Verstehen in der Sprachlosigkeit
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P. Benno Kuppler SJ - ein Porträt

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Verstehen in der Sprachlosigkeit
Nürnberger Hochschulgottesdienst  am 13. Mai 1997

Lesung: Apostelgeschichte 2, 1-13

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Auf dem Weg von der khg in der Königstraße zur ESG am Hans-Sachs-Platz begegne ich immer wieder Menschen, die miteinander in einer Sprache reden, die ich nicht verstehe. Manchmal kann ich am Klang der Sprache erahnen, dass es sich um eine slawische Sprache handelt. Manche Gesichter von Menschen zeigen mir, dass ihre Sprache wohl aus dem Fernen Osten kommt. Gelegentlich verstehe ich beim Vorübergehen auch einen Wortfetzen, weil die Menschen eine Sprache sprechen, die ich als Fremdsprache einmal gelernt habe. Mal stehen andere Menschen irgendwo am Rand und verkündigen ihre "Botschaften" und "Klagen" in deutscher Sprache, die ich dennoch nicht verstehe. Was mich mit all diesen Menschen verbindet ist meist nur dies: jeder ist unterwegs auf seinem eigenen Weg.

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Das ist eine Erfahrung von Sprachenvielfalt.

Eine ganz andere Erfahrung von Sprachenvielfalt habe ich z.B. in Taizé gemacht. Auch hier bin ich vielen Menschen, vor allem jungen Menschen, begegnet, deren Muttersprachen mir fremd waren. Aber da gab es dann das Erlebnis, dass wir im gemeinsamen Singen während der Gottesdienste eine gemeinsame Sprache gefunden haben, die uns verbindet und Beziehung schafft. Zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und zahllosen Ländern wuchs ein Verstehen, das die Sprachlosigkeit der vielen Sprachen überwand. Das gemeinsame Suchen nach Leben wurde zur Grundlage für Beziehungen, die Sprachbarrieren zwischen Menschen überwindet, die andere und mich verbindet im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus. Das stiftet Gemeinschaft und Verstehen jenseits aller Sprachenvielfalt.

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Das ist eine positive Erfahrung von Sprachenvielfalt.

Und wenn ich in den Nachrichten Politiker zu den drängenden Fragen der Menschen und unserer Gesellschaft reden höre, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass Oppositionspolitiker und Mitglieder der Regierungsparteien sich zwar der deutschen Sprache bedienen, aber ein gegenseitiges Verstehen oder Verstehen wollen sich zwischen diesen nicht [mehr] ereignet. Jeder redet für sich und über etwas, das selten Gemeinschaft und Verstehen stiftet.

Auch für unsere privaten Beziehungen gilt das. Worte werden gewechselt zwischen Menschen, die sich nahe stehen oder miteinander arbeiten, aber gegenseitiges Verstehen entwickelt sich nicht.

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Das sind negative Erfahrungen von Sprachenvielfalt.

Und alle, die Politiker der Parteien, Menschen an ihren Arbeitsplätzen, wir in den christlichen Kirchen, Frauen und Männer in ihren privaten Beziehungen, alle wollen etwas erreichen: dass es mir selbst gut geht, dass sich privater Wohlstand mehrt. Denn wir sind ja doch verantwortlich für unser eigenes Glück. Wir müssen alles aus unserer eigenen Kraft schaffen. Wir sind so fähig, dass wir die Welt nach unseren Ideen und Plänen neu gestalten wollen. Und deshalb werden Worte gemacht, viele Worte: von Politikern und Journalisten, von Industriellen und Gewerkschaftern, von Kirchenfürsten und Pfarrern, aber auch von uns und bei uns.

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Aber verstehen wir diese Worte, stiften sie Gemeinschaft und Verstehen?

Das war auch die Lebenssituation der Menschen im Alten Testament, wie uns die Geschichte des Turmbaus zu Babel im Buch Genesis [11,1-9] erzählt. [Eine etihische Trilogie LHI-Booklet] Die Menschen damals wollten hoch hinaus und wir heute wollen auch hoch hinaus, vor allem höher als andere. Und dann werden wir sprachlos, verwirrt sich unsere Sprache und wir bleiben unfähig zum Verstehen zurück. 

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Der Turmbau zu Babel wird zum Symbol unseres Unverständnisses!

Da setzt die Geschichte aus der Apostelgeschichte [2,1-13] ein. Der Text ist vielen von uns vertraut vom Pfingstfest, dem Fest der Aussendung des Geistes Gottes, dem Fest der Be-Geisterung der Jünger Jesu. Es ist ein Text, der uns ermutigen will und kann, die Sprachlosigkeit zwischen Menschen zu überwinden, das Verstehen untereinander als Möglichkeit zu eröffnen.

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Schauen wir uns den Text aus der Apostelgeschichte noch einmal näher an.

Die junge Gemeinde der Jünger Jesu waren an einem Ort versammelt. Sie hatten einen gemeinsamen Ort, einen Raum, nicht nur im physischen Sinn, auch im geistlichen Sinne. Das Brausen, das diesen Raum erfüllt, ist seit altersher als Zeichen des sich nähernden Gottes verstanden worden. Gottes Geist erfüllt die anwesenden Menschen, Frauen und Männer. Und als äußeres Zeichen erscheinen Zungen von Feuer, die Symbol für die innere Reinigung der Menschen von ihrer Selbstbezogenheit sind. Die Jünger Jesu sind Be-Geisterte. Die Begabung des Geistes ist aber nicht nur ein persönliches Geschenk an den einzelnen. Es zeigt Wirkungen nach außen, der Geist wirkt durch be-geisterte Frau und Männer in die Umwelt hinein.

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Sie beginnen in fremden Sprache zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

Das jüdische Pfingstfest versammelte in Jerusalem immer gläubige Juden aus allen Teilen der Welt. Jerusalem war zugleich ein bedeutender Handelsplatz im Nahen Osten, zu dem Händler aus vielen Ländern kamen. Die jüdischen Festtage boten Gelegenheit zu guten Geschäften, so wie der Christkindls-Markt in Nürnberg oder die Kirchweihfeste in anderen Städten und Orten.

Der Sturm, das Brausen, das Getöse - diese Naturkräfte machten den Menschen Angst, und zugleich wurden sie neugierig, was sich denn da ereignete. Und so eilen sie zu dem Haus, um das sich dieses Brausen bewegte. Bestürzung macht sich unter den Menschen breit:

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denn jeder hört sie in seiner Sprache reden!

Die Erfahrung, einen Fremden zu verstehen, sich von ihm verstanden zu fühlen, führt zu unterschiedlichen Reaktionen: Staunen und Ratlosigkeit, aber auch zu Spott. Sie sind vom süßen Wein betrunken! Was hat das zu bedeuten?

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Sie verkünden Gottes große Taten!

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Können wir uns in dieser Pfingstgeschichte wiederfinden und erkennen?

Mir will scheinen, dass wir ähnliche Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen machen und machen können. Die erste Ebene ist die der persönlichen Beziehungen, die zweite Ebene ist die des Lebens an der Hochschule, eine dritte Ebene ist die von Kirche an der Hochschule, in ESG und khg. Andere Ebenen sind jene des Berufslebens und die des Gesellschaftlich-Politischen.

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Die erste Ebene der persönlichen Beziehungen.

Da ist jede und jeder eingeladen, selbst ein wenig zu meditieren und nachzudenken. Welcher Mensch steht mir nahe? Wie schauen meine Beziehungen zu ihm/ihr/ihnen aus? Ist die Beziehung partnerschaftlich und gleichberechtigt? Wo gibt es Abhängigkeiten, seelische, geistige, materielle? Wie schauen unsere Sprachspiele aus? Warum mangelt es am Verstehen trotz gemeinsamer Sprache? Gibt es positive Erfahrungen von Sprachenvielfalt, stiften sie Gemeinschaft und Verstehen?

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Die zweite Ebene des Lebens an der Hochschule.

Die Sprachen in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen haben sich hochgradig spezialisiert. Es gibt kaum Übersetzungshilfen. Die Lehrenden kennen "ihre" Fachsprache, oft auch nur diese. Die Studierenden müssen diese als verschiedene "Fremdsprache" lernen, um die Lehrenden zu verstehen. Wo gibt es Verständigungshilfen, oder ist Lehre und Lernen eine Einbahnstraße? Wo ist ein Raum, in dem sich Lehrende und Studierende begegnen können, um über gegenseitige "Sprachlosigkeiten" miteinander ins Gespräch zu kommen? Wo können Lebenserfahrung ins Wort gefasst werden, die als authentische Erfahrungen des einzelnen noch gültig bleiben? Gibt es positive Erfahrungen von Sprachenvielfalt, stiften sie Gemeinschaft und Verstehen?

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Eine dritte Ebene ist die Kirche an der Hochschule, sind wir in der ESG und khg.

Auch wir sprechen verschiedene Sprachen, kommen aus unterschiedlichen Kulturen, leben jeder für sich in einzigartigen Wirklichkeiten. Haben wir einen Ort, an dem wir uns als Jünger Jesu versammeln? Sind wir als Kirche an der Hochschule ein Raum, nicht nur im physischen Sinn, auch im geistlichen Sinne, damit das Brausen des Geistes diesen Raum erfüllen kann, Gottes Geist uns als einzelne und als Gemeinschaft be-geistern kann? Warum ist es so schwer, die ganz andere Erfahrung von Sprachenvielfalt, wie z.B. in Taizé oder auf Kirchentagen, auch bei uns zu machen? Sind wir gemeinsam auf der Suchen nach Leben als Grundlage für Beziehungen, die Sprachbarrieren zwischen uns überwinden, die andere und mich verbindet im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus? Gibt es bei uns positive Erfahrungen von Sprachenvielfalt, stiften sie Gemeinschaft und Verstehen?

Die Erfahrung, einen Fremden zu verstehen, sich von ihm verstanden zu fühlen, führt auch unter uns zu unterschiedlichen Reaktionen: Staunen und Ratlosigkeit, aber auch zu Spott. Sie sind vom süßen Wein betrunken! Was hat das zu bedeuten? Sie verkünden Gottes große Taten!

Die vielen Fragen, die ich gestellt habe, sollen uns nicht den Blick verstellen, ihn vielmehr schärfen.

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Das Sprachwunder von Pfingsten, das Sprachlosigkeit im Verstehen aufgehen lässt, hängt mit der Botschaft unserer Sprache zusammen: Sie verkünden Gottes große Taten!  

Gibt es positive Erfahrungen von Sprachenvielfalt, stiften sie Gemeinschaft und Verstehen?

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Pfingsten ist die Einladung an jede und jeden, mit dem eigenen Wort heilend zu wirken.  

Pfingsten ist die Einladung, das eigene Wort verantwortlich zu gebrauchen. Pfingsten ist die Einladung, das eigene Wort durch unser Tun Fleisch werden zu lassen.

Johannes bezeichnet in seinem Evangelium Jesus als das Wort Gottes. "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" [Johannes 1,14] und "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf" [Johannes 1, 11]. Das ist das die eigentliche Herausforderung, mit der uns der christliche Glauben konfrontiert! Jeder von uns hört jeden Tag so viele Worte, dass er kaum noch unterscheiden kann, ob es Wörter oder Worte sind. 

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Wo spricht mich ein Wort so an, dass es mir Orientierung für mein tägliches Leben gibt?

Deshalb ist Pfingsten die Einladung, neu und mit Aufmerksamkeit mit Hilfe seines Geistes, auf "Das Wort", auf den Sohn Gottes zu hören, der Mensch geworden ist, damit wir selbst auch Mensch werden können. Der Glaube kommt vom Hören. Das war der große Dienst Jesu an der Menschheit und für die Menschheit: er hatte ein offenes Ohr für die Menschen um sich. Und dann sprach er das Wort, das befreit und heilt. Und das verkündeten seine Jünger in einer Sprache, die über alle Sprachgrenzen hinweg, jeder in seiner Sprache verstanden hat: Sie verkünden Gottes große Taten!

Mein Wunsch für uns, als Kirche an der Hochschule, als Raum des Geistes ist: verkünden wir Gottes große Taten! In unseren ganz persönlichen Beziehungen. In unserer Hochschule. In ESG und khg. Im eigenen Leben.

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Dann können wir positive Erfahrungen von Sprachenvielfalt machen und wir stiften in vielfältigen Sprachen Gemeinschaft und Verstehen!

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