Studium
als Gottesdienst: Das Evangelium von den Talenten
Zu Beginn des Wintersemesters
bei der KDStV Aenania im CV zu München
Lesungen:
Buch
der Sprüche 6,6-11;
Matthäus 25, 14-29
Lesejahr A 33. Sonntag

Liebe Christen,
liebe Cartell- und Bundesbrüder!
Was bedeutet es uns, wenn wir zu Beginn dieses Wintersemesters gemeinsam
Eucharistie, gemeinsam Gottesdienst feiern? Machen wir dies, weil es für
Studenten von katholischen Verbindungen zu einer Gewohnheit, zu einem Brauch
gehört? Oder dürfen wir hier gemeinsam Eucharistie feiern, weil Gottesdienst
für unser Leben, für unser Studium relevant ist oder werden soll?
Denken wir miteinander nach, was "Gottesdienst" für uns bedeutet,
wieweit unser Studium selbst Gottesdienst ist oder doch werden könnte.
An erster Stelle ist da das ausdrückliche Dienen vor Gott zu sehen, das sich
bewusste und direkte Wenden an Gott, wie wir es im Gebet, in der Heiligen Messe
tun. Hier ist Gott thematisiert, unmittelbar von uns angesprochen. Wir stellen
unser Tun auf Gott ab. Gott ist derjenige, den wir ansprechen, den wir suchen,
dem wir unsere Fragen, Klagen und Bitten, aber auch unseren Dank, unsere Freude
und unser Glück mitteilen. Dieser Gottesdienst war zu allen Zeiten sinnvoll,
entspricht dem Bedürfnis, dem personalen Gott auch persönlich zu begegnen, so
wie wir es gelernt haben durch Jesus: So sollt ihr beten: "Vater unser".
Dies können wir tun in Gemeinschaft, wie wir heute hier versammelt sind, dies
hat seinen Platz im Leben des Einzelnen. Das ist Gottesdienst, aber nicht
allein, nicht ausschließlich.
Im Glaubensbekenntnis beten wir: "Ich glaube an Gott, den Vater, den
Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde." Gott hat also mit
dieser Welt, mit unserem Leben in dieser Welt etwas zu tun. Gott ist nicht der
große Künstler, der ein Werk in Szene gesetzt hat, das nun da ist, fertig und
in sich abgeschlossen, sondern Gott hat die Welt geschaffen und schafft sie
immer neu und Gott hat diese Welt den Menschen übergeben, dass der Mensch die
Welt gestalte.
Was liegt da näher, als diese Aufgabe des Menschen in den Gottesdienst
einzubeziehen, das Leben als die uns von Gott übertragene Aufgabe zu sehen.
Ignatius hat diesen Gottesdienst zusammengefasst in die Aussage: "Gott in
allen Dingen finden". Wir haben also ein zweifaches zu tun: Gott und die
Welt, die Menschen zu sehen und Gott in der Welt, in den Menschen zu sehen.
Diese Aufgabe ist nicht für jeden gleich. Das will uns das Evangelium von
den Talenten sagen. Es bewertet nicht den höher, der fünf Talente hatte,
sondern es zeigt auf, dass jeder seinen Dienst, seinen Gottesdienst erkennen
soll und sich bemühen soll, seine Aufgabe zu erfüllen.
Wir brauchen also keine Begabung zu außergewöhnlicher Frömmigkeit, sondern
nur die Begabung, unsere Pflicht zu tun, und dabei zu wissen, dass wir sie auf
Gott hin tun = das ist Gottesdienst.
Wir müssen also nicht aus der Welt flüchten, um Gott zu dienen, um Gott zu
begegnen, sondern diese Welt ist ganz Gottes Welt. Vielmehr müssen wir uns bewusst
werden, dass wir diese Welt gottlos machen, wenn wir verantwortungslos in ihr
leben, die Welt vergötzen, eben nicht bereit sind, die Welt als den Ort zu
begreifen, an dem Gott uns begegnen will, von uns gefunden werden will.
Was hat das für Konsequenzen für uns:
Unser Studium, unser Leben in München, unsere Gemeinschaften in den
Verbindungen, unsere Freundschaften und Familien sind der Ort unseres
Gottesdienstes. In unseren vielfältigen sozialen Bezügen müssen wir die
Begabung entwickeln, unsere Pflicht zu tun- im Blick auf Gott.
Die Lesung aus dem Buch der Sprüche ruft es uns zu: "Geh hin zur Ameise,
du Fauler, sieh zu was sie tut und werde weise. Sie hat weder Gebieter noch
Antreiber, niemand, der ihr befiehlt. ...Wie ein Räuber wird die Armut dich
überfallen, wie ein bewaffneter Feind der Mangel."
