizeit.

Freizeit als Muße

Muße, Freizeit meint ein kreatives, ein zielgerichtetes, aber zweckfreies Tun, z.B. Musik und Kunst, Sport und Spiel oder Philanthropie. Als Ergänzung zur Arbeitszeit brauche ich diesen zeitlichen Spiel-Raum. Diese Zeit darf nicht meiner Reproduktion für die nächste Runde der Arbeit dienen. Sie soll mir Freude machen. Sie darf mich auch anstrengen, geistig und körperlich. Ich kann sie alleine verbringen oder mit Menschen, die ich mir ausgesucht habe, weil sie mir wertvoll, lieb sind.

Muße ist der Gegenentwurf zu "time is money". Muße ist eingesetzte, engagierte Zeit, ohne nach dem Nutzen zu fragen. Schauen Sie einmal einem kleinen Kind zu, das sich unbeobachtet fühlt, wie selbstverloren dieses mit "nichts" spielen kann. Das ist Muße. Die Italiener benutzen dafür den lautmalerischen Ausdruck: "un lasso di tempo da giostrarmi".

Freizeit als neuer Reichtum

Immer mehr soziale Aufsteiger weigern sich, für ein höheres Einkommen einen Verzicht auf Freizeit als Muße zu akzeptieren. Freizeit wird neu als ein Wert erfahren, der sich nicht in Geld aufwiegen lässt. Hier wird eine gesellschaftliche Herausforderung sichtbar: Wir müssen lernen, Zeitgewinn als eine Form von Reichtum zu verstehen und zu erfahren, ein genügendes [Familien-]Einkommen vorausgesetzt.

Auch die Freizeit hat sich zu einem Markt entwickelt, der Geld erfordert und Gewinn verspricht. Ein Markt der Bedürfnisse weckt und Wünsche unerfüllt lässt. Ein Markt mit Konsumzwängen und mit Freiheit zum Konsumverzicht.

Der "neue Reichtum freiverfügbarer Zeit" bedeutet Chance und Gefahr zugleich. Freizeit, Muße sind in erster Linie nicht eine Frage des "großen Geldes", der weiten Reise oder der ausgefallenen Abenteuer. Muße ist die Art und Weise, wie ich mit mir selbst und anderen umgehe:

bulletdass ich spüre, wo mein Leben und ich alleine von der Arbeit bestimmt werden;
bulletdass ich erfahre, wo ich offen bin für Unerwartetes, für Erlebnisse und Ereignisse, die ich nicht vorausgeplant habe;
bulletdass ich mehr Mensch werde, weil ich mich selbst nicht nur aufgrund der Leistungen meiner Arbeit bewerte.

Freizeit als Selbstfindung

Die Freizeit ist eine wichtige Zeit im Rhythmus des Jahres. Sie ist eine geschenkte und eine verdiente Zeit. Freizeit bietet die Chance, sich selbst von einer anderen Seite kennen zulernen. Dazu brauche ich nicht viel Geld und muss nicht weit weg fahren. Das Wichtigste im Freizeitgepäck ist das eigene Leben mit all seinen schönen Seiten und mit dem, was als bedrückend erfahren wird. Freizeit gelingt nur, wenn ich nicht vergesse, mich selbst mitzunehmen. Denken sie beim Packen daran: nehmen sie sich selbst mit. So erst wird die Freizeit zum Erlebnis.

Freizeit ist die Einladung, mit Leib und Seele bei sich selbst anzukommen, wieder einmal bei sich daheimzusein. Freizeit zu Hause muss deshalb nicht langweilig sein. Freizeit in der Ferne ist keine Risikoversicherung für eine vergnügte, lustvolle Zeit.

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