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"Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?"

Lesung: Markus 4, 35-41

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Müssen wir nicht auch so aufschreien, wenn wir die Nachrichten und Informationen auf den Stellwänden sehen vor der Kapelle? Da werden Schicksale von Menschen dargestellt, die vom Sturm von Gewalt und Terror in ihren Ländern aus dem gemeinsamen Boot geschmissen wurden. Aber mehr noch als über die Informationen müssen wir aufschreien, wenn wir den konkreten Menschen begegnen, die aus dem Boot geworfen wurden oder die über Bord gegangen sind, weil der Sturm der Unmenschlichkeit ihnen den Raum zum Leben zerstört hat.

Schreien diese Menschen - oft ohne Worte, oft für uns unhörbar, allzu oft von uns aber auch überhört - nicht zu recht: "Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?"

Angst geht um.

Menschen haben einfach Angst, begründet oder nicht:

Angst vor der Zukunft, Angst ums Überleben, Angst vor Kriegen und atomarer Bewaffnung, Angst um den Arbeitsplatz, Angst um den Lebensraum, einfach Angst ...

Und diese Angst macht vor keinem Halt: nicht vor dem Deutschen, nicht vor dem Ausländer, nicht vor dem Christen, nicht vor dem Hindu, nicht vor dem Moslem, nicht vor dem Einzelnen, nicht vor ganzen Gruppen.

Schreien da Menschen nicht zurecht:

"Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?"

Angst geht um, auch in der Kirche und unter Christen.

Zunehmend werden auch Christen: Laien, Priester, Ordensleute, Bischöfe, ja sogar der Papst, von der Angst, von dieser Seuche befallen. Die einen haben Angst, die Kirche halte nicht Schritt mit der Zeit, die Kirche erkenne in unseren Tagen nicht mehr die Zeichen der Zeit. Die anderen haben Angst, es gebe zu viele Neuerungen, die den Glauben gefährden. Die Diskussion um die Traditionalisten um Lefebvre machen dies überdeutlich.

Es kommt zu einer eigenartigen Hektik und Betriebsamkeit in der Kirche, die einer Tragikkomödie bisweilen nicht nachsteht. Christliche Hoffnung und gläubige Gelassenheit treten zurück.

Als Johannes XXIII. Das Konzil einberufen hatte, kam einmal ein betagter Kardinal zu ihm - so wird berichtet - und klagte dem Papst sein Leid. Die Vorgänge in der Kirche, das Zweite Vatikanische Konzil, bringe so viele Veränderungen und Neuerungen. Der kardinal fürchtete sich, er hatte Angst um den Fortbestand der Kirche. Papst Johannes soll den Kardinal mit gütigen Augen angeschaut haben. Er legte ihm dann väterlich die Hand auf die Schulter und sagte: "Aber, mein lieber Bruder, hab doch Vertrauen! Angst ist keine christliche Kategorie!"

Die Angst der Jünger

Das Evangelium von heute, die Frohbotschaft vom Seesturm will uns sagen, warum Angst keine "christliche Kategorie" ist und warum wir vertrauen dürfen.

Die Jünger im Evangelium haben auch Angst - solche Angst, dass sie in Panik geraten. Ihre Angst ist nicht unbegründet, denn sie sind in Gefahr, in Lebensgefahr.

Den Jüngern damals geht es wie vielen von uns heute: es gibt begründete Ängste. Deshalb schreien die Jünger: "Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?"

Aber die Jünger haben zunächst in ihrer Angst vergessen, dass ER, der Herr, bei ihnen im Boot ist. Sie sind hellwach vor Angst. Sie sind in Panik. Er, der Herr, aber schläft. Der Aufruhr der Elemente erschüttert nicht die Geborgenheit und Unberührtheit des Herrn. Das erhöht die Angst der Jünger. Mit vorwurfsvoller Stimme wecken sie IHN, den Herrn auf:

"Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?"

Jesus wacht auf und bannt zunächst die Gefahr. Dann befasst er sich mit den Jüngern.

Mit einer Doppelfrage macht der Herr den Jüngern den Grund ihres Verhaltens und die Ursache ihrer Angst bewusst. Er sagt:

bullet"Warum habt ihr solche Angst?
bulletHabt ihr noch keinen Glauben?"

Jesus deckt den Grund für ihr Verhalten und ihre Angst auf: Den Jüngern fehlt der Glaube.

Was meint Jesus damit? Was bedeutet hier Glaube?

Heinrich Schlier hat in seinem Kommentar zu dieser Stelle ausgeführt, was hier Glauben bedeutet:

bullet"Glaube ist hier, wie oft, das unerschütterliche Vertrauen zu Jesus, der in allen Nöten und Gefahren Hilfe bringt. Glaube ist die unbedingte Gewissheit, dass Jesus rettet - selbst wenn er "schläft" und sich nicht um uns zu kümmern scheint. Glaube ist die volle Zuversicht, dass man mit Jesus zusammen nicht zugrunde geht."

Glauben überwindet die Angst

Das Evangelium von der Stillung des Seesturms bietet sich auch heute an als "hohe Schule des Glaubens". Der Hintergrund und die Situation sind austauschbar.

Jeder von uns kennt seinen "Sturm", vor dem er Angst hat, berechtigt oder auch unberechtigt.

bulletAsylbewerber vor dem Terror in ihrer Heimat.
bulletDeutsche vor fremden Menschen oder fremden Situationen.
bulletChristen vor Entwicklungen innerhalb und außerhalb der Kirche.

Alle Nöte, Bedrängnisse und Probleme dürfen wir vor dem Herrn zur Sprache bringen und sollten miteinander darüber reden.

Der Herr wird uns nach unserem Glauben fragen. Er wird uns zu einem vertrauenden Glauben einladen, zu einem Glauben, der sich gerade in den Stürmen und Bedrohungen des Lebens bewährt.

Ich wünsche Ihnen und mir und allen Menschen, denen wir begegnen, dass wir den Glauben als Heiterkeit erfahren, die von Gott kommt, wie dies Johannes XXIII. Einmal ausgedrückt hat:

"Wer Glauben hat, der zittert nicht, er überstürzt nicht die Ereignisse, er ist nicht pessimistisch eingestellt, er verliert nicht die Nerven. Glauben, das ist die Heiterkeit, die von Gott Kommt". Amen.

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