Lieben & Beten.
Meditationsgottesdienst am 23.01.1976 in der KHG Würzburg

Gott der Liebe!
Du hast dieses Gebot allen anderen vorangestellt:
Wir sollten unsere Brüder lieben.
Dieses Gebot sollen wir ständig vor Augen haben.
Mache uns frei von der Sorge um das eigene Ich
und hilf uns in dem Bemühen,
die anderen zu verstehen, zu achten und zu lieben.

Meine Lieben, lasst uns einander lieben: denn die Liebe ist aus Gott, und
wer liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott
nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.
Darin hat sich die Liebe Gottes an uns erwiesen, dass Gott seinen einzigen
Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darauf beruht die
Liebe: nicht als hätten wir Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt und hat
seinen Sohn gesandt als Sühnopfer für unsere Sünden.
Meine Lieben, wenn Gott uns so geliebt hat, so sind auch wir es schuldig,
einander zu lieben.

Wie mich der Vater geliebt hat, habe auch ich euch geliebt. Bleibet in
meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe
bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe
bleibe.
Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure
Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr einander lieben sollt,
wie ich euch geliebt habe.

"Meine Lieben, liebet einander", so fasst der Apostel Paulus seine
Überlieferung an uns zusammen. Es ist der zweite Teil des Liebesgebotes! Gott
sollen wir lieben, so lautet das erste Gebot. Ein zweites aber ist diesem
gleich: durch die Liebe zum Nächsten können wir Gottes Liebe erwidern.
Das scheint uns eigentlich nicht so schwer. Denn letztlich hat jeder von uns
so "seinen" Nächsten, den er liebt. Dem Gesetz wäre also Genüge getan.
Doch hier lauert eine große Gefahr:
Lieben wir tatsächlich in jedem Menschen Christus, Gott? Oder haben wir
nicht unsere "auserwählten" Nächsten? Sind wir ohne Kategorien, ohne
Vor-Urteile, wenn wir unseren Nächsten suchen, oder machen wir nicht eigentlich
dauernd Ausnahmen, wenn wir lieben?
Selbst wenn wir die aufgeworfenen Fragen beantworten könnten mit einem
uneingeschränkten Ja - und wer könnte das schon! - müssten wir fragen, woher
wir die Gewissheit haben, unseren Nächsten wirklich, erfahrbar zu lieben.
Madeleine Delbrêl, eine Französin, zum katholischen Glauben konvertiert,
weist uns in ihrem Buch "Gebet in einem weltlichen Leben" auf eine Quelle
hin, die uns unsere Nächstenliebe erfahrbar macht: das Gebet.
Denn im Gebet, so sagt uns Madeleine Delbrêl, vermittelt sich uns Glaube und
Hoffnung, und diese sind die Grundlage unserer Liebe, will diese Liebe nicht
eigennützig sein.
Deshalb wollen wir heute morgen miteinander über das Beten nachdenken.
BETEN.
Beten will zwischen Gott und uns Beziehungen herstellen. Beten ist
Gedankenaustausch zwischen Ihm und uns. Beten ist soziale Kommunikation zwischen
Ihm und mir.
Damit ist bereits die Grenze des Betens markiert: Beten ist grenzenlos, weil
es keine Tabubereiche zwischen Gott und uns, zwischen meinem Gott und mir gibt.
Zumindest nicht von seiner Seite. Und das macht mich beim Beten unsicher.
Gott steht mir grenzenlos, maßlos zur Verfügung. Ich brauche nur meine
Bereitschaft erkennen zu lassen, und Gott schaltet auf Empfang, auf Sendung.
Diese Bereitschaft Gottes, immer ansprechbar zu sein, nie emotionalen
Schwankungen zu unterliegen, einfach für mich - aber auch für jeden anderen
Menschen - da zu sein: das ist Gottes Liebe zu mir.
Und meine Antwort an ihn, meine Erwiderung der Liebe, wie schaut das aus?
Kontemplation und Aktion stehen bei mir im Widerstreit.
Sollte ich nicht besser, sinn-voller eine Zeit beten, oder ist es
nicht sinn-voller jemanden in einer bestimmten Situation zu helfen, aus
Nächstenliebe? Muss darin überhaupt eine Ausschließlichkeit liegen? Ich meine
nein!
Durch Gebet will ich zu Gott - wieder einmal- normale Beziehungen herstellen,
versuche ich - wieder einmal- umzukehren, meinen Geist, mein Herz, meinen Willen
nach Gott hin auszurichten, zurückzuwenden.
Nur stelle ich fest, dass dies mühsam, schmerzlich, verwirrend sein kann,
weil ich oft auf eine unmittelbare Antwort warten muß.
Nicht immer kann ich die gleichen Gebetsformen verwenden, oft mache ich die
Erfahrung, dass die Ausdrucksformen meines Gebetes etwas Relatives, etwas
Vorläufiges haben, und dass ich oft nicht alleine beten kann, sondern die
Gebetsgemeinschaft suche.
Dass wir alle fühlen, wir brauchen auch für das Gebet Gemeinschaft, führt
uns heute morgen zusammen. Wir wollen nicht nur gemeinsam in Arbeitskreisen
aktiv sein, sondern suchen unsere gemeinsame Grundlage auch im gemeinsamen
Gebet, im gemeinsamen Gottesdienst zu finden, zu erfahren. Eine Gemeinschaft,
die auf Gott bezogen sein will, wird gemeinsam beten, soll das
Gemeinschaftsleben nicht leer und ohne Bezug zum Evangelium werden.
Der scheinbare Konflikt zwischen Kontemplation und Aktion, zwischen Gebet und
tätiger Nächstenliebe entsteht eigentlich nur deshalb, weil wir - meist im
Unbewussten- oft Zeit mit weniger nützlichen Dingen verbringen, statt uns
klarer zu entscheiden für Kontemplation und Aktion. Das gilt für uns als
Einzelne, aber auch für uns als Gemeinschaft.
Wenn wir so in uns hineinhorchen, können wir nämlich feststellen, dass wir
in unserem Herzen tief verwurzelt "gerechte Ansprüche" finden, den
Menschen zu helfen, aber nicht deutlich genug auf die Ansprüche "geistlicher
Ebene" achten und diese zurückdrängen um der Menschen willen.
Was sich aber so entwickeln kann, ist Liebe zum Nächsten, ohne ihn von Gott
zu erfahren. Unsere Liebe wird zum Aktivismus, der vielleicht sogar einzelne
Probleme löst, aber sinn-los wird, weil ihm die "göttliche
Dimension" fehlt. Ohne Gebet würden wir die Liebe Gottes rückgängig
machen, die Liebe Gottes, die nämlich Mensch geworden ist.
Nehmen wir uns Zeit, um im Gebet immer wieder neu die Erfahrungen der Nähe
Gottes zu machen, aus der uns dann die Kraft zuwächst, auch für den Nächsten sinn-voll
dazusein. Amen.

Dein Sohn hat sein Leben für uns gelebt;
seine Liebe - er selbst
ist uns Brot und Wein, Speise und Trank -
die Kraft, aus der wir leben!
Lass uns sein Leben weiterleben,
damit dieses Brot, wenn wir es miteinander teilen,
und dieser Kelch, wenn wir ihn voneinander nehmen,
stets auch ein Zeichen unserer Liebe sind.

Anbetung, Dank und Ehre Dir, unserem Gott für das
Leben, das schöne, bunte, frohmachende Leben ...
Anbetung, Dank und Ehre Dir, unserem Gott für die
Liebe, die uns bejaht, birgt und so erfüllt macht ...
Anbetung, Dank und Ehre Dir, unserem Gott für die
Sprache, in der wir aussprechen, verstehen können,
die Mitteilung ermöglicht ...
Anbetung, Dank und Ehre Dir, unserem Gott für das
Gebet, das uns öffnet und weit macht für Dich, das uns
Deinen Willen verstehen lässt, das uns in Bewegung zu
Dir hin bringt ...
Anbetung, Dank und Ehre Dir, unserem Gott, mit allen
Sprachen und Zungen, mit allen Schweigen und Stillesein,
mit allem Glück und Leiden um Dich: