Verbindlich
in einer unverbindlichen Welt
Gemeinsamer Eröffnungsgottesdienst zum Sommersemester 1998
von khg und katholischen
Studentenverbindungen in Nürnberg
P. P. Dr.sc.soc. Benno Kuppler SJ [Cpf, Ae]

Verbindlich in einer unverbindlichen Welt. Klingt das nicht wohlig in
den Ohren einer christlichen Gemeinde, wenn katholische Verbindungen mit der khg
gemeinsam das Sommersemester beginnen in einer Eucharistiefeier? Ver-bind-ung.
Ver-bind-lich. Un-ver-bind-lich. Gleichsam eine Alliteration, eine Andeutung an
Dichtung. Dichtung und Wahrheit? Oder nur Glasperlenspiel? Oder gar l'art pour
l'art?
Zu einem geistig-geistlichen Spaziergang möchte ich Euch einladen,
nachdem ich das Wochenende mit dem Gemeinderat der khg verbracht habe, spielend,
sprechend, suchend und bedenkend, was uns als Kirche an der Hochschule von
anderen unterscheidet und unterscheidbar macht. Sind wir als Christen
verbindlich in einer unverbindlichen Welt? Sind es nur Studenten in einer
Verbindung, weil sie sich verbindlich engagieren oder dies vorgeben zu tun? Oder
sind die Studenten der khg unverbindlich, weil sie sich nicht mit einem
Versprechen der khg anschließen? Was ist heute verbindlich, was war gestern
verbindlich? Und ist diese Welt tatsächlich unverbindlich?
Wir werden zunächst einmal Station machen bei der Sprachgeschichte.
Mein Thema bietet einige museale Begriffe, Begriffe also, die in Lexika zu
finden sind, den Museen der Wissenschaft. Nur einige, wenige Hinweise!
Im Lexikon der deutschen Sprache der Brüder Grimm finden sich die
Stichworte "verbindlich" [Sp. 121-122] und "Verbindung" [Sp.
123-125]. Das LThK [Lexikon für Theologie und Kirche, 19642,
9. Band, Sp. 1118-1121] bietet das Stichwort "Studentenvereinigungen".
Das RGG [Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 19623,
6. Band, Sp. 426-430] nennt als Stichwort "Studentenverbände". Und
die Brockhaus Enzyklopädie [199419, 23. Band, S. 129]
verweist unter Verbindung, 6] Studentenwesen auf studentische Verbindungen.
Nähern wir uns also den einzelnen Begriffen. Ganz behutsam, auch neugierig,
vielleicht mit einigem Vorverständnis, offen Altes in neuem Gewande zu
entdecken.
Verbindlich:
In Redewendungen finden wir noch heute den Begriff
"verbindlich". Er war "in der Form verbindlich, in der Sache
hart", sagen wir. Und was meinen wir dann? Meistens haben wir dann nichts
erreicht in Verhandlungen. Der Partner hatte gute Umgangsformen, war vielleicht
sogar als Mensch sympathisch, aber bei den Inhalten war es schwer, eine
Übereinstimmung zu erzielen.
Wir haben eine "verbindliche Absprache" mit jemandem getroffen.
"Verbindlich" meint dann einen gegenseitigen Verpflichtungsgrad, der
juridisch sogar einklagbar ist.
Jemand nennt einen Menschen einen "verbindlichen Typen", einen
Menschen, einen Partner, eine Partnerin, auf die ich mich verlassen kann.
"Verbindlich" ist als Adjektiv oder Adverb erst seit dem Ende des
16. Jahrhunderts in der deutschen Sprache nachgewiesen. "Verbindlich"
ersetzte die lateinischen Begriffe "obligatorius" und
"consociabilis".
Unverbindlich:
Da die deutsche Sprache mit der Vorsilbe "un"
eine Negation ausdrückt, ergibt sich der Sinn von "unverbindlich"
gleichsam von alleine. Ein "unverbindliches Angebot" ist dann
freibleibend für beide Seiten. Und ein "unverbindlicher Besuch"
stellt meistens nur eine Belästigung dar, weil durch die Aussage klar gemacht
wird, dass der Besucher keine Verbindlichkeit will. Oft aber will er mir bei
einem "unverbindlichen Besuch" dann etwas "verbindlich"
andrehen.
Welt:
Die eine Welt, in der wir leben, haben wir inzwischen
geviertelt. Wir sprechen von der Ersten Welt, um uns abzugrenzen gegen andere
Länder. Die Zweite Welt waren die Staaten des Sozialismus, denen die
öffentliche Meinung inzwischen die "Qualitäten" der Dritten Welt
zuspricht. Und wenn ich sozial sehr sensibel bin, kenne ich auch die Vierte
Welt, die Armut im eigenen Land. Nicht zu vergessen aber auch "meine"
Welt, jenes gedankliche Konstrukt, das ich als Korsett brauche, weil die Eine
Welt so groß und voller Probleme ist, dass ich meine überschaubare Welt
brauche, um nicht zu verzweifeln. Die elektronischen Medien führen uns in
"virtuelle Welten", wo zwischen Sein und Schein nicht mehr zu
unterscheiden ist.
Verbindung:
Was "Verbindung" bedeutet, sollte ich meinen,
ist bekannt. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass "Verbindung"
sprachlich umfassender ist und nicht so eindeutig, wie dies
Korporationsstudenten unbedacht meinen.
Der neue Brockhaus nennt sechs unterschiedliche Bedeutungen von
"Verbindung", während die Gebrüder Grimm noch mit fünf
Bedeutungsgruppen des Wortes "Verbindung" auskamen. Sie zitieren
Christoph Martin Wieland [1733-1813] aus Biberach/Riss: Ich will sprechen "von
jener zeit, wo dem rector der universität ... feierlich gelobt werden muszte
'in keine verbindung zu treten' und gerade doch der lebenslauf eines richtigen
studenten damit anfing, dasz er schon an demselben Abend in eine verbindung
trat".
Ob die Gründer unserer katholischen Verbindungen in Nürnberg auch eine
Archäologie des Wortes "Verbindung" betrieben haben, ehe sie sich ans
Werk der "Verbindung" machten, muss ich als Nicht-Historiker offen
lassen. Ich denke eher, dass sie Gemeinschaft suchten, die trägt und gültig
ist, wie dies junge Menschen auch 1998 noch tun in und außerhalb von
Verbindungen, ganz ohne verbindliche Verbindungen einzugehen.
Gehen wir statt dessen eine Station weiter. Lassen wir die musealen,
lexikalen Aspekte des Themas im Hintergrund, um auszuschreiten und anzukommen,
nein, besser zu verweilen, einen Augenblick lang, im Jetzt, das es nur
gibt als jenen Moment zwischen dem Gestern und Morgen.
Ver-bind-ung. Ver-bind-lich. Un-ver-bind-lich. Verbindlich in einer
unverbindlichen Welt.
Da sitzen im Sommersemester dann Korporierte bei
Stiftungsfesten beisammen und sinnen über ihre Prinzipien nach, "religio"
ist einer dieser Grundsätze.
Der als Festredner engagierte Bundesbruder sucht nach den Worten, den
Stich-Worten, die stechen, und den Reiz-Worten, die reizen, nach verbindlichen
Worten, die nicht unverbindliche Wörter sein sollen, sondern das Verbindliche
aus der Welt des Unverbindlichen ans Licht, besser ans Ohr, ja eigentlich ins
Herz der Anwesenden zu bringen, den Mitgliedern seiner Verbindung. So wie ich es
als Hochschulseelsorger und CV-er heute Abend versuche.
Wie verbindlich ist Gottesdienst, wenn das Thema der Predigt von einer
"unverbindlichen Welt" redet, deren Teil wir Studierende, Lehrende und
Akademiker noch immer auch sind.
Ein Stichwort,
das mich reizt, ist die "Postmoderne", in der
zu leben uns viele zeitgenössische Denker verschreiben. Die Moderne ist vorbei,
insinuiert der Begriff der Postmoderne. Wenn aber die Orgel unseren Gottesdienst
musikalisch umrahmt, so haben uns genau in jene Zeit zurückversetzt, die als
überholt, hinter uns gelassen, uns denkerisch empfohlen wird. Und wir "goutieren"
die Orgelmusik als "postmoderne" Menschen in der
"postindustriellen" Gesellschaft, als Garnierung eines Gottesdienstes.
Oder suchen wir nicht in an alten Melodien und Texten einen Sinn der trägt und
verbindlich ist, weil die Geschichte weiter geht: mit uns oder ohne uns!
Ich spreche lieber von einer "unverbindlichen Welt",
weil unsere
Gesellschaft keinen senso comune mehr hat, keine gemeinsame, verbindende und
verbindliche Grundlage, kein Koordinatensystem, das eindeutige Orientierung
bietet. Das sage ich ohne Larmoyanz, senza lamento, ohne moralisches Jammern
oder gar moralisierende Verurteilung. Unsere "unverbindliche Welt"
bietet eine Fülle an Wertorientierungen, an Sinndeutungen an. Unsere Welt
ist "unverbindlich", weil sie mich und Dich nicht verbindlich auf eine
Weltsicht, eine Weltanschauung, eine Ideologie festlegt.
Damit sichert unsere unverbindliche Welt meine und Deine Freiheit.
Sie
lässt mir Raum, mein Leben nach Kriterien zu gestalten, die mir nicht von
außen gesetzt werden. Ich muss mich positiv für sie entscheiden. Es gibt keine
geschlossenen Milieus mehr, die mich tragen, die mir Orientierung bieten und
zugleich durch soziale Kontrolle, mich in ihren Rahmen zwingen. Auch keine
katholischen Milieus, weder in der khg noch in den Verbindungen.
Freiheit aber verunsichert.
Freiheit macht Angst, besser kann Angst
machen. Ich muss mich binden, muss einen für mich verbindlichen Lebensentwurf
finden, muss Verbindungen eingehen, von denen ich nicht weiß, ob sie tragen, ob
sie halten, was sie vorgeben. Das Scheitern meines Lebensentwurfes wird nicht
mehr von einem sozialen Geflecht an verbindlichen Beziehungen aufgefangen. Das
erlebt jeder von Euch im Freundeskreis, in der Ehe, in der Politik, ja selbst in
der Kirche. Freiheit schließt die Möglichkeit des Scheiterns in sich. Und
Scheitern erfordert neue Orientierung, stellt eine Anfrage an meinen bisherigen
Lebensentwurf dar, sind Chance und Aufgabe zugleich.
Weil Scheitern meist nur als persönliches Versagen gewertet wird,
schielen viele Menschen, auch Christen, nach fundamentalistischen Ideen und
Gruppen.
Sie vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, um den
Preis der Freiheit und der Toleranz. Die Erfahrung von nicht eingestandenem
Scheitern verstärkt die Suche nach einem geistigen oder geistlichen Korsett, dass
stützt und in Form hält. Das kann dann jene kleine eigene Welt sein, von der
ich eingangs sprach. Alles hat darin seine Ordnung und seinen Platz, und es gibt
soziale Sanktionen, wenn ich in recht verstandener und verantworteter Freiheit
Menschen, Ereignissen und Ideen einen neuen, einen anderen Platz in meinem Leben
zuweisen will.
Verbindlich aber wird mein Leben nur dann, wenn ich mich zu einem
Lebensentwurf entschieden habe und mich auf den Weg mache, diesen zu
verwirklichen, ihm Gestalt zu geben, ihn inkarnatorisch in die
"unverbindliche Welt" zu tragen.
Das aber schaffe ich selten alleine.
Ich brauche Gesinnungsgenossen.
Nur in einer sozialen Vernetzung kann ich wirkungsvoll einen gültigen, einen
verbindlichen Lebensentwurf in einer pluralen und pluralistischen Gesellschaft
leben. Dabei werde ich auf Menschen treffen, die gleiche oder ähnliche Ziele
verfolgen, obwohl sie einer anderen Grundorientierung folgen, sich verbindlich
für ein anderes Werte- und Deutemodell der Gesellschaft entschieden haben.
Diese soziale Vernetzung ist keine Erfindung der Gegenwart,
wenn auch
der Begriff heute in Mode ist. Der Sache nach ist es auch das Anliegen der
Verbindungen. Diese verstehen sich, so das LThK als "Lebensbünde, in
denen sich Studenten ... zur Verwirklichung eines bestimmten akadem. Erziehungs-
u. Bildungsideals sowie sozialer, rel., polit. u.ä. Aufgaben
zusammengeschlossen haben u. die sich in 'Altherrenverbänden' ...
fortsetzen" [Sp. 1118].
Zugegeben, die Kirche scheint in einer tiefen Krisis und deshalb wenig
geeignet aus dem Glauben Orientierung zu geben.
Ihre gesellschaftliche
Stellung ist in Frage gestellt. Menschen, die wie ich ein Amt in der Kirche
haben, geben oft Anlas zum Ärgernis. Damit ist aber "religio" als
Prinzip und als Lebensgrundlage nicht bedeutungslos geworden. Die Freiheit des
Einzelnen, sich in unserer "unverbindlichen Welt" nach eigenem
Gutdünken Lebensentwürfe zu schaffen, ist eine Herausforderung an die Kirche,
die immer auch Gemeinschaft von Sündern ist. Nur wenn jeder von uns, sich als
verbindliches Glied dieser Kirche verbindlich engagiert, ist Glaube, ist
"religio" mehr als ein Prinzip, das ich als Banner vor mir hertrage.
"Religio" ist kein Etikett, sondern sollte Lebensgrundlage sein. Was
meine ich damit?
Damit komme ich zur dritten und letzten Station unseres geistig-geistlichen
Spazierganges "Verbindlich in einer unverbindlichen Welt.
Der Glaube an Jesus Christus kann auf Dauer als Grund-Lage unseres
Lebens nur tragen, wenn er Gestalt annimmt, wenn er verwirklicht wird in unserem
Handeln. Obwohl sich jeder einzelne im Alltag in unterschiedlichen Rollen und
Funktionen erfährt, lebt er ein einziges Leben. Unser Glaube, der christliche
Glaube, bietet uns die Möglichkeit, uns als ganze Menschen zu erfahren und
scheinbar disparate Lebens- und Arbeitsbereiche miteinander zu versöhnen.
Unser Glaube lehrt uns als Wahrheit:
Gott ist sich nicht zu schade
gewesen, in Jesus Christus Mensch zu werden und alle menschlichen Begrenztheiten
mit uns zu teilen und uns durch den Tod seines Sohnes mit sich zu versöhnen. Im
Heiligen Geist hat er uns einen Beistand gesandt, der uns in dieser
nachösterlichen Zeit begleitet.
Diese theologische Wahrheit gilt es in
unserem Leben auszubuchstabieren.
Hier muss jeder von uns sich als "verbindlicher Typ" bewähren.
Ich kann als Anregung nur einige Fragen stellen, als Anstoß zum eigenen
Suchen, weil jeder das für ihn Verbindliche in einer unverbindlichen Welt
selbst zu bestimmen hat.
Selbstvergewisserung sollte uns alle, die khg und die
Verbindungen dazu führen, uns für die nächsten Jahre und Jahrzehnte als
katholische Studenten neu wahrzunehmen und inhaltlich zu bereichern: verbindlich
zu werden in einer unverbindlichen Welt.
Ein zweiter Schritt ist die Selbstbesinnung jedes Einzelnen auf seine
eigene Verbindlichkeit:
nicht nur in den äußeren Formen, sondern den
Inhalten, auch des Glaubens. Jeder von uns hat Erfahrungen mit unserer Kirche
gemacht, in der Studentengemeinde, in Pfarreien, in der Diözese, im Orden, mit
konkreten Amtsträgern in der Kirche und mit kirchlichen Einrichtungen. Nur ein
geklärtes, vielleicht unter Schmerzen geläutertes Verhältnis des Einzelnen
zur Kirche, auch in ihrer sozialen Gestalt, kann uns zu einer Standortbestimmung
helfen in unserer unverbindlichen Welt.
Ein dritter Schritt ist in Gemeinschaft gelebter Glaube.
Formeln und
Formen tragen den Einzelnen, die khg und die Verbindung nur noch, wenn diese von
innen her gefüllt, lebendig sind. Unsere Gesellschaft bietet eine
unüberschaubare Menge von Sinnangeboten: unverbindlich. Formalismus und
Traditionalismus verlieren da an Anziehung, wenn sie als hohl, als unverbindlich
erfahren werden. Vielen von uns fällt es nicht leicht, den Glauben in
Gemeinschaft zu leben. Zulange haben wir uns einer privaten Frömmigkeit
hingegeben, weil der Glaube öffentlich nicht in Frage gestellt war. Wir müssen
miteinander lernen, unseren Glauben öffentlich zu leben. Wie könnte das für
uns aussehen?
Da kann für die Aktiven das Verhältnis zwischen
Studentengemeinde und Studentenverbindung anregend werden. Viele Studenten in
Hochschulgemeinden bekennen ihren Glauben in Wort und Tat. Der Glaube gewinnt
hier wieder öffentliche Bedeutung, nicht nur in der Eucharistiefeier. Es ist,
auch für mich, nicht immer einfach auszuhalten, wenn andere Menschen scheinbar
naiv über ihr Gottesverhältnis, über ihre Erfahrungen aus dem Glauben
sprechen, mit großem Ernst und zugleich mit befreiender Heiterkeit. Und doch
brauchen wir zum Wachstum unseres Glaubens dieses verbindliche Gespräch.
Aber auch unter Akademikern kenne ich viele, die einen überzeugenden
persönlichen Glauben haben und diesen auch in gesellschaftlichem Engagement zum
Ausdruck bringen. Vielleicht müssten wir neu lernen, unseren Glauben
miteinander und untereinander ins Gespräch zu bringen. Großen Mutes bedarf es
ohne Zweifel, einen ersten Schritt zu machen.
Es könnte so spannend, anregend in den kommenden Jahren in unseren
Verbindungen und in der khg werden, wenn wir als verbindlich in einer
unverbindlichen Welt erkennbar Farbe bekennen.
Religiös gesprochen, wenn wir Jesus, den Auferstandenen in unserem
Leben verkünden, wie Paulus und Barnabas in der Apostelgeschichte von heute. Amen.
