
Durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!
P. Dr. Benno Kuppler SJ *

Das stimmt doch nicht. Da kommt im vergangenen August Peter zu mir. Fünf
Jahre hatte seine Frau Martha gegen eine Krebserkrankung gekämpft und hat
verloren. Mit gerade mal 60 Jahren ist sie gestorben. Ich soll die Aussegnung
auf dem Friedhof halten. Peter empfindet in diesen Tagen das christliche Kreuz
als Zumutung. Erlösung ist in dieser Stunde ein Reizwort für ihn. Er fühlt sich
verlassen: von seiner Frau, die er liebt, und dem Gott, der seiner Frau Leben in
Fülle versprochen hatte.
Bei Paulus lese ich dann: "Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten.
Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit." [Vgl. 1 Kor 1, 22-25] Und er
schreibt weiter, dass das Kreuz den Juden ein Ärgernis ist und den Griechen
Torheit bedeutet. In der Fastenzeit betrachten Christen den Kreuzweg Jesu. An
jeder Station beten sie: "Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen
dich. Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst."
Auf dem Friedhof stehen Peter, sein Sohn und einige Verwandte um den Sarg von
Martha versammelt. Ich reiche Peter und seinem Sohn Weihwasser und Weihrauch.
Beides habe ich zunächst selbst gebraucht, um den Sarg zu segnen und in den
Wohlgeruch einzuhüllen. Das kleine Enkelkind von Peter und Martha schaut mit
großen Augen auf den Sarg und scheint die Spannung zu spüren, die über dieser
Stunde des Abschieds liegt. Ich lade das Kind ein, mit mir ganz nah an den Sarg
zu gehen, der die sterblichen Reste der Oma birgt. Leise spreche ich zu dem Kind
von Abschied und dem anderen Leben der Oma und dass Oma doch nahe bleibt in
seinem Herzen. Mit seinen kleinen Händchen berührt das Kind das Holz des Sarges,
zärtlich, liebevoll: sein Abschied von der Oma.
Über dem Sarg richte ich dann symbolisch das Holz des Kreuzes auf. "Denn
durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst." Der Vorhang in der
Friedhofskapelle schließt sich langsam. Peter und seine Angehörigen gehen in
ihre Welt zurück: alleine. In wenigen Tagen werden sie wieder auf dem Friedhof
sein, um die Urne mit der Asche von Martha beizusetzen.
Die Botschaft der erlösenden Kraft des Kreuzes habe ich verkündigt. Wie sie
ankommt und wirkt, liegt nicht in meiner Macht.
Da spüre ich einen Mangel in mir. Ich bin ungeduldig und möchte ein Zeichen,
dass Erlösung wirkt: hier und jetzt. In solchen Momenten verstehe ich Menschen,
die selbst die Ärmel hoch krempeln und sich fragen, was sie tun können, wo sie
anpacken sollen, um diese Welt zu erlösen.
Zugleich lebt in mir jener Grieche, den Paulus beschreibt. Ich trete in einen
Dialog mit mir selbst über die Torheit des Kreuzes. "Also bitte, erkläre erst
mal, wie das passieren soll, mit dem Kreuz die Welt erlösen. Aber bitte, es muss
schon schlüssig sein, denn logische Widersprüche, intellektuelle
Ungereimtheiten, das kann und will ich mir nicht leisten." Aber die Sache mit
der Erlösung erschließt sich meinem Verstand nicht. Mein Herz aber spricht:
"Durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!"
Peter ist in den Tagen zwischen der Aussegnung seiner Frau Martha und dem Tag
der Beisetzung ihrer Urne weitere Stationen seines Kreuzweges gegangen. Er ruft
mich an: "Pater, können wir am Tag der Urnenbeisetzung meiner Frau abends eine
Eucharistiefeier machen."
Als wir uns zum Trauergespräch getroffen hatten, da wollte Peter seine Trauer
alleine mit sich ausmachen. Die Stationen seines Kreuzweges haben ihm innere
Weite geschenkt: Peter zeigt seinen Schmerz, will diesen teilen mit Menschen,
die ihm und Martha im Leben wichtig waren und sind. Peter überantwortet seinen
Schmerz Gott. Im Zeichen des Kreuzes feiern wir Eucharistie, Danksagung für mehr
als dreißig gemeinsame glückliche Ehejahre von Peter und Martha. Viele Menschen
sind gekommen, um mit Peter zu feiern.
Am Ende des Gottesdienstes gehe ich zu Peter, seinem Sohn und den
Angehörigen. Wir nehmen uns in den Arm und sind in aller Trauer um den Tod von
Martha getröstet und glücklich über die tiefe Glaubenserfahrung: "Durch dein
heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!", auch Martha und Peter.
Paulus nennt dies "Gottes Kraft und Gottes Weisheit", wenn Menschen ihren Weg
des Kreuzes gehen können. Der Blick auf die Stationen des Leidensweges Jesu
erlaubt es, das eigene Leben mit seinen Höhen und Tiefen zu betrachten. Der
eigene Kreuzweg wird nicht notwendig leichter. Aber es hilft, die Perspektive zu
wechseln: Die Erfahrung, dass Jesu Kreuz nicht das letzte Wort ist, lässt auch
menschliche Kreuze nicht aussichtslos erscheinen. Das Kreuz bleibt nur das
vorletzte Wort. Erlösung ist das letzte Wort.
Mir als Jesuit ist das Kreuz lieb und wert, auch wenn es oft schwer ist.
Ignatius von Loyola hatte in La Storta vor den Toren Roms eine Vision. Er hörte
den Ewigen Vater zum kreuztragenden Christus sagen: Ich will, dass du diesen zu
deinem Diener annimmst. Und Christus wendet sich an Ignatius und sagt: "Ich
will, dass du uns dienst".
Im Bild des Paulus vom Juden und Griechen heißt das für mich: als "Grieche"
suche ich unter dem Kreuz denkerisch nach Lösungen für die Fragen und Nöte der
Welt. "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute" [Gaudium et
spes 1] sind auch meine Gefühle. Als "Jude" wirke ich aufrichtig an der
geschwisterlichen Gemeinschaft aller Menschen als Zeichen des Heils in dieser
Welt mit. Und wenn es mir doch schwer wird, stecke ich mein Noviziatskreuz mit
dem Text "Ich will, dass du uns dienst" in die Hosentasche und halte mich daran
fest. Auf dem Friedhof trug ich es mit mir. Denn "durch dein heiliges Kreuz hast
du die Welt erlöst!".
* Der Jesuitenpater ist Geistlicher Beirat des KKV Hansa München und arbeitet
als Coach und Unternehmensberater bei "Werte-Wirtschaft-Weiterbildung" [www.we-wi-we.de] in München.
in:
Beilage "bayernpost" zum "KKV Forum neue Mitte", Nr. 1 / 02, S. IV 
