Im Tod ist das Leben: Das Weizenkorn muß sterben
Der Tod bringt die Dinge ins Lot | Im Tod ist das Leben: Das Weizenkorn muß sterben | Der Tod: Ernstfall des Lebens | Ich weiß, mein Löser lebt! | Tod mitten im Leben | Tod am Berg als Aufbruch | Freitod als Herausforderung | lebensdaten-lebensgeschichte-glaubensgeschichte-heilsgeschichte | Todesanzeige unserer Mutter


„adiuvare animas“
den Seelen zu helfen

Home
Nach oben

P. Benno Kuppler SJ - ein Porträt

vorträge & workshops themen als pdf

Meine Mailadresse benno.kuppler[at]jesuiten.org ersetzen Sie [at] mit dem Mailzeichen

What's new powered by crawl-it

horizontal rule

Im Tod ist das Leben -
Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein.

Auferstehungsfeier für Martin Norbert Maria Rempe
* 28. November 1957 + 19. Mai 2003

Pfarrkirche St. Laurentius in Bonn-Lessenich am 26. Mai 2003

Lesung Jesaja 43,1-3.5.7; Evangelium Johannes 14, 1-6; Bußritus; Tagesgebet

horizontal rule

Martin ist gestorben. Ich hatte die Nachricht - ich hatte sie erwartet, und doch, als es so weit ist: für einen Augenblick steht die Zeit still. Sabine hatte mir angerufen. Kurz darauf sprach ich mit Barbara. Du saßt neben Deinem eben verstorbenen Mann Martin auf der Palliativstation des Bonner Malteser-Krankenhauses. Jetzt weißt Du, "was Sache ist", so hätte Martin mir die Nachricht seines Todes zugesprochen.

Der Tod von Martin wurde erwartet, gestern, heute, Gott weiß wann. Es geht um Abschiednehmen und Loslassen, um Trennung und Erinnerung. Sprachlosigkeit ist nicht nur eine Folge seiner fortschreitenden Krankheit. Die Frage nach Sinn und Tod, Leben und Vergehen, sie wird uns begleiten. In Dir stirbt etwas mit.

Wir haben, was an Martin sterblich ist, zu Grabe getragen, der Erde übergeben. Das Weizenkorn muss sterben.

Jetzt geht es um Dich und um Matthias, um den Tod Deines Mannes, liebe Barbara, für den kleinen Matthias um den Tod seines Vaters, Euer Schmerz und Eure Trauer ist das Thema, Dein und sein Leben nach dem Tod ist in den Blick zu nehmen. Im Tod ist das Leben: Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein. So haben wir gesungen, erst auf dem Friedhof, dann am Beginn dieser Eucharistiefeier, dieser Danksagung.

"Papa Aua", so hat Matthias zu Dir gesagt, als Ihr beide in der vorletzten Woche bei Martin in der Klinik gewesen seid. Du hattest Matthias noch einmal zu seinem Papa mitgenommen. Jetzt ist der Papa, seine männliche Bezugsperson, tot; sein Papa, das Manns-Vor-Bild, hat ihn verlassen hat, ehe Matthias ihn "richtig" kennenlernte; der Papa als ein Mann zum Anfassen und Spüren, zum Angreifen und Orientieren wird dem Buben fehlen.

Worte werden Matthias und Martin nie mehr wechseln können. Matthias wird seinem Vater nie widersprechen können, ihn nie um Rat zu fragen, nichts von ihm lernen, ja, einfach ihn als abwesend zu erleben, ehe er in eine bewusste Beziehung zu ihm treten konnte. Wie viele Worte haben wir unseren Vätern nicht gesagt, wie viel Dank nicht ausgesprochen, wie viele Berührungen ihnen versagt?

Und doch, bei allem Schmerz und aller Trauer dieser Stunde, es gibt auch den Gedanken des Erbes, welches Martin seinem Matthias mitgegeben hat, vieles für uns nicht erkennbar, aber vielleicht einmal wirkmächtig in seinem Leben. Und Matthias wird erst aus Deinen, Barbaras Erzählungen, aus Fotographien, aus anderen Dingen und Gedanken etwas über seinen Vater erfahren, auch aus dem Erinnern von uns allen, die Martin gekannt, ihn wertgeschätzt haben und dem kleinen Matthias später davon erzählen werden.

In dieser Stunde des Abschiedes sind wir aufgefordert, uns an Martin zu erinnern und solche Erinnerungen für den kleinen Matthias festzuhalten: Martins Art, mit Menschen umzugehen, seine Weise, Partnerschaft zu leben. Seine Sehnsucht nach körperlicher Nähe in den Tagen seiner Krankheit, seine Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit. Seine politische Einstellung, seine Religiosität und seine Weltanschauung. Seine Kantigkeit und seine Aufrichtigkeit. Seine Verlässlichkeit und seine Sturheit.

Und jeder von uns trägt seine Bilder von Martin im Herzen, die einmal Mosaiksteine für ein "Erinnerungsfoto" bei Matthias werden können. Väter sind dazu da, dass sich ihre Kinder, speziell die Söhne, an ihnen abarbeiten, sich an ihnen reiben und messen. Und der Papa fehlt jetzt dem Matthias.

Da dürfen wir jetzt eintreten, wenn wir gefragt werden: Ihr, die Taufpaten Gerhard und Johannes, habt Euch bei seiner Taufe am 27. Oktober 2001 in dieser Kirche dazu bereit erklärt, und wir, die unterschiedlichen Männer aus dem Freundes- und Familienkreis von Barbara und Martin, jeder kann auf sein Weise Matthias bedeutsam werden. Das heißt für jeden von uns auch, konfrontiert zu werden mit der eigenen Kindheit. Matthäus 19,13-15: Die Segnung der Kinder war das Evangelium bei seiner Taufe. Die Jünger verwiesen den Kindern der Frauen den Segen. Und Jesus legte ihnen die Hände auf und zog von da weiter.

Und neben Schmerz und Erinnerung hat der frühe Tod von Martin noch etwas bei mir ausgelöst, und zwar die Besinnung auf das Wesentliche. Ich fragte mich: "Was ist mir eigentlich wichtig? Was macht mein Leben aus? Was hält und trägt mich?" Und gebe die Frage an jeden von Euch weiter.

Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Das haben wir aus dem Johannes-Evangelium gehört. Ich bin überzeugt, dass Jesus unserem Martin vorausgegangen ist, um ihm einen Platz bei Gott zu bereiten. Ich glaube auch zutiefst daran, ihn und alle unsere Lieben dort einmal wieder zu sehen. Und jeder von uns sehnt sich nach Behausung, Heimat, Daheimsein.

Im Vertrauen auf die Zusage Jesu können wir unseren Weg hier auf Erden hoffend und gelassen gehen. Barbara und Matthias werden ihr Lebenshaus weiterbauen. Ich bin neugierig, was sich da alles tun wird. Und wenn Matthias oder Barbara Hilfe suchen und darum bitten, sollten sie uns, die Freundinnen und Freunde, die Familien dazu bereit finden.

Liebe Barbara, wir durften mit Dir und Martin den Beginn Eures Lebenshauses feiern am 1. Juni 1996.in Deiner Pfarrkirche St. Kosmas und Damian, den Patronen der Ärzte und Apotheker, damals in Maikammer. Die Texte, die Ihr ausgesucht hattet, meine Predigt, das habe ich neu gelesen angesichts des Todes von Martin, eine geistliche Relecture.

Einen geistlichen Dreiklang hattet Ihr angestimmt: Glaube - Hoffnung - Liebe, viel innere Musik war zu spüren, Eure Lebenssymphonie begann zu klingen.

>Dieser Dreiklang von Glaube - Hoffnung - Liebe wird uns als Thema mit Variationen entfaltet. Wie bei einer großen Symphonie stimmt uns Paulus mit einem knappen und deutlichen Auftakt ein: "Die Liebe sei klar und ohne Schauspielerei!" Und wer bei diesen Worten nur an Barbara und Martin denkt, der könnte auf dem Holzweg sein. Die Feier des Ehesakramentes ist kein antikes Mysterienspiel, bei dem die Hauptdarsteller für die heutigen Rollen, Barbara als Braut, Martin als Bräutigam, die Masken "Liebe" tragen, um uns zu unterhalten oder uns "wahre Liebe" vorzuspielen. Nein, Paulus setzt seinem klaren Auftakt einen unüberhörbaren Kontrapunkt entgegen: "Das Böse sollt ihr verabscheuen." um sogleich das Thema wieder aufzunehmen: "am Guten [sollt ihr] euch festhalten."

