
"Es ist besser,
dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt."
Predigt für den Karfreitag 1997

Das Ziel ist klar formuliert:
"Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt." Der
Weg zu diesem
Ziel ist zunächst nicht klar. Am Ende ist das Ziel aber klar
erreicht: Jesus ist für das Volk gestorben.
Mich hat der Weg neugierig
gemacht, der zu diesem Ziel geführt hat. Wege erkenne ich nur, wenn ich mich
alleine oder mit anderen auf den Weg mache. Deshalb interessieren mich die
Menschen, die auf diesem Weg Jesus begegnen. Es sind einzelne Menschen mit Namen
und Gesichtern, es sind Gruppen und Massen, anonym und gesichtslos. Und immer
wieder entdecke ich, dass ich selbst dem einen oder anderen gleiche und dass
Jesus auf seinem Weg zum Kreuz, heute, im Jahr 1997, auch mir begegnet.
Ich lade Euch ein, selbst zu
spüren und zu entdecken, wo Euer Platz am Wege oder auf dem Wege Jesu an diesem
Karfreitag 1997 ist.
Am Anfang steht der Rat des
Hohenpriesters Kajaphas: "Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das
Volk stirbt." Woher wusste er, was gut, ja sogar was besser für das Volk
ist? Was ist gut daran, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt? Oder muss
ein einzelner Mensch, Jesus, sterben, weil er ihm im Wege ist? Woher weiß aber
ich, was gut oder besser ist für die anderen? Wo benutze ich andere Menschen
für meine eigenen Ziele?
Die Fragen lasse ich offen! Jede
und jeder muss-kann-sollte sich selbst seine Antwort geben oder danach suchen!
Der Weg Jesu beginnt an einem
vertrauten Ort: ein Garten auf der anderen Seite des Baches Kidron. Jesus und
seine Jünger trafen sich dort immer wieder. Hier nun begegnet Jesus den
Soldaten, den Gerichtsdienern, auch Judas, dem Verräter. Für mich ist so ein
vertrauter Ort, an dem ich Jesus begegne, die Eucharistiefeier. Wenn ich ehrlich
bin, so bin ich nicht immer als Jünger Jesu dabei. Ich entdecke mich auch unter
den gesichtslosen und anonymen Soldaten und Gerichtsdienern. Und manchmal habe
ich auch das Gesicht des Judas.
Jesus ergreift an diesem
vertrauten Ort die Initiative: sein Wort ist machtvoll, sein Wort lässt die
gesichtslosen Personen zurückweichen, sein Wort bringt sie sogar zu Fall. Jesus
widersetzt sich nicht dem Verrat durch Judas, vielmehr setzt er sich für seine
Jünger ein mitten in eigener Bedrohung: "lasst diese gehen!"
Jesu Leben ist Für-Sorge
angesichts des Verrates.
Petrus und die anderen Jünger
folgten Jesus von weitem. Durch Beziehungen hat der andere Jünger Zutritt zum
Palast des Hohenpriesters. Und das nutzt dem Petrus: er kann näher bei Jesus
sein. Doch der Preis ist hoch: er leugnet, zum Kreis der Jünger Jesu zu
gehören. Dafür steht Petrus im Kreis der Diener und der Knechte des
Hohenpriesters.
Möchte ich nicht oft auch im
Dunstkreis der Mächtigen unserer Tage stehen, und sei es nur bei deren
Personal? Bin ich nicht sogar bereit, dafür faule Kompromisse zu schließen?
Ist aber der Kompromiss nicht oft eine Verschleierung dafür, dass ich meine
grundlegende Beziehung zu Jesus verleugne?
Dreimal hat Petrus in diesen
wenigen Stunden Jesus verleugnet. Höre ich in meinem eigenen Leben noch den
Hahn krähen?
Und wieder Kajaphas auf der
einen Seite und Pilatus auf der anderen Seite: zwischen beiden stehen die
anonymen und gesichtslosen Massen. Jesu Weg führt mitten durch die Masse und an
beiden vorbei.
Kajaphas gab den
"richtigen" Rat und Pilatus stellt die "richtige" Frage:
"Was ist Wahrheit?". Die Massen haben den Rat Kajaphas' umgesetzt in
die Forderung nach Jesu Tod. Die Anklage besteht aus der lapidaren Feststellung:
"Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht
ausgeliefert."
Lasse ich mich nicht auch
anstecken von einem "richtigen" Rat, ohne den Ratschlag zu prüfen?
Habe ich nicht auch schon Menschen vorverurteilt, weil sie doch
"schlecht" zu sein haben, so wie "die" aussehen und wo
"die" herkommen und was "die" herschwätzen? Verstecke ich
mich nicht auch gerne in der anonymen und gesichtslosen Masse?
Oder stelle ich nicht immer
wieder die "richtige" Frage wie Pilatus, und dann stehe ich auf und
gehe weg, ohne eine Antwort abzuwarten? Spiele ich nicht, wie Pilatus,
gegenüber anderen Menschen mit meinen Möglichkeiten? "Weißt du nicht, dass
ich die Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen?" Und
wenn es darauf ankommt, dann gehe ich doch den bequemeren Weg und gebe dem Druck
der Masse nach, um mir dann meine eigenen Hände in Unschuld zu waschen.
Da sind wir dann schon am Ziel
des Weges Jesu angekommen: Soldaten, anonym und gesichtslos, haben Jesus ans
Kreuz geschlagen. Selbst im Angesicht des Todes hört seine Für-Sorge nicht
auf: "Frau, siehe, dein Sohn! Siehe, Deine Mutter!"
Der Rat des Kajaphas ist auf
eine höhere Weise verwirklicht worden: "Es ist besser, dass ein einziger
Mensch für das Volk stirbt." Jesus ist erhöht.
Jesu stirbt für sein Volk, für
die Menschen mit Namen und Gesichtern die seinem Weg gefolgt sind, für die
gesichtslosen und anonymen Gruppen und Massen an seinem Weg, für Euch und mich,
der ich mich immer wieder in den verschiedenen Gestalten des Leidensweges Jesu
entdecke und entdecken kann.
Es ist gut, dass ER für uns
gestorben ist. So haben wir Leben in Fülle, Du und ich. Amen.
