Martin ist gestorben. Ich hatte die Nachricht - ich hatte sie
erwartet, und doch, als es so weit ist: für einen Augenblick steht die Zeit
still. Sabine hatte mir angerufen. Kurz darauf sprach ich mit Barbara. Du saßt
neben Deinem eben verstorbenen Mann Martin auf der Palliativstation des Bonner
Malteser-Krankenhauses. Jetzt weißt Du, "was Sache ist", so hätte Martin mir die
Nachricht seines Todes zugesprochen.
Der Tod von Martin wurde erwartet, gestern, heute, Gott weiß
wann. Es geht um Abschiednehmen und Loslassen, um Trennung und Erinnerung.
Sprachlosigkeit ist nicht nur eine Folge seiner fortschreitenden Krankheit. Die
Frage nach Sinn und Tod, Leben und Vergehen, sie wird uns begleiten. In Dir
stirbt etwas mit.
Wir haben, was an Martin sterblich ist, zu Grabe getragen, der
Erde übergeben. Das Weizenkorn muss sterben.
Jetzt geht es um Dich und um Matthias, um den Tod Deines Mannes,
liebe Barbara, für den kleinen Matthias um den Tod seines Vaters, Euer Schmerz
und Eure Trauer ist das Thema, Dein und sein Leben nach dem Tod ist in den Blick
zu nehmen. Im Tod ist das Leben: Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja
allein. So haben wir gesungen, erst auf dem Friedhof, dann am Beginn dieser
Eucharistiefeier, dieser Danksagung.
"Papa Aua", so hat Matthias zu Dir gesagt, als Ihr beide in der
vorletzten Woche bei Martin in der Klinik gewesen seid. Du hattest Matthias noch
einmal zu seinem Papa mitgenommen. Jetzt ist der Papa, seine männliche
Bezugsperson, tot; sein Papa, das Manns-Vor-Bild, hat ihn verlassen hat, ehe
Matthias ihn "richtig" kennenlernte; der Papa als ein Mann zum Anfassen und
Spüren, zum Angreifen und Orientieren wird dem Buben fehlen.
Worte werden Matthias und Martin nie mehr wechseln können.
Matthias wird seinem Vater nie widersprechen können, ihn nie um Rat zu fragen,
nichts von ihm lernen, ja, einfach ihn als abwesend zu erleben, ehe er in eine
bewusste Beziehung zu ihm treten konnte. Wie viele Worte haben wir unseren
Vätern nicht gesagt, wie viel Dank nicht ausgesprochen, wie viele Berührungen
ihnen versagt?
Und doch, bei allem Schmerz und aller Trauer dieser Stunde, es
gibt auch den Gedanken des Erbes, welches Martin seinem Matthias mitgegeben hat,
vieles für uns nicht erkennbar, aber vielleicht einmal wirkmächtig in seinem
Leben. Und Matthias wird erst aus Deinen, Barbaras Erzählungen, aus
Fotographien, aus anderen Dingen und Gedanken etwas über seinen Vater erfahren,
auch aus dem Erinnern von uns allen, die Martin gekannt, ihn wertgeschätzt haben
und dem kleinen Matthias später davon erzählen werden.
In dieser Stunde des Abschiedes sind wir aufgefordert, uns an
Martin zu erinnern und solche Erinnerungen für den kleinen Matthias
festzuhalten: Martins Art, mit Menschen umzugehen, seine Weise, Partnerschaft zu
leben. Seine Sehnsucht nach körperlicher Nähe in den Tagen seiner Krankheit,
seine Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit. Seine politische Einstellung, seine
Religiosität und seine Weltanschauung. Seine Kantigkeit und seine
Aufrichtigkeit. Seine Verlässlichkeit und seine Sturheit.
Und jeder von uns trägt seine Bilder von Martin im Herzen, die
einmal Mosaiksteine für ein "Erinnerungsfoto" bei Matthias werden können. Väter
sind dazu da, dass sich ihre Kinder, speziell die Söhne, an ihnen abarbeiten,
sich an ihnen reiben und messen. Und der Papa fehlt jetzt dem Matthias.
Da dürfen wir jetzt eintreten, wenn wir gefragt werden: Ihr, die
Taufpaten Gerhard und Johannes, habt Euch bei seiner Taufe am 27. Oktober 2001
in dieser Kirche dazu bereit erklärt, und wir, die unterschiedlichen Männer aus
dem Freundes- und Familienkreis von Barbara und Martin, jeder kann auf sein
Weise Matthias bedeutsam werden. Das heißt für jeden von uns auch, konfrontiert
zu werden mit der eigenen Kindheit. Matthäus 19,13-15: Die Segnung der Kinder
war das Evangelium bei seiner Taufe. Die Jünger verwiesen den Kindern der Frauen
den Segen. Und Jesus legte ihnen die Hände auf und zog von da weiter.
Und neben Schmerz und Erinnerung hat der frühe Tod von Martin
noch etwas bei mir ausgelöst, und zwar die Besinnung auf das Wesentliche. Ich
fragte mich: "Was ist mir eigentlich wichtig? Was macht mein Leben aus? Was hält
und trägt mich?" Und gebe die Frage an jeden von Euch weiter.
Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Das haben wir aus
dem Johannes-Evangelium gehört. Ich bin überzeugt, dass Jesus unserem Martin
vorausgegangen ist, um ihm einen Platz bei Gott zu bereiten. Ich glaube auch
zutiefst daran, ihn und alle unsere Lieben dort einmal wieder zu sehen. Und
jeder von uns sehnt sich nach Behausung, Heimat, Daheimsein.
Im Vertrauen auf die Zusage Jesu können wir unseren Weg hier auf
Erden hoffend und gelassen gehen. Barbara und Matthias werden ihr Lebenshaus
weiterbauen. Ich bin neugierig, was sich da alles tun wird. Und wenn Matthias
oder Barbara Hilfe suchen und darum bitten, sollten sie uns, die Freundinnen und
Freunde, die Familien dazu bereit finden.
Liebe Barbara, wir durften mit Dir und Martin den Beginn Eures
Lebenshauses feiern am 1. Juni 1996.in Deiner Pfarrkirche St. Kosmas und Damian,
den Patronen der Ärzte und Apotheker, damals in Maikammer. Die Texte, die Ihr
ausgesucht hattet, meine Predigt, das habe ich neu gelesen angesichts des Todes
von Martin, eine geistliche Relecture.
Einen geistlichen Dreiklang hattet Ihr angestimmt: Glaube -
Hoffnung - Liebe, viel innere Musik war zu spüren, Eure Lebenssymphonie begann
zu klingen.
>Dieser Dreiklang von Glaube - Hoffnung - Liebe wird uns als
Thema mit Variationen entfaltet. Wie bei einer großen Symphonie stimmt uns
Paulus mit einem knappen und deutlichen Auftakt ein: "Die Liebe sei klar und
ohne Schauspielerei!" Und wer bei diesen Worten nur an Barbara und Martin denkt,
der könnte auf dem Holzweg sein. Die Feier des Ehesakramentes ist kein antikes
Mysterienspiel, bei dem die Hauptdarsteller für die heutigen Rollen, Barbara als
Braut, Martin als Bräutigam, die Masken "Liebe" tragen, um uns zu unterhalten
oder uns "wahre Liebe" vorzuspielen. Nein, Paulus setzt seinem klaren Auftakt
einen unüberhörbaren Kontrapunkt entgegen: "Das Böse sollt ihr verabscheuen." um
sogleich das Thema wieder aufzunehmen: "am Guten [sollt ihr] euch festhalten."
Und diese Liebe, das Gute muss Gestalt annehmen. So wie Gottes
Liebe zu uns Menschen in Jesus Christus Fleisch angenommen hat, sich
inkarnierte, so soll auch unsere Liebe gestalterisch wirken, Fleisch annehmen.
Und da wird Paulus dann sehr konkret: fangt in eurem kleinen, überschaubaren
Lebensraum an. Herzlichkeit und Unverstelltheit, nicht Rolle und Maske, sind
gefragt. Damit es auch der Letzte versteht, scheint Paulus das Liebesgebot Jesu
noch zu verschärfen: "Jeder ehre den anderen mehr als sich selbst." Jesu selbst
forderte "nur": "Liebt einander".<
Diese geplante "Partitur" war scheinbar plötzlich nicht mehr
maßgebend für Euer Leben. Die schwere Krankheit von Martin änderte Tonart und
Takt, das Thema "Glaube - Hoffnung - Liebe" bekam einen neuen, eigenen Rhythmus.
>Damit das Thema nicht "akademisch" bleibt, gleichsam ein intellektuelles
Glasperlenspiel, variiert Paulus das Thema erneut: "Lebt nicht an den Aufgaben
vorbei, die eure Zeit stellt, und freut euch, dass ihr über sie hinaus eine
Hoffnung habt."<
Und so hattest Du, hattet Ihr Beiden, Martin und Du, sich einer
neuen Aufgabe zu stellen: Leben mit der Krankheit zum Tode.
>Sind wir nicht jeden Tag in der Versuchung, schwierigen
Situationen aus dem Wege zu gehen?... Und dann soll ich auch noch verzeihen! Ist
das alles nicht eine ungeheure Zumutung?< So hatte ich bei Eurer Hochzeit
gefragt und weiter gesagt:
>"Meint nicht, ihr könntet alles am besten und wüsstet alles
am genauesten!", ruft uns Paulus zu. Was euch auch im Alltag durch Freud und
Leid trägt, ist allein die christliche Hoffnung. Und diese entfaltet sich in
euren Gedanken und Gesinnungen. Diese Hoffnung verbindet mich mit anderen
Menschen zur Symphonie des Lebens, die nur von der Liebe her harmonisch
komponiert werden kann.< Und noch einmal der Text von damals:
>Diese Variationen des Themas "Die Liebe sei klar und ohne
Schauspielerei." trägt uns Paulus im Stakkato, mit Dissonanzen und mit
Scheinschlüssen vor. Martin sagte mir, dieser Text drücke für ihn aus, "was
Sache ist". Da wird nicht in schmeichelndem Moll oder heiterem Dur komponiert.<
Und nicht erst die Tage der erzwungen Sprachlosigkeit haben Dich
und andere Menschen einen anderen, nonverbalen Zugang zu Martin finden lassen.
Wie viel an Nähe und Berührung zugelassen hat, dass wisst Ihr besser als ich.
Vielleicht sind das die Symbole des Abschiedes, der ohne Worte stattfand.
>Eure Liebe, die Ihr Euch heute vor Gott und den Menschen in
sakramentaler Weise versprecht, wird in Eurem Alltag in vielfältiger Weise
Gestalt annehmen.<
Wir, die wir damals Eure Hochzeit mit feiern durften, sollten
durch Eure Liebe ermutigt werden, unsere eigene Liebe zu Gott und den Menschen
neu zu entdecken, >um sie im Alltag in kurzen, erkennbaren Melodien durch
unser Tun und Lassen anderen Menschen vorzusingen, sie durch unser Wesen und
unser Handeln zu verführen, sich auch einzuschwingen auf diesen großen Dreiklang
von Glaube, Hoffnung und Liebe.<
Heute wollen wir Dich, liebe Barbara, ermutigen, da Du von
Martin Abschied genommen hast. Die Symphonie Eures gemeinsamen Leben in dieser
Welt hat durch den Tod von Martin ein Ende gefunden. Das, was an Martin
sterblich ist, haben wir zu Grabe getragen. Er hat die letzte Fermate seiner
Lebenssymphonie erreicht. Das haben wir auf den Friedhof besungen: "Gar manche
Wege führen / aus dieser Welt hinaus. / O dass wir nicht verlieren / den Weg zum
Vaterhaus." "Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein
Weizenkorn, muss sterben um zu leben."
Du, liebe Barbara, der kleine Matthias und wir alle werden eine
neue Melodie lernen, jetzt nach dem Abschied von Martin. Die Lebensinstrumente
werden neu gestimmt. Die Noten dazu, die Anzahl der Takte, die Länge der Sätze,
ich kenne sie nicht. Ich weiß nur, es gibt eine andere Melodie:
Du für Dein Leben und für das Leben Deines Sohnes. Matthias wird
irgendwann seine eigene Lebensmelodie anstimmen. Wir, Deine Angehörigen und
Freunde, in unseren Beziehungen zu Dir und Matthias. Die Grundlage dieser neuen
"Lebenspartituren" bleibt aber der Dreiklang von Glaube - Hoffnung - Liebe, der
nicht nur an Hoch-Zeiten machtvoll erklingt, sondern auch in Stunden des
Schmerzes, der Ohnmacht und des Abschiedes leise unsere Atemluft bewegt, auch
wenn wir ihn nicht spüren scheinen.
So dürfen wir miteinander trauern um Martin und zugleich voller
Glaube, Hoffnung und Liebe ausschreiten in die Zukunft mit Dir und Matthias. Mit
den Worten von Michael Quoist, zitiert auf Eurer Hochzeitsanzeige, will ich
diesen symphonischen Dreiklang noch einmal in uns Allen zum Schwingen bringen:
"Wer den anderen liebt, lässt ihn gelten, wie er ist, wie er
gewesen ist und wie er sein wird."
Fürchte dich nicht, denn ich rufe dich beim Namen, mein bist du.
Gehst du durch das Wasser, ich bin bei dir, durch Ströme, sie werden dich nicht
überfluten. Gehst du durch Feuer, du wirst nicht verbrennen, die Flamme wird
dich nicht versengen. Denn ich, Jahwe, bin dein Gott, der Heilige Israels ist
dein Helfer. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Jeden, der nach meinem
Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre geschaffen, geformt und gemacht.
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt
an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre,
hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich
wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu
ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin die gehst. Wie sollen wir dann den Weg
kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben;
niemand kommt zum Vater außer durch mich.