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Soziale Kälte! Braucht die Wirtschaft Ethik?Vortrag am 5. Mai 2004 bei der
KDStV Vandalia Prag zu München im CV
Über "Soziale Kälte!" in einem politisch aufgeheizten Klima zu sprechen scheint ein Wagnis. Parteien und Tarifpartner streiten sich, nicht erst seit Monaten, wie unser Sozialstaat sich weiterentwickeln solle, ob unser Sozialstaat denn überhaupt noch reformierbar sei und wieweit unser Sozialstaat "schuld" sei an den Standortproblemen Deutschlands. Vordergründig geht es um aktuelle partei- und interessenpolitische Positionsbestimmungen. Grundlegender scheint mir aber eine andere Frage zu sein, zugleich zentraler, aber auch schwieriger: Was macht unsere Gesellschaft zu einer demokratischen, sozialen und humanen Gesellschaft, in der Gruppen und Einzelne klare und fest umrissene Aufgaben und Verantwortlichkeiten haben. Wenn ich zu Euch heute über "Soziale Kälte!" spreche, will ich dem Parteiengezänk keine weitere Facette zufügen und die Zahl von sogenannten "Sachzwängen", hinter denen sich häufig Gruppenegoismen verstecken, nicht vergrößern. Ich will Euch statt dessen zum Thema über "Soziale Kälte!" grundsätzliche Überlegungen vorlegen, Euch einladen und anregen, nachzudenken, wie diese in Eure eigene Lebenswelt zu übertragen wären. "Braucht Wirtschaft Ethik?" so lautet der Untertitel meines Beitrages. Methodisch stütze ich mich dabei auf den sogenannten "Pastoralen Zirkel", mit den fünf Elementen: 1. Erfahrung, 2. Sozialanalyse, 3. Theologische Reflexion, 4. Strategie, 5. Ergebniskontrolle. Einige knappe Hinweise zu den einzelnen Schritten des Pastoralen Zirkels sollen diesen Ansatz verdeutlichen:
Wenn wir aufmerksam in der Welt leben, macht jeder von uns eigene Erfahrungen, auch im Sektor Wirtschaft. Welche Bedürfnisse, welche Wünsche haben die Menschen in der Wirtschaft? Was geschieht mit dem Einzelnen? Was tut die Kirche oder die Kirchen, die Verbände und Gewerkschaften, der Staat in diesem Sektor? Was bringe ich selbst an Vor-Urteilen, an Erlebnissen mit, wenn ich mich diesem Sektor der Welt nähere.
Wir beginnen uns Fragen zu stellen: Wie kommt es zu einer konkreten Situationen? Wer sind die Verantwortlichen? Zu welchen Gruppen zählen sie? Wer hat Entscheidungsmacht? Wer zieht Vorteile aus getroffenen Entscheidungen? Wer bezahlt für die Folgen? Wer sind die Opfer?
Als Christen fragen wir uns dann: In welchen Situationen wird die Botschaft des Evangeliums befördert oder behindert? Welche sozialen Phänomene sind sündhaft, ethisch nicht verantwortbar?
Wie können wir auf diese Nöte als Kirche, als Christen, als Menschen guten Willens antworten? Wo liegt meine und unsere Aufgabe? Wo finden wir Verbündete für unsere Anliegen? Wer oder was sind unsere Gegner?
Was hat sich geändert? Wo müssen wir unsere Anstrengungen fortsetzen? Wo werde ich als Einzelner nicht mehr gebraucht? Wo übernehmen Betroffene die Verantwortung für sich selbst? Wie geht es weiter? Ich werde zu Euch in einer vorwissenschaftlichen Sprache, also umgangssprachlich sprechen als einer, der neugierig auf den Menschen ist. Ziel meines Vortrages ist es nicht, dass Ihr nach unserem gemeinsamen Gespräch heute beim Abendgebet Eure Hände um einem Fünfhundert-Euro-Schein faltet, um sich selbst zu beweisen, dass Ihr meinen Beitrag zu Ökonomie und Theologie internalisiert habt. Was ich mir dagegen sehr wünschte, dass Ihr am Ende meines Vortrages ein wenig Appetit bekommen haben werden, Euch selbst [wieder] intensiver mit der kirchlichen Sozialverkündigung und deren Übersetzung in die Welt von heute, in einem weiteren Sinne mit ethischen Fragen, zu befassen, damit Euer berufliches Engagement eine solide Grundlage hat und Ihr ökonomisch nicht nur "von der Hand in den Mund lebt". Nach meiner Darstellung habt Ihr in der Diskussion das Recht und die Pflicht zu sagen, dass ich die Wirklichkeit sprachlich nicht begriffen habe oder nicht auf den Begriff bringen konnte. Denn der Lerneffekt, auch meines Vortrages, ist erst dann erreicht, wenn jeder selbst zu denken oder nachzudenken beginnt. Damit Ihr Euch mental auf das Kommende vorbereiten können, lege ich Euch die Gliederung meines Vortrags vor.
