Ein Fest der Begegnung: Maria und Elisabeth
Predigt am Thomastag 1982 in der Frauenkirche, Nürnberg
von P. Dr.sc.soc. Benno Kuppler SJ [Cpf, Ae]
Lesung:
Lukas 1, 39 - 47

Thomastag feiern ist Feiern des Festes einer großen
Begegnung; einer Begegnung zwischen Jungen und Alten, zwischen Bayern und
Preußen, zwischen Menschen. Und so macht es sich gut, dass die Kirche in ihren
Lesungen vom dritten Lesejahr uns heute am vierten Adventssonntag ebenfalls ein
Fest der Begegnung vor Augen stellt. - Es wäre mehr Aufgabe eines
Bildungsseminars oder einer religiösen Bildungswoche der CV-Akademie darüber
nachzudenken, welche theologischen Inhalte alle wohl damit angesprochen sind,
wenn uns in diesem Lukas -Evangelium die Begegnung der schwangeren Elisabeth und
der schwangeren Maria, sozusagen die erste, wenn auch vermittelte Begegnung
zwischen Johannes dem Täufer und Jesus vorgestellt wird, die in der Taufe am
Jordan ihren Höhepunkt erfahren wird. Aber auf diese theologischen Fragen
möchte ich jetzt nicht eingehen, ich würde sie erst einmal in den Kreis der
Bildungs- oder Bibelarbeit verweisen wollen.
Was uns aber auffällt, wenn wir diesen Text hören, dass er
konkret eine Situation schildert, die wir eigentlich nachvollziehen können. In
jenen Tagen, heißt es da, begibt sich eine Frau auf den Weg und nimmt die Mühe
auf sich, in das Bergland von Judäa zu ziehen, um einer anderen Frau zur Seite
zu stehen, im Moment der Geburt, der Entbindung. Ich meine, das ist etwas, was
wir auch schon erlebt haben, dass einer hörte, da braucht einer Hilfe und macht
sich auf und geht. Soweit bewegt sich das Ganze auf einer menschlichen Ebene,
die mit Humanität umschrieben werden kann.
Und als dann Maria im Haus der Elisabeth ankommt, findet das
statt, was unter gesitteten Menschen üblich ist, man begrüßt sich. Und in der
Art, wie wir uns begrüßen, spiegelt sich ein bisschen auch wieder, wie gut die
Beziehungen sind, die wir miteinander haben, ob wir uns fremder oder vertrauter
sind. Ob wir Geschichte miteinander haben oder ob wir uns zufällig getroffen
haben und so mancher verlegene Gruß an Farben- und Cartellbrüder in Nürnberg,
weil man nicht so genau wusste, gehört der zum CV oder ist der woanders
einzuordnen, zeigt ja, dass es äußere Zeichen gibt, die einem den Gruß
erleichtern, aber so dieses Vertrautsein miteinander ist damit noch nicht
automatisch gegeben. In der Begegnung zwischen Elisabeth und Maria ist das da.
Sie begrüßen sich. Und dann heißt es auf einmal: Da war
Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt. Und dann kommt das, was uns bekannt ist,
auch aus dem Engel-des-Herrn, eben dieser Lobpreis auf Maria, die gebenedeit ist
unter den Frauen. Das Außergewöhnliche geschieht sozusagen zwischen den
beiden. Nicht das eine beabsichtigt, der anderen um den Hals zu fallen und
exaltiert zu sagen, wunderbar, dass du da bist. Oder danke, dass du gekommen
bist, sondern in diesem ZWISCHEN des normalen, mitmenschlichen,
freundlichen Umgangs geschieht das Außergewöhnliche: Heiliger Geist wirkt
gemeinschafts-stiftend, verbindungs-schaffend. Und das ist ein springender
Punkt. Und da meine ich, wir dürften hinausspringen aus der Geschichte, die
Reflexion auf gemachte Erfahrung ist, und fragen, wie schaut das bei uns aus.
Welche Erfahrungen machen wir, wenn wir Menschen begegnen.
Dazu haben wir viele Gelegenheiten, nicht nur an einem Festtag, wie den
Thomastag. Wie schaut das aus in unseren Alltagen, in unserem Beruf, im Betrieb,
in der Familie, wie gehen wir da miteinander um. Zwei Eckpfeiler, die unsere
Begegnungen markieren sind: Einmal dieses oberflächliche "Guten Morgen",
das wir gebrauchen, das ich gebrauche, wenn ich im Büro die Kolleginnen und
Kollegen wieder sehe und wo ich schon manchmal Verwirrung herbeigeführt habe,
wenn ich sagte: "Einen wunderschönen guten Morgen", weil das aus dem
Ritual fiel, da musste doch etwas sein, sonst würde der doch nicht so reden.
Und da gibt es jene anderen Begegnungen, wo ich einen Menschen treffe und
spüre, da ist mehr, da ist Tiefe, die auf den Begriff gebracht banal klingt.
Aber da ist das, was wir nennen könnten Verstehen, Angenommensein,
Verständnis. Da ist etwas da, das mir deutlich macht, ich mag den anderen und
der andere mag mich.
Vielleicht ist gerade dies auch das Geheimnis des
Thomastages, unseres Feiertages als Studentenverbindung, wenn der Thomastag eine
solche Anziehung, eine solche Faszination gewinnt. Das es da etwas gibt - wenn
wir es fassen wollen, dann ist es weg. Aber wenn wir offen sind, uns darauf
einzulassen, dann spüren wir, es gibt etwas, das Gemeinschaft stiftet,
Verbindung schafft. Vielleicht gelingt diese Erfahrung dann, wenn wir vorbehaltlos
in diese Begegnungen hineingehen. Da können uns Elisabeth und Maria wieder als
Modell dienen.
Diese beiden Frauen - so wissen wir aus der biblischen
Geschichte - sind Frauen, die nach menschlichem Ermessen eigentlich mit Wundern
zu tun hatten. Diese Elisabeth, so heißt es in der Sprache der Bibel, galt seit
langem als unfruchtbar. Und vielleicht erinnern sie sich dann an die Verheißung
und die Zeichen, die dem Zacharias gegeben wurden und dass Elisabeth gesegneten
Leibes war. Und die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria ist uns das andere
Zeichen, das wunderbare Zeichen, dass eben etwas passiert, was über unsere
menschlichen Denkweisen und Vorstellungen hinausgeht. Und diese beiden Frauen
sind mit dem Heiligen in Berührung gekommen und könnten jetzt die Nase
hochtragen und sagen, mir ist Gott begegnet, und dann schauen, wie sie das
ausloten, weil vielleicht die eine doch einen Grad mehr Begegnung hatte als die
andere, und dann gucken, wie müsste das dann aussehen, mit der Hackordnung der
Begrüßung, dem Zeremoniell der Verneigung, dem Demutsgesten, die dem
jeweiligen Platzhirschen gegenüber erforderlich sind. Aus der
Verhaltensforschung kennen wir das! Nichts von alledem bei Elisabeth und Maria!
Die Frauen wissen um ihre Würde. Aber diese Würde wird
nicht eingesetzt als Mittel, um den anderen auszustechen. Und ich meine, da
könnten wir von dieser Begegnung zwischen Elisabeth und Maria lernen. Ich
meine, dass auch wir, obwohl wir untereinander mit dem cartellbrüderlichen Du
verbunden sind, oft in der Gefahr sind, trotzdem Rangunterschiede zu machen.
Eine kleine Anekdote - der betroffene Cartellbruder möge es mir verzeihen -:
Als ich am Freitagabend auf dem Ostmark-Haus war, gab es diese lange
vorbereitete
Spontan-Kneipe. Da wurden dann Gäste begrüßt und da wurde ich als der
begrüßt, der heute den Gottesdienst zu halten hat. Auf einmal sagte ein lieber
alter Herr, der an Lebensjahren ein vielfaches älter ist als ich, wenn ich gewusst
hätte, dass du der bist, dann hätte ich dich viel würdiger begrüßt. Genau
das ist nicht gemeint! Genau das geschieht in der Begegnung zwischen Elisabeth
und Maria eben nicht.
Wir begegnen uns als Menschen, als Du und Ich. Und das
scheint es zu sein, was unserem Alltag fehlt: Wir haben so unsere Kästchen, in
die wir die Leute hinein sortieren nach Politikern und Klerikern und anderen
Gruppen und so werden wir auch der guten Gewohnheit nach, die wir Komment
nennen, begrüßt und die, die da kamen, um einander zu begegnen, vielleicht ist
es gut für sie, dass sie nicht begrüßt werden, denn sie verlören eine Chance
der Begegnung, weil sie herausgehoben sind aus der Masse und damit so hoch
stehen, dass ich als normaler Mensch nicht mehr an diese herankomme.
Und vielleicht ist es das, was uns das Evangelium am vierten
Adventssonntag lehren kann, dass ich nur dann mich loslassen kann, wenn ich die
Erfahrung gemacht habe, dass ich angenommen werde, dass ich verstanden werde, dass
ich geliebt werde. Und vielleicht können wir dann auch Momente erfahren, wo in
Begegnungen zwischen uns Geist aufscheint, gemeinschafts-stiftender,
verbindungs-schaffender Geist. Dann könnte unser Leben in unseren Verbindungen,
in unseren Gemeinden, in unseren Familien adventliches Leben sein. Nämlich
Leben, das ausgerichtet ist in diesen Tagen auf Weihnachten, wo eben Gott uns
vormacht, was es heißt, bereit zu sein zur Begegnung: Er macht sich klein. Er
beharrt nicht auf seiner Position als Allmächtiger. Er öffnet sich uns. Mehr
noch: Er vertraut uns und er glaubt an uns. Und unsere Antwort in dieser Zeit
des Advents? - Ich möchte sie nicht geben, weil ich euch einladen will, dass
sich jeder diese Antwort selbst gibt. Aber ich meine, dass ein Tag wie der
Thomastag, der soviel an Gemeinschaftsgefühl in uns wachruft, so etwas sein
sollte wie ein Stromimpuls, wie eine Ladung für unsere Lebensbatterie, dass wir
im nächsten Jahr bewusster schauen, wo wir einander begegnen. Dass wir
sozusagen unser Leben zum Advent machen, zur Vorbereitung auf Begegnung:
Begegnung untereinander und Begegnung mit Gott.
Was wir dazu brauchen ist einfach: Nimm dich ernst! Nimm den
anderen ernst! Gott nimmt dich ernst! Amen.