Und diese Liebe, das Gute muss Gestalt annehmen. So wie Gottes Liebe zu uns Menschen in Jesus Christus Fleisch angenommen hat, sich inkarnierte, so soll auch unsere Liebe gestalterisch wirken, Fleisch annehmen. Und da wird Paulus dann sehr konkret: fangt in eurem kleinen, überschaubaren Lebensraum an. Herzlichkeit und Unverstelltheit, nicht Rolle und Maske, sind gefragt. Damit es auch der Letzte versteht, scheint Paulus das Liebesgebot Jesu noch zu verschärfen: "Jeder ehre den anderen mehr als sich selbst." Jesu selbst forderte "nur": "Liebt einander".<

Diese geplante "Partitur" war scheinbar plötzlich nicht mehr maßgebend für Euer Leben. Die schwere Krankheit von Martin änderte Tonart und Takt, das Thema "Glaube - Hoffnung - Liebe" bekam einen neuen, eigenen Rhythmus. >Damit das Thema nicht "akademisch" bleibt, gleichsam ein intellektuelles Glasperlenspiel, variiert Paulus das Thema erneut: "Lebt nicht an den Aufgaben vorbei, die eure Zeit stellt, und freut euch, dass ihr über sie hinaus eine Hoffnung habt."<

Und so hattest Du, hattet Ihr Beiden, Martin und Du, sich einer neuen Aufgabe zu stellen: Leben mit der Krankheit zum Tode.

>Sind wir nicht jeden Tag in der Versuchung, schwierigen Situationen aus dem Wege zu gehen?... Und dann soll ich auch noch verzeihen! Ist das alles nicht eine ungeheure Zumutung?< So hatte ich bei Eurer Hochzeit gefragt und weiter gesagt:

>"Meint nicht, ihr könntet alles am besten und wüsstet alles am genauesten!", ruft uns Paulus zu. Was euch auch im Alltag durch Freud und Leid trägt, ist allein die christliche Hoffnung. Und diese entfaltet sich in euren Gedanken und Gesinnungen. Diese Hoffnung verbindet mich mit anderen Menschen zur Symphonie des Lebens, die nur von der Liebe her harmonisch komponiert werden kann.< Und noch einmal der Text von damals:

>Diese Variationen des Themas "Die Liebe sei klar und ohne Schauspielerei." trägt uns Paulus im Stakkato, mit Dissonanzen und mit Scheinschlüssen vor. Martin sagte mir, dieser Text drücke für ihn aus, "was Sache ist". Da wird nicht in schmeichelndem Moll oder heiterem Dur komponiert.<

Und nicht erst die Tage der erzwungen Sprachlosigkeit haben Dich und andere Menschen einen anderen, nonverbalen Zugang zu Martin finden lassen. Wie viel an Nähe und Berührung zugelassen hat, dass wisst Ihr besser als ich. Vielleicht sind das die Symbole des Abschiedes, der ohne Worte stattfand.

>Eure Liebe, die Ihr Euch heute vor Gott und den Menschen in sakramentaler Weise versprecht, wird in Eurem Alltag in vielfältiger Weise Gestalt annehmen.<

Wir, die wir damals Eure Hochzeit mit feiern durften, sollten durch Eure Liebe ermutigt werden, unsere eigene Liebe zu Gott und den Menschen neu zu entdecken, >um sie im Alltag in kurzen, erkennbaren Melodien durch unser Tun und Lassen anderen Menschen vorzusingen, sie durch unser Wesen und unser Handeln zu verführen, sich auch einzuschwingen auf diesen großen Dreiklang von Glaube, Hoffnung und Liebe.<

Heute wollen wir Dich, liebe Barbara, ermutigen, da Du von Martin Abschied genommen hast. Die Symphonie Eures gemeinsamen Leben in dieser Welt hat durch den Tod von Martin ein Ende gefunden. Das, was an Martin sterblich ist, haben wir zu Grabe getragen. Er hat die letzte Fermate seiner Lebenssymphonie erreicht. Das haben wir auf den Friedhof besungen: "Gar manche Wege führen / aus dieser Welt hinaus. / O dass wir nicht verlieren / den Weg zum Vaterhaus." "Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben um zu leben."

Du, liebe Barbara, der kleine Matthias und wir alle werden eine neue Melodie lernen, jetzt nach dem Abschied von Martin. Die Lebensinstrumente werden neu gestimmt. Die Noten dazu, die Anzahl der Takte, die Länge der Sätze, ich kenne sie nicht. Ich weiß nur, es gibt eine andere Melodie:

Du für Dein Leben und für das Leben Deines Sohnes. Matthias wird irgendwann seine eigene Lebensmelodie anstimmen. Wir, Deine Angehörigen und Freunde, in unseren Beziehungen zu Dir und Matthias. Die Grundlage dieser neuen "Lebenspartituren" bleibt aber der Dreiklang von Glaube - Hoffnung - Liebe, der nicht nur an Hoch-Zeiten machtvoll erklingt, sondern auch in Stunden des Schmerzes, der Ohnmacht und des Abschiedes leise unsere Atemluft bewegt, auch wenn wir ihn nicht spüren scheinen.

So dürfen wir miteinander trauern um Martin und zugleich voller Glaube, Hoffnung und Liebe ausschreiten in die Zukunft mit Dir und Matthias. Mit den Worten von Michael Quoist, zitiert auf Eurer Hochzeitsanzeige, will ich diesen symphonischen Dreiklang noch einmal in uns Allen zum Schwingen bringen:

"Wer den anderen liebt, lässt ihn gelten, wie er ist, wie er gewesen ist und wie er sein wird."

horizontal rule

Schriftlesung Jesaja 43,1-3.5.7

Fürchte dich nicht, denn ich rufe dich beim Namen, mein bist du. Gehst du durch das Wasser, ich bin bei dir, durch Ströme, sie werden dich nicht überfluten. Gehst du durch Feuer, du wirst nicht verbrennen, die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich, Jahwe, bin dein Gott, der Heilige Israels ist dein Helfer. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre geschaffen, geformt und gemacht.

Evangelium Johannes 14, 1-6

Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.

Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin die gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Bußritus

bullet

Wir erfahren unser Leben oft als unfrei, wir empfinden uns eingeschlossen, gehemmt, blockiert. Dabei versuchen wir uns aus eigener Kraft zu befreien, uns dennoch ein wenig Leben zu verschaffen. Selbsterlösung bringt jedoch selten Wachstum.

bullet

Kyrie Eleison

bullet

Was leben soll, muß aufgenommen und angenommen sein. Was nicht angenommen ist, kann nicht wachsen, kann nicht reif werden. Reif werden bedeutet auch andere aus mir leben lassen, reif werden heißt das Leben einsetzen.

bullet

Christe Eleison

bullet

Im Leben - überall im Leben - geht nie etwas verloren. In jedem Heute ist das ganze Gestern eingeschlossen; und jedes Morgen wird im heute aufgetan. Wer Leben hat, wer im Leben ist, braucht keine Angst vor Verlusten haben.

bullet

Kyrie Eleison

bullet

Leben, Glück und Ansehen kann ich nicht machen. Sie kommen von selbst zur Blüte, wenn das kleine, harte "Ich" gestorben ist. Leben heißt: keimen, blühen, reifen. Immer wieder, Immer wieder neu. Durch vieles Sterben hindurch. Auch in dieser Stunde des Abschiedes von Martin.

Tagesgebet

Gott,
du hast zu dir genommen,
was uns gehörte, Martin als .... Ehemann, Vater, Sohn, Freund, CV-er, ND-er, Kollege
Sei darum Halt und Trost
im Dunkel unserer Verzweiflung
und führe uns aus dem Tal der Tränen.
Bleibe uns nahe
in unserem großen Schmerz
und überlasse uns nicht dem Abgrund tiefer Trauer.
Die Einsamkeit ist grausam
Heile die Wunde der Trennung
und schenke uns die Nähe guter Menschen,
die einfach da sind,
die Fragen und Verbitterung zulassen.
Halte in uns die Erinnerung wach
an helle Tage,
an frohe Stunden
und an Kinderglück voll Lachen.
Bewahre uns den Glauben
an das Leben
hier auf dieser Erde und bei dir.
Gott,
Lass uns deine Liebe erfahren,
die unsere Tränen sieht
und leise fortwischt.
Stärke in uns die Hoffnung dass wir uns wiedersehen,
geheilt und voller Freude.

 

horizontal rule

©1998- 2010 Pater Benno Kuppler SJ |werte-wirtschaft-weiterbildung.de|coaching & spiritual consulting | münchen|file last updated 2010-09-07| we-wi-we Impressum| wirtschaftsethik | predigten| we-wi-we @ktuelles| Mein Kurzporträt pdf-file| Optimale Darstellung IE [download]