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Dr. Benno Kuppler

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Das größte Gebet

Lesung: Markus 12, 28 b - 34

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Das heutige Evangelium kommt uns so bekannt vor, dass wir Gefahr laufen, über die eigentlichen Aussagen hinwegzuhören. Machen wir uns deshalb in einem ersten Schritt noch einmal die Aussage klar. In einem zweiten Schritt wenden wir den Inhalt auf uns an, um in einem letzten Schritt die Aussagen des Evangeliums mit unseren Erfahrungen zu vergleichen.

Zunächst also die Aussage des Evangeliums:

Jesus belehrt einen Schriftgelehrten, der wissen will, welches Gebot das erste sei. Die Antwort Jesu ist: Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Kraft. - Soweit ist es uns sehr klar. - Jesus fügt aber hinzu: Das zweite ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Als der Schriftgelehrte zeigt, dass er die innere Verbindung dieser zwei Gesetze verstanden hat, gibt Jesus ihm noch mit auf den Weg: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

Was bedeutet das eigentlich für uns, wenn wir diese beiden Gebote - die Gottesliebe und die Nächsten- und Eigenliebe - als die größten Gebote, die ersten Gebote vorgestellt bekommen?

Müssen wir nicht sehen, dass unser Verhältnis zu Gott bestimmt wird durch das Verhältnis, dass wir zu unseren Mitmenschen haben, weil der Mitmensch unser Nächster ist. Und kommt da nicht noch etwas hinzu: dass das Verhältnis zum Mitmenschen nämlich bestimmt wird durch das Verhältnis, das wir zu uns selbst haben. Das Verhältnis, das ich zu mir habe, und das jeder von ihnen, hier in der Kapelle oder am Lautsprecher auf den Zimmern, zu sich selbst hat.

Sagen wir es klar und unmissverständlich:

Wir können nur dann den Nächsten ehrlich lieben, wenn wir uns selbst lieben. "Selbst lieben" nicht im Sinne von Egoismus, von Eigenbrötlerei, sondern: dann wenn wir ja sagen können zu unserem eigenen Leben, zu uns selbst, zu unseren Gewohnheiten, zu unserer Art, dann können wir auch ja sagen zum Nächsten. Das schließt ein, dass wir wissen, wie unvollkommen wir sind.

Erst dann wird auch unser Verhältnis zu Gott, unser gebet zu Gott ehrlich. Erst dann Spüren wir, dass Gott nicht etwas Fernes ist, etwas Unbekanntes, sondern das Gott uns nahe ist. Dass wir erfahren, was Jesus meint, als er die Antwort des Schriftgelehrten hört, und ihm sagt: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

Vergleichen wir nun einmal unsere Erfahrungen im Leben, im Alltag mit diesem Evangelium.

Ist es Ihnen nicht schon passiert, dass das Verhalten Ihres Zimmergefährten Ihnen schrecklich auf die Nerven ging? Wenn Sie dann ein wenig innehielten und darüber nachdachten, mussten Sie da feststellen, dass es eigentlich nicht der Andere ist, der uns heute Schwierigkeiten macht, sondern dass wir es sind, die mit sich selbst nicht im Reinen waren? Oder: haben Sie schon einmal beobachtet, dass Menschen sich plötzlich ganz und gar zu ändern scheinen, wenn wir selbst froh sind, wenn wir ausgeglichen und ruhig sind? Und dass Menschen, die uns am Tag vorher scheinbar geärgert haben, nun so vernünftige Leute sind. Oder: dass sich, wenn wir einem Menschen ein "Danke", ein "Vergelt's Gott" sagten, das Verhältnis zu diesem Menschen wandelte. Denn derjenige spürte, dass wir die Handreichung nicht als selbstverständliche Pflicht auffassten, sondern dass wir gemerkt haben, dass uns galt, was getan wurde. Vielleicht hat der andere sogar den Mut gefasst, wieder einmal etwas für uns zu tun, sogar außer der Reihe.

Jedes Mal, wenn ich von einem anderen erfahre "Danke, dass du mir das getan hast" oder "Danke dass du mir geholfen hast" oder "Danke, dass es dich gibt", jedes Mal dürfen wir das im Sinne Jesu verstehen, der gesagt hat: Du bist nicht fern vom Reich Gottes, nämlich in dem Sinne, dass wir erfahren haben, dass die Nächstenliebe gewonnen hat, dass unsere Liebe zum anderen von ihm verstanden wurde.

So spüren wir, dass wir wieder leichter uns an Gott wenden können, weil wir wissen, was Begegnung ist: jemanden haben, zu dem ich "Du" sagen darf, oder "ich mag dich" oder "ich liebe dich". Wir lernen so aus der Nächstenliebe, auch in Zeiten des Leidens und der Trostlosigkeit, dann wenn es uns einmal nicht so gut geht, zu sagen: Gott, ich liebe Dich, ich liebe Dich gerade dann, wenn meine "ganze Kraft" nur Schwäche und Ohnmacht wegen meiner Krankheit ist, wenn mein "ganzes Herz" nicht überfließt vor Freude, sondern sich in Trauer zusammenzieht und verkrampft, wenn mein "ganzes Denken" davon bestimmt ist, dass ich mich eigentlich unglücklich fühle.

Wir machen dann die Erfahrung, dass Gott uns wieder Mut gibt, dass er uns Kraft schenkt, um frei zu werden von unseren Ängsten und Sorgen. Wir erleben diese Freiheit dann, wenn wir auf den Nächsten schauen, der uns ein freundliches Wort gibt, das wir vorher nicht gesehen, nicht gespürt hätten.

Der Kreis von Gottesliebe und Nächsten- und Eigenliebe schließt sich: von dem, dass ich mich selbst annehme, über den Nächsten, den ich so ernst nehme, wie ich selbst ernst genommen werden will, hin zu Gott, den ich dann auch ernst nehme.

Und in dem Maße, in dem ich Gott ernst nehme, bin ich frei. Frei, um mehr auf den Nächsten zu achten und zu sehen, dass er für mich viel übrig hat. Gerade in den kleinen Gesten, nicht in den großartigen Geschenken, im Alltäglichen offenbart sich die Gottes- und Nächstenliebe.

Deshalb wünsche ich Ihnen, dass Sie heute am Sonntag Erfahrungen machen mit Gott und dem Nächsten und dass Sie diese Erfahrungen jeden Tag wieder neu versuchen zu machen, denn nur dann behalten wir ein waches Auge für alles, was uns geschenkt wird. Amen.

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