
"Ich habe Mitleid mit diesen Menschen:
sie sind schon drei Tage bei
mir und haben nichts mehr zu essen."
Fronleichnam in Isny/Allgäu 1996
Lesung: Markus 8,1-10

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
was muss dieser Jesus von Nazareth den Menschen seiner Zeit geboten haben, dass sie Tage bei ihm ausharren? Was haben die Menschen von Jesus erwartet,
dass
sie tagelang ihm folgten?
Wenn einer von Ihnen mit Muße das Markus-Evangelium durchblättert und die
verschiedenen Kapitel überfliegt, dann begegnet ihm ein Jesus, der Sympathie,
Mitleid, mit den Menschen hatte. Diese Sympathie für die Menschen war nicht
abstrakt, sondern richtete sich an konkrete Menschen und Menschengruppen: die
Schwiegermutter des Petrus, alle Kranken und Besessenen von Kafarnaum, der Gelähmte, der Aussätzige, der Mann mit der verdorrten Hand, die von unreinen
Geistern Besessenen, die Besessenen von Gerasa, die Tochter des Jairus, die
blutflüssige Frau, die Speisung der Fünftausend, die Kranken von Gennesaret,
die Tochter der heidnischen Syrophönizierin, den Taubstummen aus dem Gebiet der
Dekapolis, die Speisung der Viertausend, der Blinde von Betsaida, der besessene
Junge, der Blinde von Jericho, das Opfer der Witwe. Er wendet sich fürsorglich
den Menschen zu.
Wer dann Jesu Bilderreden noch nachliest, der entdeckt, dass diesem Jesus
keine Alltagssituation fremd war: Feiern und Fasten, Landwirtschaft und Handel,
Ehebruch und Steuerbetrug, Armut und Reichtum.
Jesus legt sich an mit jenen, die wissen, wie das Leben richtig zu führen
ist, wenn es um das Leben der anderen geht. Er enttarnt religiöse Heuchler, die
Rituale und Formalismen an die Stelle von Überzeugungen gesetzt haben, wenn es
um die Befreiung des Menschen geht.
Was muss dieser Jesus von Nazareth den Menschen seiner Zeit geboten haben, dass sie Tage bei ihm ausharren? Was haben die Menschen von Jesus erwartet,
dass
sie tagelang ihm folgten?
Die Menschen, die Jesus im Alltag begegneten, brachten Erwartungen mit: die
Sehnsucht nach Heilung, ein gutes Wort, einen überzeugenden Rat, manchmal nur
seinen Blick. Dafür nahmen sie weite Wege in Anspruch. Und darüber vergaßen
Menschen manchmal sogar das Lebensnotwendige: Brot. Und Jesus sorgt sich um
diese Menschen, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. "Wenn ich sie
hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen, denn einige
sind von weither gekommen."
Seine Jünger fühlen sich dieser Situation nicht gewachsen. Sie hatten nicht
erwartet, dass ihrem Meister soviel Menschen folgen würden. Sie wollten mit
ihrem Meister alleine sein. Proviant hatten sie, aber nur für sich. Was dann
folgt, haben Sie, liebe Schwestern und Brüder, im Evangelium gehört. Jesus
lädt die Menschen ein, sich auf den Boden zu setzen. Er spricht ein Dankgebet.
Und dann ist die Reihe an den Jüngern. Sie verteilen die Brote und teilen die
Fische mit allen. Jeder hat genug zum Essen. Und es bleibt Speise im Überfluss.
Das Wenige war viel geworden.
Später im Abendmahlssaal nimmt Jesus wieder Brot in seine Hände und spricht
ein Dankgebet. Er gibt dem Brot einen tiefen neuen Sinn. Das Brot wird zum
Zeichen, zum Sakrament: Das ist mein Leib. Der Wein, den Er seinen Jüngern
reicht, wird auch zum Zeichen: Das ist mein Blut. Tut dies zu meinem
Gedächtnis. Dann folgt sein Tod: für euch und die Menschen, für uns heute.
Brot und Wein, Zeichen der Mühsal des Lebens und der Lebensfreude, Dinge des
Alltags nimmt Jesus, um sie zu Symbolen für sein Leben und Sterben werden zu
lassen. So wandelt Er den Alltag.
Sieger Köder hat dieses Mahl Jesu für unsere Zeit ins Bild gesetzt. Als
großes, übergroßes Gemälde hängt es im Speisesaal der Villa San Pastore,
dem Sommerhaus des Germanikums. Im Vordergrund ein Laib Brot und ein Becher mit
Wein. Um den Tisch herum sitzen Menschen, die mich immer herausgefordert haben:
nicht die Großen unserer Tage, nicht Bischöfe und Priester, keine Ordensleute
oder "gute Katholiken". "Das Mahl der Sünder" versammelt
die Verlierer unserer Gesellschaft, Menschen am Rande und aus der Gosse, um
Seinen Tisch. Oder ist es mein eigener Tisch? Denn am Bildrand sieht man zwei
Hände, offene Hände, die meine Hände sein könnten, wenn ich am Tisch im
Speisessaal von San Pastore sitze. Denn im Evangelium hören wir, dass es die
Jünger sind, die das Brot austeilen und austeilen sollen. Will ich denn
austeilen und verteilen? Wollen wir Jünger Jesu heute austeilen und verteilen?
Brot, das nicht nur den leiblichen Hunger stillt. Brot, das Gemeinschaft
stiften will. Das Brot der Kommunion. Aber Kommunion, Gemeinschaft mit wem?
Was bietet dieser Jesus von Nazareth uns, damit wir für eine knappe Stunde
heute bei ihm ausharren? Was erwarten wir von Jesus, dass wir ihm heute sogar
für kurze Zeit in der Prozession folgen?
Kann Jesus in unseren Tagen konkurrieren mit den Freizeitangeboten, die uns
alle schon hier am Ort dieser Eucharistiefeier am Fronleichnamstag umgeben: der
Turnhalle, dem Sportplatz, dem Go-In, dem Ochsenkeller, dem Kinder- und
Heimatfest in wenigen Tagen? Spielt sich unser "wirkliches" Leben
nicht tatsächlich rund um die Kirche, also außerhalb der Kirche ab? Ist Jesus
im Zeichen des Brotes für uns noch der Heiland, von dem wir etwas erwarten:
Heilung, ein gutes Wort, einen überzeugenden Rat, manchmal nur seinen Blick,
seine Aufmerksamkeit?
Jesus fordert seine Jünger auf, gebt ihr ihnen zu essen! Verteilt ihr die
wenigen Brote, die ihr habt! Teilt die knappen Fische mit denen, die Mangel
leiden! Lasst die Menschen sich setzen, lasst sie bei euch ankommen! Jesus
stößt seine Jünger darauf, dass Nachfolge im Alltag stattfindet, mit den
Grenzen, die jeder mitbringt, mit der Knappheit an Lebenswichtigem, mit dem
Mangel an Lebensnotwendigem. Und seine Jünger sind wir heute, wir, die wir uns
Christen nennen.
Wir tragen IHN heute im Zeichen des Brotes durch Isny, nicht als politische
Demonstration, nicht als konfessionelle Folklore, nein! Wir tragen IHN heute im
Zeichen des Brotes durch Isny, weil wir glauben und hoffen, dass nur ER unseren
Alltag wandeln kann. Aber wie soll das geschehen?
Schauen wir noch einmal in das Evangelium: konkrete Menschen leiden an einem
genau bestimmten Mangel. Jesus hat Mitleid mit diesen Menschen, aber ER steht
mit leeren Händen dar. Jesus hat nichts zum Verteilen, nichts, um dem Mangel
abzuhelfen. Aber ER hat Jünger und diese haben wenig, viel zu wenig. Was ist
geschehen? Die Jünger, die wenig haben, teilen mit jenen, die noch weniger,
nämlich nichts haben! Das Wunder: es reicht für alle und es bleibt sogar noch
etwas übrig! ER wandelt den Alltag der Menschen damals, warum sollte ER nicht
unseren Alltag heute wandeln?
Wir tragen IHN heute im Zeichen des Brotes durch Isny und durch diese Eine
Welt, weil wir damit bekennen wollen:
Herr, Du hast Mitleid mit den Armen und Bedürftigen auch in unseren Tagen.
Herr, Du stehst mit leeren Händen da! Herr, wir haben Deine Aufforderung
gehört, zu schauen, was wir, Deine Jünger, besitzen und können! Herr, sprich
Du über das Wenige, was wir haben und können, das Dankgebet! Und dann, Herr, las Du die Menschen sich setzen, biete den Armen und Bedürftigen in unseren
Tagen ein Obdach mitten unter uns. Herr, wir wollen jetzt auf Dein Wort hin
teilen, damit alle haben und genug übrig bleibt. Denn Du bist das Brot des
Lebens, das gebrochen wird, damit Kommunion entsteht.
Herr begleite Du uns im Alltag auf unseren Wegen, so wie wir Dich heute am
Feiertag durch unsere Straßen begleiten. Wandle uns, damit wir die Welt
verwandeln.
Herr, mach Deine Kirche durch Dein Brot und durch uns zur Gemeinschaft, damit
sie ein Obdach der Seele wird für uns und alle Menschen. Amen.
