"O Heiland, reiß die Himmel auf"
Text von Friedrich Spee
von Langenfeld SJ
Adventsmeditation
des Rotary Club Nürnberg
in der St. Klara Kirche Nürnberg
am 2. Dezember 1997

Wir haben das
Lied "O Heiland, reiß die Himmel auf" von Friedrich Spee von
Langenfeld SJ gesungen. Es zählt zum gemeinsamen Schatz an Liedern
evangelischer und katholischer Christen in der Adventszeit. [Sie
finden es im Gotteslob Nr. 105 und Evangelischen Gesangbuch Nr. 7] Ich
will Sie einladen, nachzuspüren, was heute für uns noch gültig ist, will
über-setzen, was wir heute anders benennen, will pro-vozieren, Sie herausrufen
aus der Betriebsamkeit des Alltags und ich will mir selbst sagen: auch für dich
ist Advent. Advent als eine Zeit zu fragen nach dem Menschen
[1], nach der Welt [2]
und nach Gott [3].
"O Heiland,
reiß die Himmel auf" - schauen Sie nochmals auf Ihr Liedblatt, in die drei
letzten Strophen [3 - 6] von Spee. Friedrich Spee benutzt dort starke Ausdrücke
um die Lage der Menschen - ihr Lebensgefühl würden wir heute eher sagen -
auszudrücken: "Finsternis", "Jammertal", "größte
Not", "ewig Tod". Das scheint auf den ersten Blick pessimistisch,
zumal wenn ich diese Ausdrücke am Beginn unserer Adventsbetrachtung
herausstelle.
Der
geschichtliche Hintergrund der Zeit war dunkel und dramatisch, nicht nur für
Spee: Der Dreißigjährige Krieg war ausgebrochen, der junge Jesuitenpater Spee
war in der "Sonderseelsorge" eingesetzt. Er musste Frauen, die als
Hexen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt war, geistlich auf ihr Martyrium
vorbereiten. Der kollektive Wahn der Zeit hatte in Frauen als Hexen seine Opfer
gefunden. Friedrich Spee wird zunächst anonym die erste Auflage der "cautio
criminalis" veröffentlichen, in der er theologisch aufweist, dass diese
Hexenverbrennungen keine "Gottesurteile" sind. Seine Seelsorge sollte
den Frauen echten Trost in einer verzweifelten Situation bieten, dass Gott nicht
der Rächer und Vollstrecker menschlich subjektiver und kollektiver
Wahnvorstellungen ist. Und seinen Zeitgenossen schrieb er Lieder, mit denen Spee
die Not und das Elend der Welt vor Gott tragen will, in denen er
"Finsternis", "Jammertal", "größte Not",
"ewig Tod" ins Gebet nimmt. Spee nimmt den Menschen in seiner Not, in
seiner Verzweiflung ernst. Und zugleich macht er ihm Hoffnung, zeigt den
Horizont der Hoffnung, das, was Menschen erwarten und erwarten dürfen, den
Advent, das Kommen des Herrn. Es ist der Schrei nach dem Heiland, nach dem
Himmel: "O Heiland, reiß die Himmel auf". Es ist der Schrei einer
Hoffnung, die den Menschen in seinem "Elend", in seiner Befremdung und
Entfremdung, in seiner Heimatlosigkeit und Unbehaustheit zunächst und
grundlegend ernst nimmt. Das ist Trost, christlicher Trost für den Menschen von
damals.
Und wir,
schreien wir singend auch heute noch "O Heiland, reiß die Himmel
auf", oder ist unser Gesang eher verhalten, weil wir "von oben"
nichts [mehr] erwarten? Dabei macht uns die Werbung in diesen Tagen glauben, wie
wesentlich "Himmel" und "Weihnachten" sind. Kunstliebhaber
werden mit dem Titel angesprochen: "Das Beste wartet im Himmel". Ja,
das stimmt, und die Maler und Menschen des 16. Jahrhunderts spürten noch die
Einheit des Kosmos, der Welt, da fallen das Geistliche und das Irdische noch
nicht auseinander, an ein gegeneinander war gar nicht zu denken. Das machen
Menschen erst am Beginn der Neuzeit. Und dann steht an einem Geschäft in
großen Lettern "Höchste Zeit für Weihnachten". Was meint das, ist
das eine "geistliche Botschaft" oder ein "commercial message"?
Wenden wir uns
aber noch einmal dem Text von Friedrich Spee zu. Spiegeln die Ausdrücke
"Finsternis", "Jammertal", "größte Not",
"ewig Tod" nicht auch unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit? Der
"ewig Tod" droht uns mit der Klimakatastrophe, die in diesen Stunden
und Tagen Gegenstand politischen Schacherns in Kyoto ist! In den Hochschulen
gehen die Lichter aus, es herrscht "Finsternis" in Forschung und
Wissenschaft! Die "größte Not" ist für einige unser Bundeskanzler,
für andere die hohen Steuern, für nicht wenige die Rentenfrage, für einige
sogar die Arbeitslosigkeit! Und ganz Deutschland ist nicht mehr der
"Freizeit-Park", sondern ein "Jammertal". Wir alle haben
gelernt, zu jammern und zu lamentieren. Nur viele von uns, die jammern und
lamentieren, tun dies auf einem hohen Wohlstandsniveau, sitzen in bequemen
Sessel und sehen sich das "Elend der Welt" aus der Perspektive des
Bildschirmes an, sind Voyeure des Weltgeschehens und zugleich Handelnde. Indem
sie nichts tun, unterlassen sie, das zu tun, was sie beitragen könnten, damit
sich die Situation ändert. Das "Elend der Welt" bedeutet Entfremdung
von der Welt, Flucht aus der Welt in die Scheinwelt der privaten Idylle, in das
Refugium an einem ausgewählten Platz unseres Dorfes "Welt".
Menschlich subjektive und kollektive Wahnvorstellungen haben neue Opfer, neue
"Hexen" gefunden: "die " Ausländer, "die"
Arbeitsunwilligen, "die" Muslime, "die" Banken,
"die" Politik, "die" Kirche und alle "Individuen",
die unseren bürgerlichen und großbürgerlichen Lebensvorstellungen nicht
entsprechen.
Da muss doch -
Gott sei’s geklagt mit dem Propheten Isaia, auf dessen Texte sich Friedrich
Spee bezieht - einer den Himmel aufreißen, Erbarmen und Huld und
Menschenfreundlichkeit auf uns und unser Land, vielleicht sogar die ganze Welt
schütten? Oder? Oder haben wir als "Göttersöhne" und
"Göttertöchter" unser Leben so in die Hand genommen, dass wir nicht
mehr fähig sind, es loszulassen, zu vertrauen, uns als bedürftig und hilflos
zu erfahren? Es ging Friedrich Spee und es geht mir nicht darum, ein klagendes
Aufrechnen vorzulegen, sondern eine nüchterne und ernüchternde Sicht
anzubieten, die den Blick nicht verstellt vor der letzten Wirk-lichkeit, die
für Christen den Namen Gott trägt, die für Juden den Namen Jahwe trägt, die
für Muslime den Namen Allah trägt, den einen und einzigen Transzendenten, den
Unbegreifbaren, den Schöpfer Himmels und der Erde, der den Menschen seine Ruach,
seinen Atem, seinen Geist gibt. Und wir als Christen feiern den Advent als Zeit
der Erwartung auf sein Kommen in Endgültigkeit und als Erinnerung an sein
Kommen in der Zeit. "Und das Wort ist Mensch geworden und hat unter uns
gewohnt." Menschen, die ihm begegneten gaben im den Ehrennamen
"Heiland", "Salvator", weil in der Begegnung mit ihm
Menschen erfahren haben, dass Heil und Heilung geschieht, dass Er, der Heiland,
Partei ergriff für bedrohtes, beschädigtes, verwundetes und verwundbares
Leben.
Ohne Zweifel,
Spee beschreibt eine dunkle, bedrohliche Welt. Diese Welt war aus den Fugen
geraten, Ordnungen, heilige Ordnungen gerieten ins Wanken, Unveränderliches
schien sich zu wandeln, Halt zu finden auf einem schwankenden Kosmos tat not.
Und so fasst er die drängende Frage ins Wort: "Wo bleibst du, Trost der
ganzen Welt"? Denn das war die Zusage des Glaubens, dass dieser Gott kein
ferner Gott sei - "über den Wolken, muss der Himmel wohl grenzenlos
sein" - nein, dieser Gott wird Mensch in die konkrete, endliche Welt
hinein. Die Sehnsucht nach Hilfe, die damals Spee und seine Zeitgenossen
umtrieb, bleibt auch unsere Sehnsucht heute. Zumindest für mich und manchen
anderen auch.
Und so sehe ich
auch in unseren Tagen Ordnungen zerfallen. Sie und wir alle sind Zeitzeugen für
Umbrüche und Zusammenbrüche, für Un-Ordnungen und Haltlosigkeiten. Im
Mikrokosmos unserer privaten Beziehungen erleben wir Brüche, die Partner auseinander treiben, die Kinder entwurzeln, die Hilflosigkeit zur Ohnmacht
wachsen lässt. Auf einer Mesoebene der Gemeinden und Gemeinschaften sehen wir
gewohnte Wertvorstellungen im Wandel. "Verbindlichkeit" hat eine
andere Bedeutung für junge Menschen von heute, als für den Menschen in der
dritten Lebensphase. Die Makroebene der Gesellschaft und des Staates, der
Staatengemeinschaft und der Welt wird neudeutsch verschämt in ihrer
Komplexität mit "global" beschrieben, jenem inhaltsleeren Wort, das
den Eindruck von Wertfreiheit vermittelt, oft aber nur Legitimation für am
Eigennutz orientiertes Handeln von Einzelnen, Unternehmen oder Gruppen bedeutet.
"Wo bleibst
du, Trost der ganzen Welt"?, das fragen sich auch heute Menschen aller
gesellschaftlichen Schichten. Die Antworten sind so vielfältig und einfältig
wie die Menschen, die fragen. Da suchen Politiker nach Weltregierungen, während
die Menschen sich in nationalsprachliche Zirkel als emotionale Heimat flüchten.
Da stellen sich Vorstände als "global player" dar, die das Schicksal
der Menschheit in der Hand zu halten vorgeben, während ihre Hände sehr konkret
in die "Schatztruhe" nationaler Regierungen langen. Da ruhen sich -
wenn auch wenige - in der "Sozialen Hängematte" aus, weil ihnen
"Verantwortliche" in Politik, Gewerkschaft und Wirtschaft vormachen, dass
"man" Ansprüche und Rechte hat, während für die Pflichten
daraus, die "Dummen" zuständig sind.
Während der
grüne Al Gore - aus "politischer Vernunft" blassgrün geworden - die
am Wirtschaftswachstum der USA orientierte Welt-Umweltpolitik in Kyoto
"teuer" an die Länder der sogenannten Dritten Welt veräußert,
singen wir in der Klarakirche ein Lied, dass sich umweltbewusste Menschen als
Hymne zu entdecken bisher schuldig geblieben sind. "O Erd, schlag aus,
schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd". Da ist noch
Schöpfungsglaube fassbar, der uns unfassbar scheint, weil uns der Glaube an den
Schöpfergott abhanden gekommen ist zwischen Aufklärung und Technik. Denn der
Machbarkeitswahn hat sich in unsere Herzen eingeschlichen, und wir beten diesen
"Deus ex machina" an und huldigen ihm, weil er uns langes Leben zu verheißen
scheint. Der christliche Gott bietet uns dagegen "nur"
"Leben in Fülle" an.
Wir können
inzwischen durch eine virtuelle Welt surfen, ohne unseren überschaubaren
Lebensraum durchschritten zu haben. Wir treten in Kommunikation mit Menschen,
denen wir mit großer Sicherheit nie in unserem Leben begegnen werden. Und
Menschen, die um uns herum leben, sagen uns nichts mehr, weil unser Verstand
dabei ist sich auf dialoge Strukturen einzuordnen, die einen Austausch, ein
Gespräch, ein Aufeinanderhören nicht mehr zulassen. Jeder muss zunächst seine
Schnittstelle outen und kompatibel sein, denn wir verkürzen unsere Welt auf
ihren Nutzwert, und damit verarmen wir selbst.
Diese Welt, wenn
sie denn so würde, gleicht der Welt, in der ein Friedrich Spee lebte, die gut
und böse nur noch als Alternative von Hexe oder Nicht-Hexe kannte, eine
leichtere Spielart ist unsere dialoge Computerwelt. Und die PC-Viren von heute,
sind die Pest von damals, die Scheinwelten zum Verschwinden bringen, und damit
Menschen in die Verzweiflung treiben, die sich dort "häuslich"
eingerichtet haben. Weihnachten kann ich nicht virtuell feiern, feiern lässt sich Weihnachten nur virtuos, ja. Denn Weihnachten ist der Einbruch des
Unendlichen in die Endlichkeit seiner Schöpfung. Und dazu brauchen wir alle
unsere Sinne, um das zu schmecken, zu riechen, zu fühlen, zu hören und sehen.
Aktivieren Sie alle ihre Sinne, um sich an Weihnachten zu erinnern: das warme
Gebäck, die edlen Speisedüfte, die frischen Tannennadeln, das
Weihnachtsoratorium und das helle Licht der Kerzen am dunklen Abend. Was
fühlen, schmecken, riechen, hören und sehen Sie sonst noch?
Aktivieren Sie
alle ihre Sinne, um sich an Weihnachten zu erinnern! Und dazu brauchen wir alle
unsere Sinne, um das zu schmecken, zu riechen, zu fühlen, zu hören und sehen.
Ich muss mich deshalb wiederholen, wieder holen, was ich letztes Jahr sagte:
Meditieren wir geistlich, was unsere Lippen singend ausdrücken. Dazu schlage
ich Ihnen den "modus procedendi" vor, den Ignatius von Loyola [1491 -
1556] in seinen Geistlichen Übungen empfiehlt. Ignatius lädt ein, eine
Meditation über die Menschwerdung und die Geburt Jesu Christi, des
menschgewordenen Wortes Gottes zu halten.
"Die erste
Vorübung besteht darin, die Geschichte des Gegenstandes ins Gedächtnis zu
rufen, den ich betrachten soll; das ist hier - wie die drei göttlichen Personen
die ganze Oberfläche oder das ganze von Menschen erfüllte Erdenrund
überschauten und wie sie beim Anblick, dass alle zur Hölle hinabstiegen, in
ihrer Ewigkeit sich entschlossen, dass die zweite Person Mensch werde, um das
Menschengeschlecht zu retten, und wie sie, als die Fülle der Zeiten gekommen
war, den Engel Gabriel zu Unserer Herrin sandten" [Ex.sp. 102] und
"sehen die Person, die einen und die andern; und zwar zuerst die auf der
Oberfläche der Erde, in so großer Verschiedenheit sowohl der Kleidung wie des
Verhaltens, die einen weiß und die andern schwarz, die einen im Frieden und die
andern im Krieg, die einen weinend und die andern lachend, die einen gesund und
die andern krank, die einen bei der Geburt und die andern beim Sterben" [Ex.sp.
106]
Friedrich Spee
greift diese biblisch-ignatianische Dialektik auf, wenn er uns singen lässt:
"O Heiland. reiß die Himmel auf - o Heiland, aus der Erden spring",
Gott und Mensch zugleich! Und er zeigt uns, dass wir dabei getrost unruhig
werden dürfen in der Zeit des Advents, wie der Beter in den Psalmen: "Wo
bleibst du?", "Geh auf!", "Komm!", "Reiß ab, wo
Schloß und Riegel vor." Aber nicht unruhig wegen des Weihnachtsrummels in
Geschäften, Betrieben und Vereinen.
"O Heiland.
reiß die Himmel auf - o Heiland, aus der Erden spring", das ist kein
Widerspruch, das ist Ergänzung, das ist Vollkommenheit. Wer Gott im Himmel
erkennen will, muss die Welt und ihre Menschen im Blick behalten. "Schau
beim Loben nicht nur nach oben, schau mal zur Seite, dann siehst du die
Pleite!" Dabei bleibt Friedrich Spee nicht stehen, und ich will so nicht
enden.
Lesen wir
nochmals die fünfte Strophe: