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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
das werden meine Fastenpredigten in Ihrer Gemeinde nicht sein:
 | Missionspredigten, um Ihnen ins Gewissen zu reden. |
 | moralische Appelle, um Ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden. |
 | asketische Rezepte, um Ihnen die Freude am Leben zu vermiesen. |
Das wollen meine Fastenpredigten in Ihrer Gemeinde sein:
 | Einladungen, liebevoll und einfühlsam zu sich selbst und den Menschen in
Ihrem Umfeld zu sein |
 | Einladungen, achtsam Ihren Alltag wahrzunehmen |
 | Einladungen, Ihren eigenen Zeit-Raum, Lebens-Raum und Arbeits-Raum
[wieder] zu entdecken und wertzuschätzen, |
 | damit "ich" lebe. |
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 | damit "ich" handle. |
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 | dass "ich" lache. |
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 | damit "ich" frei bin. |
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 | damit "ich" rede. |
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 | damit "ich" atme. |
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Haben Sie die kleinen Halbsätze wiedererkannt aus unserem Eingangslied "Ich
lobe meinen Herrn"? In drei Strophen legt uns Hans-Jürgen Netz in seinem Lied
[aus dem Jahre 1979] Lebensweisen, Lebensarten vor, die ich ersehne: damit ich
lebe; damit ich frei bin; damit ich handle; damit ich rede; dass ich lache;
damit ich atme.
"Damit" - dieses kleine Wörtchen macht mich darauf aufmerksam, dass ich
vielleicht doch noch nicht lebe; noch nicht frei bin; noch nicht handle; noch
nicht rede; noch nicht lache; noch nicht atme. Was hindert mich an diesen
Lebensvollzügen? Was hindert mich, das Leben in vollen Zügen zu genießen?
Hans-Jürgen Netz bietet mir Deutemuster an, die sehr offen sind und mich nicht
festlegen in meiner eigenen Wahrnehmung. Er spricht von Tiefe, von Fesseln, von
alten Wegen, vom Schweigen, von Tränen, von Angst.
In mir steigen dazu Bilder auf, die in diesen vierzig Tagen der österlichen
Bußzeit aus dem Alten und Neuen Testament angeboten werden. Auch diese Bilder
und Texte sind Deutungen menschlicher Grunderfahrungen, reflektieren auf dem
Hintergrund des Glaubens an den lebendigen Gott Erfahrungen von konkreten
Menschen in Raum und Zeit, in deren Zeit-Raum, Lebens-Raum und Arbeits-Raum.
Einige Bilder und Texte will ich benennen:
 | Die Sintflut und Noach und die Arche[Gen 6, 9 - 7, 16] |
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 | Zacharias wird von seiner Taubheit erlöst[Lk 1, 57-80] |
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 | Jesus erscheint vierzig Tage hindurch nach Ostern seinen Jüngern
[Apg 1, 3] |
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 | Moses vierzig Tage auf dem Berg[Ex 24,18; 34,28] |
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 | Jesus ist vierzig Tage in der Wüste |
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 | Saulus/Paulus ist blind in Damaskus[Apg 9, 1-22] |
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 | Vierzig Jahre in der Wüste[Num 14, 34] |
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 | Jesus heilt einen Besessenen, der stumm und blind war[Mt 12,22-37] |
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 | Petrus in Ketten im Gefängnis[Apg 12, 6-19a] |
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 | Boten kehren aus dem Verheißenen Land nach vierzig Tagen zurück[Num
13, 25] |
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 | Jesus heilt den Blinden[Joh 9,1-12] |
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 | Paulus und Silas im Gefängnis[Apg, 16, 22-40] |
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Die Geschichte vom Jona im Bauch des Fisches, die ich als Lesung gewählt
habe, ist auch eine solche theologische Reflexion. Für Jona scheint das Ende
seiner Lebensflucht die Tiefe im Bauch des Fisches zu sein. Im Neuen Testament
wird das Zeichen des Jona auf das Grab Jesu hin gedeutet: es gibt Auferstehung,
es gibt Leben.
Für mein eigenes Leben kann ich die Begriffe "Tiefe", "Fesseln", "alte Wege",
"Schweigen", "Tränen", "Angst" konkretisieren. Sie begegnen mir immer wieder in
Phasen meines Lebens als Depression, als Sucht, als Kommunikationsabbruch, als
Verletzung, als das "Unkontrollierbare", als Haltung zu mir und anderen
Menschen, die sich nicht am Geglückten orientiert, sondern von zerstörerischen
Trieben gesteuert wird. Da kann das Dunkel der Tiefe die "schlimme" Wirklichkeit
einhüllen. Da helfen mir die Fesseln der Sucht, mir "blauen Dunst" vorzumachen.
Da laden ausgetretene alte Wege zu scheinbar "bequemen" Leben ein. Da bedeutet
Schweigen den "Tod" in der Beziehung zu einem Menschen, weil ich einen möglichen
Konflikt mit ihm scheue. Da sind Tränen bitter, weil ich sie mich nicht weich
machen lasse. Da wird Angst übermächtig, weil ich nicht hinschaue, ob mich
wirklich etwas bedroht.
 | Was Sie in Ihrem Leben mit den Begriffen |
 | "Tiefe" |
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 | "alte Wege" |
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 | "Tränen" |
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 | "Fesseln" |
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 | "Schweigen" |
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 | "Angst" |
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 | verbinden, werden Sie selbst in Ihrem Herzen "wissen"... |
Als ich gestern Nachmittag gemeinsam mit einem Mitbruder jammerte, weil dies
und das nicht so ist, wie er und ich es gerne hätten, sagte ein Student, der
dabei stand: Ihr habt doch die Bibel und den Glauben, was jammert ihr da so
herum. Warum fällt es mir leichter zu jammern, als zu loben?
"Ich lobe meine Gott", so singen wir zu Beginn jeder Strophe des Liedes.
Nur im wirklichen Leben habe ich das ritualisiert, dieses Lob Gottes, in
Gebeten und Liedern, die aus mir sprechen, gleichsam automatisch, weil ich viele
auswendig kenne. Meistens sind es die konkreten Bitten, die ich formuliere, die
mich zu persönlichem Kontakt zu Gott bewegen, weil ich Hilfe brauche oder für
jemanden bitte. Aber zu bekennen, "Ich lobe meine Gott", ist das nicht zu
exaltiert, zu fromm, zu charismatisch, zu weltfremd für mich? Meine ich nicht
doch ganz tief in meinem Herzen, dass ich das Entscheidende in meinem Leben
leiste?!
Am Beginn der österlichen Bußzeit zu singen, "Ich lobe meine Gott", dass
bedeutet für mich heute:
 | Ich überschaue diesen Zeit-Raum von vierzig Tagen. |
 | Ich feiere bewusst den Weg Jesu nach Jerusalem, sein Leiden, seinen Tod
und seine Auferstehung. |
 | Die Erlösung ist mir und allen Menschen, die sich darauf einlassen,
geschenkt: ein für alle mal. Ich brauche keine spirituellen Hochleistungen zu
erbringen. |
 | Ich kann der durch Jesus erwirkten und geschenkten Erlösung nichts
hinzufügen. |
"Ich lobe meine Gott", der mein Heil gewirkt hat, wirkt und wirken wird. "Ich
lobe meine Gott", der sein Heil für jeden Menschen gewirkt hat, wirkt und wirken
wird.
Deshalb ist meine Fastenpredigt ...
 | Seine Einladung, liebevoll und einfühlsam zu sich selbst und den Menschen
in Ihrem Umfeld zu sein |
 | Seine Einladung, achtsam Ihren Alltag wahrzunehmen |
 | Seine Einladung, Ihren eigenen Zeit-Raum, Lebens-Raum und Arbeits-Raum
[wieder] zu entdecken und wertzuschätzen, |
 | damit "ich" lebe heute und morgen und alle Tage meines Lebens, Leben in
Fülle. |
 | damit "ich" frei bin von Süchten und Abhängigkeiten, von
Selbstbezogenheit für das Du. |
 | damit "ich" handle, wo ich dran bin, was mich angeht, in meine
Verantwortung fällt. |
 | damit "ich" rede von Gott und seiner Frohen Botschaft, seiner
befreienden Wahrheit. |
 | dass "ich" lache auch über mich und weil das Leben Grund zur Freude
bietet. |
 | damit "ich" atme bewusst und tief und begeisternd. |
"Ich lobe meine Gott". Das will ich mit Ihnen in der Kirche und in der Welt
gemeinsam singen und vor allen Menschen bekennen: "Ehre sei Gott auf der Erde in
allen Straßen und Häusern. Die Menschen werden singen, bis das Lied zum Himmel
steigt: Ehre sei Gott und den Menschen Frieden, Ehre sei Gott und den Menschen
Frieden, Ehre sei Gott und den Menschen Frieden, Frieden auf Erden." Amen.

1 Ich lobe meinen Gott,
der aus der Tiefe mich holt,
damit ich lebe.
Ich lobe meine Gott,
der mir die Fesseln löst,
damit ich frei bin.
 | Refrain |
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2 Ich lobe meinen Gott,
der mir den neuen Weg weist,
damit ich handle.
Ich lobe meinen Gott,
der mir mein Schweigen bricht,
damit ich rede.
 | Refrain |
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3
Ich lobe meinen Gott,
der meine Tränen trocknet,
dass ich lache.
Ich lobe meinen Gott,
der meine Angst vertreibt,
damit ich atme.
 | Refrain |
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 | Refrain |
 | Ehre sei Gott auf der Erde
in allen Straßen und Häusern.
die Menschen werden singen,
bis das Lied zum Himmel steigt:
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Frieden auf Erden |
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 | Dieser Text ist
1979 von Hans-Jürgen Netz geschrieben; geboren 1954 in Bredstedt,
Nordfriesland, studierte Sozialpädagogik, 12 Jahre Kinder- und
Jugendarbeit in der Düsseldorfer Thomaskirchengemeinde, seit 1973
Mitarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, 1984 Geschäftsführer
beim Evangelischen Jugendferienwerk Rheinland-Westfalen e. V., schreibt
seit 1972 Texte für Neue Geistliche Lieder und für Kinderlieder. |
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