Die Kirche im Dorfe lassen
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Dr. Benno Kuppler

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Die Kirche im Dorf lassen
Kirchweih-Fest im Germanicum-Hungaricum
am 20.11.1990

Lesungen: 1 Könige 8, 22-23.27-30; 1 Korinther 3, 9b-11.16-17; Lukas 19, 1-10

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Liebe Schwestern und Brüder,

Kirchweih: für mich verbinden sich mit der Kirchweih Erinnerungen vom Land. Die Kirche im Dorf war umgeben von den Wagen der Schausteller, die schon Tage vor der Kirchweih begannen, ihre Schießbuden und Karusselle, ihre Lotterien und all den Zauber aufzubauen, der Kirchweih ausmachte. Da roch es nach gerösteten Mandeln, Alpenbrot, Zuckerwatte und Leckereien. Die Menschen holten die Festtagskleidung aus den Schränken. Der Kirchenchor und der Musikverein hatten zusätzliche Proben angesetzt. Die Frauen buken auf großen Blechen im Backes, dem gemeinsamen Backhaus, den Streuselkuchen, der so gut nur bei der Kirchweih schmeckte. Hinter den Kulissen hatten die Messdiener schon darum gestritten, wer diesmal das Weihrauchfass schwenken durfte. Und die kleineren mussten sich - wie Generationen vor ihnen - mit dem Flambo, dem Leuchter, zufrieden geben. Das es einen "großen Einzug" mit dem Kreuz vorweg geben werde, stand außer Diskussion. Die Kirchenfahnen flatterte schon am Tag vorher vom Turm. Das ganze Dorf hatte Festtagsschmuck, die Kirchenfahnen - nicht nur die bayerischen Farben - angelegt.

Und dann war es endlich so weit. Das Blech dröhnte zur Ehre Gottes. Die Orgel brauste auf, kaum dass das Kreuz im Portal sichtbar wurde. Die Standarten, Wimpel und Banner der Vereine folgten dem Kreuz. Alle erhoben sich von ihren Plätzen und aus vollen Kehlen schallte es durchs Kirchenschiff: Ein Haus voll Glorie schaue weit über alle Land! - Wir werden diesen Lied erst zum Auszug singen! - Das Hochamt nahm seinen gewohnten Lauf. An die Predigt erinnere ich mich nicht mehr. Es war aber einfach toll: die Stimmung war überschäumend, die Menschen glücklich, keiner stand abseits.

Heute nun feiern wir Kirchweih: Am 20. November 1990 gedenken wir der Weihe unserer Kirche vor 40 Jahren am 26. April 1950. Aus pastoralen Gründen - so ließ ich mich belehren - wurde das Fest später in den November verlegt. Und wer im KB vom August 1950 den Bericht von dieser Kirchweihe nachliest, der spürt etwas von der Freude und dem Überschwang, den damals die "Herren in roter Robe", denen die Krypta zu eng geworden war, empfanden. Nicht nur bei der Weiheliturgie, auch beim anschließenden Pranzo, nach fünf Stunden pontifikaler Liturgie "mit eigenen Zeremonieären", ohne Hilfe vom Vatikan, wie der Chronist stolz vermerkte, wurde Kirchweih gefeiert.

Was feiern wir heute? Die Erinnerung an dieses bedeutende Ereignis unserer Kollegsgeschichte? - Und im Hinterkopf haben wir bereits den Wunsch, die Kirche umzugestalten nach unseren heutigen Bedürfnissen und Vorstellungen!

Mir will scheinen, es wäre zu wenig, sich nur des damaliges Ereignisses der Weihe zu erinnern. Kirchweih, das ist nicht einfachhin Memoria an eine eindrucksvolle Liturgie, die uns in den bewegten Worten unsere Vorväter überkommen ist.

Kirchweih, das ist Memoria der Geschichte Gottes mit dem Menschen, damals und heute, Geschichte Gottes mit uns als Gemeinschaft und jedem einzelnen von uns. Kirchweih, das ist Memoria der Heilstaten Gottes an uns und für uns, und Kirchweih, das ist Memoria unserer Antwort auf Gottes Heilswirken.

Wir feiern heute in unserem Dorf "Kolleg" Kirchweih und treffen uns am dem Ort, wo sein Name wohnen soll. Salomon betete für diesen Ort mit den Worten: "Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag... Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie hier beten."

Und wir, die wir uns hier treffen, sind getroffen von dem Wort des Apostels Paulus: "Denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr."

"Kirche" ist also mehr als nur die Beschreibung für einen heiligen Raum. "Kirche" ist der Inhalt jenes Auftrags, den wir als getaufte Christen empfangen haben: Wir gemeinsam und jeder einzelne von uns, sind die Baumeister, die auf dem Grund der Apostel weiterbauen: an der Kirche, die jeder einzelne von uns ist, und an der Kirche, die wir als Gemeinschaft sind. Der Grund aber ist Jesus Christus.

Und wenn ich das ernst nehme, dass der Tempel Gottes heilig ist und dass ich selbst dieser Tempel bin und dass Jesus Christus der Grund, das Fundament dieses Tempels ist, was dann? Was tue ich für mich, was tut jeder von Euch für sich, um dieser Zu-Mutung des Paulus gerecht zu werden? Mache ich mich so an-ziehend, dass ich durch-scheinend werde für den Grund meines Lebens: Jesus Christus? Liebe ich mich selbst so, dass ich anderen liebens-wert erscheine? Messe ich mich auch mit den Kriterien, die ich oft leichtfertig an andere anlege?

Das Bild vom Dorf und der Kirche will mir nicht aus dem Kopf, wenn ich am Kirchweih-Tag in unsere Kollegsgemeinschaft denke.

Auch in unserem Dorf ist die Kirche im Mittelpunkt: zumindest unsere große Kollegskirche, deren Weihetag wir heute feiern. Wie steht es aber um die einzelnen Tempel, die vielen einzelnen Mitglieder unserer Gemeinschaft?

Wir sind wirklich ein Dorf, so will mir scheinen, wo sich jeder kennt. Jeder weiß, wo und wie der andere wohnt. Wir schauen einander in die Fenster. Wir tratschen miteinander und übereinander, auch über den Eintopf am Mittag. Gerüchte erreichen sehr schnell ihr angestrebtes Ziel: heute etwa mich. Es ist nicht immer einfach, diesen oder jenen als Nachbarn zu haben. Es gibt soziale Kontrolle und sozialen Druck - gelegentlich auch Tradition genannt - , unter denen sich mancher eingeengt fühlt. Miteinander wird aber auch gebetet und gefeiert.

Und dennoch: Jeder von uns sollte immer mal wieder auf einen, auf seinen Baum steigen. Das ändert die Perspektive im Blick auf das Dorf. Dort kann Jesus Christus Dich und mich auch besser sehen, wenn er vorbei kommt. Und lassen wir uns von IHM zurufen: Komm schnell herunter! Denn heute muss ich bei dir einkehren. So feiern wir dann Kirchweih: in der Begegnung mit Ihm, der das Heil aller Menschen will. Amen.

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