1 EIN PERSÖNLICHER ZUGANG UND EINIGE SCHLAGLICHTERZu Beginn meines Philosophiestudiums meinte ich, mein früheres Studium der Betriebswirtschaftslehre - ich hatte in Mannheim als Diplom-Kaufmann Examen gemacht - nun endlich vergessen zu können. Da stieß ich in der Philosophie auf Fragen, die so in der BWL und VWL nicht vorkamen oder die ich damals nicht als wichtig ansah. Was sind die geistigen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften? Woher kommt diese Disziplin? Und ich lernte, neben vielem anderen, dass Adam Smith, der Urvater der Nationalökonomie, Professor für Moral gewesen war. Adam Smith hatte bereits viele Jahre vor seinem bekannten Buch über "Wohlstand der Nationen" [An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776] die "Theorie der moralischen Gefühle" [The Theory of Moral Sentiments, 1759] geschrieben. Die Theologie erfuhr ich zunächst als Paraphrase, als "Drumrum-Reden", schließlich jedoch als Reflexion auf Jesus von Nazareth, der als Sohn Gottes offenbart ist, und dessen Botschaft im Vollzug des christlichen Glaubens immer wieder neu in die jeweilige Gegenwart ausbuchstabiert werden muss. Dabei erlebte ich, dass der Glaube nicht irgend etwas "Zusätzliches" zum "wirklichen" Leben, sondern die Grund-Lage meines Lebens ist. Unsere deutsche Gesellschaft bezeichnete sich selbst gerne als Wohlstandsgesellschaft. Es gab eine unausgesprochene Übereinstimmung, einen Konsens, unter den Bürgern, dass es allen gut gehen und jedem der Weg zu Wohlstand offen stehen sollte. "Wohlstand für alle" war das Ziel gesellschaftlicher und politisch-wirtschaftlicher Aktivitäten. Ein berühmter Student und späterer Professor der Handelshochschule Nürnberg - wo ich als Hochschulpfarrer arbeitete - hatte diesen Slogan geprägt: Ludwig Erhard. Viele Zeichen wiesen auf das Wohl hin, das jedem ins Haus stand: erst der Schwarzweiß-Fernseher, dann der Farbfernseher und die Videoanlage, der Wäschetrockner, die Geschirrspülmaschine, heute der Laptop, auf dem ich meinen Vortrag ausgearbeitet habe. Jeder kann die Aufzählung für sich ergänzen. Aber irgendwie geht diese Rechnung mit dem Wohl-Stand nicht auf: heute, am 05. Mai 2004 zählt die Bundesagentur für Arbeit über 4.443.400 registrierte Arbeitslose in Deutschland. Und schon Kinder von 12 Jahren sorgen sich heute um ihre künftige Rente, wie die Shell-Jugendstudie 1997 ausweist. Die im Wohlstand leben, merken, dass der Wohlstand nicht sicher ist. Das Wohl hat keinen Stand. Wohlstand auf wackeligen Beinen. In den hinteren Seiten der Zeitungen steht dann bei Kurzmeldungen, es habe sich ein Arbeitsloser, ein Asylbewerber, ein Mensch selbst umgebracht, weil er an seinem Schicksal verzweifelte, nicht am Wohlstand beteiligt zu sein. Und wenn wir über unseren eigenen Tellerrand des vereinten Deutschlands in die Welt schauen, in den Süden und Osten Europas oder gar in die "Dritte Welt", dann verdunkelt sich der Horizont noch einmal: Not, Elend, Mangel, wirtschaftliche Abhängigkeiten vom reichen Norden. Die Welt ist ein "sensibles Mobile". Auf diesem Hintergrund spreche ich über "Soziale Kälte!". Zunächst will ich einige Grundlagen herausstellen, die für eine ethische Betrachtung von Bedeutung sind. 2 ZUM MENSCHENBILD DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHREJeder, der den christlichen Glauben im Alltag leben will, stößt schnell auf eine Schwierigkeit. In Bildern einer uns fremden Kultur werden in der Heiligen Schrift menschliche Erfahrungen zur Sprache gebracht, die uns auf den ersten Blick nicht mehr nachvollziehbar sind. Das soziale, ökonomische und politische Umfeld des Alten Testamentes und des Neuen Testamentes erscheint uns mit unserer eigenen Lebenserfahrung nicht kompatibel, die Sprache der Zehn Gebote nicht mehr verstehbar. Wenn wir uns aber der Mühe unterziehen, die Texte der Bibel ein wenig intensiver zu studieren, vielleicht auch mit Hilfe von Kommentaren, dann sehen wir, dass in der Bibel Grundfragen des Menschen angesprochen werden, die auch heute noch unsere Fragen sind. Diese übersetzt das kirchliche Lehramt, der Papst und die Konzilien für die Weltkirche und die Bischöfe für ihre Diözesen, durch die Sozialverkündigung der Kirche in die Welt von heute. Deshalb steht im Zentrum der katholischen Soziallehre, wie sie uns in den Sozialenzykliken vorgelegt wird, die christliche Anthropologie, die Lehre vom Menschen. Analoges gilt für die evangelische Sozialethik. In der Geschichte der Philosophie und im Streit der Ideologien von Karl Marx, über den Liberalismus bis zu christlichen Deutungsversuchen unserer Tage stand und steht immer das richtige Verständnis vom Menschen im Mittelpunkt. Manchem von Euch sind sicherlich jene vier Grundsätze, auch Prinzipen genannt, bekannt, die immer wieder als wesentliche Bausteine der christlicher Soziallehre bezeichnet werden: Personalität - Subsidiarität - Solidarität - Gemeinwohl Einige Stichworte sollen Euch die Inhalte ins Gedächtnis rufen:
Solidarität betont als Grundsatz die gemeinsame Verpflichtung und sichert als Rechtsprinzip die Subjektstellung der Person. Solidarität und Gemeinwohl lassen sich nicht voneinander trennen, sie sind die beiden Seiten einer Medaille. Auch das Subsidiaritätsprinzip ist über die katholische Soziallehre hinaus bekannt, wenn es auch manchmal fälschlich als "katholisches Dogma" bezeichnet wird. Denn das Subsidiaritätsprinzip, ausdrücklich formuliert im Jahre 1931 von Pius XI. in "Quadragesimo Anno" NE 79, ist ein sozialphilosophischer Grundsatz, eine reine Vernunfterkenntnis. In Bezug auf das staatliche Gemeinwesen ist die Subsidiarität schon ein Jahrhundert früher von Abraham Lincoln, dem Präsidenten der USA, formuliert und dem staatsbürgerlichen Bewusstsein der US-Amerikaner eingepflanzt worden, wie P. Oswald von Nell-Breuning SJ nicht müde wurde zu betonen. Es wird auch kurz als "Kompetenzregel" oder als das "Recht der kleinen Lebenskreise" bezeichnet. Durch die Verträge von Maastricht ist das Subsidiaritätsprinzip auch in die Politik der EU eingeführt und bereits jetzt Gegenstand kontroverser Diskussionen zwischen Juristen und Ökonomen im Blick auf seine Anwendung und Anwendbarkeit. In der bundesdeutschen Diskussion, etwa um die Sozialausgaben der Kommunen, scheint dieser Grundsatz oft vergessen zu werden. Prinzipien sind aber "weder christlich noch unchristlich, sondern entweder richtig oder falsch" [Nell-Breuning] sind. Spezifisch christlich ist aber die Lehre vom Menschen, die in der kirchlichen Sozialverkündigung entfaltet wird und für eine humane Wirtschaft grundlegend ist. Die kirchliche Sozialverkündigung ist konstitutiver Teil der Glaubensverkündigung. Sie greift daher immer wieder auf deren Quellen zurück. Die Anthropologie, die Lehre vom Menschen, der katholischen Soziallehre gründet in der Bibel und der theologischen Tradition der Kirche. Einige wenige Hinweise sollen dies in Erinnerung bringen. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist Grundlage der personalen Gleichheit aller Menschen [vgl. Gal 3, 26-28]. Im Heilsplan Gottes [vgl. Eph 1, 3-14] hat der Mensch seit der Schöpfung die zentrale Rolle inne. Er ist aufgerufen, die Schöpfung zur Vollendung zu führen. Das Wirken in der Welt ist Mitwirkung an der Vollendung des Reiches Gottes, das schon anfanghaft begonnen hat. Deshalb ist der Mensch das Maß auch für die Gesetze [vgl. Mk 2, 23-27]. Aus den zahlreichen anthropologischen Texten der Bibel lässt sich ein Menschenverständnis erheben, das in seinen Grundzügen eine 'Trias' bildet: Der Mensch ist - in gegenseitiger Durchdringung - ein personales Wesen, ein soziales Wesen und ein religiöses Wesen. Die katholische Soziallehre entfaltet diese biblischen Grundlagen der Anthropologie in die konkrete Geschichtlichkeit und für konkrete Einzelfragen. Ein klassischer Text ist die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils, besonders in den ersten drei Kapiteln, in denen die Anthropologie entfaltet wird. Die ersten Zeilen drücken bereits das Anliegen aus: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall fände." [GS 1] 3 ETHISCHE WURZELN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTENIn der öffentlichen Diskussion aber wird unsere christlich-abendländische Gesellschaft als "Zweidrittelgesellschaft" oder als "Ellbogengesellschaft" beschrieben. Zweidrittel der Westdeutschen und Dreiviertel der Ostdeutschen empfinden dies so. Irgendwo unterwegs, in den letzten zwanzig Jahren haben wir gemeinsame Werte, Grundwerte, verloren, die uns heute als "selbstbezogen" erscheinen lassen. Das individuelle Wohlergehen ist messbar angestiegen: 1974 wollten 27% der Bevölkerung das Leben genießen, 1994 waren es bereits 51%. Die eigene materielle Versorgung war 62% erstrebenswerter als ein Engagement für andere Menschen [42%]. Wir leben in einem Übergang zu einer situations- und einzelfallbezogenen Moral. Die Wirtschaft scheint den ethischen Maßstab für das Politische abzugeben. Schon 1997 überschrieb das SZ-Magazin [Nr. 21 vom 23. Mai 1997] den Artikel "Verkehrte Welt" mit: "Weshalb unsere Topmanager beim Absahnen ständig gegen die Spielregeln verstoßen. Deutschland, ein Monopoly." Dass es in den Wirtschaftswissenschaften nicht nur um Sachfragen geht, wurde von Professoren nie in Zweifel gezogen. Wertfragen müssen vielmehr stets auch mitbedacht werden, obwohl diese aus methodischen Gründen häufig ausgeklammert und dann vor der Klammer "vergessen" werden. Denn ein Wissenschaftler, der normativ argumentiere, werde unter Kollegen nicht geschätzt, wie mir ein Professor bei einem Glas Wein gestand. Peter Ulrich fordert, die Ökonomie wieder stärker an die authentischen lebensweltlichen Bedürfnisse anzubinden und entfaltet deshalb eine Transformation des ökonomischen Rationalitätsprinzip zu einer kommunikativen Ethik der Ökonomie. In den Wirtschaftswissenschaften herrscht oft eine empiristische Ethik, stellt Arthur Rich fest: "Der 'homo oeconomicus' ist nicht nur auf seinen persönlichen Nutzen bedacht, er handelt nach dem Urteil der Empiriker auch 'rational', also so, wie man handeln soll, weil es sich der Mensch doch schuldig sei, 'vernünftig' zu handeln. Das wirtschaftliche Nutzdenken, das dem ökonomischen Egoismus nahe steht, wird hier also a priori, wenngleich kaschiert, als ein normativer Wert verstanden." So wird eine heimliche Normenethik betrieben, weil aus dem So-Seienden ein Sein-Sollendes gefordert werde. Die Grundbegriffe der Erkenntnislehre werden von Ökonomen häufig verkannt. Damit ist die Frage nach der Eigengesetzlichkeit der Wirtschaft aufgeworfen. Mit Begriffen wie Sachgerechtigkeit, Sachnotwendigkeiten, Sachzwänge wird sie oft umschrieben. "Eigengesetzlichkeit der Wirtschaft, im ganz strengen Sinn des Wortes genommen, gibt es ... nicht. Denn die Wirtschaft ist nicht aus der Natur hervorgegangen, sondern der Aktivität des Menschen entsprungen...". Der Mensch "muß sich für den Sachbereich der Wirtschaft ebenso verantwortlich wissen, wie er es auch auf den anderen Gebieten des Lebens tut. Denn auch die Wirtschaft wird von dem Menschen gestaltet und ist keineswegs einem blinden Geschick unterworfen". Joan Robinson drückt dies so aus: "Werturteile aus dem Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften eliminieren heißt den Gegenstand eliminieren, denn da es sich um das menschliche Verhalten handelt, muß man sich mit den Werturteilen der Menschen befassen...". Diese angeblichen Sachzwänge der Wirtschaft bestimmen in der Folge das Denken und Handeln verantwortlicher Politiker bei der Gestaltung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unseres Staates. Die sozialen Sicherungssysteme zählen ohne jeden Zweifel zu der wichtigsten Gestaltungsaufgabe der Politik. Der tatsächliche oder vermutete Zwang scheint die Reflexion auf die grundlegenden Bedingungen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handelns zu verbieten. In ein Gespräch mit Betroffenen und Fachleuten einzutreten, um die tieferen Beweggründe darlegen zu können, gerade wenn es um soziale Forderungen geht, scheint die Zeit zu fehlen. Dafür muß in der öffentlichen Diskussion "Der Sozialstaat als Sündenbock" herhalten, weil die jeweils Herrschenden eine "Politik für Schlaraffenland" betreiben, mehr noch, "Regierung und Arbeitgeber betreiben Missbrauch, nicht aber die bedürftigen Leistungsempfänger". Festzuhalten ist mit Thomas von Aquin, dem großen Theologen des Mittelalters, deshalb: "Der Mensch mit seiner sittlichen Lebensaufgabe wird das Maß aller Wirtschaft. Es gibt keine Autonomie wirtschaftlicher Interessen außerhalb der sittlichen Ordnung ..." Das Recht zum wirtschaftlichen Interesse ist seinerseits eine logische Konsequenz des naturale dominium des Menschen über die übrige Schöpfung. Die Pastoralkonstitution des II. Vaticanums "Gaudium et spes" erkennt deshalb die "Eigengesetzlichkeiten der irdischen Wissenschaften" ausdrücklich an [vgl. GS 36]. Den Wirtschaftswissenschaften soll damit kein zusätzlicher moralischer Aspekt hinzugefügt werden, "sondern [das Moralische; BK] ist eine Weise, die Perspektiven und Argumente der Wissenschaften zur Kenntnis zu nehmen, sie zu ordnen und zu bewerten und sie für die Praxis wirksam werden zu lassen". Eine verabsolutierte Eigengesetzlichkeit führt nämlich auch in der Wirtschaft dazu, "dass sie eine von der Freiheit getrennte eigene Logik und Dynamik gemäß den ihnen innewohnenden Notwendigkeiten entfaltet". Diese werden dann Sachzwänge genannt. "Moralität heißt so viel wie Sachgerechtigkeit und kann nicht in dem abstrakten Gegensatz eines moralischen Sollens gegenüber ökonomischen Sachargumenten bestehen." Das gilt es zu bedenken, wenn wir uns wirtschaftlichen Sachfragen im Einzelnen widmen. Weder die Wirtschaft, noch die Politik können alleine aus ihrem Sachbereich heraus Normen begründen, die gesellschaftlich akzeptiert werden. Es bedarf der Kommunikation mit allen gesellschaftlichen Gruppen, um einen Konsens in Grundwerten zu erzielen. Deshalb schlug Papst Paul VI. - in der breiten Öffentlichkeit mehr durch seine "Pillen"-Enzyklika bekannt - bereits im Jahre 1971 einen Paradigmawechsel vor: statt der Wirtschaft den zentralen Platz innerhalb der Gesellschaft einzuräumen, sollte die Politik an die erste Stelle rücken [vgl. OA 46-47]. Denn nur eine politische Autorität kann das Gemeinwohl sichern und so das soziale Gebilde zusammenhalten. Dabei müssen aber die "berechtigten Freiheiten von Personen, Familien und der intermediären [subsidiären] Gruppen" [OA 46] gesichert sein. Deshalb erinnert seine Sozialenzyklika "Octogesima adveniens" an das Subsidiaritätsprinzip aus dem Jahre 1931. Ein wenig salopp formuliert gilt: Ohne Konsens in den Grundwerten ist kein Sozial-Staat zu machen, erst recht keine wiedervereinte deutsche Wohlstands-Gesellschaft. Schauen wir deshalb noch einmal zurück in unsere Geschichte. 4 SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT IST KEIN FEIGENBLATTErstmals im Artikel 1, Absatz 3 des zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen DDR abgeschlossenen völkerrechtlichen Vertrags über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 18.05.1990 wird die "Soziale Marktwirtschaft" als Wirtschaftsordnung staatsrechtlich vorgeschrieben. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist sie nicht ausdrücklich verankert, dort aber schreibt der Artikel 20 vor, für den Ausgleich sozialer Gegensätze zu sorgen. Der Begriff "soziale Marktwirtschaft", damals noch mit kleinem "s", wird 1946 von Alfred Müller-Armack geprägt, aber nicht eindeutig beschrieben. Er wird als Gegenentwurf zum Laissez-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhundert in der Tradition der "Freiburger Schule" [Alexander Rüstow 1885-1983, Walter Eucken 1891-1950, Wilhelm Röpke 1899-1966, Friedrich August von Hayek 1899-1992, Alfred Müller-Armack 1901-1978] entwickelt. Diese "neoliberale Wirtschaftsordnung" weist dem Staat die Aufgabe zu, die Bedingungen herzustellen, unter denen sich funktionsfähige Marktformen und Geldordnungen entfalten können. Die Ordnungsmaßnahmen des Staates sollen den Leistungswettbewerb gewährleisten. Alfred Müller-Armack geht über diesen neoliberalen Ansatz hinaus, wenn er neben die ökonomischen unabdingbar auch soziale Steuerungselemente setzt. Als konstituierende Grundprinzipien nennt er: 1. Preisbildung bei vollständiger Konkurrenz, 2. Geldwertstabilität, 3. Offene Märkte, 4. Privateigentum an Produktionsmitteln, 5. Vertragsfreiheit, 6. Prinzip der vollen Haftung, 7. Konstanz der Wirtschaftspolitik, 8. Der Grundsatz der Zusammengehörigkeit der konstituierenden Prinzipien. Die Zusammengehörigkeit der Prinzipien ist so wichtig, dass einzelne von ihnen bei isolierter Anwendung ihren Zweck völlig verfehlen können und sich ins Gegenteil des Angestrebten auswirken. Die Wirtschaftsordnung als Gestaltungsaufgabe war für Alfred Müller-Armack eine Zweckmäßigkeitsfrage, keine moralische. Der Mensch ist das ethische Subjekt, die Wirtschaft aber Objekt ethischen Handelns. Die "Soziale Marktwirtschaft" ist als ökonomisch und sozial gesteuerter marktwirtschaftlicher Prozeß begründet und zu verstehen. Als solcher ist er Ausdruck des Art. 20 GG, jenes Verfassungsgrundsatzs, der den Ausgleich der sozialen Gegensätze fordert. In seiner Sozialenzyklika "Centesimus Annus" [1991] beschreibt Johannes Paul II. eine Form des ethisch vertretbaren Kapitalismus, in der ich die Idee der sozialen Marktwirtschaft gespiegelt sehe, auch wenn der Name nicht erwähnt wird. Einige Elemente sollen hier genannt werden: Bemühen, um den Aufbau demokratischer Gesellschaften, die sich von sozialer Gerechtigkeit leiten lassen; Methoden der freien Marktwirtschaft mit stabilen Währungen und Sicherheit der sozialen Beziehungen; öffentliche Kontrolle, die das Prinzip der Bestimmung der Güter der Erde für alle wirksam zur Geltung kommen läßt; gute Arbeitsbedingungen; Systeme sozialer und beruflicher Sicherheit; Vorkehrungen für den Fall der Arbeitslosigkeit. Ziel der "freien Marktwirtschaft" muß es sein, "die Arbeit ihres Warencharakters zu entkleiden" [CA 19]. Die reale politische und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland hat sich aber von dem theoretischen Modell Müller-Armack's und seinem Anspruch im Laufe der Jahrzehnte "emanzipiert". Der Grundsatz der Zusammengehörigkeit der konstituierenden Prinzipien ist zu oft nicht befolgt worden, und die regulierenden Prinzipien wurden politischen Umverteilungsanliegen geopfert, nicht erst seit der Wende von 1982. Es sei nur die "ewigen" Diskussionen um den Subventionsabbau in den verschiedenen Sektoren der Wirtschaft und der Landwirtschaft und eine wirksame Monopolkontrolle genannt. Der Begriff "Soziale Marktwirtschaft" bedeckt schamhaft als Feigenblatt eine an Gruppenegoismen orientierte Sozial- und Wirtschaftspolitik seit den 70-iger Jahren. 5 DER MENSCH IST ETHISCHES SUBJEKT - DIE WIRTSCHAFT IST ETHISCHES OBJEKTIm Gespräch mit einem jungen Studenten stellte der Satiriker Karl Kraus einst die Frage: "Sie wollen Wirtschaftsethik studieren? Dann studieren Sie entweder das eine oder das andere!" Wirtschaft und Ethik gehören offensichtlich von Hause aus nicht zusammen, schon eher Wirtschaft und Korruption, wie Daniel Defoe, der Verfasser von Robinson Crusoe, meinte: "Jeder akademische Grad in Ökonomie beinhaltet eine Einladung zum Bösen." Lasst mich das bisher Gesagte noch einmal anders formulieren, um meinen Beitrag zu ergänzen, zu systematisieren und abzuschließen. Was heißt "Wirtschaft"? Was heißt "Ethik"? Geht es nur um ein einfache Addition von Wirtschaft + Ethik = Wirtschaftsethik? Ein Dilemma stellt sich jedem, der sich mit dem Themenbereich "Ethik in der Wirtschaft" befaßt, ist dieses: alle verwendeten Begriffe sind nicht univok, sondern äquivok, d.h. es