
Warum
schreist du nach mir?
Predigt zur
Osternacht 1994
Lesung: Buch Exodus 14,15 - 15,1

Liebe Christen,
ist es uns nicht auch nach
Schreien zu Mute, wie dem Mose, der zu Gott geschrieen hat angesichts des
Elends, der Knechtschaft der Israeliten in Ägypten? Haben wir nicht auch Grund
genug, nach unserem Gott zu schreien und zu hoffen, dass er "mit starker
Hand und ausgestrecktem Arm" uns herausführt aus unseren Gefängnissen?
Der Krisenherd im ehemaligen Jugoslawien, die Flüchtlingsströme, die Sinnleere
bei wachsendem Wohlstand, die Flucht in Drogen, die Sprach- und
Beziehungslosigkeit in unseren Familien und Gemeinschaften.
Aber, ist das unser Gott, zu dem
Mose schreit, ein Gott, der ein Volk vernichtet, um "sein" Volk zu
retten? Was hat dieser Text mit dieser Osternacht gemeinsam, in der wir im
Exsultet singen: "Frohlocket, ihre Chöre der Engel, frohlocket, ihr
himmlischen Scharen, lasset die Posaunen erschallen, preiset den Sieger, den
erhabenen König."
Ist da dieser Abschnitt aus dem
Buch Exodus nicht eine Zumutung, ein Skandal? Solch eine Geschichte voller
wundersamer und grausamer Ereignisse?
"Warum schreist du zu
mir?", fragt Jahwe den Mose. Dieser Gott muss nahe sein, in Hörweite, wenn
Mose zu ihm schreit. Mit diesem Gott müssen Mose und das Volk schon früher
eine Geschichte, eine gemeinsame Erfahrung gehabt haben, sonst würde sich Mose
nicht in der Zeit großer Bedrängnis an ihn wenden.
Gott gibt sich zu erkennen, er
antwortet auf das Schreien des Moses, und Gott wird handeln. Mose und das Volk
müssen sich auf den Weg machen, aufbrechen. Und sie haben die Zusage Gottes, dass
es ein sicheres Ende geben wird.
Als das Volk unterwegs ist,
handelt dieser Gott, direkt und durch Zeichen: Das Buch Exodus erzählt dies uns
in verschiedenen Weisen. Der Engel Jahwe wechselt während der Nacht seinen
Platz. Gleich einem Hirten stellt er sich schützend zwischen "sein
Volk" und die Ägypter. In einem anderen Bild ausgedrückt: eine
Wolkensäule trennt "sein Volk" und dessen Verfolger.
Gott gibt Mose die Macht, das
Wasser des Meeres zu teilen. Ein anderes Bild dafür: Der Ostwind trieb das
Wasser zurück, ein Weg für den Durchzug tut sich auf.
Gott selbst ist es, der den
Pharao ermutigt, den Israeliten zu folgen.
Im Morgengrauen dann erschrecken
die Ägypter über den Gott in der Wolkensäule, die wie ein Feuer leuchtet in
der aufgehenden Sonne. Oder das andere Bild: Die Räder der Wagen der Ägypter
hemmen. Jeweils ein Zeichen: Gott ist mit "seinem Volk".
Und dann das grausame Ende: Mose
streckt ein zweites Mal seine Hand aus, und die Wasser strömen zurück und
bedecken die Ägypter. Und in einem anderen Bild schüttelt Gott - gleichsam wie
Heuschrecken - die Ägypter mitten ins Meer. Jahwe hat einen heiligen und
gerechten Krieg geführt. Die Ägypter sind vernichtet.
Doch was ist mit den Israeliten,
mit "seinem Volk"? Dieses Volk, das durch Mose zu seinem Volk schreit,
ist stummer Zeuge des Handelns Gottes: sie sahen die Ägypter tot am Ufer des
Meeres liegen. Nicht ihre Stärke, ihr Einsatz rettete das Volk Israel, sein
Heil ist Geschenk Gottes.
Und jetzt erkennt das Volk Jahwe
als seinen Herrn. "Sein Volk", das er "mit starker Hand uns
ausgestrecktem Arm" herausgeführt hat aus Ägypten, erkennt nach dem
Durchzug durchs Schilfmeer, dass dieser Gott sein Gott ist und Mose der Knecht
seines Gottes. "Und das Volk glaubte Jahwe und Mose, seinem Knecht."
Aber dieser Glaube ist nichts
Innerliches, nichts Romantisches, sondern er drängt dazu, sich mitzuteilen, zu
danken. Der Anfang der Geschichte Israels ist die Tat Gottes. "Damals sang
Mose mit den Israeliten dieses Lied." Aus der vergangenen Heilsgeschichte
Gottes mit seinem Volk weiß dieses um das göttliche Heilswirken in der
Gegenwart und lebt auf eine Heilszukunft mit seinem Gott hin. Israels Glauben
lebt aus dem Wissen: Jahwe hat uns in seine Freiheit geführt.
Und woraus leben wir? Ist nicht
der Gott, der Jesus von Nazareth herausgeführt hat aus dem Reich des Todes,
unser Gott, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Moses?
Gehört nicht deshalb auch diese
Geschichte, die Teil der Heilsgeschichte mit seinem Volk im Alten Bund ist, in
jene Gedächtnisfeier des Neuen Bundes, in der wir der Auferstehung Jesu Christi
gedenken? Sind wir doch erst durch seinen Tod und seine Auferstehung in die
Freiheit der Kinder Gottes geführt worden, wir, "sein auserwähltes
Volk" heute.
Zugegeben: das Bild des
vernichtenden Gottes, der seinem Volk Heil schafft und ein anderes vernichtet,
ist nicht das Bild das wir von Gott haben. Ist aber nicht jedes Bild von Gott
nur ein Zerrbild? "Du sollst dir von Gott kein Bild machen!" Allzu
leicht halten wir sonst das Bild Gottes für Gott. Denn die Schilderung der
Vernichtung der Ägypter will in erster Linie aufzeigen, wie wunderbar die
Befreiung ist, durch die Gott sich als Gott des Volkes Israels zu erkennen gibt.
Und dann hat diese Perikope auch
in unserer Osternacht ihren richtigen Platz: Der Gott, der mit seinem Volk ist,
ist auch der Gott, der Jesus von Nazareth auferweckt hat. In der Auferstehung
Jesu erkennen wir das Heilswirken Gottes für uns. Dies ist der Anfang unserer
Geschichte mit Gott. Der Gott Jesu Christi will auch heute mit den Menschen
sein, weil seine Geschichte mit den Menschen nicht zu Ende ist Deshalb singt das
neue Volk Gottes gleich dem Volk Israel dem Herrn ein Lob- und Danklied. Darin
wird das Heilswirken Gottes besungen von den Zeiten des Adam über die
Herausführung aus Ägypten bis hin zu dem "wahren Lamm, das geschlachtet
ward": Jesus Christus, der heute von den Toten erstanden ist. "O
wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen
verbindet."
Wir dürfen zu diesem, unserem
Gott schreien, wenn wir bereit sind aufzubrechen, unterwegs zu sein. Auch die
zweifelnden Jünger trafen den Herrn auf dem Weg nach Emmaus. Und am Grab wurde
den anderen gesagt: geht nach Galiläa, dort werdet ihr ihn treffen.
Heute soll der
Jubel unser Leben bestimmen:
Christus ist
erstanden. Halleluja.
Amen.
