Wer leben will wie Gott auf dieser Erde
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Dr. Benno Kuppler

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"Wer leben will wie Gott auf dieser Erde"
Fastenpredigten 2002 in St. Cäcilia, Germering-Harthaus 02. März 2002

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Predigtskizze

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

da schmeichelt sich eine e-Moll-Melodie in mein Ohr, musikalisch nicht sehr anspruchsvoll, dafür aber sehr wirkungsvoll. Durch die Wiederholungen wird die Melodie zum Ohrwurm, durch ihre Einfachheit lässt sie den Text zum Klingen kommen. - Orgel spielt noch einmal die Melodie -

"Wer leben will wie Gott auf dieser Erde".

Da höre ich zunächst den Anklang an das Sprichwort "leben wie Gott in Frankreich" und das meint, ich lasse es mir gut gehen, das Essen ist Spitze, mir fehlt es an nichts.

Doch Huub Oosterhuis ist mit dem Anliegen seines Liedes nicht so platt, wie es meine erste Assoziation nahe legt. Er greift die Wiederholungen der Melodie auf, um die Sänger in jeder Strophe auch zwei Zeilen wiederholen zu lassen. So prägt sich der Text ein, er wird nachdrücklich in mein Gehirn und Herz gesprochen.

Der theologische Hintergrund des Liedes "Wer leben will wie Gott auf dieser Erde" findet sich im Johannes-Evangelium [12, 20-36]. Jesus spricht zum letzten Mal in der Öffentlichkeit und zugleich spricht er nicht mehr nur zu den Juden, sondern es sind auch Griechen da. Griechen, das sind Menschen, die sich als Pilger auf der Suche nach Wahrheit auf den Weg zum Pascha nach Jerusalem machen. Sie begegnen unterwegs Jesus und seinen Jüngern. In diesem Zusammenhang fällt das Wort Jesu "Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht." [Joh 12, 24] Und Jesus kündigt damit erneut seinen Tod, seine Verherrlichung an. "Deinen Tod, o Herr verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit." Das ist die geistliche Folie des Liedes "Wer leben will wie Gott auf dieser Erde".

In sieben Bildern werde ich zunächst über das Weizenkorn zu Ihnen sprechen. Jesus selbst benutzt das Weizenkorn als Bild für sein Leben, seine Botschaft, seinen Auftrag in der Welt. Ich muss für mich und für Sie also übersetzen, was das "Weizenkorn und Frucht bringen" in einer Zeit bedeutet , wo junge Menschen sich besser mit "Viren" und deren Vervielfältigung und Frucht im Internet auskennen.

bullet1. Bild "Weizenkorn in der Erde"
Das Weizenkorn muss mit der Erde in Berührung kommen. Dazu habe ich das Erdreich vorbereiten lassen, als ich im Germanicum-Hungaricum, dem deutschsprachigen Priesterseminar in Rom auch für eine große Landwirtschaft verantwortlich war. Nein, mit Hand hat da kaum mehr einer gearbeitet. Riesige Maschinen haben gepflügt und Furchen gezogen. Und der Weizen als Saatgut war extra für diesen Zweck gezüchtet.
Zur Zeit Jesu und Jahrhunderte hindurch aber waren Weizenkörner einerseits Nahrung und andererseits Saatgut. Da musste gut entschieden werden, wie viel Weizen wieder für die neue Saat verwendet werden sollte. Denn nur so kann es seine Kraft entfalten, erneut Frucht zu tragen.
Das Korn musste "geworfen" werden, selbst kann es sich nicht säen.
bullet2. Bild "Weizenkorn mit Wurzeln"
Nachdem das Weizenkorn "geworfen" ist, beginnt es zu Keimen. Wenn das Klima stimmt, die Feuchtigkeit, die Wärme, die Schwere des Bodens, dann bricht aus dem kleinen, unscheinbaren Korn etwas auf, was als Möglichkeit in jedem Korn steckt. Da kann der Bauer, da konnte ich nur abwarten, es gibt nur wenige Möglichkeiten, diesen Prozess des Keimens zu beeinflussen.
bullet3. Bild "Weizenkorn mit kurzem Halm"
Das kleine Korn beginnt zu wachsen. Es hat seine Aufgabe gefunden, kann seine Fähigkeiten leben, beginnt sich zu entfalten, sich "selbstzuverwirklichen". Der Bauer achtet jetzt auf das Unkraut rund um den wachsenden Weizen und jätete es. Von Jesu Gleichnisreden weiß ich, manchmal ist es sinnvoller, auch dem Unkraut Raum zu geben. Sonst besteht die Gefahr, die guten Triebe mitzuvernichten.
bullet4. Bild "Grüner Weizenhalm"
Die Frucht am Halm ist grün. Zahlreich sind ihre Körner. Woher kommt diese Kraft? Die Wurzeln, tief in die Erde gestreckt, von oben die Sonne, das nötige Wasser von unten, bringen diese Kraft. Je höher hinaus der Halm, desto tiefer aber müssen die Wurzeln reichen.
bullet5. Bild "Weizenhalm in der Sonne"
Es dauert lange, bis die Ähre reif ist. Sonne und Regen, Sturm und Unwetter muss sie aushalten. Die Ähre wiegt sich auf dem Halm, der ihr Stütze gibt.
bullet6. Bild "Reife Weizenähre"
Aus dem kleinen Weizenkorn sind viele Körner in einer Ähre geworden. Sein Leben hat reiche Frucht getragen. Es hat sich ausgezahlt, ein Korn zu verschenken.
bullet7. Bild "Weizenkorn als Mehl"
Die reifen Weizenkörner geben wir in die Mühle. Das Weizenmehl nutzen wir für Brot und Teigwaren, für unsere Mahlzeit. "Brot für das Leben der Welt".

