Brot und Spiele
Gottesdienst beim Aenanen-Hüttenfest in Frasdorf 1994
Lesungen:
2 Kön 4,42-44; Johannes 6,1-15

Alles ist vorbereitet! Seit Wochen steht es im Semesterprogramm: 24. Juli
1994 Hüttenfest. Seit Monaten weiß ich, dass ich den Gottesdienst halten
werde. Franz Klaus hat beim Bauern Kink angerufen wegen der Lieder für die
Messe. Am Samstag Nachmittag werden Bier und alkoholfreie Getränke auf der
Hütte angeliefert. Auch die Bänke und Tische liegen seit gestern im Gras. Den
Lieferschein auf den Namen von Michael Zimmermann habe ich unterschrieben. An
alles ist gedacht. Ob die Getränke nachher reichen werden? Ob für jeden das
richtige zum Essen da sein wird? Geschirr vom Party-Service habe ich schon am
Donnerstag Abend vorgefunden. Und dann kam noch Michael mit seinen Töchtern, um
das Fest vorzubereiten: Kaffee und Kuchen.
Um was sollen wir uns da sorgen? Um das Wetter vielleicht? Die Voraussagen
sind günstig, fast zu schön: es soll heiß werden heute! Vielleicht ist es
einigen schon jetzt zu warm?! Alles ist vorbereitet!
Das Fest kann beginnen!
Brot und Spiele! Für alte und junge Aenanen! Für unsere Nachbarn.
Das Fest kann beginnen!?!
Wenn da nur nicht die beiden Lesungen wären, am heutigen 17. Sonntag im
Jahreskreis B.
Aus dem zweiten Buch der Könige hören wir die Geschichte von Elischa, dem
Gottesmann, dem ein Mann die Erstlingsfrüchte bringt: zwanzig Gerstenbrote und
frische Körner. Das passt in unsere Jahreszeit: ich habe in Rom schon Weizen
und Raps geerntet und der Gustl, unser Bauer, ist mit der Krumme in diesem Jahr
sehr zufrieden, hat er mir am Freitag Abend erzählt. Erntedank feiern wir zwar
erst im Oktober. Aber die Lesung aus dem zweiten Buch der Könige weist uns auf
einen alten Brauch hin: die Erstlingsgabe gilt Gott, stellvertretend dem
Gottesmann Elischa.
Was macht Elischa, der Gottesmann, mit diesen Gaben? Er fordert seinen Diener
auf, den Leuten zu Essen zu geben. Mir ist der Diener sympathisch! Er steht mit
beiden Beinen auf dem Boden und hält dem Elischa entgegen: "Wie soll ich
das hundert Männern vorsetzen?" [43]. Er hat schnell überschlagen, dass
zwanzig Brote nicht genug sind, um alle satt zu bekommen.
Da haben unsere Bundesbrüder für das Hüttenfest besser vorgesorgt, so
hoffen wir alle!
Elischa lässt sich von den "vernünftigen" Einwenden seines
Dieners nicht beeindrucken. "Man wird essen und noch übriglassen" ,
spricht der Herr [43]. Das ist die geistlich-theologische Antwort des
Gottesmannes Elischa. Und tatsächlich, "sie aßen und ließen noch übrig,
wie der Herr gesagt hatte" [44].
Ein Wunder? Oder wie sollen wir uns das Ereignis sonst erklären?
Das Johannes-Evangelium erzählt diese Geschichte nun als Ereignis aus dem
Leben Jesu. Jesu, der Messias, mehr als Elischa nicht nur Gottesmann, sondern
Sohn Gottes, sucht einen ruhigen Platz auf dem Berg mit seinen Jüngern. Eine
Stätte der Ruhe, so etwas wie unsere Berghütte. Die Leute aber sind neugierig
geworden, wollen wissen, was es mit diesem Jesus auf sich hat, der so wundersame
Zeichen wirkt: er heilt Kranke, treibt Dämonen aus. Das ist attraktiv,
anziehend, das verheißt einen hohen Unterhaltungswert: Spiele fürs Volk. Da muss
man dabei sein, wie beim Hüttenfest.
Was aber tun mit der Menge? Sie einfach ignorieren und so tun, als seien sie
nicht da? Einfach mit den Jüngern den eigenen Weg weitergehen?
Jesus sieht auf und nimmt die vielen Menschen wahr! Wahr-scheinlich füllten
sich seine Jünger gestört, die endlich mit "ihrem" Meister alleine
sein wollten.
Scheinbar unvermittelt spricht Jesus den Philippus an: "Wo sollen wir
Brot kaufen, damit diese Leute essen können?" [5] Philippus antwortet auf
eine Frage, die Jesus nicht gestellt hat. Er stellt fest, "Brot für
zweihundert Denare reicht nicht" [7].
"Wo?" fragt Jesus, nicht "was kostet es?".
Andreas weist Jesu auf ein Kind hin, das fünf Gerstenbrote und zwei Fische
bei sich hat. Zugleich gibt er einen Einspruch zu Protokoll: "doch was ist
das für so viele" [9]. Fünftausend Männer waren nämlich gekommen. Bei
Elischa waren es noch zwanzig Brote für einhundert Männer.
Das ist die Stunde Jesu: er spricht das Dankgebet [11]! Dann lässt er Brot
und Fische verteilen. Und es blieben zwölf Körbe mit Stückchen übrig [13].
Die Reaktion der Leute? Sie wollen ihn mit Gewalt zum König machen [15].
Brot und Spiele. Gestern und heute.
Und wir, wo kommen wir in diesen Texten vor?
Ich fühle mich in diesen Tagen mehr dem Diener und dem Philippus verwandt!
Schnell überschlage ich, was es kostet, ob etwas zu machen ist, was realistisch
ist. Ich bin in Seiner Nähe und verstehe doch vieles nicht, was Er macht. Ich
möchte Ihn für mich haben! Zusammen mit Ihm in Ruhe gelassen werden! Auf dem
Berg! Nicht ständig alle die Leute, die nur immer etwas wollen: vordergründig
Brot, Unterhaltung.
Wo Ihr in dieser Geschichte vorkommt, kann ich nicht sagen. Das muss jeder
von Euch selbst herausbekommen. Und das kann sich im Laufe eines jeden Lebens
ändern. Mal sucht ich den Jesus, der Wunder tut, der mich staunen lässt, ob
seiner "Zauberei", mit einem großen Unterhaltungswert: jeder
Talkmaster wäre glücklich, so jemanden in seiner Show "vorführen"
zu können! Das gäbe hohe Einschaltquoten.
Brot und Spiele.
"Darum zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein" [15].
Wenn wir miteinander Eucharistiefeiern und dabei das "Dankgebet" über
Brot und Wein sprechen, die Gaben der Erde und der menschlichen Arbeit,
versuchen wir, dem Geheimnis Jesu nahe zu kommen und zugleich es zu wahren. Jesu
Botschaft ist keine, die sich für Wahlkampfprogramme und Propaganda eignet!
Jesu Botschaft ist nicht populistisch: jedem zum Wohl und zu Gefallen.
Nach der Wandlung lade ich Euch ein: "Geheimnis des Glaubens" und
Ihr antwortet: "Deinen Tod , o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung
preisen wird, bis du kommst in Herrlichkeit." Da wird dann deutlich, dass
weder Elischa noch Jesus mit ihren Brotwundern dem Volk "Brot und
Spiele" bieten wollten, sondern dass diese Botschaft eine tot-ernste ist:
In den Gaben der Welt, in Brot und Wein, bekennen wir, dass Gott in Jesus
Christus uns Heil anbietet. Und unser eigener Beitrag soll dem Zeugnis Jesu
gleich sein: wir sollen für diese unsere Welt zum Heil, zum Segen werden.
Und dann wird diese Botschaft unbequem: in unserem Leben sollen wir keine
"Wunder" vollbringen, den anderen Menschen nicht "Brot und
Spiele" bieten,