Das Heil hat Vorfahrt
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Dr. Benno Kuppler

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Das Heil hat Vorfahrt
Predigt im Germanicum-Hungaricum zu Rom
 am 17.12.1995

Lesungen: Jes 35, 1-6a.10, Jak 5, 7-10, Mt 11, 2-11
3. Adventssonntag A 

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Von einem Mitmenschen enttäuscht zu werden, ist eine Erfahrung, die keinem von Euch, auch mir nicht, erspart bleibt und erspart bleiben wird. Das können Kleinigkeiten im Alltag sein. Das können aber auch Erlebnisse sein, die die gesamte Existenz erschüttern. Die zornige Enttäuschung über einen treulosen Mitbruder. Die gleichgültig machende Enttäuschung über den Freund, der nun doch ganz anders ist, als ich ihn mir vorstellte. Die verbitterte Enttäuschung einer alten Mutter über ihre undankbaren Kinder, denen zeitlebens all ihre Liebe gegolten hatte. Die ohnmächtig machende Enttäuschung über Kollegen, die mir die Arbeit schwer machen.

Zorn, Gleichgültigkeit, Verbitterung, Ohnmacht. Reaktionen, die menschlich verständlich sind. Aber sind es angemessene Reaktionen eines Christen?

Der enttäuschte Johannes im heutigen Evangelium jedenfalls reagiert anders. Johannes hatte den großen, alle und alles besiegenden Messias der Endzeit verkündet. Als dieser Messias nun da ist und zu wirken beginnt, verhält er sich völlig anders als erwartet, von Johannes und vielen seiner Zeitgenossen.

Dieser Jesus aus Nazareth macht gar nichts daher. Er tritt nicht groß auf. Er übt keine Macht als König und Richter aus.

Die große Wende, die gewaltige "Feuertaufe", die Johannes als Vorläufer angekündigt hat, bleibt aus. Isoliert, verunsichert, enttäuscht sitzt Johannes in seinem Gefängnis: körperlich und seelisch. Sein Glaube an den kommenden Messias ist schwer erschüttert. Aber er verharrt nicht in dieser Verzweiflung.

Johannes ergreift die Initiative. Seine einzige Möglichkeit als Gefangener besteht darin, Freunde um Hilfe um Vermittlung zu bitten. Er lässt diesem Messias eine direkte und persönliche Frage stellen. Durch seine Freunde lässt er Jesus direkt fragen: "Bist du der, der kommen soll?" Johannes will es ganz genau wissen.

Jesus gibt ihm eine klare und eindeutige Antwort. Nicht ein "Ja" oder ein "Nein", wie es sich Johannes erwartet. Jesus lädt zu einer Erfahrung ein: "hören" und "sehen", wer er ist, er der Messias, dessen Wirken die Propheten so beschreiben: Heilung von Kranken, Erweckung von Toten, Verkündigung der Frohen Botschaft.

Beides war in den Schriften des Alten Bundes schon angekündigt: der "große furchtbare Tag des Herrn", das Endgericht, und die "Tage des Heils", "da die Steppe jubelt und blüht", da "Blinde wieder sehen und Lahme gehen", die Tage des messianischen Friedensreiches. Die heutige Lesung aus dem Buch Jesaja spricht uns davon.

Johannes der Täufer hatte die Vorstellung, dass der Messias mit dem großen Gericht beginnen müsse. Zuerst muss einmal die Reinigung vollzogen sein, "die Spreu vom Weizen getrennt" und alles Böse und Gottlose vernichtet. Erst wenn ER sich als der Starke und Gerechte erwiesen hat, wird die heile Welt des ewigen Friedens errichtet. Erst einmal solle der Messias, der Herr, gründlich Ordnung schaffen auf dieser Erde. Dann könne ungestört der Friede aufblühen.

Jesus aber hat seine eigene Reihenfolge. Jesus sagt klar und macht klar: der Messias kommt nicht sofort zum Gericht. Er kommt, um Rettung und Frieden zu bringen.

Sein Auftreten ist nicht eine Demonstration der Macht, von belohnender und strafender Gerechtigkeit. Sein Auftreten ist bestimmt von Güte und Barmherzigkeit gegenüber Kranken, Armen und Sündern.

Er demonstriert nicht mit Macht, sondern wirkt eher im Verborgenen, geht auf einzelne oder Gruppen zu, behutsam und voll menschlicher Anteilnahme. So will er die heile Welt Gottes, das Reich des Friedens und der Liebe, jetzt bereits aufbauen, mitten hinein in eine Menschheit voller Unmenschlichkeit und Gottlosigkeit. Nicht mit einem mächtigen Gewaltakt will er sein Reich verwirklichen, sondern langsam und bescheiden: im Setzen von Zeichen, im Ansprechen des einzelnen Menschen, im Appell an dessen freie Entscheidung und an seinen Glauben.

Jesus scheint dem Johannes zuzurufen: "Langsam, Johannes, nicht sofort dreinschlagen: das Gericht hat noch Zeit. Zuerst kommen Gottes Liebe und Güte. Zuerst sollen Wunder und Zeichen des Heils geschehen. Zuerst ist jeder eingeladen, umzukehren, sich frei für mich zu entscheiden, zu glauben und mir nachzufolgen. Das ist zwar etwas mühsamer und ziemlich unbequem. Nicht das drohende Gericht, sondern das Heil hat Vorfahrt."

Wir selbst, jeder von uns, ist ein Johannes. Wir stecken immer wieder in einer Glaubenskrise. Wie Johannes sind wir oftmals enttäuscht von diesem Gott. Wir erwarten von ihm, dass er unverzüglich Ordnung schafft - möglichst in unserem Sinne - und den Bösen - die wir so gut kennen - das Handwerk legt; dass er aber auch uns unverzüglich belohnt, da wir doch - wer will daran zweifeln - zu den Guten gehören.

Und unsere Enttäuschung führt zum Ärger. Denn Gott schweigt und schaut scheinbar untätig zu. Da nützt auch nicht der Hinweis auf das Gottesgericht am Ende der Zeit. Das ist billige dogmatische Vertröstung und wird nicht ernstgenommen - außer von einigen Naiven.

Wie kommen wir zurecht mit dieser schwierigen Vorfahrtsregelung, die Jesus eingeführt hat? Freie Fahrt für seine Güte und Sanftmut gegenüber allen, die für ihn offen und bereit sind! Stopp für die globale und totale End-Sanierung der Welt, zumindest vorerst!

Ich wünsche Euch und mir, dass wir es machen wie Johannes der Täufer. Wenden wir uns gezielt an Jesus selbst! Bitten wir Freunde, unsere Mittler zu sein, wenn wir uns gefangen fühlen. ER ist ja gegenwärtig auch in unseren Tagen - im Wort, im Sakrament der Eucharistie, im Sakrament der Versöhnung, im Mitmenschen. Fragen wir IHN, immer wenn wir zweifeln: "Bist du es ... ?"

Wir brauchen uns nur zu öffnen - zugegeben, das ist nicht einfach! - um in der Welt von heute Seine Wunder und Zeichen zu erfahren:

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wie da "ein Blinder sieht":

Es gehen mir wichtige Wahrheiten über mich auf.

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wie da "ein Lahmer geht":

Ich werde auf einmal lebendig und ein Christ der Tat.

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wie da "ein Aussätziger rein wird":

Ich reinige mich in ehrlicher Buße und Versöhnung.

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wie da "ein Tauber hört":

Ich werde offen und löse mich aus der Ich-Verkrampfung.

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da "einem Armen das Evangelium verkündet wird":

Ich erfahre beglückt den inneren Reichtum, die innere Freude, die befreiende Botschaft, die der christliche Glaube in sich birgt.

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da ein "Toter aufersteht":

In mir trägt das Leben den Sieg davon.

Und wenn Ihr und ich es zulassen können, dass jeder von uns auch der Blinde, der Lahme, der Aussätzige, der Taube, der Arme oder der Tote ist oder sein kann, dann dürfen wir hoffen, dass der menschwerdende Sohn Gottes, dieses liebliche Kind in der Krippe, auch uns heilt, damit wir mehr Mensch werden.

Gaudete! Amen.

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