Trifft dies nicht oft unsere Situation: wir meinen häufig, wir brauchen
jemand, der uns sagt, was zu tun ist, der uns antreibt, der uns animiert, wieder
einmal aus der Lethargie des Alltags aufzubrechen. Armut und Mangel empfinden
wir - zumindest im materiellen Bereich - meist nicht dabei.
Ist es aber nicht eine Armut, dass wir uns so an äußere Zwänge verlieren, dass
wir unsere Selbstbestimmung aufgeben und uns leben lassen? Ist es nicht ein
Mangel dass wir uns unfähig erweisen, uns in unseren Gemeinschaften angstfrei
zu bewegen, unser eigenes Ich einzubringen, weil wir in Sorge sind, wir würden
irgendwelchen Idealtypen nicht gerecht?
Wir sollten uns untereinander und, jeder sich selbst viel ernster nehmen. Wir
sollten zu unseren Fähigkeiten und Begabungen ja sagen und sie pflegen, auch
wenn scheinbar andere erfolgreicher sind. Das Evangelium sagt es deutlich:
Wuchere mit deinen Talenten, sei ohne Angst, Du könntest irgendwelchen "objektiven"
Maßstäben oder Normen nicht gerecht werden. Entscheidend für deinen Wert ist
deine eigene Persönlichkeit, bist du in deiner Einzigartigkeit, nicht der Typ
von der Stange.
Was bedeutet das für unser Studium: dass ich meine geistigen Fähigkeiten,
meine Zeit selbstverantwortlich einsetze, dass ich soviel arbeite, wie ich zu
leisten in der Lage bin. Nicht mehr - weil ich dann als Mangel erfahre, dass ich
psychisch krank bin oder werde, dass ich unfähig werde, menschlich und
menschenwürdig zu leben, - aber auch nicht weniger - weil ich die Pflicht habe,
meine Talente einzusetzen.
Was bedeutet das für unsere Gemeinschaften: dass ich als einzelner nicht nur
Konsument bin, sondern mein Talent in den Dienst der Gemeinschaft stelle, dass
ich lerne, wo ich Hilfe anderer annehmen kann und wo ich selbst angefragt bin zu
helfen. Ist nicht die "relative Gleichgültigkeit" untereinander ein
Symptom unseres Mangels an sozialem Verhalten?
Was bedeutet das für unsere Freundschaften, unsere Familien: dass ich mich
in meinem Beruf, in meinem Studium und in meiner Verbindung so verausgabe, dass
ich zuhause nur noch da bin, um neue Energien und Kräfte zu sammeln, die ich
dann außerhalb wieder verpulvere, dass ich sehe, dass Familie, dass
Freundschaft einen Anspruch auf Zuwendung, auf Liebe, auf Zeit haben und nicht
nebenbei gelebt werden können.
Wenn wir so einzelne Stationen unseres Lebens betrachten, spüren wir, dass
wir oft mehr in Zwängen leben, als in Erfüllung. Wir sind aufgerufen, unseren
Lebensstil zu befragen und - wenn notwendig - auch zu ändern.
Maß und Richtung all unserer Bemühungen ergeben sich im Blick auf Gott:
dazu aber brauchen wir Zeiten der Stille, der bewussten Reflexion. Wir brauchen
Abstand zu den Dingen und Menschen um uns, um von der Oberfläche wegzukommen,
zum Wesen, zum Kern allen Seins.
Wenn wir manchmal unsicher werden, ob die Welt, unser Leben und all die
Ereignisse um uns, etwas mit Gott zu tun haben, so sollten wir das als Anstoß
nehmen, wieder einmal ausdrücklich Gottesdienst zu feiern, wieder einmal
hinzuhören, was Gott uns in der Botschaft von Jesus Christus sagen lässt, was
er uns rät, was er von uns an Einsatz erwartet: denn Gott wirkt mehr durch uns
Menschen, als dass durch Wunder große Dinge in Bewegung gerieten.
Wenn wir oft dann nicht weiter wissen, sollten wir von Jesus lernen, dass es
lohnt, auf Gott zu vertrauen, dass uns Erlösung, Befreiung nur durch ihn kommt.
Vielleicht können wir dann mit Abbé Pierre sagen: Gott hilft immer. Nur
kommt er oft mit einer Viertelstunde-Verspätung, damit wir zeigen können, wie
weit unser Glaube reicht.
Feiern wir deshalb heute Eucharistie, die große Danksagung für Gottes
Erbarmen, das wir bis hierher erfahren durften und das große Bittgebet, dass
wir im Alltag immer wieder Erfüllung erfahren, dass wir Gottes Nähe spüren
und so unsere Aufgaben als Gottesdienst im Blick auf Gott verantwortlich
erfüllen. Amen.
