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"Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr"
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| 1] Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. | |
| 2] Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen? | |
| 3] Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Söhnen leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete. |
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Unkorrigiertes Manuskript. Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Das kann es doch nicht gewesen sein?! Was bleibt mir eigentlich, wenn nichts mehr bleibt? ... Huub Oosterhuis Lied "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr", in der Übertragung von Lothar Zenetti, beschreibt echt und ehrlich, ohne jede falsche Frömmelei, und doch zutiefst fromm, die Situation eines gläubig suchenden Menschen. Es ist ein Text, den ich mir zu meinem eigenen gemacht habe. Für mich ist es ein Lied über unser Menschsein, über den 'Ecce homo' - Seht, so steht es um den Menschen! Und so passt es in die österliche Bußzeit.
Im ersten Teil erkenne ich als betender Mensch: Ich habe nichts in Händen. Und muss dies zugleich Gott bekennen: "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr". Dabei spielt es keine Rolle, ob ich bisher viel oder wenig geleistet habe. Ich habe nichts, was mir angesichts der Fremdheit von Gott und seinen Wegen als Sicherheit bleibt. Zugleich sehe ich: ich bin weder der einzige, noch der erste, der nach Gott ruf. Dieses Rufen nach Gott gehörte immer schon zum Menschen. Mein Los, mein Schicksal ist der Tod. Er ist mir zugedacht, ich kann ihm nicht ausweichen.
Dazu musste mein fragloser Kinderglauben in Krise geraten. Diese Erfahrung machen auch andere Menschen früher oder später, die Bibel ist voller Beispiele. Aus heiterem Himmel oder durch einen Schicksalsschlag, schleichend oder plötzlich, es kommt zu einer Krise, die uns den Glauben zu rauben scheint, so dass ein Mensch wirklich mit leeren Händen vor Gott steht.
Ich denke, dass die Kirche auch als Institution zurzeit eine solche Krise erleidet. Die Welt nimmt der Kirche nicht ab, dass sie "volle Hände" hat, die von allem Bescheid weiß und triumphiert. Die Menschen suchen eine Kirche, die fragt und die vor Gott mit leeren Händen dasteht!
Gegen diese schwer auszuhaltende, ernüchternde Wahrnehmung der leeren Hände und der Fremdheit Gottes und gegen die Gewissheit des Todes gibt es verschiedene Ausflüchte und Verdrängungen.
| Es gibt die religiöse Flucht der Fundamentalisten, die sich um so sicherer geben, je mehr sie eigentlich von Angst bedrängt sind. | |
| Ein anderer Fluchtweg führt in den Allmachtswahn der modernen Wissenschaft; er will die Evolution etwa durch die Manipulation des menschliche Genoms selbst in die Hand nehmen. | |
| Ein anderer Fluchtweg führt auf esoterische Wege magischer Geisteskräfte. |
Da stelle ich mich mit leeren Händen hin vor Gott, bekenne meine Armut und Angewiesenheit und schreie nach Gott und seinem Segen: 'Ich möchte glauben. Komm mir doch entgegen!'
Die vielfach dunkle Seite meines Lebens kennt als Kehrseite die dunkle Seite Gottes. Das eine ist oft die Kehrseite des anderen. So weiß ich es aus der Bibel.
Die Bibel ist keineswegs eine Hofberichterstattung. Sie schildert vielmehr das Leben des Menschen, die 'conditio humana', wie sie ist. Deshalb sind ihr auch das Hadern und Klagen, das Weinen und Schreien des Menschen vertraut. All das hat Heimatrecht im Beten des biblischen Menschen.
Kronzeuge dafür ist Hiob. 'Von Zweifeln ist sein Leben übermannt, sein Unvermögen hält ihn ganz gefangen.' Lange ist er zunächst gleichsam ein Rebell vor Gott und leistet Widerstand, bevor er zum Dulder wird und sich in die größere Hand Gottes ergibt.
Selbst der große Prophet Jeremia zweifelt an seiner Berufung und an Gottes Begleitung und er verwünscht den Tag seiner Geburt. Viele Psalmen und die Klagelieder sind sprechende Beispiele für diese Schattenseiten des Lebens.
Und Jesus selbst, so werden wir in der Karwoche wieder hören, schreit am Kreuz den Psalm 22 heraus: 'Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?'
Mir ist deshalb der so genannte ungläubige Thomas sympathisch: 'Solange dieser Gott nicht handfester und leibhaftiger erfahrbar ist, glaube ich nicht'.
Huub Oosterhuis geht es in seinem Lied "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr" nicht nur um Erkennen und Bekennen, sondern um Fragen. "Hast du nicht andern Segen?" Ist dies wirklich alles: Der Tod als Ende eines vielleicht reich erfüllten Lebens, das nun trotzdem leere Hände hat? Der Tod ist durchaus als Segen begreifbar, als Erlösung vielleicht nach langer Leidenszeit. Aber ist das wirklich alles? Darum die Frage nach anderem Segen. Der Tod ist zuerst einmal das Ende jeder Zukunft. Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ist das auch meine Frage?
"Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen." Dieser letzte Satz der Strophe ist auch ohne Fragezeichen die große Frage des Menschen, der vor dem Tode um seinen Glauben ringt, nach dem Kommen Gottes.
Wer hat sich noch nie die Frage gestellt, ob sein Name in Gottes Hand steht? In der Welt und auch in unserer Kirche, im Orden zählen meist nur Funktion und Leistung: "Der Mohr hat seine Pflicht getan, kann abtreten und ist vergessen."
Huub Oosterhuis entfaltet die als Bitte gewagte Frage nach Gott und seiner Wirklichkeit in meinem Leben: "Sprich du das Wort, das tröstet und befreit."
Es ist Gottes Wort, das tröstet und befreit und jenen großen Frieden öffnet, den die Welt nicht geben kann. In weiteren Anklängen an biblische Texte wendet sich der Blick von den eigenen leeren Händen hin zu Gottes grenzenlosem Land. Dort wir können in Gottes großem Frieden leben, in der Geborgenheit von Gottes Familie.
Gerade in Zeiten der Krise und von Durstrecken sehne ich mich nach einem tröstenden und befreienden Wort, nach einem Zuspruch, der mich die nächsten ungewissen Schritte tun lässt. Ich schreie nach einem Du, zuerst nach einem mitmenschlichen, letztlich aber nach dem alle tragenden Du Gottes und seinem Schalom, dem großen Frieden.
Jesu Umgang mit seinen Jüngern, auch im heutigen Evangelium[Mt 17, 1-9], ermutigt mich, so zu schreien. Denn Jesus gaukelt seinen Jüngern keine ungetrübte Scheinwelt vor. Er hatte mit ihnen schon seit längerem über sein Leiden gesprochen und seinen Tod in Jerusalem vorausgesagt. Am Berg Tabor umfing die Jünger wohl kaum ein erquickender Schlaf, sondern eher eine lähmende Traurigkeit.
Als sie nun Jesus im strahlenden Licht mit Mose als Vertreter des Gesetzes und mit Elija als Vertreter der Propheten sahen, wurde ihnen, wie nach Ostern den Jüngern am Wege nach Emmaus, plötzlich warm ums Herz und es ging ihnen ein Licht auf: Gott ist da - auch in den dunklen Stunden des Leidens, selbst auf einem Kreuzweg und in der Stunde des Todes.
Es ist zwar nicht möglich Hütten zu bauen, also solche Taborstunden totaler Geborgenheit festzuhalten, aber die Gewissheit wird uns darin geschenkt, dass Gott mit uns geht auch in die Niederungen des Tals, in das gelegentliche Jammertal des Daseins, und dass uns von seiner Liebe nichts zu trennen vermag.
Die Jünger machen die Erfahrung, wie sie im Psalm 18 steht: 'Du führst mich hinaus ins Weite; du machst meine Finsternis hell. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.'
Gott spricht das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in seinen großen Frieden. Es heißt Jesus Christus. Auf ihn sollen wir hören. Er allein erfüllt unsere Sehnsucht nach dem Land, das keine Grenzen kennt.
Besonders eindrücklich sind für mich nun die beiden letzten Textzeilen: Der Blick geht von der Ewigkeit weg wieder zu diesem Leben und seiner Zeit, die uns noch zugemessen ist. Sei du mein täglich Brot - so wahr du lebst. Gott erwartet uns nicht erst in der Ewigkeit, er gibt den Atem, den freien, offenen Atem für diese Zeit - wenn ich zu dir bete. Das Leben wird zu gewissem und zuversichtlichem Leben, wenn es sich Gott öffnet. Gott selbst ist unser Atem, wenn wir zu ihm beten.
Wir atmen. Alle. Jeder und Jede. Immerzu. Auch nachts. Auch wenn wir mit allem anderen bewussten Tätigkeiten aufhören. Auch wenn unser Körper ganz ruhig ist. Er atmet: ein und aus. Still und ruhig und regelmäßig. Ohne dass wir es merken.
Doch dann sind da auch die Stunden, wo wir "atemlos" werden. Gehetzt und eilig. Oder wir "halten den Atem an", weil uns angst und bange wird. Wie gut tut uns eine "Atem-Pause", eine Auszeit für Leib und Seele. Das will die österliche Bußzeit sein.
Solange wir leben, atmen wir. Solange wir atmen, leben wir. Atmen, das ist das erste Lebenszeichen eines Neugeborenen. Atemstillstand ist Anzeichen des Todes. Atem ist Geist: Die Bibel kennt nur ein Wort für Geist und Atem [ruach/pneuma/spiritus].
"Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete" - Gottes Geist - Kraft, die Hoffnung gibt! Amen.
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