"Ich steh' an
deiner Krippe hier"
Text von Paul Gerhardt
Adventsmeeting des Rotary Club Nürnberg
im Münster St. Marien und St. Jakobus zu Heilsbronn
am 3. Dezember 1996

Jenseits
überfüllter Hotels und überquellender Gasthöfe, abseits von bekannten
Reiserouten, gleichsam am Rand der Weltgeschichte damals: Bethlehem. Und doch im
Mittelpunkt der Heilsgeschichte, damals und heute: Das Wort ist Fleisch
geworden.
Ich lade Sie
ein, sich geistlich auf den Weg zu machen, auf jenen Weg der zur Krippe führt.
Gehen wir ihn gemeinsam. Und so kommen wir gemeinsam an, Sie und ich, wie in dem
Text von Paul Gerhardt [1607 - 1676], dem bedeutenden reformatorischen Dichter:
"Ich steh an deiner Krippe hier". Machen wir uns seine Worte zu eigen.
Lassen wir sie klingen in der Melodie von Johann Sebastian Bach [1685 - 1750],
wie sie uns aus dem Liedgut der Kirche und dem Weihnachtsoratorium vertraut ist.
Mir ist dieses Lied ans Herz gewachsen. [Sie
finden es im Gotteslob Nr. 141 und Evangelischen Gesangbuch Nr. 37]
Meditieren wir
geistlich, was unsere Lippen singend ausdrücken. Dazu schlage ich Ihnen den
"modus procedendi" vor, den Ignatius von Loyola [1491 - 1556] in
seinen Geistlichen Übungen empfiehlt. Ignatius lädt ein, eine Meditation über
die Menschwerdung und die Geburt Jesu Christi, des menschgewordenen Wortes
Gottes zu halten.
"Die erste
Vorübung besteht darin, die Geschichte des Gegenstandes ins Gedächtnis zu
rufen, den ich betrachten soll; das ist hier - wie die drei göttlichen Personen
die ganze Oberfläche oder das ganze von Menschen erfüllte Erdenrund
überschauten und wie sie beim Anblick, dass alle zur Hölle hinabstiegen, in
ihrer Ewigkeit sich entschlossen, dass die zweite Person Mensch werde, um das
Menschengeschlecht zu retten, und wie sie, als die Fülle der Zeiten gekommen
war, den Engel Gabriel zu Unserer Herrin sandten" [Ex.sp. 102] und
"sehen die Person, die einen und die andern; und zwar zuerst die auf der
Oberfläche der Erde, in so großer Verschiedenheit sowohl der Kleidung wie des
Verhaltens, die einen weiß und die andern schwarz, die einen im Frieden und die
andern im Krieg, die einen weinend und die andern lachend, die einen gesund und
die andern krank, die einen bei der Geburt und die andern beim Sterben" [Ex.sp.
106]
Es ist nicht
überraschend, wie da plötzlich in diesem Münster unsere ganze Welt
gegenwärtig wird. Wir können diese Sprache übersetzen in unsere Begriffe von
heute und spüren, was gemeint ist: Nord und Süd, Ost und West, Christen, Juden
und Muslime, Konfuzianer, Buddhisten und Annimisten, Anhänger von
Naturreligionen oder okkulter Riten; Drogenabhängige und Aids-Kranke;
Ausländerfeindlichkeit; soziale Spannungen in unserem Land; Konflikte zwischen
katholischen und orthodoxen Christen auf dem Balkan, zwischen Protestanten und
Katholiken in Nordirland; nicht zu reden von den vielen "kleinen"
Konflikten, die irgendwo sich ereignen, außerhalb unseres Blickwinkels in
Ruanda und Zaire, in Indien und Pakistan, in den Elendsvierteln von
Lateinamerika.
Da müssen wir
vor die Krippe treten, einzeln und gemeinsam, um zu erfassen, was sich dort
ereignet hat und heute noch ereignen soll. Kann weihnachtliche Stimmung so
überhaupt aufkommen? Oder müssen wir unter Schizophrenie leiden, wenn wir
"Stille Nacht" noch ehrlich singen wollen, um dann bei uns, um die
Ecke herum, auch Not und Elend zu entdecken?
Paul Gerhardts
Lied "Ich steh vor deiner Krippe hier" drückt für mich eine große
Sehnsucht aus. Es ist kein Unbekannter, der dieses Lied singt, es sind Sie und
ich. "Ich steh vor deiner Krippe hier", das ist jeder, der sich auf
den Weg zur Krippe gemacht hat und dort anderen begegnet ist, die sich
gleichfalls auf diesen Weg gemacht haben. Und vielleicht sind Sie und ich
überrascht, wer uns da so alles begegnet.
Folgen wir
gleichsam als Wegweiser unserer Meditation einzelnen Strophen des Liedes von
Paul Gerhardt, diesem hervorragenden geistlichen Dichter der Reformation.
"O Jesu, du
mein Leben". Das Wort Gottes, menschgeworden in Jesus von Nazareth, ist das
Wort, das jedem von uns, Ihnen und mir Leben verheißt. Welche Wirklichkeit
meiner Existenz finde ich darin ausgesprochen? Lasse ich mich in meinem Leben
von Jesu inspirieren, nicht nur vom Kind in der Krippe, diesem liebenswerten
Geschöpf, sondern auch vom Mann der Schmerzen, der verlassen am Kreuz endet?
"Ich komme,
bring und schenke dir, was du mir hast gegeben". Wenn ich das ernsthaft
singe und bekenne, dann ist Er der Schöpfer, dann verdanke ich Ihm mein Leben.
Das anzuerkennen, steht quer zu der verbreiteten Mentalität, dass alles von der
eigenen Effizienz, der eigenen Unabhängigkeit, der eigenen Leistung abhänge:
ich kann, ich, ich, ich ... Paul Gerhardt und Ignatius, zwei Menschen an der
Wende zur Neuzeit, lebten und glaubten noch existentiell, "o Jesu, du mein
Leben". Uns fällt es schwer, uns so bedingungslos mit unserem eigenen
Leben in den Händen Gottes zu bergen.
"Da ich
noch nicht geboren war, da bist du mir geboren". Das entlastet, weil ich
das Heilswerk Gottes nicht erfinden muss. Gott selbst hat es schon begonnen, vor
meiner Zeit, und Er will es vollenden, in meiner Zeit, an mir und durch mich, an
Ihnen und durch Sie. Sein Heilshandeln ist mir als Geschenk vorgegeben. Ich
brauche es nur anzunehmen. "Am Anfang war das Wort", so hören wir an
Weihnachten im Johannes-Prolog. Er bietet uns in seinem Wort Heil an. Nur ist
sein Angebot nicht marktschreierisch und übertölpelnd, wie die Superangebote
unserer Wohlstandgesellschaft. Das Heil Gottes bietet sich in der Krippe an, dem
damaligen Symbol einer Randexistenz, und findet seine Vollendung am Kreuz, dem
Schandpfahl seiner Zeit.
"Ich lag in
tiefster Todesnacht". Es gehört zu den grundlegenden menschlichen
Erfahrungen, dass mein Leben zerbrechen kann. Aber auch die Krippe war keine
Idylle, sie bot keine heimelige Sicherheit. Über der Krippe strahlte nicht nur
der Morgenstern, über ihr lag auch der Schatten des Mordes an unschuldigen
Kindern, die Vorahnung des Karfreitags. Jeder kennt auch im eigenen Leben solche
dunklen, schwarzen Punkte und Flecken. Das Wort Gottes aber bringt uns die
Botschaft vom Frieden, die bereits der Prophet Isaiah [52,7-10] ankündigt.
"Ich sehe
dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen". Das ist die Sprache
eines Liebenden, der zu nichts anderem im Stand ist, als in liebender Verehrung
den anderen Menschen zu betrachten. Es ist Leben in der Gegenwart der Liebe
schlechthin. Da braucht es keiner Worte mehr. Im Hebräer-Brief heißt es dann
lapidar: "Alle Engeln müssen ihn anbeten". Und wen beten wir an?
Und in der
letzten Strophe drückt Paul Gerhardt sein persönliches Glaubensbekenntnis aus.
"Eins aber,
hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen: dass ich dich möge für
und für in, bei und an mir tragen. So las mich doch dein Kripplein sein; komm,
komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden."
Auch unser
tägliches Verhalten, unsere innere Einstellung darf diese Hoffnung zum Ausdruck
bringen. Denn Jesus wählt auch uns als seine Krippe, weil durch uns seine
Menschwerdung vollendet werden soll. Es ist an uns, Gott anzubieten, in uns
Mensch zu werden, damit wir selbst mehr Mensch werden. Weniger poetisch heißt
das: wenn wir uns einlassen auf seine Menschwerdung in uns, schenken wir anderen
Menschen die Hoffnung, dass sich unsere Welt im Kleinen und im Großen ändern
kann, in unseren Familien und Gemeinschaften, in unseren Kirchen und der
Politik, in den nationalen und internationalen Beziehungen.
Das Alte
Testament drückt diese Hoffnung so aus: "Wie lieblich sind auf den Bergen
die Füße des Freudenboten, der den Frieden verkündet, der frohe Botschaft
bringt, das Heil ansagt und zu Zion spricht: Dein Gott ist König" [Is 52,
7].
Jenseits
überfüllter Hotels und überquellender Gasthöfe, abseits von bekannten
Reiserouten, gleichsam am Rand der Weltgeschichte damals: Bethlehem und heute:
Du und ich. Du und ich, wir stehen heute im Mittelpunkt der Heilsgeschichte. Das
Wort ist Fleisch geworden, damals in Bethlehem und heute in uns.
Gnadenreiche
Weihnachten! Puer natus est nobis!
