Die Ehe eine Seilschaft
Hochzeit von
Gerhild Maier und Bernhard Brugger
in der Schlosskirche in Ellingen
am 15. August 1981
Zelebrant: Prof. Dr. Alfons Fleischmann [Ae]
- Predigt: Benno Kuppler SJ [Cpf, Ae]

"Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und
Krankheit. Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe."
So werdet ihr, liebe Gretje, lieber Bernhard euch gleich gegenseitig
versprechen, und wir alle sollen eure Zeugen sein.
Mut gehört dazu, meine ich, einander dieses Wort zuzusprechen. Aus Übermut
jedenfalls, so scheint mir, ist es unmöglich für einen Menschen, solch ein
Wort zuzusagen.
Ich lade euch beide ein und alle, die mit euch diesen euren Hochzeitstag
begehen, sich mit mir auf den Weg zu machen, den Weg nachzugehen, den ich
gegangen bin, als ich mich fragte: Was gibt Menschen den Mut, solch ein Wort
einander zu geben.
Der Weg, ein konkreter eigener Weg soll mein Nachdenken verbildlichen.
DIE EHE IST EIN ANSTRENGENDER WEG.
Scheint es nicht unschicklich, am Hochzeitstag von den möglichen
Anstrengungen der Ehe zu sprechen? Als ich in der vergangenen Woche mit einem
Freund durch die Berge wanderte und dabei hin und wieder an die Ansprache
dachte, da wurde mir überdeutlich: als erstes muss ich über Anstrengungen
sprechen!
Da machte ich mich also mit meinem Freund auf, um durch die Stubaier Alpen zu
wandern. Wir hatten uns auf der Karte für einen bestimmten Weg entschieden. Wir
fanden in Oetz/Tirol den richtigen Einstieg und begannen, beladen mit unseren
Rucksäcken und guter Hoffnung den Weg: ein wunderbarer Wegweiser markiert uns
den richtigen Weg, zeigt unser Ziel an: die Bielefelder Hütte. Der Weg ist
einladend und breit und steigt für den Anfang nur schwach an, die Anstrengungen
sind nicht zu groß. Bald sind wir alleine auf dem Weg, zu zweit miteinander,
aufeinander verwiesen. Der Weg wird schmaler, steiler. Plötzlich ist der Weg -
so scheint es uns - zu Ende. Und wirklich: wir finden keine ausgetretene Spur,
kein Wegzeichen. Wir müssen unseren Weg finden. Da gehen wir zunächst in der
bisherigen Richtung weiter: nun aber beschwerlich durch Dickicht, über Geröll
und in Abhängen. Schwierigkeiten stellen sich uns in den Weg: umgestürzte
Bäume, Gerölllawinen, ein Bach. Und dann, wir wagten kaum noch zu hoffen: in
der Ferne eine rote Markierung! "Unser Weg" - so denken wir nicht nur, so
rufen wir es uns auch zu. Denn die beschwerlichen Wegverhältnisse haben Distanz
gebracht zwischen meinen Freund und mich. Jeder von uns strengt sich an, alleine
und gemeinsam. Da stehen wir an der Markierung: glücklich wieder ein Wegzeichen
gefunden zu haben, halten wir inne, machen eine Pause, um Kraft zu schöpfen
für den weiteren Weg.
Aber, welche Enttäuschung: unser Weg war ein Holzweg, das vermutete
Wegzeichen war ein Zeichen für irgendetwas, aber nicht für uns und unseren
Weg: Wir standen vor dem Nichts.
Im Gespräch mit meinem Freund schlug ich vor, wir sollten noch eine Stunde
weitersuchen. Stießen wir nicht auf den Weg, sollten wir umkehren, einen
Neuanfang machen am nächsten Tag.
Wir fanden den richtigen Weg nicht, aber wir fanden einen Sessellift. Dieser
sollte uns als Wegweiser dienen: wenn wir unter diesem weiter den Berg
aufstiegen, müssten wir einmal an eine Station kommen. Die Anstrengung schien
widersinnig: im Lift fuhren die Leute talwärts, der Abend brach herein, und wir
beide kämpften uns unter dem Lift bergwärts, einem erhofften Ziel entgegen.
Mehrmals fragte ich die Hinabfahrenden, wieweit es wohl nach oben sei. Aber ihre
Zeit war bestimmt vom Fahren, meine eigene von den abnehmenden Kräften, von
Verzagtheit ob des fehlenden Weges, von der Unsicherheit, wo wir ankämen.
Endlich: in einiger Entfernung sahen wir dann Häuser einer Alm. Wir hatten
wieder ein Ziel vor Augen, fassten Tritt - wenn auch viel langsamer als beim
Start.
Als wir dann im Dämmerlicht auf den Wald und den verfehlten Weg
zurückschauten, meinten wir, irgendwie doch verrückt zu sein, auch wenn es nur
ein bisschen wäre: Was sollte alle diese Anstrengung? Warum habe ich nicht den
Rückzug angetreten? Warum sollte ich durchhalten?
Und da wurde mir deutlich, dass die Anstrengung, das Verrückte nicht das
war, was mich hielt, was mich stärkte, durchzuhalten! Was mich "trotzdem"
bei der Stange hielt, war die Liebe: zu meinem Freund und unserem gemeinsamen
Plan, der Bergtour.
Das alles soll jetzt Bild und Gleichnis sein für eure Ehe, liebe Gretje,
lieber Bernhard! Ist das nicht doch weit hergeholt? Ich meine nein!
In dieser Eucharistiefeier wollt ihr durch euer Ja-Wort eure Liebe zueinander
zum Ausdruck bringen: Und wenn diese Liebe eine Wirklichkeit ist, dann ist sie
ganz schön strapazierfähig, da gibt es fast nichts, das zu anstrengend sein
könnte, so ziemlich jede Verrücktheit wird dann wieder zurecht gerückt.
Die Liebe, von der auch der erste Korinther-Brief spricht, ist also jene
Wirklichkeit, die wir immer nur in Zeichen und bruchstückhaft erfassen können,
die aber die Grundbestimmung unseres Lebens ist oder werden soll.
In eindrucksvoller Weise hat Paulus in diesem Brief aufgezählt, welche guten
Eigenschaften des Menschen ohne diese Liebe als Grundoption nicht vorstellbar
sind. Unser Leben erhält seinen Sinn aus dieser Liebe, mehr noch, da wo das
Leben anstrengend, ja hoffnungslos zu werden droht, hilft uns die Liebe "trotzdem"
zu leben.
So wie auf dem Weg, als mein Freund und ich mit unserer eigenen Weisheit und
dem Studium der Karte am Ende waren: die Liebe war langmütig genug, uns auf den
richtigen Weg zu führen.
Machen wir uns aber gemeinsam mit euch beiden weiter auf den Weg. Vergessen
wir nicht, dass wir für die Liebe optiert haben.
Die Anstrengungen, die Verirrungen des ersten Tages sind vergessen, vor uns
liegt eine neue Wegstrecke: der Weg wird lang, das wissen wir, als wir morgens
aufbrechen. Wieder begegnen uns andere auf dem Weg, wir sprechen miteinander
über die Beschaffenheit des Weges, über Widerfahrnisse, Gefährdungen. An
einer verlassenen Hütte trennen sich unsere Wege, wir sind wieder alleine, zu
zweit auf dem Weg.
Die Schneefälle des Frühsommers haben Lawinen losgelöst, der Weg ist oft
verschüttet. Er führt über Schneefelder und Klettersteige und immer wieder
frage ich meinen Freund: Kann ich darauf treten? Hält wohl dieses Seil? Wo soll
ich meinen Fuß hinsetzen? Ich fühlte mich immer wieder unsicher. Ich musste
von ihm hören, dass er sagte: Das kannst du! Du schaffst es! Sein Wort war mir
wichtig.
Das Wort, das Sicherheit gibt, es ist die Liebe, die Gestalt annimmt. Ist das
nicht kühn, übermütig, so auf ein Wort zu vertrauen! Setze ich nicht
leichtfertig mein Leben aufs Spiel, wenn ich jemandes Wort vertraue?
Liebe Gretje, lieber Bernhard! Ihr sprecht euch das Wort der Treue zu. Das
Wort, das euch bindet, ist enger als meine Zweierseilschaft verbunden durch die
Karabinerhaken. Ich brauchte für eine Woche Vertrauen in meinen Freund und er
in mich. Ihr wollt ein Leben hindurch eine "Seilschaft" miteinander
bilden und baut diese auf euer Wort.
Unser menschliches Wort, das Wort, das ihr einander geben werdet, ist
eingebunden in ein umfassenderes Wort, das uns im Prolog des
Johannes-Evangeliums vorgestellt wurde: "Im Anfang war das Wort, und das Wort
war bei Gott, und Gott war das Wort."
Dieses Wort hat Gestalt angenommen in Jesus Christus. Dieses Wort ist der
Grund, der es uns ermöglicht, einander das Wort zu geben, einander auf das Wort
zu vertrauen. Die Geschichte Gottes mit den Menschen, die in der
Selbstmitteilung Gottes im menschgewordenen Wort ihren unüberhörbaren
Gipfelpunkt erreicht hat, geht auch heute weiter: ihr gebt euch euer Wort, weil
ihr erfahren habt, dass es Vertrauen, Hoffnung, Glaube, Liebe gibt. All das habt
ihr auf eurem bisherigen Lebensweg schon erfahren: positiv als beglückend, oder
negativ, weil es fehlte, als so bedrückend.
Wir alle, liebe Schwestern und Brüder, sind heute auf verschiedenen Wegen
nach Ellingen in die Schlosskirche gekommen, um mit Gretje und Bernhard
Eucharistie zu feiern, weil sie heute vor Gott und den Menschen ihren
gemeinsamen Lebensweg beginnen wollen mit dem Versprechen gegenseitiger Treue in
Liebe.
Euer Ja-Wort, liebe Gretje, lieber Bernhard, innerhalb der Eucharistie, der
großen Danksagung der Kirche, wird hineingenommen in jenes große und einmalige
Wort Jesu, das er seinen Jüngern gegeben hat, ehe er in Liebe sein Leben hingab
für seine Freunde: Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Diese so einfachen
Zeichen von Brot und Wein sind Symbol jener großen Liebe, die Jesus zu uns
Menschen hatte und hat. Sein Wort, dem wir vertrauen dürfen, macht diese Gaben
der Erde zu seinem Fleisch und Blut: damit wir eins werden, wie er mit dem Vater
eins ist.
Liebe Gretje, lieber Bernhard. Ihr werdet jetzt vor Gott und den Menschen
einander euer Wort schenken. Ihr werdet so eine Einheit miteinander begründen,
die tiefer reicht, als alle Zeichen und jede Sprache es ausdrücken können.
Eure Ringe sind Zeichen dieser tiefen Verbundenheit.
Lasst eure Liebe Gestalt annehmen. Lasst uns, die wir hier zugegen sind, mit
euch Wegstrecken eures Lebens gehen. Lasst uns Jesus als unseren Weggefährten
wählen, weil sein Wort und seine Liebe uns fähig machen, den Mut zu haben,
einander Wort und Liebe zu versprechen, wie ihr es jetzt tun werdet.
Seine Liebe erfülle euch, heute und alle Tage. Amen.
