Kirche in der Stadt:
950 Jahre Nürnberg
Nürnberger Hochschulgottesdienst am 9.
Mai 2000
P. Dr.sc.soc. Benno Kuppler SJ
Lesung: Apostelgeschichte 17, 22 - 18,1

Liebe Schwestern und Brüder,
Kirche in der Stadt - 950 Jahre Nürnberg und Kirche an der Hochschule: das
waren zunächst vordergründig die Daten, die mich und Wolfgang Butz [ESG] veranlasst
haben, heute Abend das Thema "Kirche in der Stadt" für diesen
Hochschulgottesdienst zu wählen.
Aber wenn ihr aufmerksam durch diese Stadt lauft und nicht nur die großen
Kirchen anschaut, - auch die Kleineren lohnen betrachtet zu werden, wie die
Klara-Kirche bei uns, oder St. Martha gegenüber, - und wenn ihr mal mit
Bewusstsein an den Bürgerhäusern vorbeilauft, dann könnt ihr allein entlang
der Königstraße viele Herrgottswinkel und Madonnenecken finden, wo Menschen an
ihre Häuser Heiligenfiguren gestellt haben. Aus den unterschiedlichsten
Gründen, sei es, dass sie um Schutz bitten, sei es, dass sie damit ihrer
Glaubensüberzeugung Ausdruck verleihen wollen.
Und wir sind es gewohnt, daran vorbeizulaufen, auch an den großen Kirchen,
auch ich. An mancher der großen und kleinen Kirchen findet ihr dann blauweiße
Rauten, ein Schild, das anzeigt, dass der staatliche Denkmalschutz diese
Gebäude unter seine besondere Fürsorge genommen hat. So sind Kirchen im Laufe
der Zeit zu einem Denkmal geworden, aber wer von uns denkt mal nach, wenn er an
ihnen vorbei geht.
Ich habe mir einmal überlegt, wie denn mein Leben aussehen könnte, wenn ich
alles, was im Laufe der Jahrhunderte an Christlichem von unserer Gesellschaft
absorbiert wurde, wenn ich das wegließe. Was bliebe da eigentlich übrig?
Natürlich ist das hypothetisch, weil nicht alles allein auf Glaube und
Christentum zurückzuführen ist. Aber vieles von dem, was wir als Gewohnheit
leben, ist in der Auseinandersetzung um den Glauben und die Wahrheit in unserer
Gesellschaft entstanden.
Aus der jüdisch-christlichen Tradition kommt unsere Wocheneinteilung. Die
Sonntage als Tage der Heiligung in Erinnerung an die Schöpfung sind uns heute
vielleicht auf andere Weise heilig, als sie durch Kirchengebote zu heiligen
wären. Aber sind wichtig für uns geworden, weil es um menschliche
Grunderfahrungen geht, dass ich eben nicht sieben Tage von sieben Tagen arbeiten
und werkeln und funktionieren kann. Sondern es gibt Tage, wo ich Zeit brauche,
um zu mir zu kommen, bei mir zu sein und in einem weiteren Schritt dann auch auf
andere zuzugeben und mit anderen zusammenzusein.
Unsere Kultur ist sehr stark bestimmt durch die Tradition der Orden und doch
sind die Zahlen, die unser Leben bestimmen, arabisch. Die kommen aus einer
anderen geistlichen Tradition, aus dem Islam.
Deshalb die Frage heute: wo ist heute Platz für Kirche in der Stadt, wenn
wir an hervorragenden Stellen schon Kirchen haben, die davon zeugen, wie
Wolfgang Butz gesagt hat, dass es in Nürnberg ein selbstbewusstes Bürgertum
gab, das mit seinem Gott auch direkt und unmittelbar in Beziehung stand und den
Fürstbischof in Bamberg nicht so furchtbar brauchte und schätzte.
Wenn wir dann in der Apostelgeschichte hören, was Paulus in Athen sagt,
dieser Kulturstadt seiner Zeit, dann wird plötzlich deutlich, dass, wenn ich
das heute höre, er an uns die Frage richtet, warum wir als Christen heute
Kirchengebäude haben und pflegen, wenn eigentlich, der Kult, das Gebäude, gar
nicht das Wesentliche des Glaubens ausmacht.
Worin liegt nun das Wesentlich des Glaubens, auch in der Stadt? Wenn ich
diese Unterscheidung mache, dann bin ich mir selbst schon in die Falle geraten: dass
ich unterscheide zwischen dem Leben und dem religiösen Vollzug, dass ich
mich bereits aufteile in Sektoren und merke, dass ich nicht bewusst in dem, was
ich tue, im Angesicht Gottes lebe und handele. Und doch ist die Frage nach Gott,
die Frage nach dem, was mich ausmacht und bestimmt, unthematisch meistens bei
uns präsent. Sie kommt ans Licht, wenn es Krisensituationen gibt, wenn
Katastrophen eintreten, wenn Dinge nicht erklärbar sind, dann suche ich, ob es
nicht irgendwo anderes, "von oben", eine Lösung gibt.
Und dann plötzlich erinnere ich mich, dass es ja etwas in mir gibt, das mich
schon mit diesem Gott in Beziehung sein lässt. Und dass ich diese Beziehung nie
durchgeschnitten habe, sie nur auf kleiner Flamme weitergepflegt habe. Sie ist
gleichsam wie mein eMail-Adressbuch, wo ich halt viel Anschriften habe, aber
nicht jede jeden Tag oder gar mehrmals am Tag benutze, obwohl ich auch selbst
darauf warte, dass mir von anderen eine Nachricht zukommt.