gibt keine eindeutige Definitionen, was unter "Wirtschaft" und unter "Ethik" und unter "Wirtschaftsethik" verstanden wird. Zudem werden neben dem Begriff "Wirtschaftsethik" Begriffe wie "Unternehmensethik", "Unternehmerethik", "Führungsethik", "Ethik für Manager", "Ethik im Wirtschaftsleben" gebraucht, ohne immer ausdrücklich zu machen, was damit gemeint ist. Allen Begriffen scheint aber eine Intention gemeinsam zu sein: Handeln und Verhalten soll im Kontext von Wirtschaft ethisch reflektiert werden. Oder von der anderen Seite her betrachtet: Wirtschaftliches Handeln und Verhalten soll im Blick auf vorhandene oder fehlende ethische Implikationen hin untersucht werden. Lasst mich die Vielfältigkeit der Bedeutung von "Wirtschaft" an zwei Polen verdeutlichen: "Wirtschaft" als Veranstaltung zur Profitmaximierung und "Wirtschaft" als Kultursachbereich zur Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen. Dazwischen liegen andere Bedeutungen wie: Wirtschaft=Unternehmen, Wirtschaft=Arbeitgeber, Wirtschaft=alle Menschen im Erwerbsleben. So muß jedesmal hingeschaut werden, wer das Subjekt des Wirtschaftens ist: einzelne Personen, Personen-Kollektive, juristische Personen, Institutionen und Organisationen oder gar der Staat, wo er Rahmenbedingungen für die Wirtschaft setzt. Die Vielfältigkeit des Begriffes "Ethik" kann auch an zwei Polen verdeutlicht werden: "Ethik" als moralische Normen, die christliche Kirchen verkünden, und "Ethik" als Anspruch des individuellen Gewissens einer Person. Der Begriff "Ethik" wird sowohl in Philosophie als auch in Theologie verwendet. In beiden Bereichen werden Individual- und Sozialethik unterschieden. Grundanliegen jeder Ethik ist die Unterscheidung von gut und böse, um das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Umstritten ist der Bezugspunkt: Wer oder was ist das Gute oder der Gute schlechthin? Wenn Euch jemand Rezepte anbietet, wie konkrete Fragen des Wirtschaftens ethisch verantwortlich zu beantworten seien, solltet Ihr zunächst einmal skeptisch sein und weiterfragen. Einfache Lösungen jedenfalls können sich als Holzwege erweisen. Ein Holzweg ist die Dominanz der Ethik. Ein Beispiel hierfür: Johannes Messner, Wirtschaftsethik [1984]. Er geht von der Naturrechtslehre aus. Für Nicht-Theologen stellt sich folgendes Probleme: der Begriff "Natur" als Erfahrungswirklichkeit ist umgangssprachlich besetzt. Was die "Natur" der Sache ist, ist scher vermittelbar. Diese Ethik beansprucht über jeder Einzelwissenschaft zu stehen. Kritiker nennen dies ein "Unterdrückungs-Modell". Ein anderer Holzweg ist die Dominanz der Wirtschaftswissenschaft. Weil die Wirtschaft in der Gesellschaft eine dominante Rolle spielt oder zu spielen scheint, gibt es Versuche, aus der Ökonomie selbst ethische Prinzipien abzuleiten. So gibt es etwa eine "ökonomische Theorie der Moral". Kritiker nennen diese eine "Rechtfertigungsethik", weil damit ein Anspruch auf Allein- oder Besterklärung gestellt werde. Manche sprechen sogar von "ökonomischen Imperialismus". Hintergrund dieser Theorien ist oft die Ablehnung einer kognitiven Ethik. Nur in der Gleichwertigkeit und der Eigenständigkeit beider Disziplinen in einem Interdependenzverhältnis läßt sich eine Wirtschaftsethik entwickeln. Vertreter aus dem Bereich der katholischen und evangelischen Ethik: O. von Nell-Breuning und A. Rich. Als Leitsatz könnte dienen, was A. Rich so formuliert hat: "[Es kann] nicht wirklich menschengerecht sein, was nicht sachgemäß ist, und [es kann] nicht wirklich sachgemäß sein, was dem Menschengerechten widerstreitet." Ich selbst nehme gegenwärtig auch diese Position ein. Drei Voraussetzungen beinhaltet dieser Grundsatz:
In der Wirtschaftsethik geht es immer um menschliches Handeln mit den beiden Polen:
Ethisches Urteilen muß beide Pole berücksichtigen. Ein bisschen salopp ausgedrückt: Mit gutem Willen wurden auch schon Kriege begonnen [vgl. Irak!]. Handlungsfolgen weisen auf den Handlungsträger zurück, der für sein Tun zur Rechenschaft gezogen werden kann und der durch sein heutiges Tun das künftige Handeln beeinflusst. Deshalb sind Handlungsbedingungen und Handlungsfreiräume zu bedenken. Handlungsfreiraum besteht dort, wo es mehrere Handlungsvarianten gibt, die Sachzwänge also das Handeln nicht vollständig bestimmen und nur ein Re-Agieren erlauben. Damit ist die Frage aufgeworfen, nach welchen Kriterien entscheide ich mich für eine der Varianten. Das gilt für den privaten Bereich ebenso wie den beruflichen und gesellschaftlichen. Wo kein Freiraum, und sei dieser noch so klein, besteht, wird das Handeln zu einem bloßen Verhalten und zu einer Befehlsvollstreckung. Es liegt keine unmittelbare Verantwortung vor. Die ethische Entscheidungssituation ist hier vorverlagert. Sie liegt in der Frage, ob ich die restriktiven Handlungsbedingungen noch ethisch verantworten kann. Je größer der Handlungsfreiraum, desto größer auch die ethische Verantwortung der handelnden Person. Hier stoßen im übrigen Wirtschaftsethik und Sozialethik aneinander, weil bestimmte Ordnungen von der Gesellschaft gesetzt werden. Theologisch wird dann von "Strukturen der Sünde" zu sprechen sein. Im Blick auf die Handlungsträger sind drei Ebenen von Handlungen zu unterscheiden, die ich in Anlehnung an G. Enderle die Mikro-, Meso- und Makro-Ebene nenne.
Aber: nicht alles wirtschaftliche Handeln ist auf die Mikro-Ebene reduzierbar. Wichtige Handlungsbedingungen werden auf der Meso- oder Makro-Ebene festgelegt.
So bleibt das Thema unseres Abends als Frage: Kann die "Soziale Kälte!" gemildert oder gar aufgetaut werden? Ich meine, die Gesellschaft will keine "Soziale Kälte!". Deshalb braucht die Wirtschaft Ethik. Auch wenn es kein "einfaches Geschäft" ist, das Nachdenken über das ethische Gesollte als einzelner für seinen eigenen, persönlichen Lebensraum oder auch in Institutionen und in der Politik durchzutragen. Dazu bedarf es der Vernetzung von Menschen, des gemeinsamen Suchens und des gemeinsamen Handelns. Dafür sollten sich auch Politiker Zeit nehmen. Sonst werden sie mehr Zeit aufwenden müssen, Reparaturen an unserem sozialen System und in der Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen vorzunehmen. Die Kirchen bieten aus dem ethischen Schatz ihrer Botschaft Grundsätze zur Gestaltung von Staat und Gesellschaft an: "FÜR EINE ZUKUNFT IN SOLIDARITÄT UND GERECHTIGKEIT". 6 Neues aus dem Vatikan vom 4. Mai 2004„Auch im Vatikan macht man sich Gedanken über die Krise der europäischen Sozialstaaten. Das Thema stand ganz oben bei der Tagung der päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, die gestern im Vatikan endete. Die Harvard-Professorin Mary Ann Glendon ist neue Präsidentin der Akademie. Sie sagte uns: ‚Das Konzept des Sozialstaats, so wie es im zwanzigsten Jahrhundert entwickelt wurde, ist ganz eindeutig in der Krise. Das ist ein ehrgeiziger sozialer Standard, den kein Land mehr lange durchhalten kann, wenn wir den Rückgang der Geburten und die immer längere Lebenserwartung sehen. Es geht also um einen Sozialstaat, der seine Grenzen kennt. - Der Hauptgedanke bei unserer Konferenz war, dass die katholische Lehre von Subsidiarität und Solidarität doch eigentlich eine große Hilfe sein könnte für alle, die Sozialpolitik gestalten. Was kann man tun für die Allerschwächsten in der Gesellschaft? Vor allem darf man sie nicht ignorieren. Man sollte soweit wie nur möglich ihre Kompetenzen entwickeln, damit sie selbst kreativ werden können und nicht nur passive Objekte bleiben.‘ Zur Rentensicherheit meinte die US-Professorin: ‚Also, da hat es viele praktische Vorschläge gegeben, z.B. das Rentenalter heraufsetzen. Aber das wichtigste schien auf unserer Tagung, zu verstehen: Wir müssen ein anfälliges System, das eine Generation gegen die andere aufbringt, ersetzen durch eines, das wieder wirklich auf Solidarität beruht.‘"
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