Sand, See & Sturm: Die Grundfrage nach Vertrauen
Hochzeit von Andrea und Karsten Fleckenstein
in Sankt Lioba zu Nürnberg
am 26. August 2000

Liebe Eltern und Geschwister des Brautpaares,
liebe Verwandte und Freunde von Andrea und Karsten,
waren Sie nicht ein wenig überrascht, als Sie die Texte hörten und das Bild
des Liedblattes betrachteten: der Seesturm aus dem Markus-Evangelium, diese
hochdramatische Situation, die ein Maler als Miniatur im Hitdaevangeliars des
Klosters Meschede illustrierte. Fast zweitausend Jahre ist der Text schon alt
und fast tausend Jahre später wird dieser Text ins Bild gesetzt und wir fühlen
uns von Wort und Bild im Jahr 2000 betroffen, weil sie Erfahrungen aussprechen,
die auch uns nicht fremd sind: Angst ums Leben.
Aber für eine Hochzeit uns "solche" Worte zuzumuten, in denen auf den
ersten Blick so nichts von Liebe und rührseliger Stimmung zu spüren ist, ist
das nicht ein bisschen "übertrieben"? Erwarten wir doch alle bei einer
Hochzeit, noch dazu bei einer kirchlichen Trauung, Texte über den Wert von
Liebe und Treue.
Dabei fing alles so "lieb" und "idyllisch" an. Die von Andrea
und Karsten gestaltete Hochzeitsanzeige:. Ein gelbes Boot auf hellblauer See.
Und das weiße Segel mit schwarzem Text: "Damit fing es an und nun sitzen wir
im gleichen Boot." Versprach diese Einladung nicht eine romantische,
gefühlvolle, ja sentimentale Hochzeit? Und dann diese Texte?
Auch für die Texte und das Bild, müssen Sie, liebe Verwandte und Freunde,
wissen, sind Andrea und Karsten verantwortlich. Das Brautpaar hat sie für ihre
Brautmesse selbst ausgewählt.
Liebe Andrea, lieber Karsten,
Ihr habt eine gute Wahl getroffen mit den Texten und dem Bild, meine ich.
Denn Ihr bietet uns bei der kirchlichen Feier, in der Ihr Euch das Sakrament der
Ehe spenden werdet, "geistliches Vollkornbrot" an. Die süße
Hochzeitstorte wartet vielleicht auf uns in der anschließenden Hochzeitsfeier.
Ich will versuchen, die Zutaten des "geistlichen Vollkornbrotes" aus
Euren Texten herauszuarbeiten, damit sie unser aller Texte werden an diesem
Euren Hochzeitstag.
Meiner Predigt habe ich den Titel "Sand, See & Sturm: Die Grundfrage
nach Vertrauen" gegeben. Damit habe ich auch bereits vier Zutaten des "geistlichen
Vollkornbrotes" benannt: Sand, See, Sturm und Vertrauen.
Und mit dem Vertrauen, so scheint es auf den ersten Blick, ist es bei den
Jüngern im Boot nicht weit her. Haben Sie, liebe Schwestern und Brüder im
Glauben, noch ihren Klageruf im Ohr?
"Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Angst geht
um bei den Jüngern, Angst ums nackte Leben.
Dabei fing alles so gut an. Ein erfolgreicher Tag lag hinter den Jüngern und
Jesus. ER hatte vom Boot das Volk aus belehrt, eine große Menschenmenge hatte
IHM zugehört. Die Jünger waren ganz nahe bei Jesus gewesen. Sie saßen mit IHM
im gleichen Boot. Und ER hat dann zum Aufbruch gedrängt. ER wollte mit seinen
Jüngern alleine zusammen sein. Und wo kann man besser alleine sein, als im Boot
auf dem See. Da stolpert einem niemand unangemeldet in die Wohnung. Die Menschen
blieben am Ufer und verlieren sich in der Ferne. Einige Boote waren noch mit auf
dem See, heißt es im Evangelium. Aber sie spielen keine Rolle mehr in der
weiteren Geschichte. Nur das Boot mit Jesus und seinen Jüngern ist wichtig.
Dieses Boot bewegt sich auf dem See. Jesus schläft auf einem Kissen, das die
Ruderer auf ihren Sitzen habe. Nein, müde vom Predigen oder dem anbrechenden
Abend ist ER nicht. ER weiß sich sicher in dem Boot. Das lässt IHN schlafen.
Wer im Boot am Ruder sitzt, ist uns nicht überliefert. Sicherlich werden sich
die Jünger abgewechselt haben. Denn der See ist breit und groß, der See von
Genezareth, der ihnen so vertraut ist. Der See ist ihre Lebenswelt, waren doch
viele der Jünger von Beruf Fischer.
Und dann plötzlich der Sturm, dieser heftige Wind, den es auf diesem See
immer wieder gibt. Die Wellen schlagen ins Boot, Wasser füllt das Schiff. Das
sollten die Jünger alles gekannt haben. Es war nicht neu für sie, aber doch,
etwas war anders als sonst: "Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und
schlief" bei diesem Seegang und Sturm.
"Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Mit diesem
klagenden, schreienden Vorwurf wecken sie Jesus aus seinem Schlafe auf. Angst
geht um bei den Jüngern, Angst ums nackte Leben.
"Da stand ER auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei
still!"
Jesus redet mit den Naturgewalten, als seien sie menschliche Wesen. ER hat
Vollmacht über sie. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von Ihnen an
ähnliche Schilderungen von Wind und Wasser in der Bibel des Alten und Neuen
Testamentes. Gott hat Gewalt über Wasser und Wind, wenn ER die Erde schafft.
Gott erscheint im Wind dem Moses und lässt sein Volk durch das geteilte Wasser
schreiten. Jesus spricht davon, dass nur der ins Himmelreich komme, der
wiedergeboren ist aus dem Wasser und dem Geist, dem Wind Gottes.
Und zu den Jüngern gewandt sagt Jesus: "Warum habt ihr solche Angst?"
Warum seid ihr feige? "Habt ihr noch keinen Glauben?" Die Fragen treffen
die Jünger. Die Fragen zielen auf den Kern des Lebens.
Die Jünger versuchen nicht, sich gegenüber Jesus zu rechtfertigen. Aber sie
sind ergriffen von Furcht, von Ehrfurcht Jesus gegenüber. Zueinander sagen sie
fragend: "Was ist das für ein Mensch, dass im sogar der Wind und der See
gehorchen?" Von einer Antwort erfahren wir nichts!
Die Jünger staunen noch über das Naturwunder Jesu. Noch glauben die Jünger
nicht an Jesus, den Christus. Sie sind unterwegs auf einem Weg des Glaubens, der
sie noch durch viele Stürme im Leben führen wird. Aber Jesus ist mit ihnen
unterwegs. In Jesu Namen sind sie unterwegs.
Und das will uns auch der Text "Spuren im Sand" mit anderen Bildern
erzählen.
Auch hier der Vorwurf des Menschen an den Herrn: "Warum hast du mich
verlassen, als ich dich so verzweifelt brauchte?" Das ist die Wahrnehmung
des Menschen in seiner Not und Verzweiflung. Er fühlt sich im Stich gelassen,
fühlt sich allein.
Und die Antwort des Herrn ist einfühlsam. ER deutet und erklärt die
Situation des Menschen. ER, der Herr, hat ihn an die Hand genommen, ihm seine
Zuwendung geschenkt. Und der Herr erklärt dem Menschen nun sein Handeln: Wo der
Mensch nur ein Paar Spuren sieht, dort habe ich, der Herr, dich getragen. Die
Not, die Verzweiflung muss der Mensch nicht alleine schultern, der Herr trägt
den Menschen mit seiner konkreten Geschichte.
"Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" und "Warum
hast du mich verlassen, als ich dich so verzweifelt brauchte?", sind dies
nicht auch Fragen von uns, Fragen von Andrea und Karsten, Fragen von Ihnen und
mir?
Diese Fragen dürfen wir, angeregt durch Andreas und Karstens Textauswahl,
auch bei der Hochzeit stellen. Zugegeben, es sind Fragen, die wir uns selten zu
stellen wagen, weil wir uns dann eingestehen müssten, dass wir unser Leben
nicht im Griff haben, dass wir unsere Lebenswelt nicht unter Kontrolle haben.
Und deshalb erwarten wir sie nicht bei einer Hochzeit. Aber es sind zentrale
Fragen unseres Lebens, daher haben sie heute ihren Platz in diesem Gottesdienst.
Angst ging um bei den Jüngern, Angst ums nackte Leben. Angst geht um bei
uns, Angst ums nackte Leben. Nur möchten wir diese Angst nicht gerne zeigen,
weil wir uns dann schwach fühlen, weil wir uns dann ausgeliefert fühlen. Und
wer will schon gerne schwach und abhängig sein in unserer Gesellschaft?
Und wer denkt nicht tief in einer Ecke seines Herzens in dieser Stunde: "Wird
alles gut gehen mit den Beiden, mit Andrea und Karsten?" Und zugleich
wünscht jeder von uns mit ehrlichem Herzen Andrea und Karsten, dass sie
glücklich miteinander leben werden. Kennen Sie und ich nicht aber Beispiele
genug, wo eine Hochzeit, ein Versprechen - eingegangen aus Liebe und in der
Zuversicht, dass sie ein Leben halten möge - dennoch gescheitert ist?
Deshalb habe ich gesagt, dass Andrea und Karsten uns mit der Auswahl der
Texte "geistliches Vollkornbrot" anbieten. Deshalb habe ich gesagt, dass
Andrea und Karsten eine gute Wahl getroffen haben mit der Auswahl der Texte:
Denn es geht um die Grundfrage nach Vertrauen.
Und das ist für eine Hochzeit ein zentrales Thema. Wenn unsere Texte das
Thema Vertrauen nicht "idyllisch", nicht "romantisch" behandeln,
dann liegt das am Thema selbst. "Vertrauen" ist an Hochzeiten, an
Sonnentagen, im Erfolg des Lebens leicht als wichtige Haltung gegenüber dem
Ehepartner, den Verwandten oder Kollegen zu benennen. Bei Sonnenschein fällt es
nicht schwer, einem anderen Menschen zu vertrauen. Was geschieht aber, wenn
Stürme sich ankündigen, wenn der Himmel mit dunklen Wolken verhängt ist, wenn
Zweifel nagen, wenn Angst umgeht?
Haben wir nicht auch schon insgeheim Jesus, dem Herrn, jene Vorhaltungen
gemacht, von denen uns die Texte erzählen: "Meister, kümmert es dich nicht,
dass wir zugrunde gehen?" und "Warum hast du mich verlassen, als ich dich
so verzweifelt brauchte?"
Brauchen wir in den Stürmen unseres Lebens, in den Stürmen des Lebens von
Andrea und Karsten, nicht auch wie die Jünger unseren Herrn Jesus, der uns
fragt: "Warum habt ihr solche Angst?" Warum seid ihr feige? "Habt ihr
noch keinen Glauben?" Oder freuen wir uns nicht auch über die Zuwendung
des Herrn: "Ich nehme dich bei der Hand" und seine Deutung unserer
Lebenserfahrung: "Wo du nur ein Paar Spuren siehst, dort habe ich, der Herr,
dich getragen".
Das Evangelium, die Frohbotschaft vom Seesturm will uns an diesem
Hochzeitstag sagen, Angst ist keine christliche Tugend. Und zugleich will es uns
erklären, warum wir trotz und in der Angst vertrauen dürfen. Lassen Sie mich
wiederholen:
Die Jünger im Evangelium hatten Angst - solche Angst, dass sie in Panik
geraten. Ihre Angst ist nicht unbegründet, denn sie sind in Gefahr, in
Lebensgefahr. Den Jüngern damals geht es wie vielen von uns heute: es gibt
begründete Ängste. Deshalb schreien die Jünger: "Meister, kümmert es dich
nicht, dass wir zugrunde gehen?"
Aber die Jünger haben in ihrer Angst vergessen, dass ER, der Herr, bei ihnen
im Boot ist. Sie sind hellwach vor Angst. Sie sind in Panik. ER, der Herr, aber
schläft. Der Aufruhr der Elemente erschüttert nicht die Geborgenheit und
Unberührtheit des Herrn. Das erhöht die Angst der Jünger. Mit vorwurfsvoller
Stimme wecken sie IHN, den Herrn auf: "Meister, kümmert es dich nicht, dass
wir zugrunde gehen?"
Jesus wacht auf und bannt zunächst die Gefahr. Dann wendet ER sich den
Jüngern zu. Mit seiner Doppelfrage macht der Herr den Jüngern den Grund ihres
Verhaltens und die Ursache ihrer Angst bewusst. ER sagt: "Warum habt ihr
solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?"
Jesus deckt den Grund für ihr Verhalten und ihre Angst auf: Den Jüngern
fehlt der Glaube. Was meint Jesus damit? Was bedeutet hier Glaube?
Heinrich Schlier hat in seinem Kommentar zu dieser Stelle ausgeführt, was
Glaube bedeutet: "Glaube ist hier, wie oft, das unerschütterliche Vertrauen
zu Jesus, der in allen Nöten und Gefahren Hilfe bringt. Glaube ist die
unbedingte Gewissheit, dass Jesus rettet - selbst wenn ER "schläft" und
sich nicht um uns zu kümmern scheint. Glaube ist die volle Zuversicht, dass man
mit Jesus zusammen nicht zugrunde geht."
Lassen Sie mich noch einen Einschub machen zu dem Boot der Jünger und den
anderen Booten, gleichsam eine praktische Anwendung auf das Boot, in dem Andrea
und Karsten mit Jesus sitzen, und uns, die wir in anderen Booten sind.
Im Evangelium haben wir gehört: "Einige Boote waren noch mit auf dem
See." Und ich hatte gesagt, sie spielten keine Rolle mehr in der weiteren
Geschichte. Aber für uns und das Brautpaar können diese Boote eine Rolle
spielen. Den jedes der anderen Boote kann Ihr oder mein Boot sein, auch in ihm
sitzt Jesus. Jeder von uns hat sein Lebensboot und in jedem dieser Boote sitzt
Jesus. Wenn nun alle diese Boote auf dem See des Lebens fahren, sollten wir
jedem Boot seinen Raum geben, den es benötigt. Wenn Stürme aufkommen, sollten
wir uns an Jesus halten, jeder in seinem Boot. Und nur dann, wenn aus einem
anderen Boote deutliche Hilferufe kommen, sollten wir diesem Boot zur Hilfe
eilen. Deshalb sollten wir auch dem Boot von Andrea und Karsten nicht zu nahe
kommen, sie müssen erst lernen, miteinander in einem Boot mit Jesus zu sitzen
und ihre Lebensstürme mit seiner Hilfe zu stillen.
Das Evangelium von der Stillung des Seesturms bietet sich also für Andrea
und Karsten als "hohe Schule des Glaubens" an, aber auch für uns alle.
Der Hintergrund und die Situation sind austauschbar, weil jeder von uns seinen
eigenen "Stürme" im Leben kennt, vor denen er Angst hat, berechtigt oder
auch unberechtigt. Alle Nöte, Bedrängnisse und Probleme dürfen wir vor dem
Herrn zur Sprache bringen und sollten mit IHM darüber reden, wie dies die
Jünger taten. Der Herr wird uns nach unserem Glauben fragen. ER wird uns zu
einem vertrauenden Glauben einladen, zu einem Glauben, der sich gerade in den
Stürmen und Bedrohungen des Lebens bewährt.
Und das wollen Andrea und Karsten heute zum Ausdruck bringen, wenn sie sich
gleich das Sakrament der Ehe spenden: