Der Hörende
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Dr. Benno Kuppler

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Der Hörende
khg-Hochschulgottesdienst am 7. November 1996
zur meiner Einführung als Hochschulpfarrer in Nürnberg

Lesungen: 1 Petrus 3, 13-17; Markus 2, 13-17

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Liebe Studierende, liebe Lehrende,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Da stehe ich nun vor Euch und Ihnen als neuer Hochschulseelsorger der Katholischen HochschulGemeinde Nürnberg. Einzelne von Euch habe ich in den vergangenen Woche schon gesehen, den einen und anderen Namen kann ich mir schon merken. Und doch übernehme ich gefühlsmäßig erst jetzt mit dieser Eucharistiefeier meinen neuen Dienst in der khg im Auftrag des Jesuitenordens und der Erzdiözese Bamberg. In den zurückliegenden Monaten bis in diese Tage sind meine Kräfte noch sehr durch die Verantwortung für die Baustelle des Hauses in der Luitpoldstraße gebunden, das auch die Räume der khg umfasst. Ich muss gestehen, einen leichteren Einstieg in meine Arbeit hätte ich nicht von mir gewiesen.

Die offizielle Einführung durch Herrn Domkapitular Dr. Raab stellt mich heute ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Um diese Aufmerksamkeit zu relativieren wollte ich, dass wir gemeinsam dieses Ereignis mit einer Eucharistiefeier begehen. Denn sie ist die Mitte jeder christlichen Gemeinde, auch der Gemeinde an der Hochschule, der khg. Sie ist Vor-Gabe unseres Glaubens, Gedächtnisfeier des Todes und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Mein Dienst macht nur von dieser Mitte des Glaubens her Sinn. Deshalb habe ich die Eucharistiefeier gewählt, um für einige Momente im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, damit wir dann die Mitte unseres Glaubens feiern.

Daher hat auch meine Ansprache bei dieser Eucharistiefeier nicht den Charakter einer "Probepredigt", nach welcher die Gemeinde nein oder ja zu ihrem neuen Seelsorger sagen kann. Die Predigt ist auch keine "Öffentliche Vorlesung" an der Uni, um, nach Ausweis intellektueller Brillanz, aus dem Kreis der Professorenkollegen das "Nihil obstat" für eine Lehrtätigkeit zu erhalten.

Vielmehr habe ich für diese Eucharistiefeier Texte der Heiligen Schrift ausgewählt, die für mich, Benno Kuppler, persönlich wichtig waren und sind: als Glaubender und als Seelsorger. Und wer mich einmal in meinem khg-Büro besuchen kommt, wird dort das Bild des Hörenden wieder entdecken, das auf dem Liederzettel für diese Feier abgedruckt ist.

"Der Hörende" ist ein Mensch, der seine Hände nicht benutzt, um die Augen vor den vielfältigen Wirklichkeiten des Lebens zu verschließen. "Der Hörende" hält seinen Mund nicht zu aus Sorge, auch einmal etwas Falsches zu sagen. "Der Hörende" ist ein Mensch, der seine Hände hinter die Ohren legt, um auch die leisen Töne im Lärm des Tages besser zu hören. "Der Hörende" will auch jenen stummen Aufschrei der Ungerechtigkeit noch wahrnehmen, der sich seinen Weg aus einem verschlossenen Mund sucht. Das ist der Anspruch! Emanuel Heufelder OSB, der verstorbene Abt von Nieder-Altaich, schenkte mir als Abiturienten dieses Bild nach einem Kurs von Kloster auf Zeit im Jahre 1968. Seitdem begleitete es mich durch Höhen und Tiefen meines Lebens, auch meines Glaubenslebens. Als ich mich dann im Jahre 1982 auf meine Priesterweihe vorbereitete, war "Der Hörende" das Motiv für das Primizbildchen, das mich und andere an die Übernahme des priesterlichen Dienstes erinnern soll. Der Herr schenke mir die Kraft zum Hören und schenke auch mir Menschen, die mir zuhören. Auf der Rückseite meines Primizbildes stehen drei Texte, mit denen ich meinen Dienst inhaltlich umschreibe. Den biblischen Text aus dem 1. Petrus-Brief habe ich als Lesung für die heutige Eucharistiefeier ausgewählt: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt."

Das habe ich nie als Motto für sonnige Glaubenstage empfunden, liebe Schwestern und Brüder! Aber, gibt es denn überhaupt noch Menschen, die einen Priester nach seiner Hoffnung fragen? Ist Hoffnung noch eine Wirklichkeit, wo wir uns doch alles Lebensnotwendige auf Pump und mit Kreditkarten kaufen können?

Wenn Hoffnung mehr ist als Vertröstung, hat unsere Gesellschaft großen Bedarf an christlicher Hoffnung. Traue ich mir aber zu, diese Botschaft der Hoffnung heutigen Menschen noch als Chance, als Herausforderung für das eigene Leben anzubieten? Christliche Hoffnung ist kein Betäubungsmittel, um den heutigen Tag zu überstehen. Christliche Hoffnung ist eher ein Naturheilverfahren, dass Zeit und Geduld braucht. Denn erst einmal muss ich meine eigene Not und Angst, auch meine Hilflosigkeit zulassen und wahrnehmen, ehe ich nach Hoffnung Ausschau halten kann. Gerade in den vergangenen Tagen wurde ich selbst von diesem Text zweimal sehr existentiell eingeholt. Ein gleichaltriger Vetter kämpft gegen einen aggressiven Blutkrebs um sein Leben. Und zum gleichen Zeitpunkt bringt sich ein junger Mann um, bei dessen Trauung ich vor wenigen Monaten mitgewirkt hatte. Welche Hoffnung erfüllt mich da? Was mache ich in solchen Momenten menschlicher Ohnmacht?

Da gerate ich, auch als Priester, an menschliche Grenzen, die ich nur in schweigender Solidarität mit den Leidenden tragen und ertragen kann. Als Christ und Seelsorger erinnere ich mich gerne des Zöllners Levi aus dem Markus-Evangelium. Seine Geschichte ist auch die meine. Jesu Ruf ist es, mitten hinein ins konkrete Leben, und seine Einladung: "Folge mir nach!" Ich! Ich soll nachfolgen? Ich, den doch selbst Glaubenszweifel quälen! Ich, der ich oft nicht weiß, was richtig oder falsch ist! Ich, der Dinge tut oder unterlässt, die gute Christen irritieren! Levi und mich, aber auch jeden von Euch, ruft Jesus in seine Nachfolge. Lasst ruhig andere Menschen darüber vielleicht den Kopf schütteln. Lasst Euch von seinem Ruf überraschen als Gerufene. Dann höre ich, was Jesus den theologisch gebildeten Menschen seiner Zeit antwortet: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten". Dann geht es mir wieder besser. Ich weiß zwar, dass Böses und Gutes Wirkfäden meines Lebens sind. Ein anderer, Jesus Christus selbst, legt das Strickmuster fest, so dass aus den vielfarbigen Wirkfäden meines Lebens ein anschaubares, manchmal auch liebenswertes Lebensmuster wird. Und so fühle ich mich als Mensch und Seelsorger ermutigt, mir selbst immer wieder von Ihm sagen zu lassen: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten." Und diese Botschaft der Versöhnung darf ich jedem Menschen zusprechen, auch Euch.  

Mit anderen Worten hat das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute" diese Botschaft ausgedrückt: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi." [GS 1] Das ist der zweite Text meines Primizbildes. Dieser Text begleitet mich nun schon seit meiner Zeit als Schüler im Gymnasium. Die Kirche - und das bin ich und seid auch Ihr alle - kann und will die Augen vor den Wirklichkeiten des Lebens nicht verschließen, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst sind Wirklichkeiten im Leben eines jeden von uns. Diese miteinander zu teilen, ist Zeugnis unseres Lebens aus dem Glauben für die Welt. Christliche Gemeinde braucht diese Fähigkeit zur Empathie, zum Mitgefühl - nach innen und nach außen. Denn Patentrezepte für die Probleme der Menschheit hat auch die Kirche nicht. Als Christen können wir aber unseren Sachverstand bündeln, um nach Lösungen für die Herausforderungen unserer Welt zu suchen. Und dies sollen wir in Gemeinschaft mit allen Menschen guten Willens tun, ohne Ansehen von Konfession, Religion oder Rasse.

Dieser Text des Konzils öffnete mir die Augen für sozialethische Fragen als Anfragen an meinen persönlichen Glauben. Denn Glaube ist keine Privatsache, ist immer öffentliche Angelegenheit. Glaube ist gelebte Solidarität. "Damit sie eins seien" [Johannes 17,11].

So führte mich dieser Glaube in eine Gemeinschaft, die Gesellschaft Jesu, die, in der Nachfolge des Heiligen Ignatius von Loyola, Seelsorge in der Welt von heute als ihren Auftrag versteht. Deshalb wählte ich als dritten Text einen Ausschnitt aus dem Dokument "Jesuiten heute" aus, das die Generalversammlung des Jesuitenordens 1974, kurz vor meinem Ordenseintritt, verabschiedet hatte. "Was heißt heute Jesuit, Gefährte Jesu, sein? Sich unter dem Kreuz im entscheidenden Kampf unserer Zeit einsetzen: im Kampf für den Glauben, der den Kampf für die Gerechtigkeit miteinschließt."  

Liebe Schwestern und Brüder,  

ich übernehme meinen Dienst in der Hochschulseelsorge mit dem abgewandelten Motto des Heiligen Augustinus: Mit Euch bin ich Christ und für Euch Priester.

Gottes Segen begleite unsere katholische HochschulGemeinde und die Schwestern und Brüder der ESG. 

So können wir den Glauben an den auferstandenen Herr Jesus Christus auch an unseren Hochschulen wach halten - über die noch bestehenden Grenzen unserer Konfessionen hinweg, aber in Hoffnung und Sehnsucht nach Einheit in Vielfalt. Gemeinsam mit allen Menschen guten Willens wollen wir am Bau einer besseren Welt mitwirken. Amen.

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