Missionare heute: 150 Jahre Aenania
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Dr. Benno Kuppler

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Missionare heute: 150 Jahre Aenania
150 Jahre KDStV Aenania im CV zu München
Festgottesdienst am 8. Juli 2001 in der Universitätskirche St. Ludwig, München
P. Benno Kuppler SJ [Cpf, Ae]

Lesungen: Lukas 10, 1-9 [14. Sonntag Lesejahr C]

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Cartell- und Bundesbrüder,

Jetzt sind wir zum großen Finale unseres 150. Stiftungsfestes in die St. Ludwigskirche, die Münchner Universitätskirche gekommen. Wir haben den Gottesdienst für unser Stiftungsfest auf den Termin gelegt, an dem sich Sonntag für Sonntag die Katholische Hochschulgemeinde hier versammelt, um Danksagung, Eucharistiefeier zu feiern. Wir feiern unseren Festgottesdienst in der Gemeinschaft der Kirche am 14. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahr C, in dem wir das Lukas-Evangelium hören. Wir feiern diesen Gottesdienst in der Nähe des Grabes von Romano Guardini, dessen sterbliche Überreste vor wenigen Jahren in der Seitenkapelle beigesetzt worden sind, in der Kirche, in der dieser große geistliche Mann auch viele unserer Bundesbrüder mit seinem Wort für Gott begeisterte. Romano Guardini verdankt unsere gesamte Kirche wesentliche Impulse für die Gestaltung der Liturgie.

Wir haben die Festtage unserer Aenania in Formen gefeiert, die uns als Rituale vertraut sind, weil wir nicht neu entscheiden müssen, wie wir feiern, was wir feiern wollen: 150 Jahre gemeinsame Geschichte durch die Zeit und in der Zeit.

Am Freitag wurde ein großartiger Festkommers geschlagen, so habe ich mir erzählen lassen. Der Festkommers ist das typische studentische Ritual, um Gemeinschaft mit Gleichen zu feiern bei Gesang und Getränk und bei Nachdenklichem in einer Festrede.

Am Samstag Vormittag haben wir einen akademischen Festakt abgehalten, was einer akademischen Studentenverbindung gut ansteht und uns einladen lassen, die 150 Jahre unserer Aenania historisch-kritisch zu bedenken.

Am Samstag Abend dann trafen wir uns zu einer festlichen Soiree bei einem Festmahl und Ball, die nichts zu wünschen ließ.

Und immer wieder war da dieses "hallo", diese freudige Wiedersehen mit Freunden und Freundinnen, die jeder von uns aus seiner aktiven Zeit kannte und schätzte und oft Jahre nicht mehr gesehen und doch nicht aus seiner Erinnerung getilgt hatte. Das Grüßen und Begrüsstwerden, das sich gegenseitig wahrnehmen, hat mich bewegt. Die Zeit schien mir zu kurz, jede und jeden so zu begrüßen, wie sie und er in meinem Herzen seinen Platz hat und braucht. Und ich habe gespürt, dass ich selbst bei vielen einen Platz habe. Und das hat mir gut getan.

Und dann bin ich nach Hause gegangen und habe mir erneut das Sonntagsevangelium vorgenommen, habe wieder gelesen, was mir schon vertraut schien. Und was passierte? Ich bleibe hängen an dem Vers: "Grüßt niemand unterwegs!"

Habe ich etwas falsch gemacht in den letzten Tagen, als ich viele von Euch herzlich grüßte, als ich mich von Euch mich grüßen ließ? Habt Ihr, die Ihr einander froh und herzlich in diesen Tagen gegrüßt habt, etwas falsch gemacht?

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Cartell- und Bundesbrüder, es ist für mich mehr als eine rhetorische Frage, als ein gelungener oder weniger geglückter Aufhänger für die Festpredigt bei dieser Danksagung, dieser Eucharistie für 150 Jahre gemeinsame Geschichte in unserer Aenania.

Es ist der Stachel des Lukas-Evangeliums über die Aussendung der zweiundsiebzig Jüngerinnen und Jünger an alle Orte, in die Jesus selbst kommen wollte. Es ist die Aussendung zur Mission, die Jesus denen anvertraut, die ihm folgen. Und da können wir uns nicht herausreden, uns ginge das nichts an, weil wir ja unseren Norbert Gille in Simbabwe haben, der als Missionar im südlichen Afrika arbeitet. Und einige von uns unterstützen ihn sogar materiell in seinem Dienst. Und wir können nicht auf unseren Gründer Franz Lorenz Gerbl hinweisen, der selbst Missionar im heutigen Kenia war. Und die anderen Aenanen in den Missionen, wie unseren verstorbenen Josef Friedrich in Simbabwe. Es geht um dich und mich heute morgen beim Festgottesdienst, jedem einzelnen von uns gilt Sein Wort, wir, du und ich sind gemeint, wenn Er zweiundsiebzig aussendet.

Das war und ist der Stachel des Evangeliums: "Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte." Was heißt das für mich und jede und jeden von Euch heute? Das ist die Form des Finales: das aktive Mitwirken bei der Eucharistie. Jetzt ist kein Goutieren und Genießen angesagt!

Und so möchte ich jetzt mit Euch eine geistliche Rechenstunde halten, zu der ich mich anregen ließ durch eine Predigt meines Bundesbruders Jörg Sieger [Cpf], die er als Hochschulpfarrer in Mannheim einmal gehalten hatte.

Warum die Rechenstunde? Weil schon die 150 Jahre Aenania sich für eine geistliches Jonglieren mit Zahlen anbieten. Denn 150 Jahre lassen sich zerlegen in dreimal 50 Jahre und 50 Jahre waren im Alten Testament ein Jobeljahr, ein Jubeljahr, das sich zusammensetzte aus sieben mal sieben Jahren plus eins. Und im 50. Jahr galt es die Zwangsverhältnisse, die Schuldverhältnisse zu bereinigen, Schuld zu vergeben, einen Neuanfang zu ermöglichen für jede und jeden. Jubeljahre sollten daran erinnern, dass die Zeit in Gottes steht und seine Schöpfung eine Ordnung hatte, von der Gott am siebten Schöpfungstag sagte: "Er sah, dass alles gut war." Und dieses Gute sollte wieder gestellt werden.

So sind auch wir im 3. Jubeljahr unserer Aenania eingeladen, das Gute wieder in den Blick zu nehmen, unsere Sendung, unsere Aussendung zur Mission. Und diese Sendung rechnet sich, damals und heute, wenn wir uns auf den Weg machen.

Zunächst aber will ich mit Euch auf eine Art rechnen, wie sie heute weitestgehend vergessen ist, wie man sie im Alten Testament lernen kann. Zwei dieser alttestamentlichen Grundrechenarten, wie wir sie für das Verständnis des heutigen Evangeliums brauchen, will ich ganz kurz zeigen.

Dazu müssen wir das 10. Kapitel des Buches Genesis anschauen. Ich werde es jetzt nicht vorlesen, denn eigentlich ist es ein stink langweiliges Kapitel. Ihr könnt ja selbst einmal reinschauen und Euch davon überzeugen. Wir stehen in Genesis 10 unmittelbar nach der großen Flut, die die Welt vernichtet hatte. Und jetzt wird dort geschildert, wie die Welt nach dieser Flut neu geordnet wird, und allem voran geschieht dies dadurch, dass der Autor schildert, welche Völker nun die Erde wieder bewohnen. Und in diesem Zusammenhang werden ganz stereotyp und für unsere Ohren im Grunde genommen furchtbar langweilig, die Namen dieser Völker aufgezählt.

Diese Aufzählung wird erst dann wirklich interessant, wenn man die dort genannten Völker zu zählen beginnt. Ihr könnt es nachprüfen, es sind genau zweiundsiebzig. Zweiundsiebzig Völker führt Genesis 10 an. Ein Ergebnis, das nicht besonders verwunderlich ist für den, der die dahinter stehende Rechenregel kennt. Es müssen schließlich zweiundsiebzig Völker sein, keines mehr und keines weniger. Die Namen der Völker spielen da nur eine zweitrangige Rolle, die Zahl zweiundsiebzig ist entscheidend.

Der biblische Autor möchte schließlich zeigen, dass die ganze Welt nach der Flut wieder besiedelt war. Und er führt deswegen die Namen der Völker dieser Erde in seinem Buch an. Und dass dies wirklich auch alle Völker der Erde sind, das macht er nicht mit den Namen, das macht er mit ihrer Anzahl deutlich.

Zweiundsiebzig, das ist sechs mal zwölf. Und zwölf, das ist bekanntermaßen die Zahl des Volkes. Nicht umsonst hat das Volk Israel zwölf Stämme.

Zwölf ist aber auch die Zahl der Vollkommenheit. Die zwölf Monate machen den Jahreskreis aus, und die zwölf Stunden den Tag. Zwölf Stunden umfasst die Nacht. Und das himmlische Jerusalem ist von zwölf Türmen umgeben. Zwölf als Zahl der kosmischen, der himmlischen Vollkommenheit. Da aber die Welt nur von bedingter Vollkommenheit ist, da sie begrenzt und zeitlich ist, deshalb umfasst die irdische Vollkommenheit auch nur die Hälfte der himmlischen. Deshalb bedeutet irdische Vollkommenheit statt zwölf eben nur die Zahl sechs.

Selbst im Mittelalter war das noch zu spüren. Die großen Dome der Romanik sollten ja Bilder des himmlischen Jerusalems sein, aber da sie schließlich irdische Bilder dieser himmlischen Stadt waren, hatten sie keine zwölf sondern nur sechs Türme.

Sechs als Zahl der bedingten, der irdischen Vollkommenheit. Und sechs mal das Volk, also sechs mal zwölf dann als Zahl aller Völker dieser Erde. Zweiundsiebzig, die irdische Symbolzahl aller Völker dieser Welt.

Die himmlische Zahl aller Völker wird dann übrigens wieder zwölf mal zwölf sein. Nicht umsonst werden 144 mal Tausend am Ende gerettet werden, nämlich Tausend, unermesslich viele, aus jedem dieser himmlisch umfassenden Zahl aller Völker. Die irdische Zahl aber umfasst zunächst mal die Hälfte, nämlich die Zahl zweiundsiebzig. Und nimmt es da noch Wunder, dass im heutigen Evangelium dann genau zweiundsiebzig Jünger ausgesandt werden?

Was Lukas da macht, ist eine ganz kunstvolle Komposition aus der Zahlensymbolik des Alten Testamentes. Jesus sendet seine Jünger, und er sendet zweiundsiebzig und er sendet sie in alle Städte in die Jesus selbst eigentlich gehen wollte. Er sendet zweiundsiebzig, weil er sie eben zu allen Völkern der Erde sendet, weil erst alle Völker zusammengenommen all die Städte sind, in die Jesus eigentlich gehen wollte, weil Jesus will, dass alle Völker dieser Erde gerettet werden, dass alle von ihm und seiner Botschaft hören.

Lukas, der wohl selbst ein Heidenchrist gewesen ist, macht mit dieser Stelle deutlich: Jesus gehört nicht nur den Juden. Jesus selbst hat den Anstoß dazu gegeben, dass das Christentum über die Grenzen des Judentums hinauswuchs, Jesus selbst hätte seine Botschaft allen Menschen dieser Welt gebracht, wenn ihm das möglich gewesen wäre. Weil das aber selbst für Jesus ganz einfach nicht drin ist, wenn er wirklich wahrer Mensch sein möchte, deshalb vertraut er diese Aufgabe seinen Jüngerinnen und Jüngern an, denen, die er in seinem Namen in die ganze Welt hinein gesandt hat und heute noch sendet.

Der Paulus, den Lukas dann in seinem zweiten Buch, der Apostelgeschichte, als Inbegriff dieses Völkerapostels zeichnet, illustriert diese Aussendung ganz plastisch. Rast- und ruhelos, in beinahe unbeschreiblicher Hektik, lässt Lukas ihn von Ort zu Ort reisen, damit auch ja alle Menschen von der Botschaft Jesu Christi erfahren. Und das, was wir von Paulus selbst wissen, das unterstreicht die lukanische Darstellung ja nur noch. Paulus schreibt ja einmal von seinem Vorhaben, selbst nach Spanien zu reisen. Und das war für damalige Vorstellung tatsächlich eine Reise an die Grenzen der Erde.

Bis dorthin, bis an die Enden der Erde sollte den Menschen das Heilsangebot Gottes bekannt gemacht werden. Und Lukas wie Paulus waren davon überzeugt, dass die Zeit drängte, dass eigentlich nur wenige Jahre für diese Aufgabe übrig bleiben würden. Deshalb sollte vor der Erfüllung dieser Aufgabe ja auch alles andere zurückstehen und keine Anstrengung war zu gering.

Lukas macht dies in seiner Darstellung ja ganz besonders deutlich: "Grüßt niemanden unterwegs!" heißt es bei ihm. Und darüber war ich beim Lesen des Evangeliums heute gestolpert. Nur keine Zeit verlieren, ja nicht am Wegrand stehen bleiben und ein Schwätzchen halten. Die Zeit drängt, das Ende ist nämlich nahe. Es bleiben nur noch wenige Jahre, um diesen Auftrag zu erfüllen.

Davon war die ganze junge Christenheit damals überzeugt.

Nun, es wurden Hunderte von Jahren, das wissen wir heute, und kaum etwas deutet für uns daraufhin, dass sich das so schnell ändern wird. Die Vorstellung, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht, dass nur noch wenige Monate oder Jahre ins Land ziehen, bis ein neuer Himmel und eine neue Erde erstehen, diese Vorstellung war ein Irrtum. Wir wissen das heute.

Aber macht das einen Unterschied? Heißt das, dass Jesu Anliegen, dass nämlich die Botschaft vom Gott, der die Menschen liebt, auf der ganzen Welt bekannt werden soll, dass dieses Anliegen dadurch geringere Bedeutung hat? Ich verstehe nicht ganz, wenn Menschen voller Überzeugung heute sagen: "Lasst das Missionieren." Wo ist denn dann ihre Überzeugung geblieben? Kann ich wirklich hören, was Jesus in seiner frohmachenden und befreienden Botschaft sagt, und das dann für mich behalten?

Er sandte sie bis an die Enden der Erde, die zweiundsiebzig, zu allen Völkern dieser Welt. Daran hat sich kein bisschen geändert. Das einzige, was anders geworden ist, was die Christen in den ersten Jahren nicht gewusst haben, was sie vielleicht falsch verstanden hatten, das einzige, was wirklich anders geworden ist, das ist die Tatsache, dass wir etwas mehr Zeit zur Verfügung haben; etwas mehr Zeit, als man am Anfang glaubte.

Wir brauchen die Botschaft deshalb nicht in Hektik weiterzugeben, wir können uns die Zeit für den einzelnen nehmen, auf einzelne Menschen zugehen, uns ihnen zuwenden. Wir können es gründlicher tun, als man es am Anfang meinte. Die Botschaft aber ist die gleiche, der Auftrag Jesu ist der selbe und der Ruf in die Entscheidung ist ungeschmälert: geht in alle Städte und Dörfer, wohin ich kommen will. Das einzige, was anders ist: Wir haben ganz einfach etwas mehr Zeit, wir können diese Botschaft weitersagen, und trotzdem die Menschen unterwegs grüßen!

Und deshalb war es nicht falsch, dass wir uns in den letzten Tagen herzlich und ausgiebig gegrüßt hat. Denn auch Jesus hat seine Jünger nach Ihrer Missionserfahrung herzlich begrüßt, sie haben über ihre Erfahrungen unterwegs gesprochen, sie staunten, was im Namen Jesu in den Tagen und Wochen der Mission alles geschehen war. Sie haben miteinander getrunken und gegessen, und wurden deshalb Säufer und Fresser genannt.

Deshalb ist mein Wunsch an Euch und mich beim geistlichen Finale unseres Stiftungsfestes: Wenn uns am Ende dieser feierlichen Eucharistie zugesprochen wird: "Gehet hin in Frieden", dass wir dies als Aufforderung verstehen, in unseren Lebens-Räumen, in unseren Arbeits-Räumen, in unseren unterschiedenen und unterschiedlichen Lebenswelten die Botschaft Jesu weitererzählen: "Ich will, dass du das Leben hast und es in Fülle hast. Ich habe eine befreiende und frohmachende Botschaft für Dich und jede und jeden."

Wir sind die Gesandten, wir Aenanen, wir CV-er, wir die auf Christi Namen getauften Christinnen und Christen. Zugegeben, manchmal sind wir nicht geschickt als Gesandte. Sei's drum.

Und wenn wir uns dann unterwegs grüßen und wenn wir andere Menschen auf unserem Wege, und auch die am Rande grüßen, dann können wir etwas von der Freude Jesu weitergeben. Das ist unser Missionsauftrag für den Alltag.

Und dann dürfen sich in 150 Jahren andere Aenanen und ihre Freundinnen und Freunde freudig grüßen und herzlich umarmen: denn wir waren vor ihnen auf dem Weg und andere folgen uns auf dem Weg und der Weg für zum Heil, zur Heilung, weil Jesus selbst der Weg ist und Heilung und Heil.

Gaudete! Jubilate! Großer Gott, wir danken dir! Amen.

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