Ich möchte das nicht vorwurfsvoll und bedauernd verstanden wissen, dass Gott
in meinem oder in eurem Leben nicht jeden Tag präsent und bestimmend ist, bewusst
und mit klarer Entscheidung.
Wie stark aber das Thema "Gott" uns unterschwellig bestimmt, konnte
ich am letzten Samstag Abend erfahren, als ich im Cinecitta war, und dachte, dass
ich einen Kinoabend für mich alleine hätte und schon an der Kasse
feststellen musste, dass es kaum noch einen Platz im Kino gab. Ich musste mich
dann in eine fast ausverkaufte Reihe zwängen, denn der Film hatte einen "sehr
reißerischen" Titel: DOGMA.
Und dann kam mir von Beginn des Filmes, obwohl ich doch mir etwas Gutes tun
wollte mit diesem Kinoabend, der heute Gottesdienst in den Sinn.
Schon beim Hineingehen in das Kino Cinecitta, in seiner Größe und seinen
Ausmaßen, sah ich Menschen, die dort alleine oder in Gruppen oder als Pärchen
herumstanden und saßen, tranken oder aßen oder warteten, bis der Kinosaal
geöffnet würde. Es waren Menschen in einer Fülle und einer Altersgruppe, dass
ich sagen muss, liebe Kollegen, ich wäre froh, ja glücklich, wir hätten nur
zehn Prozent von denen, die dort waren bei einer Fete bei uns in der khg und
ESG.
Und dann im Kino dieser Film DOGMA.
Alleine der Titel DOGMA müsste doch junge Menschen abschrecken. Denn wer
regt sich nicht alles über Dogmatik auf, komme sie nun von Rom oder Hannover
oder von mir. Und dann läuft ein Film ab, eine Comedy, Klamauk vom Feinsten,
mit einem religiösen Anspruch. Der Film, so habe ich zu meinen Mitbrüdern
gesagt, müsste eigentlich als Pflichtveranstaltung zur theologischen
Weiterbildung aller pastoralen Mitarbeiter, Priester und Laien, vorgeschrieben
werden. Warum?
In der kurzen Zeit dieses Filmes habe ich selten so viele Glaubenswahrheiten
so unterhaltsam und auch so erhellend vorgeführt bekommen, wie in diesem Film.
Angefangen bei dem verzweifelten Versuch, dieses "traurige" Zeichen des
Kreuzes, das ja so nervt, durch eine andere Symbolfigur zu ersetzen. Und der
Kardinal kommt auf die Idee eine Figur kreieren zu lassen, die, als sie so
langsam enthüllt wurde, bei mir erst die Erinnerung an eine süßlich-kitschige
Herz-Jesu-Statue wachrief. Dann stand aber dort der "Kumpel Christus" mit
zusammengekniffenem Auge, einen Daumen steil noch oben und die Finger der
rechten Hand auf mich zeigend dar. Er soll die neue Glaubenskultur verbreiten.
Der Film klopft auch unsere Vorstellung von Engeln ab, gerade jene, die wir
im Lied besungen haben: Engel als geschlechtslose Wesen, im Film und in den
theologischen Traktaten. Und manche Situation war so überzeichnet, dass die
Besucher lachten und kicherten, auch ich. Aber ganz am Ende blieben die Menschen
sitzen, bis der Abspann des Filmes vorüber war, für mich ein Hinweis, dass es
etwas gab in diesem Film, das nachklingen wollte. Wie steht es meinen Glauben?
Eine Frage hat mich dann mit hinaus begleitet: Weshalb gehen junge Menschen
in einen Film, der Dogma heißt? War es der Klamauk, den der knappe
Ankündigungstext nur erwarten lässt? Wer wusste, dass der Text von einem
Drehbuchautor geschrieben wurde, der sich mit zwanzig Jahren alle seine
religiösen Fragen und viele Vorurteile vom Leib geschrieben hatte.
Die Frage, die mir bleibt, die uns bleibt: Warum ist Glaube so unterhaltsam
im Fernsehen und so dröge im Alltag? Warum gibt es so viele Filme, die sich mit
Glaubensfragen auseinander setzen, kritisch, manchmal auch provozierend,
vielleicht auch ein wenig boshaft? - Ich weiß nicht wer von Euch in arte
gestern Abend die "Letzte Versuchung Christi" von Scorcese gesehen hat? -
Glaube ist offensichtlich in unserer Unterhaltungsgesellschaft relevant,
während wir uns als Kirche an der Hochschule schwer tun mit unserer Relevanz in
Hochschule und Gesellschaft.
Ich hoffe für uns als khg und ESG, für unser Miteinander als Kirche an der
Hochschule, dass wir kritisch, wenn nötig auch respektlos, miteinander suchen,
wo Glaube für euer Leben und für mein Leben und für unser Leben gemeinsam
bedeutsam ist, wo wir uns von Formen befreien können, und wo wir uns auch bewusst
für Formen entscheiden, weil Rituale auch eine Entlastungsfunktion im Leben
haben.
Und ich wünsche uns und unserer Universitätsstadt, dass wir die Kirchen
nicht nur als Gebäude sehen, sondern als Denk-Mal, als Anstoß und
Ausrufezeichen zu Denken, wo heute Gott uns braucht, damit unsere Gesellschaft
immer wieder neu menschliches Antlitz hat. Amen.
