Petrus und der Hahn im Leben
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Dr. Benno Kuppler

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Petrus und der Hahn im Leben
Predigt zur Verabschiedung von der khg Nürnberg am 4. Juli 2000
P. Benno Kuppler SJ

Lesungen: 1. Petrus-Brief 3, 13-17; Johannes 1,35-42; 18,12-19.24-27; 21,15-18

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Liebe Studierende,
liebe Lehrende,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Ist er nicht beeindruckend, dieser Holzschnitt von Walter Habdank "Petrus und der schreiende Hahn"? Die groben Hände, die tiefen Augen, das riesige Ohr! Und dann der Hahn: bedrohlich scheint er mit seinen Krallen auf der Schulter des Petrus zu sitzen, aufgeplustert wie ein Pfau, den Schnabel weit aufgerissen. Und Petrus: er klemmt die Lippen aufeinander, sein Gesicht wirkt verängstigt, bedroht, verzweifelt.

Eine Momentaufnahme im Leben des Petrus! Eine Momentaufnahme in meinem eigenen Leben? Eine Erfahrung, die auch ihr in eurem Leben kennt?

Walter Habdank‘s Holzschnitt "Petrus und der schreiende Hahn" war das Titelbild des Ökumenischen Gottesdienstes zum Semesterschluss 1978 an der LMU in München. Ich habe diesen "Petrus" seit jener Zeit bewahrt und ihn immer wieder aus seiner Ablage hervorgeholt, um ihn zu betrachten. "Petrus und der schreiende Hahn" ist auch mein Lebensthema. Deshalb möchte ich euch dieses Bild "Petrus und der schreiende Hahn" zum Abschied weitergeben, verbunden mit Gedanken und Bemerkungen, die mir wichtig geworden sind.

Bei Johannes [1, 40-42] lesen wir: "Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte [Christus]. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels [Petrus]."

Petrus, der Zweite, wird als Erster zum Wortführer aller, oft kühn und vollmundig, meistens zauderlich und zweifelnd. Und doch war es sein Bruder Andreas, der ihn als Erster zu Jesus führt, der ihm seine Berufung eröffnete. Berufung braucht Menschen, die mich ansprechen, die mich auf etwas aufmerksam machen, die mich hinführen.

Und so ist Petrus und seine Geschichte ein Spiegel für jede Berufung, für jedes Leben. Und ich selbst kann mich in vielem mit Petrus identifizieren.

Ein rascher Blick in die Ur-Kunde unseres Glaubens, die Bibel genügt da nicht, um alle Informationen, Meinungen und Urteile über diesen Petrus zu heben und zu ordnen. Über viele Kapitel und in zahllosen Versen verstreut finden sich die Mosaiksteine seines Bildes.

Als Daten für einen tabellarischen Lebenslaufes lassen sich feststellen:

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Name: Simon, später umbenannt von Jesus in Kephas, d.h. Petrus, d.h. Fels; auch Simon Barjona.

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Vater: Johannes; Mutter unbekannt.

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Familienstand: verheiratet; Name der Ehefrau unbekannt; möglicherweise verwitwet; nur seine namenlose Schwiegermutter wird erwähnt.

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Geschwister: namentlich bekannt ein Bruder: Andreas.

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Wohnort: Kafarnaum.

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Beruf: Fischer; später Menschenfischer.

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Konfession: Jude.

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Es fehlen Hinweise:
auf ein theologisch-philosophisches Studium; auf akademische Titel; auf eine Pfarrerprüfung oder ein zweites Dienstexamen; auf einen kirchlichen Diensteid; auf berufliche Weiterbildung in Managementtechniken wie Führen und Leiten, Rhetorik, Marketing, Fundraising oder Controlling; auf gruppendynamische Erfahrungen oder geistliche Übungen; auf soft skills.

Mit solchen Lücken im Lebenslauf hätte ein heutiger Petrus schlechte Karten für den kirchlichen Dienst als Laie, sogar als Priesteramtskandidat in vielen Diözesen, und als Novize der Gesellschaft Jesu würde er kaum eine Chance bekommen. Auch die Erteilung der Missio Canonica würde verweigert, weil die Referenz wenig Übereinstimmung mit der Lehre der katholischen Kirche aufweist. Aber auch dann, wenn der Lebenslauf "besser" aussieht, tun sich Kirche und Orden heute schwer, Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten einzusetzen.

Petrus, der Erste, der Wortführer aller, zeigt sich als eine menschliche Gestalt mit ihren Hochs und Tiefs. Negativer formuliert: er ist eine schillernde Gestalt zwischen Größe und Größenwahn.

Das wird deutlich auf dem Weg Jesu zu seinem Leiden in Jerusalem.

Petrus und der andere Jünger folgten Jesus von weitem. Durch Beziehungen hat der andere Jünger Zutritt zum Palast des Hohenpriesters. Und das nutzt dem Petrus: er kann näher bei Jesus sein. Doch der Preis ist hoch: er leugnet, zum Kreis der Jünger Jesu zu gehören. "Ich kenne den Menschen nicht." ... "Ich weiß nicht und verstehe nicht, wovon du redest." Dafür steht Petrus im Kreis der Diener und der Knechte des Hohenpriesters [Mt 26,69-75; Mk 14,66-72; Lk 22,54-62; Joh 18,12-27].

"Wieder leugnete Petrus, und gleich darauf krähte ein Hahn." [Joh 18,27], heißt es knapp bei Johannes. Markus dagegen berichtet uns: "Gleich darauf krähte der Hahn zum zweiten Mal, und Petrus erinnerte sich, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen." [Mk 14,72]. Bei Matthäus lesen wir dann: "Und er ging hinaus und weinte bitterlich" [Mt 26,75].

Möchte ich nicht oft auch im Dunstkreis der Mächtigen unserer Tage stehen, und sei es nur bei deren Personal? Bin ich nicht sogar bereit, dafür faule Kompromisse zu schließen? Ist aber der Kompromiss nicht oft eine Verschleierung dafür, dass ich meine grundlegende Beziehung zu Jesus verleugne?

Dreimal hat Petrus in diesen wenigen Stunden Jesus verleugnet. Höre ich in meinem eigenen Leben noch den Hahn krähen? Ich habe diesen Hahn auf meinem Schreibtisch stehen.

Erst in seinem Nachtrag zum Evangelium [Joh 21, 1-25] lässt Johannes den Petrus zum Glauben an den Auferstandenen kommen. Ein schmerzhafter Prozess für Petrus, der zu seinem alten Beruf als Fischer zurückgekehrt ist.

"Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit ... Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war ... Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See." [Joh 21, 1-7]

Das erinnert an Adam und Eva im Paradies. Als sie die Wahrheit erkannten, fühlten sie sich nackt und bedeckten ihre Blöße vor Gott. So geht es auch Petrus.

Bekleiden wir uns als Liturgen deshalb so festlich, wenn wir die Memoria Christi, die Eucharistie feiern, um unsere geistliche Blöße zu bedecken? Legte deshalb der Bischof seine Pontifikalgewänder erst in der Kirche an und verehrte zunächst an der Kirchentür das Kreuz, den Kruzifixus, durch einen Kuss? War das die Erinnerung, dass jeder von uns Christus verraten und verleugnen kann?

Jesus wendet sich in den letzten Versen des Johannes-Evangeliums noch einmal ausdrücklich an Petrus [Joh 21, 15-23]: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe." Dreimal fragt Jesus so den Petrus: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Dann heißt es schlicht; "Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb?"

Dieses Mal geht Petrus aber nicht weg, so wie er es tat, als er Jesus dreimal verleugnet hatte und traurig weg ging. Deshalb sagt ihm Jesus: "Folge mir nach!"

Will ich mich darauf einlassen? Wollen wir uns darauf einlassen? Mit diesem Petrus zwischen Größe und Größenwahn! Mit diesem Petrus zwischen Nähe und Distanz zu Jesus! Mit diesem Petrus als Mensch, der sich seiner Sache, die die Sache Jesu war, so sicher war, dass er darüber manchmal den Glauben an Jesus, den Gekreuzigten, aus dem Blick verlor.

Das die Kreuze in der Klara-Kirche in diesen Tagen verhängt sind, scheint mir symbolträchtig. Auch in meinen Jahren in Nürnberg habe ich Phasen erlebt, wo ich "w.ort.los" war. So drückt es Friedrich Brunner in seiner Installation "Das Kreuz: Wunde und Wunder" aus, die vor der Kreuzigungsgruppe hängt. Ist es ein Tabu in der Kirche darüber zu sprechen, selbst "wundsam", verletzbar zu sein? "zeit-los" "wundsam" und "gott-los" und "los-glück": als Phase im eigenen Leben.

Durch das Leben Jesu von Nazareth ist dieses Tabu aufgehoben worden. Aber haben wir in der Kirche das Tabu nicht so hoch gehoben, dass wir den Tabubruch nur noch in liturgischen Texten zulassen?

Ich bin aber "wundsam", verletzbar. Deshalb feiern wir heute in dieser Eucharistie, in dieser Danksagung meinen Abschied: danken für vieles Heilsame in den Jahren in der khg Nürnberg und bitten um "zeit-los", freie Zeit, damit ich neu sagen kann: "lost and found".

Liebe Schwestern und Brüdern im Glauben,
welche Hoffnung erfüllt mich in diesem Augenblick, wo ich offiziell Abschied von den Studierenden und Lehrenden der Nürnberger Hochschulen, von Menschen, die mir ihr Vertrauen und ihre Zuwendung geschenkt haben, von der Kirche an der Hochschule, der khg und ESG nehme? Dass es Euch und mir, dass es uns immer wieder gelingen möge, gleichgültig wo wir leben und was wir arbeiten, "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst" [GS 1] als Quellen des geistlichen Lebens neu zu entdecken. Dass Sein Kreuz unseren von Kleinglauben, Sorgen, Kränkungen und Krankheiten gesenkten Blick in die Höhe ziehe, damit wir uns aufrichten, in uns Raum zum Atmen schaffen und Niedrigkeiten und Widrigkeiten des Lebens einordnen können in unsere Lebens- und Heilsgeschichte: "lost and found".

Dann können wir die Weisung Petri aus der Lesung erfüllen: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt." [1 Petr 3, 15].

Und so wollen wir uns bezeichnen mit dem Zeichen des Heils, dem Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

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