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Dr. Benno Kuppler

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"Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"
Predigtskizze zu Johannes 11, 1-4. 17-45
Gedächtnismesse für M. A. [+ 13.05.1999] am 22. Mai 1999 in Berlin

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BEGRÜSSUNG BEI DER EUCHARISTIEFEIER

Lieber F., liebe Freunde von M.,
Schwestern und Brüder im Herrn!

Wir sind hier zusammengekommen, um miteinander Eucharistie zu feiern. Wir wollen Gott danksagen, für alles Gute, das M. in seinem kurzen Leben anderen Menschen tun durfte und alles Gute, das er selbst von anderen Menschen erfahren hat.

Gleichzeitig spüren wir, wo wir selbst dem Verstorbenen etwas schuldig geblieben sind. Wir spüren, dass es Dinge gibt, die wir M. noch gerne gesagt hätten, um sein Leben zu verlängern. Manches hätten wir gerne noch für ihn getan, damit er nicht so jung sterben musste. Alles dies, was unsere Herzen in diesem Moment bewegt, und unser Versagen Gott gegenüber wollen wir der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen, damit Er es auf seine Weise aufhebt.

bulletMiteinander BEKENNEN wir den Glauben an unseren gemeinsamen Herrn Jesus Christus, der Herr über Leben und Tod ist, jenseits aller konfessionellen Grenzen.
bulletMiteinander DANKEN wir für die Erfahrungen von Heil, die wir in unserer Geschichte mit unserem verstorbenen M. A. machen durften.
bulletMiteinander BITTEN wir um Heilung all dessen, was wir uns im Leben gegenseitig schuldig geblieben sind.
bulletMiteinander FEIERN wir Eucharistie als Fest der Danksagung für die Heilsgeschichte, die Gott mit unserem verstorbenen M. A. und mit jedem von uns hat und die wir untereinander haben.

Kyrie Rufe

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Predigtskizze zu Johannes 11, 1-4. 17-45

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

Wäre das die Antwort auf unseren Schmerz, unsere Tränen, unsere stumme Ohnmacht angesichts des Todes unseres M. A.? Würden wir es uns da nicht zu einfach machen: wünschen, dass er wieder lebte, nur damit wir den Schmerz nicht zu durchleiden, die Tränen nicht zu vergießen und die stumme Ohnmacht nicht auszuhalten hätten?

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

Dieser Satz, von Jesus gesprochen, rührt an die Fragen, die sich Dir, F., und allen, die M. nahe stehen, in diesen Tagen gestellt haben, die ich herauszuhören gemeint habe, als wir miteinander sprachen: Können wir M. mit 29 Jahren schon sterben lassen? Können wir innerlich einwilligen in seinen freiwilligen Tod?

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

 Da stehen wir sprachlos und traurig und mit vielen Fragen. Und auf die eine Frage "Warum?" hat uns M. keine Antwort zurück gelassen. Und wir selbst können seine Entscheidung, in den Tod zu gehen, nur schwer annehmen. Zu viele Fragen bleiben offen: Fragen, die wir uns selbst stellen. Fragen, die wir uns kaum auszusprechen wagen? Fragen, die seine Verwandten in Kamerun stellen.

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

Und M. geht alleine in den Tod. M. verlässt Euch, uns, die wir hier versammelt sind, ohne ein Wort, mit einer endgültigen Tat. M. geht, weil es für ihn Zeit war. Er lässt uns alle zurück: Dich, F., in Nürnberg, Euch hier in Berlin, seine Familie in Ebolowa und Yaounde, Menschen, die ich nicht kenne, die jetzt mit Euch und uns trauern.
Und wir kommen zu spät, so scheint es. Wir konnten nur noch von einem toten M. Abschied nehmen, der seine letzte Reise in die Heimat antreten wird. So hat er es gewollt.

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

Wir stehen vor dem tiefsten Geheimnis eines Menschen: seiner Freiheit, die ihm Gott gegeben hat. M. hat diese Freiheit aus-gelebt. Sein Leben ist ver-bindlich geworden. Wir dürfen und müssen es aussprechen: Seine Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, bleibt uns unerklärbar. Es bleibt das letzte und endgültige Geheimnis von M..
Und dieses Geheimnis des Lebens von M. bringen wir in dieser Eucharistiefeier vor Gott. Bei Gott ist das Geheimnis von M. gut aufgehoben.
Es gehört Mut dazu, mit Gott zu hadern, ihm vorzuwerfen, dass er ein ferner Gott ist. Mehr Mut, als einfach Gott in Ruhe zu lassen und seine eigenen Wege zu gehen, gerade angesichts des Todes von M..

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

Jesus Christus selbst ist es, der uns im Evangelium sagt: "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen". Diese Aufforderung gilt auch uns. Denn M. ist mit vielen emotionalen Binden noch an uns gebunden. Er hat diese Verbindung durchschnitten. Wir müssen das akzeptieren und uns von Jesus sagen lassen: "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen".
Wichtiger aber noch: Dieser Jesus lässt sich durch das Weinen der Maria und der Juden in seinem Inneren erregen, dieser Jesus weint zusammen mit den Menschen, dieser Jesus fühlt mit den Menschen. Deshalb brauchen wir uns unserer Tränen nicht zu schämen.
Und dieser Jesus setzt ein Zeichen: die Erweckung des Lazarus. Aber dieses Zeichen weist weit über Lazarus hinaus. Es weist auf die Auferstehung Jesu Christi selbst hin: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich gehe hin, um Euch eine Wohnung zu bereiten beim Vater.
Und dieses Versprechen Jesu feiern wir in dieser Stunde bei der Eucharistiefeier. Es gilt auch Eurem und unserem Freund M..

bullet "Löst die Binden und lasst ihn fortgehen"

Versuche Du, lieber F., und versucht Ihr als Angehörige und Freunde, jene Binden zu lösen, mit denen Ihr Euren verstorbenen M. noch an Euch binden wollt, weil der Schmerz Euch sonst unmenschlich erscheint, weil Ihr in den Tränen zu ersticken droht oder weil Euch die stumme Ohnmacht niederhält.
Versuchen wir alle, Angehörige und Freunde, unseren verstorbenen M. A. fortgehen zu lassen auf jenem Weg, der Christus selbst ist.
Bekennen wir mit Martha: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferweckung am letzten Tag. Gehen wir mit Martha zu Maria und sagen unseren Mitmenschen: Der Meister ist da und ruft dich. Kommen wir wie die Juden zu Maria und sehen wir, was Jesus getan hat.
Mit dem Lied "Kündet allen in der Not" [Gotteslob 106] können wir uns trösten und stützen:
Fasset Mut und habt Vertrauen: Oft ist es schwer im täglichen Leben nicht zu resignieren. Oft leiden unsere Beziehungen unter fehlendem oder schwachen Vertrauen. Das Lied ruft uns zu: Ihr schafft es, habt Mut und habt Vertrauen. Gott selbst ist mit euch.
Gott naht sich mit neuer Huld: Wir brauchen an dem Scheitern in unserem Leben nicht zu verzweifeln. Unsere Schuld brauchen wir nicht in die Tiefen unserer Seele zu verdrängen. Gott will unsere Verstrickungen lösen. Gott will ewigen Frieden, auch für M..
Gott wendet Not und Leid: Ganz gewiss, der Tod von M. wird als Schmerz, als Leid erfahren von seinen Angehörigen und Freunden, aber auch von vielen von uns. Das Lied sagt uns: Gott tröstet die Getreuen. Er führt sie zum Mahl der Seligkeit.
Beten wir miteinander in dieser Eucharistiefeier für M., dass er jetzt am himmlischen Gastmahl teilhat, während wir in der Eucharistie zeichenhaft das Mahl der Seligkeit feiern in der Hoffnung, einst mit M. und allen unseren Verstorben am himmlischen Gastmahl teilzuhaben.
So glauben wir an Ihn, den Erhöhten Herrn Jesus Christus, der von sich selbst gesagt hat:

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Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Ich gehe, um Euch die Wohnung zu bereiten beim Vater. 
Amen.

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