Freunde, dass der Mandelzweig
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Dr. Benno Kuppler

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"Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt“
Fastenpredigten 2002 in St. Cäcilia, Germering-Harthaus 09. März 2002

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Schalom Ben-Chorin, "Das Zeichen" [1942]

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt.
Dass das Leben nicht verging,
so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.
[Text: Schalom Ben-Chorin, Rechte: Hänssler-Verlag]

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

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"Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?“ [Schalom Ben-Chorin, zitiert von Andrea Schneider, Das Wort zum Sonntag vom 28. April 2001]

Ich fühle eine eigenartig beklemmende Müdigkeit. Ich fühle, dass meine Hände müde und meine Knie weich sind. Mein Kopf ist schwer. Ich vermag kaum noch die Gräuelnachrichten der Nachrichtensendungen im Radio oder Fernsehen auszuhalten: Afghanistan, Indien, Simbabwe, Israel, Palästina ... Ich bin enttäuscht, dass in unserer Welt so vieles so furchtbar abläuft, dass sich unsere Gesellschaft weiter spaltet in Arme und Reiche. Ich bin enttäuscht, dass Politiker meinen, unsere Gesellschaft abschotten zu müssen gegen Menschen in Not. Ich bin enttäuscht, dass viele Politiker gleichzeitig Beispiele nicht nachahmenswerten Verhaltens geben, wenn sie sich selbst bereichern. Das Schlimmste aber ist für mich: Ich sehe kaum Visionen, kaum Zielvorstellungen, auf die mein Land und unsere Welt hinleben. Ich bin enttäuscht auch über mich, weil ich mich meiner Ohnmacht ausliefere.

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"Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?“

Wer so gesprochen hat, wurde als Fritz Rosenthal in München geboren. Das war im Jahre 1913. Die Rosenthals waren jüdisch, aber nicht besonders religiös. Mit fünfzehn, die Familie feierte gerade Weihnachten [nicht unüblich in assimilierten Kreisen], verließ er im Streit das Elternhaus und zog für einige Zeit in die orthodoxe Familie eines Freundes. Dort lernte er eine andere, streng gottesfürchtige Welt kennen. Auch sie ließ er bald zurück; er suchte nach einem dritten Weg zwischen Säkularität und ritualisierter Strenggläubigkeit, studierte neben Literatur vor allem vergleichende Religionswissenschaften. So lese ich seiner Lebensgeschichte. [Petra Steinberger im Feuilleton der SZ am 08.05.99]

Und Fritz Rosenthal fährt fort: "Muss man vielleicht nur genau hinschauen, um die Zeichen zu entdecken?"

Ja, dass verstehen die Juden, die Zeichen zu entdecken. Und ein solches Zeichen ist der "Mandelzweig". Beim Propheten Jeremias [1, 11-12] lesen wir: "Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig sehe ich. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus."

Weil ich kein Hebräisch kann, ist mir das Wortspiel mit den hebräischen Ausdrücken für Mandelbaum [schaked] und wachen [schakad] nicht aufgefallen. Der Mandelzweig als Symbol dafür, dass Gott über seine Schöpfung wacht. Sein Wort schuf diese Welt. Sein Wort wurde Mensch.

Und dieser Jude Jesus von Nazareth spricht auch von den "Zeichen der Zeit" [Mt 16, 2; Lk 12, 56]. Er macht seinen Zeitgenossen den Vorwurf, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkennen, obwohl sie viele Zeichen der Natur erkennen. Immer wieder fordern die Menschen Zeichen von Jesus, den seine Jünger in der nachösterlichen Tradition "Christus" nennen. Eines der großen Zeichen, das Jesus seinen Zeitgenossen schenkt, ist die Heilung. Eine solche Heilung erzählt das heutige Johannes-Evangelium [9, 1- 41]. Aber bleiben wir zunächst bei den Zeichen der Natur.

Der Mandelzweig ist solch ein Symbol der Natur, nicht nur im alten Israel der hebräischen Bibel. Das Lied "Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt." schreibt Fritz Rosenthal aus München im Jahre 1942 in Jerusalem und nennt sich seit 1935 bewusst "Schalom Ben-Chorin", übersetzt heißt das "Friede, Sohn der Freiheit".

Mitten im Zweiten Weltkrieg schreibt dieser deutsche Jude, dieser jüdische Deutsche mitten in Jerusalem, mitten in Palästina sein Lied als "Zeichen für des Lebens Sieg". "Obwohl - ein bisschen meschugge, ein bisschen verrückt ist das ja: ein zarter Blütenzweig als Protest gegen den Druck von Hoffnungslosigkeit." So wird er selbst Jahrzehnte später sagen.

Ich brauche auch solche Zeichen in meinem Leben, Zeichen, die weit über das vordergründig gesehene hinausweisen. Den blühenden Mandelzweig habe ich als Bub kennen gelernt als Zeichen, dass der Winter jetzt wirklich vorbei ist. An den Zeilen der Weinberge in der Pfalz da stehen sie, die Mandelbäume. Und wenn sie blühen, so erzählte mein Vater mir bei den seltenen Sonntagsausflügen, ist der Winter vorbei, kommt keine Kälte mehr.

Der Mandelzweig ist auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter und ein Symbol der Auferstehung, denn oft trägt er seine ersten Blüten, wenn noch Schnee auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem liegt.

Auch die christlichen "Barbarazweige", mitten im Winter in die Wärme der Stuben geholt, weisen auf das kommende Weihnachtsfest hin, sind Zeichen für den kommenden Christus.

Ist das nicht aller missverständlich, lebe ich da nicht in einer Scheinwelt, wenn ich Erscheinungen der Natur als Zeichen der Gegenwart und des Wirkens Gottes in der Welt deute?

Das ist Jeremia immer wieder geschehen, dass man seine prophetischen Symbole lächerlich fand. Dabei geht es hier um eine die ganze Bibel durchziehende Symbolik: Dem Übermaß an Unheil und Schuld begegnet Gott in einem kleinen Zeichen, scheinbar ohnmächtig: Ein Reis aus der Wurzel Isais, ein Senfkorn, ein Weizenkorn, ein Kind in einer Krippe. Scheinbar Ärgernis und Torheit, in Wahrheit aber Gottes Kraft und Gottes Liebe.

"Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt."

1942 oder 2002, oder jeder Tag an jedem Ort der Welt. Es sind nicht nur die grausamen Szenarien der Weltpolitik, der Rassen- und Religionsstreitigkeiten. Ich nenne auch bewusst die "kleinen Kriege" in den eigenen Vier-Wänden, in Beziehungen, in Familien, in religiösen Gemeinschaften, in Schule und Beruf. Schalom Ben-Chorin nennt in seinem Lied stellvertretend schreiendes Blut, Tausende vom Krieg Zerstampfte. Die Welt scheint an einem toten Punkt anzukommen.

"Toter Punkt", ist es nicht leichtfertig, wenn ich so rede? Wenn ich ehrlich bin, dann rede ich leichter über den toten Punkt in globalen Zusammenhängen bei kriegerischen Auseinandersetzungen, bei Verhandlungen um die Beziehungen in der Weltwirtschaft. Wer den toten Punkt in seiner Lebensgeschichte erlebt hat, der weiß, was das heißt. Es tut weh, wenn ich Hoffnungen, die mir ganz wichtig gewesen sind, begraben muss.

An diesem Punkt trifft uns das Prophetenwort eines Jeremias. Gott sagt, "ich wache über mein Wort und führe es aus". Gott spricht nicht nur aus dem Licht, sondern eben von diesem toten Punkt her. Die Heilungsgeschichte des Blinden [Joh 9, 1-41] macht das deutlich. Heilung erfährt der Blinde. Heilung erfährt, wer sich auf das "wachende Wort", den "Mandelzweig" einlässt.

Mit Blick auf Jesus: Der Kreuzträger ist unser Hoffnungsträger. Er hat diesen toten Punkt durchlitten, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. "Warum hast du mich verlassen, mein Gott?"

Wer Ostern feiern will, muss das Kreuz am Karfreitag wahr-nehmen. Durch den toten Punkt, durch den Kreuzpunkt geschieht die Wende. Sie bringt die Zukunft, sie lässt hoffen. Wenn ich selbst an einem toten Punkt komme, da brauche ich Zeichen des Lebens, Zeichen für das Leben. Das kann ein blühender Mandelzweig sein.

Die Liturgie bietet uns in dieser österlichen Bußzeit den "Sonntag Laetare" als Zeichen an. Mitten auf dem Weg nach Jerusalem. "Freue dich, Stadt Jerusalem. Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung." [Jes 66, 10-11] So heißt es im Eingangsvers dieser Sonntagsliturgie. "Freue dich", auch im Blick auf den toten Punkt, auf das Kreuz.

bullet"Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?", so habe ich am Anfang mit Schalom Ben-Chorin gefragt. Ich hoffe mit Ihnen auf die Ver-rückt-Heiten an Ostern!

Der Mandelzweig weht leicht im Winde, der Mandelzweig wiegt sich in Blüten. Achtet dieses nicht gering: "Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt." Amen.

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