Leistung
soll menschlich sein
Nürnberger Hochschulgottesdienst am 8. Oktober 1997
Lesung: Galater 1, 11-17

Zum Beginn des Studienjahrs 1997/98 versammeln wir uns zum Gottesdienst. Wir
wollen ins Gebet nehmen, was uns in unserem Leben beschäftigt. Die
Einführungen verschiedener Fachbereiche, die ich selbst miterlebte, legten mir
das Thema Leistung nahe. Denn ist es sicherlich keine Unterstellung anzunehmen, dass
viele Studierende innerlich beschäftigt sind, was ihnen als
Studienanfängern bevorsteht, was an Semesterprüfungen zu leisten ist oder ob
in diesem Semester die Examina zum Studienschluss klappen. Studium bedeutet im Bewusstsein
vieler Studierender mehr als früher, dass jedem und jeder immer
wieder neu Leistungen abverlangt werden. Sie empfinden dies als Stress, ebenso
wie viele Berufstätige die Leistungserwartungen am Arbeitsplatz als Stress empfinden.
Lebt da dann nicht in irgendeiner Ecke unseres Herzens auch noch die
Vorstellung, dass wir auch im Glauben, vielleicht sogar durch den Gottesdienst
etwas leisten müssen! Zählt nicht irgendeine Hilfskraft im Himmel die Zahl der
Gebete, die besuchten Gottesdienste, die guten Werke? Insgeheim fühlen wir uns
unsicher: wird wenigstens Gott uns gnädig sein. Oder müssen wir nicht doch
etwas leisten, dass ER uns Seine Liebe schenkt? Müssen wir nicht sogar Großes
leisten? Im Studium? Im Beruf? In der Familie? In unseren Freundschaften und
Beziehungen?
Leistung soll menschlich sein!
Lasst mich euch dazu eine Geschichte erzählen. Als ich als junger Jesuit in
München studierte, stand lange der "Tod des Handlungsreisenden" von
Arthur Miller auf dem Spielplan der Kammerspiele. Ich habe das Theaterstück
gesehen und kann das Thema seit dem nicht wieder vergessen. Miller erzählt die
Geschichte eines alternden Handlungsreisenden, eines Vertreters, der früher
einmal ein erfolgreicher Mann gewesen war. Aber er hatte nicht Schritt halten
können mit den raschen Veränderungen in seiner Branche und in seinem
Kundenkreis. Der geschäftliche Erfolg blieb aus. Es folgen zermürbende Jahre,
in denen ihm die Dinge des Lebens immer mehr entgleiten. Nach außen kann er
noch die Fassade des Erfolges wahren - zumindest am Anfang noch.
Wer etwas leistet, der ist etwas!
Man muss es im Leben zu etwas bringen!
Dieses Gesetz des Handelns hatte im Leben des Handlungsreisenden gegolten. So
hatte er auch seine beiden Söhne erzogen. Aus ihnen sollte etwas werden. Sie
sollten Erfolg haben, mehr als er selbst. Das hatte er ihnen von klein auf
eingeimpft. Sie sollten das verwirklichen, was ihm an Erfolg versagt geblieben
war. Wenigsten in ihnen sollten seine eigenen Träume Wirklichkeit werden. Beide
Söhne aber konnten die Hoffnungen des Vaters nicht erfüllen. Beide Söhne
brachten es zu nichts.
Der Handlungsreisende selbst, der sein ganzes Leben auf Leistung und Erfolg
gebaut hatte, musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass er immer weniger zu
leisten in der Lage war. Schließlich wurde er von seiner Firma auf die Straße
gesetzt. Weil er keinen Nutzen mehr brachte, wurde er zum alten Eisen geworfen,
sparte die Firma durch seine Entlassung Kosten ein.
Ein Freund bot ihm eine Arbeitsstelle an. Er lehnte ab. Er konnte nicht
zugeben, dass er gescheitert war, dass er Hilfe brauchte. Nur ja nicht den Misserfolg
zugeben. Nach außen wenigsten die Fassade bewahren.
Der Handlungsreisende erfuhr sich völlig in die Enge getrieben. Schließlich
sah er keinen Ausweg mehr als den, sich selbst das Leben zu nehmen. Ein Mensch,
der ausschließlich unter dem objektiven Gesetz von Leistung und Erfolg lebte -
und daran zerbrach. Ein Opfer seines Traumes vom Erfolg.
Dieser Mann vernahm einen Befehl, durch seine eigene Leistung Erfolg haben zu
müssen. Er hörte nichts als diesen Befehl. So sagte Arthur Miller selbst zu
seinem Stück.
Nur ein Theaterstück!?
Man muss etwas leisten! So hatte auch Paulus einmal gedacht.
Er bezeichnet
sich im Brief an die Galater, den wir eben gehört haben, als einen
"leidenschaftlichen Verfechter der Überlieferung meiner Väter". Das
Gesetz des Bundes mit Jahwe wollte er vollkommen erfüllen. Und das jüdische
Gesetz war im Laufe der Jahrhunderte umfangreich geworden, mit vielen detaillierten
Vorschriften. Alle Vorschriften waren peinlich genau zu beachten.
Wenn das keine Leistung war, kein Zwang zum Erfolg vor Gott und den Menschen!
Gleichsam religiöser Hochleistungssport!
Paulus muss diesen inneren Druck, die Gebote perfekt zu erfüllen, gespürt
haben, er muss den Zwang zur Erfüllung des Gesetzes erfahren haben. Denn er
spricht davon, mehr als seine Altersgenossen für die Überlieferungen
eingetreten zu sein. Die Verfolgung der jungen Christengemeinde ist da ein
beredtes Zeugnis.
Und dann diese neue Erfahrung: durch Seine Gnade berufen! Ausgesondert vom
Mutterleibe an durch Gott! Beschenkt mit der Offenbarung Jesu Christi!
Da kann er nur ausrufen: "Ich will es euch klar sagen, Brüder und
Schwestern: das Evangelium, das ich euch verkündet habe, ist keine menschliche
Erfindung!"
"Gnade", Erfahrung der Gnade: das ist das Stichwort, das das
Evangelium, die Botschaft des Paulus bestimmt! Nicht mehr eine objektive
menschliche Leistung, sondern das Geschenk Gottes, die Gnade, macht den Menschen
gerecht. Und ein Mensch, der ein Geschenk empfangen will, darf keine gefüllten
Hände haben oder die Hand aus Ohnmacht und Wut vielleicht zur Faust geballt
haben. Er muss mit leeren Händen vor Ihm stehen, bereit, sich beschenken zu
lassen. "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr", so haben wir zu
Beginn des Gottesdienstes gesungen. Das Leben erfährt seinen Wert nicht in der
Erfüllung objektiver Leistungsnormen, sondern in der Zuwendung Gottes in Jesus
Christus zu uns Menschen. Diese befreiende, von den Zwängen nach Erfolg
freimachende Botschaft muss Paulus verkünden. Er teilt mit offenen Händen die
empfangene Gnade aus.
Das Gesetz der Leistung bestimmt den Handlungsreisenden.
Das Gesetz der
Leistung bestimmte den Paulus.
Was bestimmt uns?
Mit großer Selbstzufriedenheit nannten wir uns noch vor wenigen Jahren eine
"Leistungsgesellschaft". Das hatte damals einen guten Klang: wir
hatten etwas geleistet. Das sollte uns einer erst einmal nachmachen. Aus den
Trümmern des Krieges war eine Wohlstandsgesellschaft gewachsen, durch die
Leistung der Generation meiner Eltern, meine Generation ist schon in den
Wohlstand hineingewachsen und die heutige Generation der Studierenden ist mit
einem Lebensstandard vertraut groß geworden, den meine Großeltern sich nicht
einmal erträumt hätten.
Doch heute: das Wort "Leistung" ist in Misskredit geraten, nicht
nur bei Studierenden. Das Wort "Leistung" hat einen schalen
Beigeschmack bekommen. Denn die Leistung hat sich verselbständigt, ist zu einer
objektiven Norm geworden. An was ist die Leistung gebunden, was bestimmt das
Maß der Leistung, etwa im Studium? Die Anzahl der erworbenen Scheine? Die
Anzahl der von Vorlesungsskripten produzierten Fotokopien? Die Zahl der belegten
Vorlesungen? Die im Hörsaal verbrachten Stunden?
Wenn der Mensch etwas leistet, müsste jeder Mensch auch sein Maß der
Leistung abgeben. Das erscheint als verrückter Gedanke, als Utopie, manchem
sogar als subversiv.
Neue Technologien, Computer, Automation und die Notwendigkeit zur
Rationalisierung sind der heutige Maßstab für Leistung geworden, auch im
Hochschulbetrieb. Der einzelne Mensch in Fabrik und Büro hat sich dem Takt der
Technik anzupassen: Maschinen zur Produktion und Schreibautomaten bestimmen das
Arbeitstempo, die Leistung des Menschen. Der Mensch kontrolliert die raschen
Prozesse der Maschine. Aber, der Mensch ist in Gefahr, zum Lückenbüßer zu
werden: Was Maschinen heute noch nicht allein schaffen, das muss ersatzweise der
Mensch leisten. Und der Mensch ist es, der die Fehler macht, nicht der Computer!
Ob das der Menschenwürde entspricht, wird oft nicht offen gefragt.
Der Mensch ist nicht berechenbar. Seine Fehler bei der Produktion bedeuten
ein Versagen, das viel kostet und moralisch negativ gewertet wird. Eine
schlechte Tagesform bei einer Prüfung kann ein ganzes Semester an Einsatz kosten. Die
Fehler der Maschine sind erklärbar und werden repariert. Die
verbaute Prüfung verlängert das Studium. Eine Sekretärin sagte mir einmal mit
Tränen in den Augen: "Da wär's zum Teil besser, man wäre eine Maschine.
Wenn die Maschine einen Fehler macht, glauben die Chefs einem erst, wenn der
Techniker das überprüft hat. Niemand glaubt einer Sekretärin etwas." Und
ein einziger Kommilitone kam zu mir, als ich in einer mündlichen Prüfung die
verbaute schriftliche ausgleichen konnte, um sich mit mir zu freuen. Viele
andere zeigten mir offen, dass sie für mich ein anderes Ergebnis erhofft
hatten.
Ist es nicht diese objektivierte Leistung, die unser Leben bestimmt? Stehen
nicht viele von uns auch im Inneren unter dem Befehl, durch ihre Leistung Erfolg
haben zu müssen? Droht nicht vielen Menschen sonst der Rausschmiss aus dem
Betrieb, das Ende einer Studienkarriere? Kriterien der Leistung lösen sich von
der Fähigkeit zur Leistung.
Das Gesetz der Leistung bestimmt den Handlungsreisenden, machte ihn unfähig,
die Hilfe des Freundes anzunehmen, und trieb ihn in den Selbstmord.
Das Gesetz der Leistung bestimmte den Paulus. Aber er nahm den Ruf Christi,
des Freundes, vor Damaskus an. So wurde er innerlich frei vom Zwang, alle
Gesetze des jüdischen Glaubens peinsam zu erfüllen.
Das Gesetz der Leistung bestimmt auch uns heute. Wie entscheiden wir uns?
Solidarität und Menschenwürde könnten Wege sein, den gnadenlosen Zwängen
unserer Leistungsgesellschaft, auch an den Hochschulen, Einhalt zu gebieten. Wir
sind von der befreienden Botschaft Christi her aufgefordert, neu über die Rolle
des Menschen in einer durch Technik stark geprägten Gesellschaft nachzudenken.
Solidarität kann da bedeuten, untereinander Arbeitsgruppen im Studium zu bilden
und auch einen schwächeren mitzuziehen. Menschenwürde gebietet es, Mitgefühl
dem gegenüber zu zeigen, der im Studium an seine Grenzen stößt, statt ihn
niederzumachen.
Viele Menschen, nicht nur die Studierenden, auch wir als Mitarbeiter in der
Kirche, können sich der Erfüllung von Leistungsnormen nicht entziehen. Aber
wir können üben, wie wir mit Normen und Anforderungen umgehen. Und in unseren
Gemeinden wird keiner nach Studienerfolgen beurteilt.
Und aussteigen aus den Zwängen dieser Leistungsgesellschaft können nur
wenige: einige, weil sie genügend auf der hohen Kante haben, um davon zu leben,
andere, weil sie jedem Konsum- und Leistungsdenken abgeschworen haben. Sie leben
dann nicht selten von der Barmherzigkeit der Leistenden.
Was bleibt uns, die wir noch nicht ausgestiegen sind, denn noch an
Entscheidung?
Der Handlungsreisende konnte die Hilfe des Freundes nicht annehmen. Wir
können in diesem Freund Christus erkennen, der uns durch seine befreiende
Botschaft herausführen will aus den Zwängen. Paulus hat diese befreiende
Botschaft Christi annehmen können.
Besinnen auch wir uns, dass uns diese befreiende Botschaft Christi
zugesprochen wird. Diese befreiende Botschaft ist nicht beschränkt auf den Raum
der Kirche. Sie will die Welt umgestalten, will Menschen befreien von
vielfältigen Zwängen und Abhängigkeiten, auch dem Zwang zu unmenschlicher
Leistung.
Die Befreiung, die uns in Christus zugesprochen wird, setzt dann in uns
schöpferische Kräfte frei. Menschen können gemeinsam an einer Aufgabe, z.B.
im Studium, arbeiten und werden empfindsam für die Stärken und Schwächen
ihrer Mitmenschen. Menschen treten nicht mehr in vernichtende Konkurrenz, auch
als Studierende, zueinander, sondern bauen miteinander am Reich Gottes, das
heute schon unter uns anfanghaft Gestalt gewinnt. Solidarität und Liebe sind
dazu zwei alte biblische Grundsätze.
Ich denke, es ist ein lohnendes Ziel, für das wir gemeinsam am Beginn des
Semesters bitten sollen: das sein Reich komme in Liebe und Solidarität. Auch in
unseren Gemeinden. Amen.
