Jesus spielt verrückt.
Und seine Familie wird ver-rückt.
Lesung:
Markus 3, 20-35

Die Themen, die uns die Lesungen des heutigen 10. Sonntags im Jahreskreis
vorgeben, scheinen wenig zu passen zu der Feierlichkeit eines Sonntages. Statt
auferbaulich und feierlich zu klingen, wird uns "geistliches
Schwarzbrot" angeboten.
Jesus spielt verrückt - so sehen es seine Verwandten und so sehen es die
Schriftgelehrten, die von Jerusalem gekommen waren.
Und Jesus setzt sich mit dem Vorwurf auseinander, er sei verrückt, er sei
von Sinnen, er sei von Beelzebul besessen. An zwei Fronten gleichzeitig muss
Jesus die Auseinandersetzung führen:
- gegenüber seiner Mutter und seinen Brüdern, seinen Verwandten
- gegenüber den Schriftgelehrten, den theologischen Vollprofi seiner Zeit.
Worin gründet nun der Vorwurf, Jesus sei verrückt?
Für die Verwandten gilt die Konvention, dass die Familienbindungen unbedingt
zu beachten seien, erste und höchste Priorität hätten. Vater, Mutter, Brüder
und Schwestern, die gesamte Sippe, sie "wissen" und "setzen"
als Gewohnheitsrecht, was sich gehört, wer wohin gehört und was zu tun ist.
Die Großfamilie, der Clan, die Sippe, ist das Maß aller Dinge und das Zentrum
des Lebens. Und der fromme Jude, hat auch allen Grund dazu, die Dinge so zu
sehen, wie auch mancher fromme Zeitgenosse von heute: Denn das vierte Gebot
fordert: "Du sollst Vater und Mutter ehren".
Und Jesus, der ist mit allen möglichen, besser wohl un-möglichen Menschen
zusammen, mit denen eine "ordentliche" Familie nichts zu tun hat:
Zöllner und Sünder, Bettlern und Ausgestoßenen, alles Menschen, die sich vom
Rande her auf Jesus zubewegen. Mit solchen Menschen zeigt sich eine
"normale" Familie nicht in der Öffentlichkeit. Deshalb muss Jesus
verrückt sein. Er verstößt gegen die "gutbürgerlichen" Spielregeln
seiner Zeit.
Für die Schriftgelehrten ist er von Beelzebul besessen. Denn Jesus redet,
wie einer der Macht hat. Jesus hat Macht und Jesus zeigt Macht. Und eine
derartige Macht kann nach den Denkgewohnheiten dieser theologischen Profis nur
einer haben, der mit dem Teufel im Bunde steht. Denn ein Mensch, der seinen
Glauben ernst nimmt, der kann doch nicht mit Leuten verkehren, deren Beruf man
besser verschweigt, die keine öffentliche Ehre besitzen, die gegen das eigene
Volk, die jüdische Großfamilie, mit den Besatzern aus Rom kollaborieren.
Für beide Gruppen, die Verwandten und die Schriftgelehrten, wächst aus
ihrem engen Glaubensverständnis nur soviel Kraft, ihren eigenen kleinen
Lebensraum zu organisieren und zusammenzuhalten. Dabei werden dann Menschen,
viele Menschen ausgegrenzt und an den Rand geschoben werden, so ist das eben.
Sollen sie sich an die Zehn Gebote halten.
Jesus ist verrückt für diese Menschen! Denn er lebt den Glauben so, dass
Konflikte sich zeigen und zu neuen Konflikten führen können. Sein Glaube an
den Vater aller Menschen, der jeden zu Schwestern und Brüdern macht, verursacht
Konflikte und muss Konflikte verursachen, weil dieser Glauben keine Grenzen
kennt und keine Ausgrenzung.
Jesus ist verrückt für diese Menschen! Denn Jesus verrückt die Grenzen des
konventionellen Glaubens. Jesus verrückt den Glaubensvollzug. Jesus verrückt
alle und alles auf den Platz, der den Blick freigibt auf den Willen des Vaters.
Und das bringt Jesus in Konflikte. Weil er den Willen des Vaters predigt und
lebt, muss er viele Gewohnheiten und Bräuche seiner Zeit verrücken. Dabei
werden seine Verwandten und die Schriftgelehrten selbst verrückt. Aber sie
lassen sich nicht verrücken und erklären einfach Jesus für verrückt.
So einfach war das damals: statt sich vom Willen Gottes verrücken zu lassen,
erklären sie den Boten Gottes für verrückt.
Deshalb gerät Jesus erst ins Kreuzverhör, dann schließlich ans Kreuz. Das
Koordinatensystem familiärer und gesellschaftlicher Normen darf nicht verrückt
werden. Leichter ist es, den "Verrückten" am überkommenen
Koordinatensystem aufzuhängen. So wollten Menschen damals verhindern, dass
etwas in ihrem Weltbild verrückt wird. Nur damals?!
Und wir Christen heute: Sind wir auch verrückt? Haben wir uns ver-rücken
lassen von Jesu Aufforderung, den Willen des Vaters zu tun? Oder sind wir nicht
so verrückt, dass uns der Glaube an diesen Jesus in Konflikte mit unseren
Familien und in unserer Gesellschaft stürzen könnte?
Jesus hat sich daran gestört, dass Regelungen, Gottesdienstordnungen und
Tischsitten die Menschen daran hindern, sich einander und Gott zuzuwenden. Jesus
sah den Menschen im Mittelpunkt des Lebens, das der Vater allen in Fülle
verheißen hatte. Hinter allen Spielregeln aber kam das Lebens selbst immer mehr
zu kurz. Es war zum verrückt werden, wie viele Gesetze zu beachten waren.
Und über diese setzt sich Jesus hinweg, nicht leichtfertig und nicht um der
Provokation willen. Nein, denn Jesu ist nicht so verrückt. Er setzt sich des
Menschen wegen über ererbte Gesetze und liebgewonnene Regelungen hinweg.
Und doch empfinden wir selbst Jesu Verhalten oft auch als Provokation: wir
fühlen uns herausgerufen aus unseren Sicherheiten, herausgerufen aus unseren
festen Lebensgefügen.
Jesus aber verrückt unsere Oberflächlichkeiten: er will uns zu mehr Leben
einladen. Und die Menschen, die am Rande stehen, die spüren das am schnellsten.
Jesus verrückt die Grenzen des Lebens. Jesus schafft mehr Lebensraum für jene,
die sich um ihn scharen: Arme und Bettler, einfache Fischer, Kranke und
Entrechtete, Sünder und Zöllner.
Und wir Christen heute: