Dienen
ist schwer!
Nürnberger Hochschulgottesdienst am 20. März 1997
Lesung: Markus 10, 35-45

Der Semesterbeginn an der Fachhochschule bedeutet Einüben des Alltags für
die neuen StudentInnen und markiert die Rückkehr zu Alltagsstimmungen für die
höheren Semester. Für viele ist der Gang zur Mensa ihr Weg zu alltäglichem
Essen, das den Körper stärken soll. Das Markus-Evangelium bietet uns heute
Vollkornbrot für unseren Geist an: Altbackenes, nichts zum Genießen. Mir
will scheinen, es ist erschreckend gesund und enthält viele Ballaststoffe, die
zur geistlichen Verdauung notwendig sind, um nicht unter geistlicher Verstopfung
zu leiden. Der Text führt uns auf ein wichtige Kreuzung unseres Lebens.
Eine vielleicht allzu menschliche Situation steht am Beginn der Geschichte:
Jakobus und Johannes wollen eine Bitte von Jesus, ihrem Meister, erfüllt haben.
Sehr konkret, nicht versteckt, gerade heraus, so formulieren sie ihre Bitte:
einer will rechts und einer links in Seiner *@>",
in Seiner Herrlichkeit sitzen. Sie stellen damit den Anspruch an seiner Macht,
an seiner Herrschaft teilzuhaben.
In dieser Bitte finde ich mich selbst wieder. Rechts oder links von jemand
Bedeutendem zu sitzen, im Lichtkegel eines Großen, im Dunstkreis eines
Mächtigen, im Schatten eines Einflussreichen zu stehen? Für mich kann ich mir
das vorstellen. Vielleicht habe ich nur nicht den "Mut", das so offen
zu erbitten! Aber sehr subtil kann ich schon mal versuchen, dies zu erreichen.
Und ich habe es auch schon gemacht. Warum auch nicht!?
Jakobus und Johannes trauten sich ja auch einiges zu. Warum sollte ich mir
nicht auch etwas zutrauen? Ich kann ja einiges und bin nicht ganz dumm. Und
Du!? Kennst Du auch diese geheime Sehnsucht, davon zu profitieren, jemanden
zu kennen, der mehr ist als Du selbst? Es könnte ja Deinem Ansehen bei den
Kommilitonen oder Freundinnen und Freunden nicht schaden. So der diskrete
Hinweis, weißt Du, ich verkehre mit dem oder der, na’ Du weißt schon, ...
eine wichtige Type, hat einen irren Einfluss!
Jesus weist diese Bitte von Jakobus und Johannes nicht einfach schroff ab.
Bezeichnet sie nicht als Hochstapler oder Blender. Nein: in einer sensiblen,
einfühlsamen Weise lässt Markus Jesus erwidern:
"Ihr wisst nicht, um
was ihr bittet".
Denn es geht nicht um abgeleiteten Ruhm, um Ehre aus zweiter Hand für
Jakobus und Johannes. Ihre Teilhabe an Seiner *@>"
bedeutet anderes, bedeutet mehr, verlangt ganzes Engagement. Behutsam fragend,
führt Jesus den Jakobus und den Johannes auf Seinen Weg, den Weg des Kreuzes,
den Kreuzweg. Er, der Kreuzweg Jesu, steht in diesen Tagen vor dem Palmsonntag
und dem Karfreitag im Mittelpunkt unseres Glaubensleben. Das Hosianna, die
Begeisterung der Massen, schlägt um ins "kreuzige ihn" des
Karfreitag.
Erinnern wir uns:
Markus hatte Jesus bereits dreimal sein Leiden
ankündigen lassen, dreimal hatte er daran eine Belehrung der Jünger
angeschlossen. Und dann können Jakobus und Johannes immer noch vollmundig
sagen: "Wir können es". Eine maßlose Selbstüberschätzung,
oder?
Mich selbst verlässt da eher mein Mut:
ich traue mir nicht zu, den
Becher zu trinken, den ER trinkt und die Taufe auf mich zu nehmen, mit der ER
getauft wird. Der Kreuz-Weg als mein eigener Weg, das muss doch nicht sein!?
Zumindest nicht vorsätzlich gesucht. Und Du!?
Jakobus und Johannes, zwei Personen mit Namen und Gesichtern, die eine
Geschichte mit diesem Jesus haben, sie trauen es sich zu: "Wir können
es." Und Jesus verstärkt diese Selbsteinschätzung: Ja, ihr werdet meinen
Weg gehen, meinen Becher trinken, meine Taufe auf euch nehmen. Aber die Plätze
links und rechts sind keine Belohnung für Tollkühnheit, kein Versprechen für
Übermut.
Jakobus und Johannes, zwei Personen mit Namen und Gesichtern, haben sich
getraut, etwas zu erbitten. Vielleicht wünschten sich die anderen Apostel im
Innern auch diese Ehrenplätze. Ihnen fehlte aber der Mut, sich so offen zu
äußern, sich mit ihrer Bitte vielleicht bloßzustellen. Deshalb ärgern sich
die anderen Apostel über Jakobus und Johannes. Konkurrenzverhalten selbst unter
den engsten Jüngern Jesus, warum dann nicht auch unter uns heute?
Ist das nicht auch meine und Deine Erfahrung?
Da traut sich einer, etwas
Außergewöhnliches zu erbitten. Und schon ärgere ich mich über ihn. Weil er
den Mut hatte, etwas zu erbitten, was ich mich aber nicht getraut habe. Deshalb
ärgere ich mich über ihn. Denn insgeheim halte ich mich vielleicht sogar für
fähiger, geeigneter, qualifizierter.
Und Jesus erweist sich als Pädagoge, nicht nur gegenüber Jakobus und
Johannes, sondern gegenüber allen seinen Aposteln. Er wird nicht müde, seinen
Jüngern zu erklären, worin der Unterschied zwischen Seinem Dienst und dem
"Dienst" der Mächtigen dieser Welt besteht. "Bei euch aber soll
es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener
sein: und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein."
Wo stehe ich mit meinem Dienst?
Sicherlich, ich unterjoche niemanden.
Zumindest bin ich davon überzeugt, es nicht zu tun, und tue es auch nicht
vorsätzlich. Aber Macht über Menschen missbrauchen? Da spüre ich, das lässt
sich leichter verdecken, das ist subtiler zu handhaben. Da kann der gute Schein
schon einmal die tieferen Motive verdunkeln. Beispiele finde ich bei mir, wenn
ich denn danach forsche. Und Du!? Traust Du Dich, diese Frage zuzulassen?
Im Umgang mit den KollegInnen an der Fachhochschule, im Wohnheim, in der
Studentengemeinde, in einer Partnerschaft?
Für das neue Semester haben sich einige sicherlich hohe Ziele vorgenommen.
Erfolgreiche Studienleistungen zählen gewiss zu solchen Vorsätzen. Und die
menschlichen Beziehungen, das soziale Engagement in Deinem Umfeld kommen die
auch in den Blick. Welcher Blickwinkel bestimmt da Deine Wahrnehmung: das
Konkurrenzverhalten oder das Miteinander in Verschiedenheit, die Bedeutung
deiner Person für Menschen und Gruppen innerhalb der Fachhochschulen und
außerhalb, z.B. in unseren Hochschulgemeinden? Was ist mein Weg als Christ in
den kommenden Wochen, in diesem Sommersemester? Wo wird mein Weg durchkreuzt von
Jesu Wort und Ruf?
Auch ich weiß mich gerufen in die Nachfolge des kreuztragenden Christus, der
dem Pilger in La Storta, dem heiligen Ignatius, gesagt hat: "Ich will, dass
du uns dienst." So steht es auf meinem Kelch mit dem ich in der khg
jeden Sonntag die Eucharistie feiere. Das ist der Anspruch! Die Wirklichkeit
kenne ich auch und mein Alltag, nicht nur in der khg, lehrt mich:
Dienen ist
schwer! Amen.
