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Die Brücke, die Spannung und die Liebe
Hochzeit
von Monika Stich und Peter Teichmann
am 22. Juni 2002 in Sankt Nikolaus zu Etzenricht
Lesungen: 1 Kor 12,27-13,13; Kohelet/Prediger 4, 9-12 
Liebe Monika, lieber Peter,
verehrte Angehörige und Freunde, Schwestern und Brüder im Glauben!
Für Eure kirchliche Trauung, liebe Monika, lieber Peter, habt Ihr mit Sankt
Nikolaus eine schmucke Kirche ausgewählt, die als Pfarrkirche von Etzenricht ein
intimer Raum ist, um Eure Lebensentscheidung vor Gott und der Gemeinde zu
bekräftigen. Hier wollt Ihr vor Gott Ja zu einander sagen, was kirchenrechtlich
bedeutsam ist, ein Ja das Ihr schon lange miteinander lebt, das jetzt noch
einmal ausdrücklich und verbindlich gemacht werden soll.
Zugleich habt Ihr für diese religiöse Feier einen bunten Strauß an Texten und
Liedern geflochten, die Euch für diese Stunde wichtig sind und die uns allen
Anregungen geben. Aus dem Alten Testament, der hebräischen Bibel, hören wir
einen Ausschnitt aus dem Buch Kohelet, auch Buch des Predigers genannt, und aus
dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Und als Trauspruch, eine gute
evangelische Tradition, habt Ihr den Satz von Ulrich Beer ausgewählt:
"Die Ehe ist eine Brücke, die man täglich neu bauen muss, am Besten von
beiden Seiten."
Einige Blüten Eures Straußes will ich Euch und uns näher in den Blick
bringen, in ihren Eigenarten aufscheinen lassen und Anmerkungen zufügen, wie ich
das Bild verstehe.
"Die Ehe ist eine Brücke, die man täglich neu bauen muss, am Besten von
beiden Seiten." Liebe Monika, lieber Peter, dieses technische Bild für Eure
Beziehung, das in dem Zitat von Ulrich Beer aufscheint, hat mich angeregt, ein
wenig zu phantasieren, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Denn ein Brücke,
zu was ist die Nütze? Da muss es zwei Seiten geben, da muss es etwas zu
überwinden geben, da gilt es Zwei miteinander zu verbinden.
Zwei Erfahrungen, die durch die Brücke Euer Ehe verbunden werden, sind die
unterschiedlichen religiösen Traditionen, in denen Ihr aufgewachsen seid, in
denen Ihr Euch zu Hause fühlt, liebe Monika, lieber Peter, . Wenn Eure Ehe dort
eine Brücke werden soll, so ist es wichtig, dass sich jeder von Euch immer
wieder der geistlichen Fundamente versichert, die ihn oder sie tragen und
stützen. Gerade Eure Trauung heute, macht diesen Graben zwischen den beiden
großem christlichen Kirchen in Deutschland, dem Land der Reformation deutlich.
Und die in fast fünfhundert Jahren gewachsenen Formen und Symbole der
evangelischen und katholischen Kirche bleiben uns emotional gegenseitig oft
fremd.
Ihr Beide habt Euch entschieden, die Trauung nach katholischem Ritus zu
feiern, aber in der liturgischen Form eines Wortgottesdienstes. Diese
Entscheidung finde ich angemessen, weil sie nicht Einheit vortäuscht, sondern an
einem so wichtigen Tag auch die Grenzen deutlich spürbar macht, dass ein
eucharistische Mahlgemeinschaft, eine Abendmahlsgemeinschaft zwischen unseren
Kirchen noch nicht besteht.
So werden wir gut evangelisch den Segen Gottes auf Eure Ehe herabrufen und
gut katholisch werdet Ihr Euch das Sakrament der Ehe spenden, das einzige
Sakrament in der katholischen Kirche, das sich die Betroffenen selbst spenden,
nämlich Ihr, liebe Monika, lieber Peter.
Da ist Brückenschlag immer wieder notwendig, auch in Eurer Ehe und mal geht
der eine auf die Seite des anderen, mal wird es umgekehrt sein. Und nur eine
Einheit in Vielfalt kann für unsere Kirchen eine Zukunft haben.
Ein anderes Bild der Ehe als Brücke sehe ich in unterschiedlichen Interessen
und Neigungen, die Ihr in Eure Beziehung mit einbringt. Da kann einer den
anderen mit auf den Weg nehmen, Neues zu entdecken, auch in sich selbst. Und der
Text des Buches Kohelet, Buches des Predigers, beschreibt die Bedeutung der
Zweisamkeit in klaren Worten, die Ihr selbst ausgewählt habt.
Eine andere Brücke ist das Zueinander von Zivilrecht und Kirchenrecht.
Deshalb mache ich einen kurzen Ausflug in die Kulturgeschichte der Ehe.
Die Braut - sie steht im Mittelpunkt der Hochzeit. Nicht der Bräutigam ist
kulturgeschichtlich wichtig. Die Braut alleine ist von öffentlichem Interesse.
Nicht nur heute, liebe Monika.
Blicken wir einmal in das alte germanische, das deutsche Recht: Die
unverheiratete Frau stand unter der Vormundschaft des Vaters. Mit der Heirat
wechselt die Frau dann unter die Vormundschaft des Ehemannes, wie eine Sache
wechselte sie den Besitzer. Es gab aber auch die "wilde Ehe" im deutschen Recht,
eine Ehe ohne Ehevertrag, bei der die Frau die freie Verfügungsgewalt über ihr
Eigentum behielt und damit frei und unabhängig vom Mann war.
Die christlichen Kirchen kannten lange Zeit keine bestimmte Rechtsform für
die Heirat. Erst im 16. Jahrhundert wurde die kirchliche Trauung zur
Formvorschrift. Da sich die Eheleute das Sakrament der Ehe selbst spenden, war
eine äußere Form zunächst nicht von Bedeutung. Denn eine vollzogene Ehe war eine
gültige Ehe.
Bleiben wir noch ein wenig bei der Kulturgeschichte. Bis in 18. Jahrhundert
hinein waren Fragen wie der Stand, die Mitgift, der Besitz und die "guten
Beziehungen" in allen Gesellschaftsschichten für eine Ehe entscheidend. Das
allgemeine Verständnis von Glück bezog sich weniger auf Liebe zum Ehepartner,
wichtiger war die Absicherung vor Armut und die eheliche Geburt der Kinder, die
den Unterhalt der Familie sicherten.
Die freie Entscheidung zur Partnerschaft ohne Rücksicht auf die Interessen
der Familien ist erst eine relativ junge Entwicklung in unserer Gesellschaft.
Die ersten, die die Forderung erhoben, dass die Ehe auf gegenseitige Liebe
gegründet sein solle und Mann und Frau die gleichen Rechte zu genießen hätten,
waren die Dichter der Romantik. Mehr noch: Die Künstler damals hoben nicht nur
die gegenseitige Liebe als Grundvoraussetzung für eine Ehe hervor, sondern sie
forderten darüber hinaus, dass die Frauen selbständig im Denken und interessiert
an Politik, Kunst und Wissenschaft seien. So belehrt uns die Kulturgeschichte.
Und die Erfahrung heute belehrt uns: die Ehe wird mehr und mehr zur
"privaten" Angelegenheit zweier Menschen. Mit hohen Erwartungen an sich selbst
gehen sie diese Beziehung ein. Da sie aber auf sich selbst gestellt sind und
stützende soziale Strukturen oft fehlen, ist ein Scheitern fast zwangsläufig,
weil die "Beziehungskiste" zur ständigen Überforderung wird.
Monika und Peter haben sich entschlossen, eine christliche Ehe einzugehen,
die getragen ist von Toleranz und Respekt voreinander und den Mitmenschen. Wir
leben aber in einer Gesellschaft, die auch uns formt und prägt mit unseren
Einstellungen. Christliche Werte scheinen da weltfremd und altmodisch. Und doch
haben uns für diese kirchliche Feier unsere Braut und unser Bräutigam biblische
Texte vorgeschlagen: das Hohe Lied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief des
Paulus, im 13. Kapitel, und aus dem Buch Kohelet, dem Buch des Predigers, 4, 9 -
12, Grundlagen für eine Beziehung, die im Glauben gründet.
Einige Anmerkungen will ich zu beiden Texten ich machen, Gedanken anstoßen,
die für Euch, Monika und Peter, über den heutigen Tag Eurer kirchlichen
Eheschließung hinaus wichtig sein können. Aber auch uns, die wir an Eurem
Hochzeitstag teilnehmen, gehen diese Texte etwas an, weil sie christliche
Haltungen herausstellen, die wir im Alltag immer wieder leben sollen.
Deshalb gilt es, zunächst den Zusammenhang des 1. Korintherbriefes anschauen,
um zu verstehen, warum Paulus dieses Hohe Lied der Liebe schreibt. Der Anlass
ist ein menschlicher, allzu menschlicher: es war Krach in Korinth. Lesen Sie
zuhause noch einmal nach 1 Kor 12, 27 - 13, 13.
Und weil es Krach in Korinth gab, sah sich Paulus veranlasst, diesen Hymnus
auf die Liebe, das Hohe Lied der Liebe zu schreiben. Das Hohe Lied der Liebe
sollte gleichsam die Folie sein, der Hintergrund, auf der die Gemeinde in
Korinth ihr konkretes Leben bedenken sollte, um ihre gegenseitigen Umgangsformen
zu ändern. Denn: es war Krach in Korinth.
Gleich zu Beginn macht Paulus auf etwas wichtiges aufmerksam:
 | Liebe ist ein Weg |
Nur dann, wenn ich mich auf den Weg mache, liebe ich und kann ich geliebt
werden. Das Modell des Weges bedeutet aber eine Herausforderung und ist darin
dem Bild der Brücke ähnlich. Liebe ist keine Sache, kein Etwas, das ich - einmal
in meinem Besitz - nie wieder verlieren kann. Liebe ist Bewegung. Es gibt
vieles, dass ich zurücklassen muss, wenn ich auf dem Weg bin, weil es mich am
gehen hindert, weil es schwer und sperrig ist. Oder aber ich bleibe auf dem Weg
stehen. Liebe ist für Paulus gleichsam das Strickmuster des Lebens. Und so habt
auch Ihr beide, Monika und Peter, schon ein gutes Stück gemeinsamen Weges hinter
Euch und hoffentlich noch einen langen gemeinsamen Weg vor Euch.
Schauen wir uns näher an, wie Paulus Liebe ausbuchstabiert:
 | Leben ohne Liebe |
Gleich an den Anfang setzt Paulus eine ungeheure Provokation. Alles, was
einem "normalen" Menschen auch heute so wichtig ist - großartige Leistungen,
intellektuelle Fähigkeiten, soziale Anerkennung - das alles wäre nichts, wenn
die Menschen, wenn der einzelne Mensch, keine Liebe hätten. Aber, so werden
einige einwenden, Liebe, die hat doch ein jeder Mensch, wenigstens mehr oder
weniger.
Schauen wir einmal näher hin, was Liebe positiv für Paulus bedeutet:
 | Leben mit Liebe |
Hören wir nochmals den Text an: 1 Kor 13, 4-7
Ich meine schon, dass ist sehr konkret, vielleicht zu konkret, was der Paulus
hier unter einem Leben in Liebe versteht. Und es sollte uns klar sein: diese
Erwartungen gehen jeden von uns ab. Liebe ist nicht nur ein Schlagwort für
Feiertage und Hoch-Zeiten, wie an der Eurigen heute, Monika und Peter. Liebe ist
auszubuchstabieren in der Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit des Lebens. Denn es
war Krach in Korinth. Und auch im Zusammenleben zweier Menschen, in unseren
Familien und Gemeinschaften, da gibt es Momente, wo es kracht, wie in Korinth.
Und da wird deutlich: es geht nicht um Liebe als ein diffuses Glücksgefühl oder
als eine Idylle oder als eine heile Welt für den Moment Eures Festtages.
Schauen wir noch einmal genauer hin:
 | Leben mit Liebe |
Das bedeutet: langmütig sein: einen langen Mut füreinander aufbringen und
diesen Mut immer neu einüben; nicht prahlen, nicht reizen, Böses nicht
nachtragen ... kurzum: nicht den eigenen Vorteil suchen, sondern den des
Nächsten. Einander mitnehmen auf den Weg der Liebe. Sich selbst mitnehmen lassen
vom anderen, mit anderen Worten: zulassen, dass der Brückenbogen mir entgegen
kommt.
 | Leben mit Liebe |
Das bedeutet: alles dulden, alles glauben, alles hoffen, alles tragen. Liebe
fordert auch Heroismus, gerade in ihrer Alltäglichkeit. Diese Liebe weiß um die
Spannungen, in denen wir leben: in unserem persönlichen Alltag, in unseren
Beziehungen: mit dem Partner, mit Verwandten und FreundInnen. Die Liebe flieht
nicht vor den Schwierigkeiten, die Liebe bleibt unter den Schwierigkeiten. Die
Liebe ist jene Kraft, die Ja-sagen lässt, obwohl alles so ausweglos scheint,
obwohl der andere mich so unendlich enttäuscht hat, obwohl ich mir mit meinen
Eigenarten oft selbst im Wege stehe. Liebe überspannt den Bogen nicht.
 | Leben mit Liebe |
Das bedeutet: die Liebe hört niemals auf. Und darin, so scheint mir, liegt
die größte Herausforderung für uns heutige Menschen. Wir leben in Beziehungen,
die durch Verträge auf Gegenseitigkeit bestimmt sind. Jeder hat Ansprüche an den
anderen, hat ein Recht auf ... Wir versichern uns gegen jede Unbill des Lebens.
Wir wechseln das Bier oder das Auto, suchen einen neuen Lieferanten oder das
bessere Restaurant, haben den Drittwagen und den Zweitpartner. Wir achten auf
Halbwertzeiten und Verfallsdaten. Aber: Das Modell christlicher Liebe liegt da
quer dazu. Liebe ist nicht einklagbar. Liebe ist Geschenk, Liebe ist lebenslange
Aufgabe.
Auch wenn es bei Euch einmal Krach gibt wie in Korinth: Monika und Peter, Ihr
könnt Euch der Liebe als Aufgabe stellen, weil wir als Christen ein Beispiel
haben, das Vorbild der Liebe, Jesu Christus.

Gott hat uns in Jesus Christus seine Liebe bedingungslos angeboten. Jesus
Christus hat eine Liebe gelebt, die nicht den eigenen Vorteil sucht. Jesu Liebe
trug alles: bis in seinen Tod und darüber hinaus in die Herrlichkeit der
Auferstehung. ER hat den Bogen der Treue, den Gott zwischen sich und dem Noach
gespannt hat, erneuert und auf ein solides Fundament gestellt. Dieser Jesus ist
kein enger, eifersüchtiger Mensch, sondern übt Toleranz. ER ist der Pontifex
Maximus, der große Brückenbauer zwischen den Menschen und zwischen Gott und dem
Menschen. Jesus aber sagt ihnen, wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Menschen
können Gutes tun und sich dabei auf Ihn, Jesus Christus, berufen. Paulus greift
mit seinem Hohen Lied der Liebe diese gelebte Toleranz Jesu wieder auf. Er
wendet sie an auf die christliche Gemeinde, die in sich verkracht ist und
deshalb kein überzeugendes Beispiel für die Liebe Jesu gibt.[Und in Klammern
ist anzumerken: das kennen wir doch auch aus unseren heutigen Kirchengemeinden
und im Umgang zwischen den Kirchen, oder?]
Der Glauben an Jesus Christus schenkt uns die Gewissheit, dass Liebe
bedingungslos lebbar ist in einer Welt, die ihre Beziehungen fast ausschließlich
an Bedingungen knüpft, am Nutzen orientiert. Als Christen leben wir, sollten wir
leben in der Hoffnung, dass Jesu Liebe uns auch in unserer menschlichen
Begrenztheit trägt, dass Jesu Liebe bedingungslos jeden von uns meint.
Nur deshalb könnt Ihr, Monika und Peter, Euch miteinander vertrauensvoll auf
den Weg der Liebe Jesu in einer christlichen Ehe machen:
 | Der Weg der Liebe, von dem Ihr wisst, dass er kein einsehbarer und
übersehbarer Weg ist. |
 | Der Weg der Liebe, von dem Ihr wisst, dass Ihr ihn oft nicht weitergehen
wollt, weil Euch Vertrauen und Hoffnung schwer fallen. |
 | Der Weg der Liebe, von dem Ihr wisst, dass Ihr ihn nur begrenzt gestalten
könnt, weil Ihr nicht alleine auf dieser Welt lebt, sondern in einem
Beziehungsgeflecht. |
 | Der Weg der Liebe, von dem Ihr wisst, dass Ihr immer neue Erfahrungen auf
ihm machen werdet, die Gewohnheiten in Frage stellen können. |
 | Der Weg der Liebe, von dem Ihr hofft, dass Ihr ihn dann vollendet haben
werdet, wenn Eure Liebe aufgeht in der Liebe des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes. |
Ich wünsche Euch, Monika und Peter, dass Ihr Euch gegenseitig in Treue und
Liebe Weggefährten seid und bleibt, Brückenbauer für- und miteinander und für
andere, in guten und in schlechten Tagen. Habt Acht auf die jeweiligen
Fundamente Eurer Brückenpfeiler. Schiebt die Brückenteile langsam aufeinander zu
und fürchtet Euch nicht, wenn der Brückenbogen sich nicht sofort spannen lässt.
Wenn einer von Euch seinen Teil des Brückenbogens schneller auf die Gegenseite
schieben kann, bitte lasst dem anderen Raum, sich zu bewegen, anzunehmen, dass
sein Brückenbogen langsamer wächst. Dafür kann es gute Gründe geben.
Und ein Brückenbogen steht unter Spannung: überspannt den Bogen nicht, aber
lasst Spannung zu, liebe Monika, lieber Peter. Amen.

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