"Leichter geht ein Kamel ..."
Punkte zu Markus 10, 17-30
Besinnungstag im Germanicum-Hungaricum Roma

1. Einige Bemerkungen zur Gestaltung dieser Perikope.
Drei verschiedene Textteile lassen sich unterscheiden:
Verse 17-22: Eine Erzählung über die Begegnung Jesu mit einem
reichen Jüngling, der sich dem Ruf in die Nachfolge entzieht wegen seines
großen Besitzes.
Verse 23-27: Ein Gespräch Jesu mit seinen Jüngern über den
Reichtum als Hindernis für das Reich Gottes [par Mt 19,16-30; Lukas 18, 24-30].
Verse 28-30: Ein Wort Jesu, kontrastierend zu V. 23-26, über den
Lohn der Armut in der Nachfolge Jesu.
2. Eine Erzählung [VV. 17-22]
Anrede Jesu: Guter Meister, Suche nach ewigem Leben. Erfüllung der Gebote.
Dieser junge Mann will sich nicht rühmen, dass er von Jugend an die Gebote
Gottes gehalten hat, er will über die Gebote hinaus mehr tun.
Darin liegt eine Herausforderung an uns heute:
Wir sind geneigt zu glauben, die Einhaltung von Geboten sei ausreichend, um
unsere innere Haltung, um Überzeugungen auszudrücken. Jesu Antwort an den
jungen Mann aber macht uns deutlich: die von allen Jüngern verlangte
"Vollkommenheit" äußert sich in der Art der Erfüllung der Zehn
Gebote. Die konkret geforderte Form hier ist der Verzicht auf irdische Güter
in der Nachfolge Jesu.
"Betrübt" geht der junge Mann fort, er fühlt sich dieser
Forderung [noch?] nicht gewachsen, obwohl ihn Jesu anschaute und ihn mochte,
ihn lieb hatte, wie es bei Markus heißt. Der ermutigende Blick Jesu konnte
nicht erwidert werden: eine konkrete Berufungsgeschichte mit negativem
Ausgang.
3. Ein Gespräch [V. 23-27]
Das erste Wort Jesu [V 23], spricht von der Schwierigkeit für einen
Reichen, ins Reich Gottes zu kommen. Reichtum muss also nicht unbedingt den
Zutritt verwehren.
Das zweite Wort aber [V 25] schließt mit dem kräftigen Bild des Kamels
und des Nadelöhrs diese Möglichkeit im Grunde aus. Und dieses Wort führte
bei den Jüngern, vielleicht auch bei uns [?!], zu einem heftigen
Erschrecken und der Frage: "Wer kann dann noch gerettet werden?".
Jesu Antwort nimmt die alttestamentliche Erfahrung auf: nur von Gott her
ist Aussicht auf Rettung auch für scheinbar unrettbare Menschen denkbar.
Dennoch darf das Wort vom Kamel und Nadelöhr nicht in seiner Tendenz
abgeschwächt werden, die Heilsgefährdung durch den Reichtum aufzudecken.
Erleichternde Deutungen des Bildes, etwa das "Nadelöhr" als ein
enges Tor in der Mauer von Jerusalem zu deuten oder das "Kamel" als
Fehlübersetzung von "kamilos", das Schiffstau zu bezeichnen, werden
in der Exegese abgelehnt. [Denken Sie etwa an das übertreibende Bild "der
Balken im eigenen Auge" Mt 7, 3-5.]
Jesu Drohwort gegen die Reichen ist nicht zu bezweifeln. Doch schon die
Urgemeinde hat erfahren, dass ein solches Drohwort auch für reiche Menschen
zur befreienden Botschaft werden kann, wie die Geschichte des Zöllners
Zachäus [vgl. Lukas 19, 1-10] zeigt.
4. Ein Wort [V. 28-30]
Petrus als der Sprecher der Zwölf fragt, sicherlich auch in unserem Namen,
nach dem Lohn der Armut für die Jünger. Vielleicht wäre die Frage zu
stellen uns peinlich. Dass die Frage aber zulässig ist, zeigt Jesu Antwort:
Die Verheißung "hundertfacher Entschädigung" und des "ewigen
Lebens" gilt jedem, der sich auf die radikale Forderungen Jesu einlässt.
Nach Markus darf dieser Lohn schon "in diesem Leben" erwartet
werden. Alles, was ich verlasse wird in den Plural gesetzt, nicht aber
"der Vater", weil dies der Vater im Himmel, im Reich Gottes ist.
5. Was spüre ich beim Hören und Meditieren dieses Textes?
Fühle ich mich selbst betroffen? Redet Jesus persönlich zu mir? Ist diese
eine erbauliche Geschichte, die aber meine soziale Wirklichkeit nicht mehr
trifft? Was sind innere Widerstände, die sich in mir regen beim Verkosten des
Textes? Wie gehe ich mit den Widerständen um? Finde ich mein persönliches
"Hintertürchen", um die Härte des Textes abzuschwächen?
