"Anfang wohnt ein
Zauber inne ..."
Nürnberger Hochschulgottesdienst am 12. Mai 1998
Lesungen:
Lukas 24, 13-35 Die Emmaus-Jünger;
Hermann Hesse,
"Stufen"

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."
So habe ich in Hermann Hesses Gedicht "Stufen" gelesen und
schlug es als Thema unseres ökumenischen Nürnberger Hochschulgottesdienstes zum
Sommersemester 1998 vor.
Bei Hermann Hesse lesen wir dann weiter:
"Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln und uns engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten. ...
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."
Wohnt dem Anfang eines neues Semester überhaupt noch ein
Zauber inne?
Die Lehrenden lassen zum x-ten Male ihr Vorlesungsmanuskript von der Sekretärin
ausdrucken. Die aktuellen wirtschaftlichen Daten hatte eine wissenschaftliche
Hilfskraft oder ein Doktorand vor Semesterbeginn kontrolliert. Ändern musste er
nicht viel, es ist ja nur eine Einführungsvorlesung. Die Folien liegen
nummeriert im Ordner. Seit wie vielen Semestern der Professor dieses Vorlesung
"liest", weiß er fast selbst nicht mehr.
Die Studierenden wissen nach einem Semester zwar noch nicht
alle "Tipps und Tricks". Dass es aber Skripten gibt, haben sie schon
mitbekommen. Der Zauber des Semesterbeginns liegt in der Begegnung mit dem
Kopierer und der Unannehmlichkeit, dass der Studentenservice immer dann
geschlossen ist, wenn ich gerade daran denke, mein Skript zu kopieren. Für
Martin und seine Kollegen vom Skriptenservice ist der Semesterbeginn schon lange
keine Zauber mehr, zumindest nicht im Sinne von Hermann Hesse, eher schon ein
"falscher Zauber". "Kopieren Sie mehr, als Sie denken?", lautete einmal die
Werbung für einen Kopierer.
Ist es nicht romantisch, dann zu erwarten, dass dieser Zauber
" uns beschützt und ... uns hilft, zu leben."
Die Lehrenden werden mit Groll an das Kultusministerium
denken, das diesen oder jenen Lehrstuhl nicht besetzt oder die Mittel für
Mitarbeiter und Material streicht. Schutz und Hilfe zum Leben, für Professoren
kommt dies aus München sicherlich nicht! Das geht nur über Drittmittel, dafür
aber braucht es keine neues Hochschulrahmengesetz mit Vertretern aus Wirtschaft
und Politik im "Aufsichtsrat" des Unternehmens Universität.
Und die Studierenden? Die hatten im Dezember kurzfristig
ihren Schutz und ihr Leben selbst in die Hände und Füße genommen und
"streikten". Natürlich wussten sie, dass es kein "Streik" im arbeitsrechtlichen
Sinne war, denn sie sind nur "Auszubildende". Sie "müssen" den staatlichen
Autoritäten dankbar sein, dass ihnen die Gunst zum Studium gewährt wird und
fleißig sollen sie sein, die Studierenden, und erfolgreich. Dann wird das Leben
schon gelingen.
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."
Ist das Thema unseres Nürnberger Hochschulgottesdienstes da
nicht jenseits von gut und böse? Ein Motto für Esoteriker, die unverbesserlich
an einen Weltengeist glauben? Ich meine nein, das Thema ist eine Herausforderung
an jeden von uns, wenn er oder sie bewusst sein Leben gestalten will. Wir müssen
nur schauen, wie und wo wir dem Zauber des Anfangs Raum und Gestalt geben.
Eine Gestalt dieses Zaubers liegt für mich im Licht der
Kerze. Sie steht am Beginn meines Lebens als Taufkerze, entflammt an der
Osterkerze des Jahres 1948. Und so haben wir den Gottesdienst heute begonnen:
Das Licht der Osterkerze von 1998 verteilt sich in unseren Händen. Das Flackern
der Kerzen ist Zauber, ist Leben. Denn die Osterkerze symbolisiert Jesus
Christus, das menschgewordene Wort Gottes, den Gottesknecht am Kreuz, der in
seiner Auferstehung den Tod überwunden hat. Uns wird wieder jene Perspektive
geschenkt, die die Lesung des Buches Genesis bestimmt. Das Chaos wird erhellt
und die Sonne leuchtet uns, wärmt uns und schenkt uns Leben. Und Gott kann am
Ende der Schöpfungserzählung feststellen, dass alles gut war. "Und jedem Anfang
wohnt ein Zauber inne. Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."
Nur verfliegt dieser Zauber des Anfangs des Paradieses
schnell. Das weiß auch jeder aus eigener leidvoller Erfahrung: in der Beziehung
mit anderen Menschen, in der Freude an einem Hobby, in der Erwartung der
akademischen Freiheit an der Uni. Der Alltag ist oft bedrückend, beengend, ein
Kreuz. Hermann Hesse beschreibt dieses Lebensgefühl so
"Kaum sind wir heimisch unserm Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen."
Und die Jünger von Emmaus, von denen uns das Evangelium
erzählt, sie sind ebenso enttäuscht. Der Zauber des Anfangs mit diesem Jesus von
Nazareth endet in der Katastrophe des Kreuzes, im Hohn und Gespött der Mächtigen
und Besserwisser. Ganz so wie im wirklichen Leben, auch heute. Da ist der Weg
zurück an einen anderen Anfang, in die alte Heimat, den erlernten Beruf die nahe
liegende Wahl. Dazu machen sie sich auf den Weg, verzweifelt, ohnmächtig,
hoffnungslos, perspektivlos. Aber nicht alleine. Es ist eine kleine Gruppe, die
gemeinsam den "geordneten Rückzug" antritt. Und sie stoßen auf einen Fremden,
der ihr Lebensgefühl, ihre Verzweiflung nicht zu verstehen scheint! Und doch
kommen sie ins Gespräch miteinander, hören einander zu, fühlen sich in ihrer Not
angenommen, so wie sie sind.
Da sehe ich die Parallele zu uns heute: viele Menschen, nicht
nur Studierende und Lehrende, teilen dieses düstere Lebensgefühl, sind
hoffnungs- und perspektivlos. Aber selten bilden sie eine Gemeinschaft, selten
machen sie sich gemeinsam auf einen Weg, auch wenn das Ziel noch unbekannt ist.
Sie leben und bleiben einsam und isoliert.
Die Erzählung der Jünger von Emmaus ist aber ein Bild für uns
als Kirche an der Hochschule. Wir haben keine fertigen Antworten auf die Sorgen
und Nöte von Studierenden und Lehrenden, wir haften unseren Blick auch oft auf
das scheinbar hoffnungslose Kreuz und versuchen, uns in unserem Leben zu
arrangieren. Aber machen wir uns auf den Weg? Und was könnte das Ziel sein?
Gemeinschaft finden, sich miteinander austauschen, Raum sein, wo ist sein darf,
wie ich bin.
Hören wir noch einmal Hermann Hesse:
"Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln und uns engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten. ...
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."
Da ist ein Stachel in diesem Gedicht, eine Herausforderung,
die ich uns mitgeben will in dieses Semester: "Nur wer bereit zu Aufbruch ist
und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." Ist das nicht unsere
Situation, als einzelne, als Gruppen, ja auch als Kirche an der Hochschule: wir
fühlen uns in lähmender Gewöhnung. Wir haben uns ans Lamentieren gewöhnt, wir
möchten gar nicht mehr "beweglich" sein, unterwegs sein, bereit zu Aufbruch und
Reise. "Lerne zu klagen, ohne zu leiden" ist unser geheimes Motto. Larmoyanz
unsere Lebenshaltung.
Und diesen Stachel, diese Herausforderung finde ich auch in
der Geschichte der Emmaus-Jünger. Du darfst über Leid und Kreuz, über Scheitern
und Enttäuschungen, über die Mühsal des Studiums und der Arbeit wütend,
hoffnungslos und ohnmächtig sein. Das sind echte Gefühle von uns Menschen, neben
denen der Freude und Glückseligkeit. Aber vergrabe dich nicht, isoliere dich
nicht, öffne die Augen deines Herzens. Es gibt auch andere Menschen, die so
empfinden. Suche sie, sprich mit ihnen, bildet Gruppen und Gemeinschaften, alle,
die ihr ein Kreuz tragt.
Und dann macht euch gemeinsam, machen wir uns gemeinsam auf
den Weg. Und wenn wir dann miteinander sprechen und Lebens- und
Studiensituationen nicht verstehen, dann gesellt sich der Auferstandene zu uns,
zunächst unbekannt, fast fremd. Und er geht mit uns, er mischt sich in unser
Gespräch, er hört zu.
Und dann gibt es Orte, wo wir halt machen wollen, wo wir
verweilen wollen. Emmaus hieß das Dorf in der Nähe von Jerusalem für die Jünger.
Da erkennen sie ihn am Brotbrechen, Jesus den Auferstandenen, den schmählich am
Kreuz Gescheiterten.
Und dann gibt es kein Halt mehr! Auf und zurück an die
Kreuzungen des Lebens, an die Orte des Scheiterns, der Enttäuschung. Denn auch
dort haben andere die Erfahrung gemacht, dass Er lebt. Versuchen wir es
miteinander als Kirche an der Hochschule, wo es viele Kreuzungen des Lebens
gibt, wo Leben gelingen soll und kann. Deshalb halte ich fest am Thema für
diesen Gottesdienst:
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
er uns beschützt und der uns hilft, zu leben."
Für mich hat dieser Zauber einen konkreten Namen:
Jesus Christus, der auferstandene Herr. Der Ort, wo wir
verweilen können, um ihm zu begegnen und ihn zu erkennen, ist die Kirche an
der Hochschule.
Sein österliches Licht erleuchte jeden von uns in diesem
Sommersemester. Amen.