Sieben Bilder zum Weizenkorn: sein Lebenszyklus und sein Lebensthema. "Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen." So singe ich in der letzten Strophe. Und in der ersten Strophe singe ich: "Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben um zu leben."

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
will ich denn überhaupt leben wie Gott auf dieser Erde? Überfordere ich mich nicht, wenn ich das Lied mit seinen Konsequenzen ernst nehme, jeden Tag und in jeder Stunde? Wie schaffe ich es, als Weizenkorn zu sterben, um zu leben?

Ist das nicht eine ungeheuerliche Herausforderung an jeden Christen, der diesen "Ohrwurm", das Lied "Wer leben will wie Gott auf dieser Erde", mitsingt?

Deshalb will ich noch einmal die geistliche Folie sichtbar machen. Suchende Menschen, Griechen, wollen Jesus begegnen. Sein Ruf ist so hervorragend, dass sich die Griechen nicht trauen, Jesus direkt anzusprechen. Sie wenden sich an Philippus und dieser wendet sich an Andreas. Und dann folgen die Worte Jesu vom Weizenkorn und er ergänzt: "Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren." [Joh 12,26]

Jesu Tod am Kreuz ist das Versenken des Weizenkornes im Boden. Sein Tod trägt reiche Frucht, zugegeben, nicht auf den ersten Blick. Denn selbst sein Jünger laufen angesichts des Todes davon. Und so, wie sich vieles mit dem keimenden Weizenkorn ereignet, das sich meinem direkten Blick entzieht, so ist es auch mit dem geistlichen Wachstum der Jünger nach dem Tod Jesu.

Wer Jünger Jesu sein will, soll ihm nachfolgen, soll in letzter Konsequenz auch Weizenkorn werden, das fordert Jesus von seinen Jüngern damals und jedem von uns heute. In unserem gesellschaftlichen Umfeld bedeutet das keine Kreuzigung wegen unseres Glaubens, da besteht kaum die Chance, das Martyrium des Todes zu erleiden. Deshalb fehlen uns vielleicht Antennen, um für uns selbst heute zu übersetzen, was das Bild vom Weizenkorn für Sie und mich meint.

Die vierte Strophe scheint mir der Deuteschlüssel zu sein für eine Anwendung auf mich, auf mein Tun und Lassen, mein Leben. "Die Menschen müssen füreinander sterben. Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern."

"Füreinander sterben", "Brot sein", "einander nähren" das sind Schlüsselwörter, die ich ]n meinem Leben entdecken will und leben will.

"Füreinander sterben". Da geht es um meinen Einsatz von Ideen, Zeit, mein Mit-sein in Stunden, die das Leben anderer Menschen in Frage zu stellen scheinen. Ich könnte aber auch Menschen benennen, die "für mich sterben", weil sie mir an Kreuzwegen meines Lebens nahe gewesen sind und, so hoffe ich, nahe sein werden.

"Brot sein". Da geht es um meinen Nährwert für andere Menschen. Da ist es entlastend, dass auch das kleinste Korn zum Brot beiträgt. Ich muss nicht der Größte, der Beste, der Schönste, der Gescheiteste .... sein. Bin ich so authentisch, dass andere etwas zu beißen haben, wenn wir einander begegnen? Bin ich das "Brot", dass einen geistlichen Hungern stillen kann? Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die mir dieses gesagt haben. Sie ermutigen mich, immer wieder mich anzubieten als "Brot".

"Einander nähren". Da klingt für mich das Geglückte im Leben heraus. Da sehe ich Jesus mit anderen Menschen beim Feiern. Da wird miteinander Mahl gehalten, auch um den leiblichen Hunger zu stillen, aber mehr, um miteinander zusammenzusein, Gemeinschaft zu werden und Gemeinschaft zu erfahren.

Bevor das "Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt", bevor Jesus am Kreuz stirbt, feiert er das Abendmahl mit seinen Jüngern. Und als er verherrlicht ist, isst er mit seinen Jüngern, denen auf dem Weg nach Emmaus und denen beim Fischfang am See. Denn alle Jünger waren weggelaufen, als das Weizenkorn in die Erde gefallen ist und starb. Und doch ist dieses Sterben der einzige Weg, wie Jesus zum "Brot für das Leben der Welt" wird.

Wenn wir gemeinsam Mahl halten, Eucharistie feiern, wird Jesus für uns das Brot des Lebens, weil er den Weg bis zum Ende geht. "Und so ist er für dich und mich das Leben selbst geworden." Amen.

Die Gottesdienstbesucher nehmen sich einige Weizenkörner am Ende der Eucharistiefeier mit nach Hause.

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Wer leben will wie Gott [Gotteslob 183]

1.
I: Wer leben will wie Gott auf dieser Erde :I
muss sterben wie ein Weizenkorn
I: muss sterben um zu leben :I

2.
I: Er geht den Weg, den alle Dinge gehen; :I
er trägt das Los, er geht den Weg.
I: er geht ihn bis zum Ende. :I
3.
I: Der Sonne und dem Regen preisgegeben, :I
das kleinste Korn in Sturm und Wind
I: muss sterben, um zu leben. :I
4.
I: Die Menschen müssen füreinander sterben. :I
Das kleinste Korn, es wird zum Brot,
I: und einer nährt den andern :I
5.
I: Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen; :I
und so ist er für dich und mich
I: das Leben selbst geworden. :I
Text: Huub Oosterhuis 1965

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